„Don Camillo und Peppone“, ein Klassiker aus der italienischen Nachkriegs-Ära mit gespaltener Gesellschaft UND viel Humor, gespielt vom Ostarrichi-Theater in Niederösterreich.
In einem fast paradiesisch wirkenden großen Garten mit Hügel und in diesem eine Höhle vor dem kleinen Schloss Haagberg im niederösterreichischen Neuhofen, spielt jedes Jahr die Laienspielgruppe „Ostarrichi-(Jugend-)Theater“. Immer wieder drehen sich die Stücke um Religion und Glauben, beispielsweise „Nathan der Weise“ von Gotthold Ephraim Lessing, „Karol – Das Leben von Papst Johannes Paul II“, „Jedermann“ nach Hugo von Hofmannsthal.
In der besagten Höhle, vor der sich die Bühne vor dem Hügel „entfaltet“ steht eine Statue von Sankt Nepomuk. Im Schloss selbst – zumindest im Erdgeschoß gegenüber dem Klo – steht eine Art glanzvoller kleiner Altar, auf dem Büchertisch liegen „heilige“ Schriften.
In diesem Jahr (2025) wurde die Frömmigkeit mit einem kräftigen Schuss Humor selbstironisch auf die Schaufel genommen. „Don Camillo“, einer der beiden Protagonisten der in Italien in den ersten Jahren nach dem zweiten Weltkrieg angesiedelten und beliebten Buchserie, die in ihrer auch deutschsprachigen Verfilmung vor Jahrzehnten sehr bekannt war, ist doch ein eher schlitzohriger Pfarrer, der mitunter sogar Jesus Christus überlisten will. Was ihm so manchen Ordnungsruf von ganz oben einbringt.
Dafür ist sein Gegenspieler Peppone, der kommunistische Bürgermeister des kleinen fiktiven Städtchens Bosaccio in der nördlichen Ebene rund um den bekannten Fluss Po, irgendwie doch gott-gläubig. Er besteht sogar darauf, den neugeborenen Sohn taufen zu lassen. Was dem Pfarrer widerstrebt, weil der Bürgermeister auf dem Namen Lenin für sein Kind besteht, dem Kampfnamen des Revolutionärs und ersten Regierungs-Chef der Sowjetunion und zuvor Russlands.
Der Wickel rund um die Taufe und den Kindsnamen ist eine der Episoden aus dem ersten der Bücher von Giovannino Guareschi. Der Journalist, Karikaturist und Schriftsteller (1908 – 1968) begann seine fiktiven Geschichten in einem Satiremagazin. Aufgrund des großen Anklangs wurde daraus eine Serie, die später als Buch veröffentlicht wurde. Dem alle paar Jahre weitere Bücher mit neuen Episoden folgten.
Wikipedia zufolge hatte der Autor einerseits in einem katholischen Priester (Don Camillo Valota), der mit Partisanen gegen die faschistische Diktatur Mussolinis kämpfte und in den Konzentrationslagern der Nazis in Dachau und Mauthausen eingesperrt war und andererseits dem Dorfpfarrer in Trepalle (Gemeinde Livigno), Alessandro Parenti, reale Vorbilder für seinen Don Camillo Tarocci. Für den Gegenspieler Giuseppe Bottazzi, den er meist Peppone nennt, wird kein real existierendes Vorbild genannt. Vermutet wird, dass er mit dem Vornamen auf den damaligen sowjetischen – noch angehimmelten – Ober-Kommunisten Josef Wissarionowitsch Dschugaschwili, schlechter bekannt als Stalin anspielte, dessen Verbrechen erst gut zehn Jahre später auch ansatzweise offiziell zugegeben worden sind.
Zurück ins Ertl’sche Schloss in Neuhofen, das als „Geburtsstunde“ Österreichs, damals unter dem Namen Ostarrichi (erste urkundliche Erwähnung am 1. November 996) gilt – und den sich die Theatergruppe zum Namen machte. Schon auf dem hügeligen Zugangsweg zur Ebene zwischen Schloss und bewaldetem Hügel mit Höhle vor der gespielt wird, wanderten heuer vier Carabiniera (italienische Polizistinnen) – Kristina Lleshaj, Emilia Bill, Noemi Sulzberger, Marisa Berisha – entlang der Kieswege zwischen den Wiesen. So manche Besucher:innen begannen gleich ein wenig verkrampft Haltung anzunehmen 😉 Nein, es gab keine „polizeilichen Kontrollen“ 😉 Lediglich eine Einstimmung auf das folgende Spiel. Dafür dienten als deutlich sichtbare Deko auch große Obst- und Gemüsekörbe, zeitweise flankiert von zwei Statistinnen, die allerdings dann im Spiel – im Gegensatz etwa zu den Polizistinnen – keinen Auftritt hatten.
Zwei der Carabiniera übernahmen noch weitere Rollen, so fungierte Marisa Berisha als eine Fußballtrainerin und Kristina Lleshaj spielte Ariana, die Frau von Bürgermeister Peppone (Alexander Reikersdorfer) und Mutter des kleinen Lenin – nicht des sowjetischen ;), der nach Einigung mit dem Pfarrer (Josef Franz Ertl) – unter stimmgewaltigem Einschreiten von Jesus (aus dem Off: Michael Kurzbauer) auf die Namenskombi Libero Camillo Lenin getauft wurde.
Auch das Fußballspiel steht wie die anderen Episoden schon im Original, wobei es dort 2:1 und im aktuellen Spiel 3:2 endet- beide Male für „die Roten“. Im Schlosspark wird noch dazu auf einer abschüssigen Wiese des Hügels neben Bühne und Publikum gekickt, oder besser gesagt, versucht, solches zu tun – die einen in roten Dressen mit Hammer und Sichel, die anderen in schwarz mit großer Kerze als Team-Symbol.
Aus den rund 270 Seiten des ersten Buches von Guareschi hat der deutsche Theaterautor Gerold Theobalt eine bühnenreife Komödie mit vielen Originalzitaten verfasst. Die Ostarrichi-Theater-Prinzipalin Evelyn Ertl-Egger inszenierte auf dieser Basis jene Version, die nach zwei Aufführungen im Schlosspark Haagberg für eine Vorstellung am letzten Juli-Sonntag (2025) auf die Theaterbühne am Hauptplatz Haag übersiedelt.
Wie schon das Original und auch die Verfilmungen vor Jahrzehnten sorgen die Szenen immer wieder für viele Lachen. Das ergibt sich nicht zuletzt daraus, dass die Protagonisten – und so manche ihrer Helfer:innen – die eigene Position in jedem ihrer Konflikte oft bis ins Absurde übertreiben und so der Lächerlichkeit preisgeben. Und trotz der äußerlichen, scheinbaren Gegensätzlichkeiten einander in ihren Haltungen und den Verhaltensweisen doch so ähnlich sind.
Der Erfolg und die Sympathie für Guareschis Werke ergab – und ergibt – sich nicht zuletzt daraus, dass Angehörige der gespaltenen Gesellschaft in den Szenen auch ein bisschen über sich selbst lachen können – und praktisch jede Episode mit einem augenzwinkernden Kompromiss endet. So tauft der Pfarrer den Sohn des Bürgermeisters und dessen Frau schließlich auf drei Vornamen: Libero, Camillo, Lenin. Dafür stellt sich nach langem Hin und Her der Pfarrer doch auf die Seite der streikenden Landarbeiter, denen der Großgrundbesitzer keine Lira mehr Lohn geben wollte.
Theaterleiterin Evelyn Ertl-Egger, die dieses Jahr wieder Regie führte, ist auch Tanzlehrerin und baut, wie langjährige Besucher:innen berichten, jedes Jahr zwischen manchen Szenen auch Tänze ein, manches Mal offenbar ein wenig unmotiviert, was sie vor der diesjährigen Premiere, die Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… besuchte, selber auf der Bühne augenzwinkernd thematisierte. Insgesamt ist die Aufführung mit 15 Szenen in drei Akten und drei Stunden Dauer (mehr als ¼ Stunde Pause) trotz des Szenen- und Spielwitzes doch ein wenig lang(atmig) geraten. Da war schon da und dort ein Stöhnen in den Publikumsreihen zu vernehmen. Klar, jede Episode ist toll, aber es gibt im Originaltext noch viele weitere, und dennoch werden – zum Glück – nicht alle inszeniert 😉
Vor dem Start des zweiten Teils nach der Pause maßregelte die Regisseurin vor versammeltem Publikum öffentlich Schauspieler:innen, sie müssten, die Zuschauer:innen auslachen lassen und erst dann mit ihrem Text fortfahren. Das würde – zumindest längst – jede andere / jeder anderer dem Team sagen ohne Darsteller:innen bloßzustellen.
PS: Rund einen halben Tag nach dem Erscheinen dieses Beitrages rief die Regisseurin und Leiterin der Theatergruppe Ostarrichi, Evelyn Ertl-Egger, bei KiJuKU.at an und wollte klarstellen, „dass ich diese Kritik auch mit meinen Schauspielerinnen und Schauspielerinnen in der Pause gesagt habe und so besprochen war, dass ich es auf der Bühne noch einmal sage. Wir hatten noch nie so eine Situation, dass so viel gelacht worden ist, das war für uns ganz neu.“
Komödie von Gerold Theobalt
Nach dem ersten der gleichnamigen Romane „Mondo Piccolo Don Camillo“ von Giovannino Guareschi (1948)
Ostarrichi Theater
Don Camillo: Josef Franz Ertl
Kommunistischer Bürgermeister Peppone: Alexander Reikersdorfer
Ariana, seine Frau: Kristina Lleshaj
Reicher Konservativer Pasotti: Julian Holbein
Gina, seine Tochter: Enya Stipsits
Mariolino: Sebastian Streißelberger
Fulmine: Levin Büringer
Smilzo: Alexander Stöger
Messdiener: Florian Gumpenberger
Brusciata: Romana Domweber
Lehrerin Christina: Susanne Decker
Fußballtrainer: Oskar Zankl, Marisa Berisha
Jesus Stimme: Michael Kurzbauer
Statist:innen (Volk, Carabinieri = italienische Polizisten, …): Johanna Aigner, Martina Aigner, Robert Aigner, Sophie Aigner, Emilia Bill, Margit Blöschl, Samuel Brunnhofer, Emma Datzberger, Martina Fischer, Karl Klotz, Noemi Sulzberger, Marianne Temper, Tatjana Zefi
Regie und Gesamtleitung: Evelyn Ertl-Egger
27. Juli 2025
19 bis 22 Uhr
Theaterbühne Haag
3350, Hauptplatz 1
theaterplatz
haag.dsp.at
ostarrichi-jugendtheater
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