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Szenenfoto aus Speed (kills content) vom aktionstheater ensemble
Szenenfoto aus Speed (kills content) vom aktionstheater ensemble
12.01.2026

Trotz – oder wegen? – Raserei kein Vorwärtskommen

Die jüngste rasante, kraftvolle, auspowernde Produktion von aktionstheater ensemble „Speed (kills content)“ im Theater am Werk / Meidling (Kabelwerk).

„1, 2, 3, 4, vorwärts, Rückschritt…“ zum rasend schnellen, live gespielten, Rhythmus exerziert die erste Performerin, die die Bühne entert, gehetzte Tanzbewegungen. Und schon schwingt Doppeldeutigkeit mit. Werden hier nicht nur Moves gezählt und vorgegeben, sondern auch gleich ein Kommentar zur (gesellschafts-)politischen (Welt-)Lage?

„Speed (kills content)“ heißt die jüngste Produktion vom aktionstheater ensemble beim Wiener Gastspiel. Traditionsgemäß spielt die Gruppe die erste Serie der neuen Stücke in Vorarlberg, wo Mastermind – jeweils Konzept und Regie – Martin Gruber in Dornbirn lebt. Im Herbst war die Gruppe mit „All about me“ übrigens sogar am Off-Broadway in New York eingeladen – mit etlichen Triggerwarnungen für das dortige Publikum.

Szenenfoto aus Speed (kills content) vom aktionstheater ensemble
Szenenfoto aus Speed (kills content) vom aktionstheater ensemble

Mitten ins Herz

Die Aufführungen der Gruppe gehen immer von sehr persönlichen, nicht gerade ruhmvollen Situationen aus, die tief berühren. Dennoch bedienen sie nie Voyeurismus, weil die eine oder andere auch vielen im Publikum gleichermaßen bekannt sein dürften. Keine (Welt-)Erklärungen von oben oder außen, sondern aus dem tiefsten Inneren – (Bauch-)Gefühl + hirnige Reflexion miteinander unmittelbar verwoben – und dies symptomatisch für gesellschafts(-politische) Zustände und Entwicklungen.

Das gemeinsam Erarbeitete wird nicht selten auch zum szenischen Gegeneinander. Männer die Frauen erklären, dass sie depressiv oder sicher nicht glücklich seien. Körperliche und seelische Entblößungen inklusive. Aktionstheater-Performances vereinen Gefühl, Geist und (extrem) starke Körperlichkeit miteinander. Dieses Mal vom Tempo her noch heftiger, noch rasanter eben „Speed“ und der killt den Inhalt – scheinbar.

Szenenfoto aus Speed (kills content) vom aktionstheater ensemble
Szenenfoto aus Speed (kills content) vom aktionstheater ensemble

Teuerung

Letzterer manifestiert sich vor allem in Szenen, die den in den Mittelpunkt der meisten Menschen gerückten Kampf mit den Kosten des täglichen Lebens betreffen. Vom unmöglichen Auszug aus einer gemeinsamen Wohnung trotz Trennung, weil die Kosten für eine neue Unterkunft nicht leistbar sind bis zum fast entwürdigend erscheinenden Ringen um Rabattpunkte im Supermarkt.

Szenenfoto aus Speed (kills content) vom aktionstheater ensemble
Szenenfoto aus Speed (kills content) vom aktionstheater ensemble

Tränen

Oder die auf durchaus tiefstem, untergriffigen Niveau ausgetragene Schrei-Orgie zwischen Klientin und Arbeitsamts-Mitarbeiterin, bei der Isabella Jeschke beispielsweise echte Tränen aus den Augen schießen. Und die trotz der Heftigkeit ihrer Schimpfkanonade dem fiktiven Gegenüber von unbändiger Verzweiflung Zeugnis geben.

Szenenfoto aus Speed (kills content) vom aktionstheater ensemble
Szenenfoto aus Speed (kills content) vom aktionstheater ensemble

Rasanter Stillstand

Und schon im nächsten Moment wieder kraftvolle Tanzschritte von ihr und den fünf begeisternd mitreißenden Kolleg:innen Zeynep Alan, Thomas Kolle, Kirstin Schwab, Tamara Stern, Benjamin Vanyek auf sowie der drei musizierenden Kollegen Andreas Dauböck, Pete Simpson und Jean Philipp Oliver Viol am Rand der Bühne. Und trotz der rasenden Geschwindigkeit, der volle pulle Power kein Schritt weiter – das aktuelle Lebensgefühl. What the fuck ist auf dieser Welt los? Undenkbares wird Wirklichkeit, Unsagbares poppt in der Mitte vermeintlich aufgeklärter Gesellschaften auf, Teuerungen, Demokratie-Abbau, kaum Hoffnung und DAS große, die Menschheit insgesamt bedrohende Thema Klimakrise – rückt in den Hintergrund.

Überforderung im Großen, die sich im alltäglichen Leben im scheinbar Kleinen, niederschmetternd, niederdrückend auswirkt. Druck, Druck, Druck. Angst. Angst. Angst.
Angst auch vor Stillstand und gar Rückschritt. Hilft da Tempo, Tempo, Tempo? Oder killt die ziel- und planlose Geschwindigkeit eben die Inhalte?

Immerhin aber sind viele der rasanten Gruppenpassagen des gesamten Ensembles Momente der gemeinsamen Bewegung – immer auch synchron zur Live-Musik – ein Hoffnungsbild das wenngleich kraftvoll laut aber doch subtil ins Publikum schwappt.

Szenenfoto aus Speed (kills content) vom aktionstheater ensemble
Szenenfoto aus Speed (kills content) vom aktionstheater ensemble

Diffuse Doppelgänger:innen

Von Beginn an tauchen die live auf der Bühne Performenden auch noch in projizierten Bewegtbildern auf durchscheinenden Wänden im Hintergrund auf. Für diese Videos hat die Künstlerin Resa Lut die Darsteller:innen schon im Vorfeld gefilmt, die Videos verfremdet, diffus gemacht, solarisiert – anfangs erscheinen diese schemenhaft, gegen Ende immer klarer, naturlaistischer.

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INFOS: WAS? WER? WANN? WO?

Speed (kills content)

Uraufführung von Martin Gruber und aktionstheater ensemble
In Kooperation mit Spielboden Dornbirn und Theater am Werk
70 Minuten

Konzept/Inszenierung: Martin Gruber
Text: Martin Gruber und Ensemble
Ensemble
Schauspiel: Zeynep Alan, Isabella Jeschke, Thomas Kolle, Kirstin Schwab, Tamara Stern, Benjamin Vanyek
Live-Musik: Andreas Dauböck (Keys, Drums, Synth, Voc), Jean Philipp Oliver Viol (Bratsche, Gitarre, Voc), Pete Simpson (Bass, Voc)
alles Eigenkompositionen von Andreas Dauböck, außer dem Schluss-Song „Laisse tomber les filles“ (Mach‘ mit den Mädchen Schluss) von Serge Gainsbourg geschrieben und im Original von France Gall gesungen.

Dramaturgie: Martin Ojster
Bühne, Kostüme: Valerie Lutz
Video: Resa Lut
Regieassistenz: Sanna Hufsky
Regiehospitanz: Salome Seidl

Wann & wo?

Bis 18. Jänner 2026
Theater am Werk im Kabelwerk: 1120, Oswaldgasse 35a
taw –> speed-kills-content
aktionstheater –> speed kills content