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Gesangs-Solistin Olivia Warburton in der Oper "Das TAgebuch der Anne Frank"

Annes Innerstes spür- und hörbar gesungen, musiziert und gespielt

Eine riesig vergrößerte auf Stoff gedruckte Doppelseite als ein zentraler Bühnenhintergrund auf der einen Seite hinter einem kleinen hölzernen Tisch mit Sessel und einer hoch hängenden wenig Licht gebenden Lampe. Auf der anderen Seite neben dem Tisch ein aufgeklapptes überdimensionales Bilderbuch. Zunächst nur mit DEM berühmten Porträtfoto des jugendlichen Mädchens. Davor eine kleine ein-kerzige Torte.

In diesem Setting spielt, vor allem aber singt Olivia Warburton derzeit in NEST (NEue STaatsoper) am Wiener Karlsplatz die wohl berühmteste Tagebuchschreiberin der Welt: Anne (eigentlich Annelies Marie) Frank (12. Juni 1929 – Februar oder Anfang März 1945). Die Teenagerin verfasste Einträge vom 12. Juni 1942 bis zum 1. August 1944). Zum 13. Geburtstag war es ihr schönstes Geschenk. Da noch in Freiheit in Amsterdam.

Gesangs-Solistin Olivia Warburton in der Oper "Das TAgebuch der Anne Frank"
Szenenfoto aus der Graphic Oper

Immer leise sein müssen

Knapp ein Monat später – ab dem 6. Juli 1942 – musste sie im geheimen Versteck im Hinterhaus der Prinsengracht 263 schreiben. Viel schildet sie von den beengten Verhältnissen, dem immer leise sein müssen. Je länger dieses Schutzgefängnis dauerte, desto mehr spielen Traurigkeit, Niedergeschlagenheit, aber auch Wickel mit Eltern und Mitbewohner:innen immer wieder eine Rolle.

Aber auch Träume, Sehnsüchte. So gern wollte sie große Schriftstellerin werden. Wurde sie letztlich auch. Allerdings erst nach ihrem frühen Tod im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Der Vater überlebte als Einziger der Familie und bekam von einer ehemaligen Mitarbeiterin, die die Tagebücher retten konnte, diese und veröffentlichte – den Großteil.

Gesangs-Solistin Olivia Warburton in der Oper "Das TAgebuch der Anne Frank"
Nur wenige entspannte Momente für die Jugendliche im ständig bedrohten Versteck

Oper

Neben den in mehr als fünf Dutzend Sprachen übersetzten Tagebüchern entstanden zahllose Theaterstücke, Filme, ein Animationsfilm aus der Sicht des „Kitty“ genannten Tagebuchs, eine Graphic Novel – Links zu Besprechungen unten am Ende des Beitrages.

Derzeit ist „Das Tagebuch der Anne Frank“ – eine Übernahme der Hamburger Staatsoper – in Wien zu erleben (Musik & Libretto: Grigori Frid – 1915 – 20212; deutsche Fassung: Ulrike Patow).

Knapp mehr als eine Stunde bringt die Sängerin – zu Live-Musik eines anonym bleibenden kleinen Bühnenorchester der Wiener Staatsoper (Musikalische Leitung: Jera Petriček) – vor allem die Stimmungen und Gefühle, die sich aus den Tagebucheinträgen ergeben. Samt dem dringenden Wunsch, endlich wieder einmal lachen zu dürfen. Was ihr mehr helfen würde als die ewigen Beruhigungs-Tabletten die sie schlucken muss. Bis hin zur Verzweiflung fast lieber tot zu sein als in diesem ständig gefährdeten, lebensbedrohlichen Zustand. Dann aber doch wieder Hoffnung angesichts von Nachrichten, dass die Alliierten militärische Erfolge im Kampf gegen Nazi-Deutschland erzielten…

Graphic Opera

Das Team nennt sein Werk „Graphic Opera“, weil die Regie (Inszenierung: David Bösch) das Live-Singspiel mit Videos, Animationen und Zeichnungen zu einer eigenen Form des Musiktheaters verbindet, heißt es im Programmheft.

Gesangs-Solistin Olivia Warburton in der Oper "Das TAgebuch der Anne Frank"
Aus einer Zeitschrift reißt Anne Poster, um die Wand ein wenig zu schmücken

Tagebuch-Oper

Vor fast 60 Jahren (1969) macht Grigori Frid Anne Franks Tagebuch zur Grundlage seiner ersten Oper. „Die Lektüre erschüttert ihn tief; politische Verfolgung und staatliche Willkür kennt er aus der eigenen Familiengeschichte im Stalinismus. Das Libretto stellt er selbst aus der russischen Übersetzung zusammen und bleibt dabei eng am Wortlaut der Aufzeichnungen. „Das Wichtigste war, kein Wort am Text zu ändern, nichts hinzuzudenken“, erinnert er sich später“, laut Programmheft der Staatsoper. „Frid bezeichnet sein Werk als „Tagebuch-Oper“. Eine einzige Sängerin trägt die 21 Episoden, die weniger einer äußeren Handlung als Annes wechselnden Gedanken und Empfindungen folgen. Entsprechend beweglich ist die musikalische Sprache: Tonale und atonale Passagen, Zwölftontechnik, Leitmotive und Cluster stehen nebeneinander. Ein bedrohliches Zwölftonmotiv prägt bereits den Beginn; andernorts erscheinen Pizzicato, Celesta-Klänge, jazz- und filmmusikalische Farben oder ein Walzer für Annes Gedanken an Peter. Bei der Razzia werden selbst Schritte und Herzschlag musikalisch hörbar.“

Unausgesprochen

Solo-Spiel und -Gesang fesseln berühren nehmen mit. Und unausgesprochen schwebt über dem (nicht nur) Bühnenraum: Welche Romane, Theaterstücke oder anderen literarischen Werk hätte die spätere Anne Frank schaffen können, hätte es die faschistische Diktatur nicht gegeben. oder wären die beiden versteckten Familien nicht verraten worden und hätten alle die Nazi-Herrschaft und den Krieg überlebt…

Wiederaufnahme von „Ich bin Ruth“

Mitte November wird übrigens eine „verwandte“ Geschichte nach zwei Jahren wieder aufgenommen. In „ich bin Ruth“ spielen Claudia Kottal, Anna Kramer, Suse Lichtenberger zu Live-Musk von Clara Luzia und Cathi Priemer-Humpel eine multimediale Collage aus (Tagebuch-)Texten und Briefen Ruth Maiers im derzeit kulturell genutzten Teil der ehemaligen Semmelweis-Klinik in Wien-Währing. In der Nähe ist die junge Wienerin aufgewachsen, die mit 22 Jahren aus dem Exil im sicher scheinenden Norwegen ins Konzentrationslager Auschwitz „remigriert“ und ermordet wurde – Link zur Stückbesprechung mit den neuen Aufführungsterminen in der dortigen Info-Box oben -über dem Zwischentitel „Wiederaufnahme…“.

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annefrank.org –> das-tagebuch

Gesangs-Solistin Olivia Warburton in der Oper "Das TAgebuch der Anne Frank"
Gesangs-Solistin Olivia Warburton in der Oper „Das TAgebuch der Anne Frank“
Probe der Hochzeits-Szene der Eltern von Anne und Margot

Anne Frank als Musiktheater

„Anne Frank“ als Musical? Wirkt vielleicht aufs erste (fast) unmöglich. Die tragische Geschichte einer durch Tod in einem Konzentrationslager der Nazis verhinderten großen Schriftstellerin?

„teatro“, eine engagierte Initiative, bringt seit mehr als 20 Jahren mit Kindern, Jugendlichen und erwachsenen Profis bekannte klassische Stoffe von Schneewittchen bis zum Zauberer von Oz, aber auch bei uns weniger bekannte wie „Little Women“ als Musicals auf die Bühne – vor allem in Mödling. Ende Jänner 2023 traut die Gruppe sich – und dem Publikum – zu, eine Geschichte rund um die jugendliche Verfasserin des wohl berühmtesten Tagebuches in literarischer Qualität ein Stück zu spielen, singen und tanzen. Premiere ist am internationalen Holocaust-Gedenktag, dem 27. Jänner (Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau) in der Stadtgalerie Mödling – Details siehe Info-Block am Ende des Beitrages.

Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… war bei Proben, konnte dabei allerdings lediglich die intensive Arbeit an zwei Szenen miterleben, daher kann nichts Genaueres über das fertige Stück „Musiktheater würde ich es in dem Fall nennen, nicht Musical“ (so Regisseur und Librettist Norbert Holoubek) gesagt, pardon geschrieben, werden. Und: Beim Probenbesuch war die Juliette Khalil, die Darstellerin der Hauptfigur verhindert.

Probenbesuch

Beide Szenen waren/sind aus dem ersten Teil, sozusagen der Vorgeschichte, jener Zeit, in der die Familie Frank noch (lange) nicht im Hinterhaus der Prinsengracht 263 versteckt leben musste, ja sogar aus einer Zeit, in der Annelies Marie Frank, ja selbst ihre ältere Schwester Margot noch nicht geboren waren. Denn das Stück setzt vor und mit der Hochzeit der Eltern, einer arrangierten Ehe ein.

Und damit einer jüdischen Zeremonie und Fest mit Tanz und Spaß. Wie müssen die Schauspieler:innen stehen, sich drehen, so dass auch das Tuch, das über das Brautpaar gespannt werden soll/muss richtig hoch gehalten werden kann, ohne zu verkrampft zu wirken. Wer kommt von wo und geht wohin ab. Wie gestalten sich die Übergänge, die Tänze. Wie bewegt sich der Rabbi. Und wie spielt das Geschehen auf der Bühne mit dem des Orchesters zusammen – bei der Probe vertreten „nur“ durch den musikalischen Leiter, Arrangeur und Spieler am Keyboard Walter Lochmann.

Das Tagebuch

Berühmt geworden ist Annelies Marie tragischerweise erst nach ihrem Tod als Anne – eben durch ihr Tagebuch. Eine Vertraute der Familie, Miep Gies, die zu jenen gehörte, die die Familie heimlich im Versteck in Amsterdam mit Lebensmittel, aber auch mit Literatur versorgte, hatte die verstreuten Papierblätter und das Tagebuch aufgesammelt und verwahrt, nachdem jemand das Versteck verraten haben musste und alle in Konzentrationslager abtransportiert worden waren. Vater Otto überlebte als einziger der Kernfamilie. Ihm übergab Miep das Geschriebene und er veröffentlichte das Tagebuch seiner Tochter – in der ersten Version allerdings gekürzt. Er ließ jene Einträge der Tochter aus, in der sie sich besonders heftig über ihre Mutter geärgert hatte. Mit Anne unterschrieb die 13- bis 15-Jährige ihre Einträge, die sie als Art Briefe verfasste – an ihre Vertraute Kitty, wie sie ihr Tagebuch nannte, das sie sozusagen als vertraute Freundin ansah.

Erst Jahre nach Otto Franks Tod erschien eine authentische Fassung des Tagebuchs (6. Juli 1942 bis zum 4. August 1944), in dem Anne selbst noch etliche Einträge überarbeitet hatte. Grund: Ursprünglich eben „nur“ als privates Tagebuch geschrieben, dem sie alles anvertrauen konnte, das sie bewegte, hatte sie im Frühjahr 1944 im englischen Rundfunk die Rede des niederländischen Exil-Bildungsministers gehört, der seine Landsleute bat, alle schriftlichen Unterlagen wie auch Tagebücher zu sammeln, um nach dem hoffentlichen Kriegsende diese Zeit dokumentieren und aufarbeiten zu können, also auch der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen.

Zurück zu den Proben

An die Hochzeit, die viel später geprobt wurde, schließt sich eine Szene an, in der das künftig Drohende sich anbahnt. Dazwischen aber sorgt ein Spruch für Heiterkeit. Beim winterlichen Spaziergang laufen die Schwestern Margot und Annelies voraus, es kommt zum Disput, ob es nicht schon Frühling sei, wo doch schon die ersten Blumen aus der Erde wachsen. Den kommentiert Vater Otto mit „Gott weiß alles, aber Anne weiß alles besser“. Hannah, eine überlebende Klassenkollegin von Annelies Frank aus dem „Joods Lyceum“ (Jüdische Lyzeum) zitiert diesen Satz ihrer Mutter über die Mitschülerin Annelies in dem Buch „In einer Klasse mit Anne Frank“ von Theo Coster (aus dem Niederländischen übersetzt von der bekannten Autorin Mirjam Pressler).

Heikler Moment

Später treffen die Franks – noch in der Zeit in Frankfurt am Main – auf jubelnde Frauen. Die können sich fast nicht einkriegen. Eine neue Zeit breche an, alles werde sich zum besseren ändern, denn Hitlers Partei habe die Wahlen gewonnen… Ihre Gegnerschaft, ja ihre eigene Bedrohung als Jüd:innen trauen sich da die Franks gar nicht mehr zu sagen. Der Moment ist ein heikler bei den Proben. Wie kommen die Sorgen, die Ängste, die sie hier nur andeutungsweise spürbar werden lassen dürfen zum Ausdruck? Und wie wird verhindert, dass nach dem Jubelsong der Nazibefürworterinnen nicht – wie oft nach jedem Song – Beifall des Publikums aufbrandet? Abmarsch in militärischer Formation und Schritt schlägt der Regisseur vor – in der Hoffnung, dass damit die Zuschauer:innen auch den Schockmoment spüren.

Follow@kiJuKUheinz

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