Selten ist Klara authentischer besetzt als in dieser „Heidi“-Inszenierung von Theater Frei-Raum in Kooperation mit Heitere Fahne aus Bern (Schweiz). Louis Amport bewegt sich auch außerhalb der Bühne im Rollstuhl fort. Theater spielt er erst seit rund einem Jahr, „aber ich hatte schon Bühnenerfahrung, hab getanzt und Referate gehalten“, vertraut er KiJuKU.at an nach der mehr als umjubelten ersten der Vorstellungen bei „Jungspund“, dem Theaterfestival für junges Publikum im Schweizer St. Gallen.
Sieben Akteur:innen spielen die bis Japan und Australien bekannte Geschichte nach den beiden Büchern Johanna Spyri (1827 – 1901) über das Waisenmädchen, das von der Tante zum anfangs griesgrämigen Opa hoch oben auf der Schweizer Alm gebracht wird. Ihn ebenso aufheitert wie später das Mädchen Klara aus der deutschen Stadt Frankfurt, die „behütet“ mehr oder minder eingesperrt lebt und für die Heidi eine Spielgefährtin werden soll und wird. Aber selber unter Heimweh nach Luft, Licht, Alm und den Ziegen leidet…
Das vor fast 20 Jahren gegründete Kollektiv Frei_Raum (2009) versteht sich von Anfang an als inklusive Kultur- und Theatergruppe von Menschen mit und ohne Behinderungen. Manche spielen schon seit einem Dutzend Jahren in vielen Produktionen, etwa Katrin Jenni, die hier in die Rolle von Fräulein Rottenmeier schlüpft – überstreng, keine Freude am Leben aufkommen lassend und aus Heidi – „so heißt niemand“ – eine Adelheid macht.
So wie sie treten übrigens zu Beginn (Regie: Meike Schmitz) alle Spieler:innen als Ziegen (Ausstattung: Renate Wünsch) in Erscheinungen mit unterschiedlichem Naturell und verschiedensten Gemeckern. Aus der Geißen-Sicht beginnen sie sich über die Menschen zu wundern, bevor sie deren Rollen übernehmen. Dominik Blumer verzieht sich vor allem in eine Art Cockpit mit analogen und elektronischen Instrumenten, wo er für Live-Musik mit Gitarre, Akkordzither, Keyboard und Laptop sorgt; aber auch Klaras Vater Sesemann bzw. Geißenpeters Großmutter spielt.
Den frechen, aufmüpfigen Geißenpeter, der Heidi die wunderbare Berg- und Ziegenwelt eröffnet, der aber eifersüchtig ungut reagiert als Klara aus der Stadt die zurückgekehrte Heidi auf der Alm besucht, gibt Vera Roher. Und in ähnlicher Art spielt sie den Drehorgel-Straßenjungen in Frankfurt.
Mehrere Rollen – alle natürlich neben schon erwähnten Ziegen – übernehmen auch Christoph Schmocker als Alp-Öhi und den Sesemann-Diener Sebastian sowie Marie Omlin als Heidis Tante Dete, Haushälterin bei Sesemanns, zusätzlich die des herbeigeholten Arztes, weil Heidi krank und kränker wird und es obendrein im Hause Sesemann zu spucken scheint.
Und die Hauptfigur selbst? Die spielt in einer ganz eigenen Liga – als große Hand geführte Puppe (Leonard Wanner), der vor allem Anniek Vetter immer wieder stauendes Leben einhaucht. In so manchen Szenen unterstützen jeweils weitere Schauspieler:innen die Bewegungen der Puppe, etwa wenn sie scheinbar viele Stufen steigt, auf den Heuboden klettert oder einen Kirchturm in der Stadt erklimmt.
In einer Art Disco-Szene mit dem Drehorgel-Jungen hüpft Puppe Heidi kurz ins Publikum, um dieses zum Mittanzen im Sitzen einzuladen. Wozu sich die Zuschauer:innen großteils mitreißen ließen, um zu merken, dass dies sehr gut funktioniert, womit sich der Kreis zu Klara (siehe erster Absatz des Beitrages) wiederum schließt.
Außerdem sorgen die wenigen Videos und das stimmungsvolle Lichtdesign von Cyril Lüthi für so manch große Augen im Publikum sowie für einen magischen Moment gegen Ende mit flatternden Schmetterlingen – an Angeln, in Flügelkostümen und digital im Video: „The perfect inclusive happy place“ nennt Louis Amport als Klara diese Augenblicke; die vielleicht sogar das bessere Ende wären als der Epilog, in dem alle der Reihe nach erzählen, welche Wege ihre Figuren weiter nehmen.
Compliance-Hinweis: Die Berichterstattung kann nur erfolgen, weil das Festival „Jungspund“ Kinder I Jugend I Kultur I und mehr … für vier Tage nach St. Gallen (Schweiz) eingeladen hat.
„Heidi“ in konzentrierter Form mit nur drei Schauspieler:innen und auf kleiner engen Bühne – aber mit weitem Herz und viel Witz – ist seit Kurzem im kleinen Kabaretttheater Niedermair in Wien-Josefstadt zu erleben. In einem großen farbenfrohen Alm- sowie grauen Stadt-Ambiente ist eine andere Version noch bis Mitte April im niederösterreichischen Landestheater in St. Pölten zu sehen – Link zur Besprechung dieser Fassung hier unten.
Zur Grundgeschichte – all jene, die sie kennen, können nun diesen und den nächsten Absatz – bis zur nächsten Zwischen-Überschrift – auslassen. Johanna Spyri, die die Geschichte vor knapp mehr als 140 Jahren veröffentlicht hat, lässt Heidi, deren Eltern tot sind, von deren Tante Dete zum griesgrämigen, wortkargen Großvater, dem Almöhi, in die Schweizer Berge bringen. Dete kann sich nicht mehr um das rund fünfjährige Kind kümmern, weil sie einen Job in Aussicht hat. Natürlich erweicht heidi das verschlossene Herz des Opas, der seinen Grant aufgibt, liebevoll wird. Dafür blüht Heidi auf, fühlt sich in der freien Natur wohl und freundet sich mit Peter und dessen Ziegen an.
Eines Tages holt die Tante heidi aber wieder ab, um sie zu einer reichen Familie zu bringen. Dort soll sie Klara, einem Mädchen im Rollstuhl, Gesellschaft leisten. In der Großstadt (Frankfurt am Main) droht sie seelisch zu verkümmern, außerdem eckt sie mit ihrer fröhlich-frechen Art bei Klaras Gouvernante (Kindermädchen) an. Dafür findet Klara Gefallen an Heidi und ihrer Art. Heidi erkrankt an Heimweh und kehrt zurück zum Opa in die Berge. Klara kommt sie besuchen, Peter ist eifersüchtig auf sie und zerstört den Rollstuhl…
So und nun zur kleinen, kompakten einstündigen Version von Heidi auf der engen Bühne und dem auch recht kleinen Publikumsraum. Das Team hat auf die Textfassung von Markus Steinwender zurückgegriffen, der vor fast zehn Jahren diese für das Linzer Theater des Kindes geschrieben und selbst inszeniert hatte. Sie wurde mit dem Stella 2014 für eine herausragende Produktion im Bereich Theater für Kinder ausgezeichnet. Begründet wurde das u.a. so: „Klassische Stoffe und zeitlose Themen werden aus einer heutigen Perspektive erzählt. Sie erfahren eine zeitgenössische Interpretation durch intelligente und sensible Autoren- und Regiearbeit. Verschiedene Theatergenres werden in den Dienst der Geschichte gestellt; erzählt von sehr präziser, nachvollziehbarer und mitreißender Schauspielkunst. Der Preisträger-Produktion gelingt es, dass sich der Zuschauer mit der Hauptfigur verbunden fühlt: bei der Suche nach Geborgenheit, im Wunsch nach Teil-Sein einer sozialen Gemeinschaft, in der Sehnsucht nach Heimat.“
Drei Schauspieler:innen übernehmen hier alle Rollen. Clara Diemling (im März dann die Regie-Assistentin Kim Schlüter) ist vor allem die aufgeweckte, muntere Heidi, die sich auch von der Rottenmeier nix gefallen lässt und diese fast zur Verzweiflung bringt. Diese Rottenmeier, die Tante Dete aber auch der Peter – und eine der beiden Hauptziegen, „das Schwänli“ werden von Klemens Dellacher spielfreudig und bei den beiden genannten Frauen fast comic-haft dargestellt. Den Opa aber auch die Klara im Rollstuhl, der in dem Fall kein solcher ist, sondern nur durch ein von Hand gedrehtes einzelnes stilisiertes Rad symbolisiert wird, spielt J-D. Schwarzmann – und dazu noch die zweite, dunkle Ziege namens Bärli.
Wenige Kleidungsstücke, Hüte oder Kappen, andere Bewegungen und Sprachfärbungen und schon klappen die Verwandlungen von einer in die andere Figur. Und immer wieder treten die drei Schauspieler:innen aus ihren Rollen heraus, um darüber zu reden oder diskutieren, wie und was sie jetzt am besten tun könnten, um darzustellen, was sie vermitteln wollen (Regie: Agnes Hausmann, Musik: Stefan Lasko, Kostüm: Sigrid Dreger). Gekonnt stellen sie sich abwechselnd dabei ein bisserl ungeschickt an, um zusätzliche Lacher im Publikum zu erzeugen.
Dem Trio auf der Bühne gelingt es lock, den engen Raum zu erweitern und die Zuschauer:innen in die große weite Welt mitzunehmen, ob es nun die Berge oder Frankfurt/Main ist.
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