Ganz am Rande eines steil ins Meer abfallenden Felsens steht ein kleines, windschiefes Haus. Gerade dass es nicht von der Klippe zu kippen droht. In kräftigen, bunten, durchaus ungewöhnlichen Farben. Strahlende gelb-rote Töne dominieren. Auf der Titelseite noch fester als auf der ersten Doppelseite wo die Farben wässrig verschwimmen und der Szenerie noch mehr traumhafte Sehnsucht verleihen.
„Zuhause auf der Klippe“, von Magali Franov geschrieben und gezeichnet, macht dieses kleine Haus zur zentralen „Figur“. Von seiner exponierten Lage aus erlebt es die Vögel, die nach dem Sommer in den Süden fliegen. „In ihrem Gezwitscher hört das Haus Geschichten von einsamen Inseln und bunten Städten. Von fremden Gerüchen und tanzenden Sprachen.“
So poetisch beschreibt und zeichnet die Autorin und Illustratorin Sehnsüchte nach der großen, grenzenlosen Welt.
Vom vorbeischwimmenden Buckelwal lässt es sich genauso über die Welt unter Wasser schildern. Eine andere Erzählerin ist eine Wolke – „von der Welt hinter dem Horizont“. Irgendwie schwingt trotz der schönen Eindrücke, die das Haus so erfährt, noch eine andere Sehnsucht mit. Es ist einsam – und wird zum Heim für Menschen in einem kleinen Boot, das „verloren im Sturm“ treibt. „Wie sehr hat es vermisst, ein Zuhause zu sein.“
„Ich will fort, ich will weg!“/ sagt die kleine Schneck.“ Und nicht nur irgendwohin, das könnte sie ja selber kriechend tun. Der Wunsch ist riesengroß – und bald zu lesen: „Wer nimmt mich mit um die Welt?“ Ruck zuck geht der Wunsch in Erfüllung, schwimmt doch glatt ein Wal vorbei und die Schnecke darf auf seiner Schwanzflosse Platz nehmen. Und los geht’s.
Das spielt sich in den ersten Minuten des Stücks „Die Schnecke und der Buckelwal“ im Linzer Theater des Kindes ab – und auf den ersten Seiten des gleichnamigen Bilderbuchs (Beltz Verlag). Von dort stammt der gereimte Text – was das Theater durchaus anmerken könnte.
Die Bilder, die das Team – neben den beiden Schauspielerinnen Simone Neumayr (Wal) und Katharina Schraml (Schnecke) noch Regisseur Andras Baumgartner und Ausstatter Harald Bodingbauer – entwickelte sind allerdings ganz andere. Zeichnete Axel Scheffer für das Buch mit Julia Donaldson (Übersetzung aus dem Englischen: Mirjam Pressler) sehr realistische, naturnahe Bilder, so deuten die Theaterleute vieles nur an. Klar, ein großer Wal passt nicht nur nicht in den Theaterraum, sondern bräuchert halt Meerwasser und davon ganz schön viel.
Das allein war’s aber gar nicht. Die Bühne bietet mit einem hölzernen Steg und einer Art Mast mit herabhängendem Segeltuch bewusst nur einen Hauch der Bilder – die werden durch Schauspiel und Text vor allem in den Köpfen der jungen Zuschauer:innen erzeugt. Und so reisen sie mit zu (noch) ewigem Eis und Schnee, um Pinguinen zu begegnen, die die beiden Schauspielerinnen, die eben hin und wieder aus ihren Rollen als Wal und Schnecke aussteigen – nein, nicht selber spielen: Schwimmflossen mit unterschiedlich gefüllten Fersen verwandeln sich sozusagen in ihren Händen zu watschelnden Frackträger:innen 😉
Mit Hilfe des aufgespannten Segeltuches, Verdunkelung (Lichtkonzept: Franz Flieger Stögner) und kleiner Figuren zaubern die beiden Spielerinnen in einer Schattentheater-Szene so manches, das sich unter Wasser abspielt.
Natürlich darf eine, vielleicht die zentrale Szene aus dem Buch auch im Stück nicht fehlen. Der Wal verirrt sich, strandet am Sand – und ist damit in Lebensgefahr. So schnell sie kann kriecht die Schnecke, um Hilfe zu holen. Dabei landet sie in der vielleicht witzigsten Szenerie, der Schule knapp am Meeresufer – mit munteren, frechen Kindern aus bunten Federbällen und einer Lehrerin (Tennisschläger mit bunter Brille im Netz. Nicht nur die, sondern auch die Feuerwehr rückt an, um den Wal mit Wasser zu überschütten und anzuspritzen und ihn zurück ins Meer zu bugsieren – natürlich mit der Schnecke als Mitreisender.
Es ist eben niemand zu klein, um nicht auch ganz Großen helfen zu können!
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