„Ich beginne meinen Arbeitstag, wie es das Protokoll besagt: Optimieren Sie Ihre Atmung. Beschleunigen Sie Ihr Denken… Ich arbeite im Ministerium für Informationsfluss, in der Abteilung für Textverdichtung. Unsere Mission ist es, jegliches entschleunigte Denken aus den Netzwerken zu entfernen. Wir sortieren Wörter, die zu lange brauchen, aus. Intern nennen wir das Entschleunigungsterrorismus, die größte Gefahr aller Zeiten, dicht gefolgt von der Mittagspause. Der Begriff wurde übrigens in Rekordzeit erfunden: 0,8 Sekunden.
Mein Kollege kaut zu langsam, sein Kiefer unterschreitet die vorgeschriebene Bissrate. Kein Wunder, dass zwei Wächter schon auf ihn zustürmen. Letzte Woche wurde jemand abgeführt, weil er beim Niesen eine halbe Sekunde zu spät Gesundheit gesagt hat. …
Mein Pacer piept leise. Warnstufe Gelb. Ich habe zu lange nachgedacht, wie gefährlich!…“
Diese Sätze stammen aus einem der 23 Finaltexte Jugendlicher bzw. junger Erwachsener des Literaturbewerbs Texte Wien. Zum zehnten Mal waren junge kreative Schreiber:innen – und das trotz des Namens nicht nur aus Wien – eingeladen, ihre Gedanken zu einem Jahresthema zu verfassen; rund 4000 junge Leute haben in diesem Jahrzehnt Texte für den Bewerb eingereicht. „Tempo“ war das Motto für den Jubiläumsbewerb. „Schneller atmen“ titelte Julia Bohrer aus dem Gymnasium Neusiedl am See ihren Beitrag, aus dem die Eingangspassage zitiert ist.
Zum zweiten Mal fand die Preisverleihung – immer mit genau zweiminütigen Textauszügen – gelesen von vier Profi-Schauspieler:innen (Zeynep Buyraç, Kaspar Locher, Markus Meyer und Maximilian Thienen) im Schauspielhaus Wien (davor viele Jahre – mit Ausnahme der Pandemie-Ära im Burgtheaterspielort Kasino am Schwarzenbergplatz) statt; jeweils untermalt von einer jugendlichen Band, heuer Leeta – mehr dazu in einem eigenen Beitrag.
Übrigens: Alle Texte, mit denen die jungen Autor:innen ins Finale gekommen sind, können auf der Homepage des Bewerbs – am Ende des Beitrages verlinkt – (nach-)gelesen werden, und zwar aus allen Bewerbsjahren bis 2016 zurück.
Der Text des aktuellen Siegers ist in einem eigenen Beitrag auch hier auf dieser Website – ebenfalls unten verlinkt – vollständig veröffentlicht: „Elfzwanzig“ von Philip Pecoraro, eine Hommage an den 12. Bezirk von Wien, übrigens ist Meidling einer von nur drei der 23 Bezirke, die den Bewerb – bisher – nicht unterstützen.
Auszüge aus dem zweit- und dritt-platzierten Text – „Sonne über dein Haupt“ von Theresa Schmerold sowie „Ein Haufen Kindheit“ von Bruna Karolyi – sind ebenfalls in eigenen Beiträgen unten verlinkt – die Top 3 jeweils auch mit den Begründungen der Jury (Judith Fischer, Erwin Greiner, Andrej Haring, Eva Holzmann, Julia Jost, Vanja König, Hanno Millesi, Lene Moormann und Jana Podbelsek).
Tempo, obwohl sich dies – wie im eingangs zitierten Beitrag – mit Rasanz in den meisten Köpfen fast automatisch verknüpft, kann aber auch das glatte Gegenteil sein. Und so kreisen so manche der jugendlichen Texte durchaus um Innehalten, ja sogar Stillstand.
„Ich lebte ein temporeiches Leben, das vom schnellen und dreckigen Geld finanziert wurde. Am Anfang tat ich es für die bunten Scheine, dann für die unantastbare Macht und letztendlich, um die Welt zu erobern. Ich hatte mich schon damit abgefunden, entweder Gefängnis oder Millionen. Doch das ewige Streben nach mehr zog mich in die Strömung eines Teufelskreises, in dem ich, ohne es zu bemerken, ertrank“, beginnt er Text von Arda Aksoy aus dem Schulzentrum Ungargasse (Wien-Landstraße).
„Mir kam es so vor, als ob die Sanduhr meines Lebens durch die Risse im Glas unkontrollierbar Körner verlor. Mein Leben verging wie im Zeitraffer, Klamotten von Designern, deren Namen ich nicht aussprechen konnte, Freundlichkeiten von Menschen, die mich verachteten, die Sättigung meiner Gelüste, alles lief perfekt, bis der Traum platzte. Als die Tür aufknallte und die engen Handschellen sich schmerzhaft in mein Fleisch bohrten, überrumpelte mich ein Gefühl der Reue, ein Drang, die Welt anzuzünden und mit ihr zu verbrennen.
Die restliche Zeit meiner Existenz soll ich hier verbringen? An einem Ort, an dem keine Blumen aufblühen, die Vögel nicht zwitschern, die Sterne nicht leuchten und die Tage nicht vergehen. Ist es leicht, immer die gleiche Wand zu sehen und mit Kreide jeden Tag zu zählen? Der kalte Luftzug, der unter der Stahltür durchzieht, die verrosteten Gitter oder das steinharte Bett, alles ist hier verflucht, oder bin ich derjenige, der seine Umgebung mit einem Fluch belegt?
Der Tag, an dem ich einen Fuß auf diesen kalten Beton setzte, änderte alles. Die Zeit verlangsamte sich und die Sühne meiner Sünden fing an…“
Er schreibe eigentlich erst seit rund 1½ Jahren, vertraut der Autor des Textes „Gefallene Sterne“, aus dem die vorigen Absätze zitiert sind, dem Reporter an, sei ein Fan von Romanen russischer Dichter wie Dostojewski, lese aber auch auf Türkisch und Deutsch. „Ich sammle im Alltag Ideen, verknüpfe sie dann wie bei diesem Text viel mit Szenen aus Filmen, die mich inspirieren. Zu „Tempo“ wollte ich den krassen Wechsel von der Hektik zum Stillstand, wie ich ihn mir in einem Gefängnis vorstelle, zumindest von dem, was ich in Filmen gesehen habe.“
So wie Jury-Entscheidungen durchaus subjektiv sein können, so ist es auch die Auswahl an Zitaten hier in diesem Beitrag, der eben nicht nur die Top3-präsentieren will. Alle 23 jungen Autor:innen, die es mit ihren Texten ins Finale geschafft haben, sind schon Sieger:innen. Dieser Beitrag und die vielen Zitate aus Texten wollen Lust darauf machen, selber in den einen oder anderen, vielleicht auch mehrere der eingereichten Texte reinzulesen.
„Der Bühnenraum eines Theaters war schon immer ein Zufluchtsort der Randständigen, dort galten die gesellschaftlichen Regeln weniger streng“, schreibt Yuliia Obukhivska von der Grazer HTBLVA (Höhere Technische Bundeslehr und Versuchsanstalt) Ortweinschule mit einem künstlerischen Zweig in „Niko, oder Vom Kolonialismus erzählt“. In einem Beitrag, der nur unwesentlich kürzer ist als alle anderen 22 zusammen, baut sie eine Jahrhunderte umfassende Geschichte der Ukraine ebenso ein wie Vampirismus, Neu-ankommen in einer Schulklasse und eben Außenseitertum sowie intensive Gefühle.
„… jede Sekunde Stillstand hinterlässt eine Verbrennung, und er wird bewundert, ja man bewundert ihn hinter vorgehaltener Hand, denn Bewunderung ist nur eine höfliche Reform des Ekels… weil Zersetzung Bewegung ist, ein Prozess. Kein Stillstand…“
„Ich werde mich nicht mehr biegen und nicht mehr versuchen, mich in mich selbst zu verleben, stattdessen über meine einsamen Dämonen siegen und, Freiheit. Ich atme Sie ein und nie wieder aus, halte sie fest, wie ein Kind seinen Traum.“
„Mein Schleichen wird zu einem sicheren Gang, mein Gehen zu einem gehetzten Lauf – ich laufe nach vorne, in die unendliche Weite, ohne Ziel, ohne Richtung, ohne klar ersichtbaren Sinn. Nach einiger Zeit komme ich erschöpft zum Stehen. Ich keuche atemlos vor mich hin und setze mich langsam auf den Boden. Wie anstrengend es doch ist, so lange zu laufen, ohne dabei vorwärtszukommen.“
„Ich habe doch alles, was das Herz begehrt. Mir kann es nicht schlecht gehen. Trotzdem ertrinke ich nun neben all diesen Dingen. Sie könnten mein Anker sein, mein Fels in der Brandung. Doch ein Fels sinkt schneller als ein menschlicher Körper. Drückt nach unten… Es ist viel einfacher, dem Sog zu folgen, als gegen ihn anzukämpfen…“
„Ich wünschte, ich wäre ein Schwamm. Ich wünschte, ich könnte jeden Moment wie ein Schwamm aufsaugen. Ich versuche krampfhaft, alles festzuhalten. Alle Erinnerungen so lebhaft zu behalten, als wären sie nie zu Ende gegangen. Ich trauere Momenten nach noch während sie passieren…“
„Er war eine Bimgeburt. Im 62er, Ecke Dörfelstraße, Meidling. Die Jungen hat’s gefreut, weil Kinder doch so lieb sind, und die Alten gestört, weil allweil so ein Lärm is‘. Nur der Fahrer hat wieder nur ans Dienstrecht gedacht und ob er an allem schuld ist oder nicht. Dabei war Er nur eine Störung im Betriebsablauf.
Eingeschult, ausgeschult, früh angestellt, schnell entlassen worden. Lang studiert – also die Speisekarte beim Wirten. Gegen Akademiker keine Abneigung, aber auch keine Sympathie. Die haben immerhin noch nie richtig gearbeitet. Eh, Er auch nicht, ja klar, sowieso. Aber bei Ihm ist das doch was anderes.
Und so steigt Er montags in seinen Toyota Corolla und fährt Richtung Niederhofstraße. Da ist in der Ruckergasse – etwa da, wo die Ratschkygasse kreuzt – ein Riesen-Bahö. Er fährt langsam, das will Er sich anschauen. Wann ist in Elfzwanzig immerhin sonst was los? Die ultrarechten Linksliberalen werfen den linksextremen Rechtsradikalen Hühnereier ans Parteilokal. Die Linken hassen nämlich die Rechten und die Rechten hassen die Linken, nur den Hausbesorger Rypacek interessiert das alles nicht. Der will nur wissen, welche Güteklasse die Eier haben, weil Güteklasse A sich so schwer wieder entfernen lässt.
Er hält sich da aber raus aus dem Bahö, immerhin ist es nicht seines, und mit Politik hat Er nichts am Hut. Entscheiden, das tun sowieso die da oben – das denkt nicht nur Er, das denken viele, betont Er gern. Deshalb gibt man in Österreich vermutlich alle 30 Jahren dem Extremen eine Chance. Aber damit kann man Ihm gestohlen bleiben.
Nein, Er muss weiter. Gang rein, auf’s Gas, Ruckergasse runter. Nicht geschaut, nicht gebremst. Mit 50 Sachen in einen Mistkübler rein. Von hinten. Toyota hin. Er auch.
Am Folgetag erwacht Er müde, in kater-ähnlichem Zustand in einer Einliegerwohnung am Schöpfwerk, Meidling. Eine Wiedergeburt ist anstrengend. Am Tisch zwei leere Bier und ein Bescheid des Himmlischen Comebackfragenzentrums. HiCofraZ. Hunger hat Er, und keine passende Hose. Dafür in der Garage einen Tiguan.
Er fährt einkaufen und trifft am Eingang, da wo die Hunde draußen bleiben müssen, die Grüß-Gotts mit ihren Zeitungskalendern und die Zum-Wohls mit ihrem Großgebinde Rotwein. Er hat keine Angst. Nur der hat Angst, dass die Zum-Wohls einem was tun, dem sie noch nie was getan haben, sagt Er. Ihn hat am Bahnhof mal einer beleidigt, in einer Fremdsprache. Doch sowas kann Er verkraften.
Nur an der Kassa hört der Spaß auf. Riesenschlange – eine alte Dame hat’s genau. Zweite Kassa! Er ruft sowas nicht, das schickt sich nicht, findet Er. Die neue Hose gleich einem Schal lässig umgeschwungen, weil Er keine Hand frei hat, geht Er in die Tiefgarage. Da fällt der Alten von der Kassa das 6er-Tragerl Bier hinunter und drei Flaschen gehen zu Bruch.
Er hilft und bückt sich. Kniebeuge, Armstrecken, Bierheben. Wird dabei völlig übersehen. Im Rückwärtsgang, beim Ausparken. Kastenwagen. Installateur Atesli, bei Rohrgebrechen aller Art. Firmenauto ein Totalschaden. Er auch.
Am Folgetag liegt Er benebelt auf einem Kuhfellteppich in der Zöppelgasse, Meidling. Ein Hund zerreißt seinen Bescheid des HiCofraZ. Guten Morgen! Eine alte Dame gießt Hortensien. Sie hat einen Hund namens Katze, eine Katze namens Erwin und einen Erwin namens Holecek. Der liegt bei ihr am Sofa.
Er verlässt die Wohnung und belädt seinen Twingo. Da blickt Er in die Ferne und sieht schwarze Punkte. Die Zugvögel, seufzt Er, aber in Wahrheit sind es nur Mistelbacher im Stau gen Italien. Er träumt, träumt vom Meer, von Amore, von Espresso und von Jesolo. Dabei sind eigentlich nur Mistelbacher dort. Wenn Er unten ist, trinkt Er immer Birra Moretti und Montepulciano und benimmt sich auch sonst wie zuhause, nur dass man da ins Meer schiffen kann. Nicht wie daheim ins Bankett.
Die alte Holecek ruft Ihn, Erwin ist gestürzt. Er denkt zunächst an die Katze, sieht aber bald ihren Alten im Stiegenhaus liegen. Schnell hilft Er, bei Stürzen zählt jede Sekunde, das weiß Er. Da geht die 3er-Tür auf und die Czapka ruft, was allweil so ein Radau ist, man könne sich nicht aufs Fernsehen konzentrieren. Als sie den Holecek sieht, eilt sie zur Hilfe und verwendet zwei Freiminuten für einen gebührenfreien Notruf.
Zwei Zivildiener verladen den Holecek. Bahre, festzurren, Abfahrt. Sie sind in Eile. Da beißt ihn Katze. Er stolpert, vor die Rettung. Die Zivis erschrecken. Ihre Nerven hinüber. Er auch.
Am Folgetag sitzt Er zugedröhnt an einem Esstisch in Hetzendorf, Meidling. Er weiß schon, was Sache ist, und zündet sich mit dem Wisch vom HiCofraZ eine Zigarette an. Er will unter die Leute kommen und fährt mit seinem Fiat Punto zum Wirten.
Drinnen wird geschimpft, über Preise, echte Wiener, solche die es werden wollen und über solche, die es nicht sind, obwohl sie so tun. Wer Wien hasst, der kann sich schleichen gehen!, ruft einer. No na, denkt Er, was sonst. Wer Wien hasst, liebt es in Wahrheit, das sagt Er immer. Und wer Ihn nicht liebt, ist sowieso selbst schuld. Da fängt einer, der Vucevic heißt, mit den Ausländern an. Daraufhin meint ein anderer, der Novak heißt, dass der Vucevic ja selber einer ist.
Das will der Vucevic nicht auf sich sitzen lassen und nennt den Novak einen Tschechen, was der Novak bestreitet, immerhin wären seine Ahnen schon in der Kaiserzeit gekommen. Da hat er Recht, denkt Er, das kann der Vucevic nicht von sich behaupten. Aber der winkt nur ab und beschwichtigt in ein Krügerl hinein. Er steht auf der Gasse, da fällt Ihm noch was ein. Am Ende sind wir alle Elfzwanziger!, ruft Er hinein und erntet Zustimmung. Klar, sowieso, no na.
Dem 8A versagen da die Bremsen. Rutscht, rollt, schlittert. Direkt auf den Wirten zu. Er weicht nicht aus. Er weiß, was jetzt kommt. Eilmeldung. Kronen Zeitung. Bus rast in Wirtshaus. Eingangstür zerstört, Mann überfahren. Das war Er. Schon ein Scheißpech, denkt man im HiCofraZ. Arme Sau. Aber Er, Er sieht die Sache gelassen. Den Kater morgen wird Er verkraften. Solange Er nur wieder in Elfzwanzig landet.“
„Der Text überzeugt durch seinen rasanten, pointierten Erzählfluss, der das Wettbewerbsthema Tempo meisterhaft umsetzt. In schnellen Schnitten und mit wienerischem Schmäh jagt die Geschichte ihren Protagonisten durch ein Leben voller absurder Zufälle, alltägliche Katastrophen und grotesker Wiedergeburten. Die temporeiche Abfolge von Szene – jedes Mal abrupt endend, jedes Mal nahtlos neu beginnend – erzeugt eine komische wie tragische Dynamik, die den Leser atemlos mitreißt.
Sprachlich präzise, rhythmisch, humorvoll und mit scharfem Blick für gesellschaftliche Eigenheiten verbindet der Text das Wettbewerbsthema mit Charaktertiefe und Milieugespür. Die Geschwindigkeit mit der Leben, Tod und Wiedergeburt ineinander krachen, macht den Text formal wie inhaltlich zu einem herausragenden Siegerbeitrag.“
„Da steht er, zwischen den anderen, eine grün-weiße Raupe mit Zyklopenauge, schief am Stammplatz, du hast es eilig gehabt. Dein Bus ist mutterseelenallein, schwach beleuchtet. Ich habe ihn an den Post-its erkannt, sie kleben an der Windschutzscheibe und am Armaturenbrett. Ich gehe langsam auf ihn zu, hole die Stange aus dem schwarzen Rucksack, leger auf einer Schulter, lege das Eisen ans Gummi der Tür, es gibt leicht nach, ganz einfach, ich stemme die Tür auf, wie du es mir gezeigt hast und steige ein, dein Platz ist frei, aber ich sehe dich noch sitzen, verschmolzen mit dem bedruckten Stoffsitz. Direkt über dem Fahrersitz ist eine Sonne gezeichnet, dein eigener Stern…
Ich habe erst nach zwei Wochen meines neuen Schulwegs erkannt, dass immer du da vorne sitzt und fährst, immer im selben Bus, wie hast du das geschafft, habe ich dich gefragt, wenn du lange genug dabei bist, bist du frei irgendwann. Die Leute bemerken dich nicht mehr, so bist du mit dem Bus verwachsen und er mit dir, hast beobachtet und mitgeschrieben. Notierst die Geschichte, sie klebt gelb um dich rum. Du hast mir ab der vierten Woche eine Bedeutung zugewiesen, ich bin der, der sein Geld nie dabei hat, Schwarzfahrer, der trotzdem bezahlt, mit Kastanien, mit Nimm2, mit Spickzetteln oder einem Wort, ich habe dir nie eine Münze gegeben, du hast gesagt, ich nicht, ich muss mehr zahlen, den höheren Preis, du hast dir das ausgedacht in der vierten Woche, beim achten Mal Geld vergessen.
Unsere Freundschaft, Bekanntschaft, die lief so: Ich steige ein, ich bezahle (ich mache eine Pirouette, gebe dir ein Herbstblatt, sage meine Lieblingseissorten alphabetisch auf, du bestimmst den Preis), du schüttelst mir ernst die Hand, grüßt, ich gehe die Reihen entlang, der Rucksack schief auf den Schultern. Immer derselbe Platz, du links vorne, ich rechts hinten, in Fahrtrichtung. Auf dem Sitz vor mir steht: Lebn ist hart ohne S-Budget Juneberry, und, ich war das nicht, habe ich dir gesagt, als wir Plätze getauscht haben.“
„Sonne über dein Haupt“ ist die Geschichte eines Schülers, der im Chauffeur des Busses, mit dem er in seine neue Schule fährt, einer alternativen Form von Lehrer begegnet. Von ihm lernt er unter anderem, dass es auch andere Formen der Bezahlung gibt, dass es gilt, Freiheit auszusitzen, und erst dann davon gesprochen werden kann, wenn man für die anderen unsichtbar geworden ist.
Sukzessive verwandelt sich das Innere des Busses in eine sonderbare Form von Klassenzimmer, in dem rund um den Fahrersitz auf zahlreichen Post-its Die Geschichte geschrieben steht. Als der Chauffeur eines Tages tatsächlich nicht mehr ist, nimmt der Protagonist dieses Zettelwerk an sich. Zurück lässt er hingegen die Zeichnung einer Sonne, dort, wo sich, knapp darunter, tagtäglich die Halbglatze des Fahrers befunden hat.
Was diesen Text auszeichnet, ist der Mut, erzählerisch alternative Wege zu gehen, das Erblühen einer Beziehung zwischen einem Heranwachsenden und einem Rädchen im Alltagsbetrieb zu schildern und dabei, anstatt auf altbekannte Bilder zurückzugreifen, selbst welche zu erfinden. Auch scheut der Text nicht davor zurück, jene Akteure ins Zentrum zu rücken, die dazu tendieren, Teil des Hintergrundrauschens unseres Lebens zu sein und anzuerkennen, dass gerade ihre Menschlichkeit und die Eigenheit das Gewöhnliche zu etwas Besonderem werden lassen können. Wir tauchen in die Vorstellungswelt eines sich entwickelnden kreativen Geistes ein, der bereit ist mit seinen eigenen Einfällen vorlieb zu nehmen.“
„Schließlich tat ich das, was ich immer getan hatte, ich floh in mein Kinderzimmer. Wie erstarrt in der Zeit, so unberührt, dass es mir Angst machte. Mit einem seltsam fremden Gefühl ging ich im Raum auf und ab. Ich riss das Fenster auf, um den abgestandenen Geruch loszuwerden. Auf dem Bett unter der Dachschräge saß Rudi, mein Kuschelbär, mit dem von Oma bestickten Blümchenpullover. An den Wänden, glänzend poliert, hingen Medaillen, Pokale und Bilder von einem strahlenden Mädchen mit Dutt und Tutu neben einer noch strahlenderen Mutter. Die Spitzenschuhe, am Haken daneben, ließ ich unberührt in ihrem grazilen Stolz.
Dann begann ich nacheinander die Schubladen meines Schranks zu öffnen. Betrachtete alles mit Sorgfalt, als wäre es fremdes Eigentum. Vorsichtig strich ich über die aus Holz geschnitzten Tiere, mit denen ich mich stundenlang beschäftigt hatte. Die verblasste Spieldose, mit der sich drehenden Tänzerin, hielt ich besonders lange und summte die Melodie. Gemeinsam mit meiner Herzchen-Kette, die ich von meiner besten Freundin bekommen hatte, bildeten Rudi, die Holztiere und die Spieldose einen kleinen Haufen am Parkettboden vor mir. Die anderen Spielsachen schlichtete ich mit gründlicher Genauigkeit an ihren Platz zurück. In der untersten Lade meiner hellrosa Kommode fand ich meine alte Barbiepuppe Annelies. Ihre blonden Haare waren in einen großen Knoten zusammengefilzt, ihre Plastikhaut hatte längst den frischen Glanz verloren und ihr fehlte der rechte Stöckelschuh. Ich hielt sie und weinte. Endlich weinte ich. Die tiefgekühlten Gefühle schmolzen und tropften auf meine Hose. Ich weinte um das kleine Mädchen, ein Werkzeug der verpassten Träume ihrer Mutter und die Schuld, immer wieder daran zu scheitern, diese einzuholen…“
„Ein Haufen Kindheit entfaltet seine Dramatik in ruhigen, präzisen Bildern, die jedoch emotional mit großer Wucht voranschreiten. Durch die Gegenüberstellung des erstarrten Elternhauses und der sich immer schneller verdichtenden inneren Aufarbeitung erzeugt der Text ein stilles, aber stetig zunehmendes Tempo der Erkenntnis.
Die Autorin zeigt, wie kraftvoll langsames Erzählen sein kann: Die Rückkehr in das Kinderzimmer, das Öffnen der Schubladen und das Wiederentdecken der Objekte der Kindheit werden zu einer sukzessiven Beschleunigung des inneren Wandels. Der Moment des Weinenkönnens markiert einen emotionalen Durchbruc, der den Text – ohne äußere Hast – in ein starkes finales Tempo führt. Das scheint vor allem dem Publikum besonders gefallen zu haben. Denn ausschlaggebend für den dritten Platz war hier das Public Voting.“
Zeitreisen spielten in manchen Texten zum Thema Tempo der jugendlichen Autor:innen eine Rolle. Neben vordergründigen Wiedergeburten baute der Autor des dieses Jahr siegreichen Textes „Elfzwanzig“ – der Ort seiner Handlungen, gleichzeitig sein Heimatbezirk, ist Meidling, der 12. Wiener Bezirk mit der Postleitzahl 1120 – auch gleichsam zeitreisende Altwiener Begriffe ein. So verwendet er „Mistelbacher“ für Polizisten, was einen rund 100 Jahre zurückliegenden historischen Grund hat (Link weiter unten).
„Ich mag so alte Wiener Bezeichnungen und sammle sprachliche Kuriositäten“, beantwortet er die Frage von Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… woher er diesen – seit vielen Jahrzehnten gar nicht mehr üblichen Begriff – kenne. Texte, die nicht für die Schule sein müssen, schreibe er ungefähr seit der Zeit, als er im Gymnasium begonnen habe. „Zeitweise wenn mir sehr fad ist, beginne ich Texte zu schreiben oder zumindest Gedanken zu sammeln. Das meiste auf papiernen Zetteln. Mein Laptop ist so langsam, da mach ich nur das Nötigste. Manches Mal schreibe ich auch in Hefte. Einmal hab ich leider ein solches mit vielen Notizen in einem Lokal verloren. Vielleicht finde ich ja einmal irgendeinen Text von jemandem, der das Heft gefunden und meine Aufzeichnungen verwendet hat“, meint Philip Pecoraro augenzwinkernd.
Eine der vielleichtheftigsten Passagen der rund 100 A4-Seiten der 23 Finaltexte des Jubiläums-Jugendliteraturbewerbs „texte.Wien“ stammt aus „Ein Haufen Kindheit“ von Bruna Karolyi (Gymnasium Neusiedl am See), die damit den dritten Platz belegte: „Die einzige Wärme im Raum ging von der Tasse Tee aus. Geredet wurde nur wenig. Die Stille war mir so vertraut, dass es beinahe komisch war, wie sehr sie mich erdrückte. Nur die Uhr tickte. Immer lauter…“ Bleibt zu wünschen, dass möglichst wenige solche Gefühle an den bevorstehenden Feiertagen erleben (müssen).
Wobei die Autorin im Gespräch mit Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… betont, dass „Dies aber nichts Autobiographisches ist, sondern alles ausgedacht. Ich versuche beim Schreiben immer wieder, mich in andere Personen hineinzuversetzen.“ Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… erzählt sie: „Ich hab schon in der Volksschule begonnen mehr zu schreiben als für die Schule gefragt war. Und im Gymnasium in Neusiedl hatte ich das Glück, dass wir da eine kreative Schreibwerkstatt haben. Trotzdem schreib ich das meiste dann in der Freizeit. Für diesen Text hatte ich ziemlichen Zeitdruck. Genau deshalb wollte ich mit Verlangsamung, ja fast Stillstand experimentieren.“
Alljährlich begleitet eine neue, junge Band die feierliche Preisverleihung mit professioneller Lesung aus den Finaltexten durch Schauspieler:innen, zunächst „nur“ des Bugtheaters, seit der neuen Location auch aus dem Schauspielhaus Wien. In diesem Jahr spielte „Leeta“ auf. Noah Sarich (eGitarre und Gesang), Leona Sperrer (ebenfalls eGitarre und Gesang), Lea-Carlotta Walenta (Bass) und Paul Peschke (Schlagzeug) spielten und sangen selbst geschriebene Songs – in auch selbst gemalten und geschneiderten T-Shirts mit den Symbolen von Spielkarten.
„Wenn wir uns treffen, um neue Songs zu schreiben, reden wir über das Thema, das wir bringen wollen, und entweder schreiben wir gemeinsam oder die eine oder der andere schreibt dann. Und das mit den Spielkarten haben wir einmal ausprobiert und uns gedacht, das ist ganz cool und hat einen Wiedererkennungswert. Vorerst bleiben wir sicher dabei.“
Die jungen Musiker:innen verraten Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… auch den Hintergrund für den Bandnamen. Die beiden Frauen haben in einer WG beim Karmelitermarkt in Wien-Leopoldstadt gewohnt. „Das hat uns gefallen und wir wollten von dem Namen ausgehend, was Verfremdetes und so sind wir von Karme-liter auf Leeta gekommen!“
Katherina Braschel arbeitet als freie Schriftstellerin und Kulturveranstalterin. Sie schreibt darüber hinaus für die Literaturmagazine „Radieschen“ und „Morgenstern“ und gibt Schreib-Workshops, unter anderem im Literaturhaus Wien. Dieses Jahr war sie Teil der Jury für die Exil-Literaturpreise – Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… hat darüber bereits zwei Teile veröffentlicht – Links dazu am Ende dieses Beitrages.
Mit KiJuKU spricht in Braschel über ihr Leben als Autorin, was einen guten Text ausmacht und wieso Tagebuchschreiben nichts für sie ist. Das Interview führte Stefanie Kadlec, Schülerin im Maturajahr, die hier seit einigen Monaten Journalismus-Luft schnuppert.
KiJuKu: Wie bist du zum Schreiben gekommen, war das schon sehr früh?
Katherina Braschel: Meine Mutter hat sehr viel Wert darauf gelegt, dass ich viel lese und deswegen waren wir auch viel in Bibliotheken, wo ich dann sehr viel Zugang zu Büchern bekommen habe. In der Schule hatte ich Glück mit meinen Lehrpersonen, die mich immer unterstützt haben und auch schon in der Volksschule gesagt haben: Das ist eine tolle Kurzgeschichte. Schreib noch eine. Ich habe in der Schule auch Schreibworkshops besucht und das Schreiben ist mir immer geblieben. Eine Zeit lang war ich mehr im Theaterbereich, also in der Off-Szene, aber das Schreiben war immer da. Ich habe 2019 beschlossen, es auch hauptberuflich zu machen. Ich glaube, es war schon immer da, dadurch weil es auch immer schon meine Ausdrucksform war.
KiJuKu: Du bist in der Jury der Exil-Literaturpreise, wo du Texte lesen und aussuchen musst. Wie sucht man einen Text aus und wann ist ein Text gut?
Katherina Braschel: Eine Jury wird nach verschiedenen Qualifikationen zusammengestellt, aber man kann versuchen, es nach objektiven Kriterien zu machen. Das haben wir auch versucht und hoffentlich gut hinbekommen, aber letztlich sind es auch subjektive Kriterien. Ich fand es total spannend, so viele Texte zu lesen und unterschiedliche Zugänge zu bekommen. Wir hatten auch Texte, wo wir uns in der Jury gar nicht einig waren. Für mich ist ein Text gut, wenn er mich noch länger beschäftigt. Er muss mich irgendwie berühren, er kann mich auch wütend machen und er kann mich auch angreifen. Ich mag es auch, wenn Leute sich in ihren Texten etwas trauen, die Formen sprengen oder erweitern. Bei diesem Preis ist es ein bisschen selbstverständlich, aber ich mag auch politische Texte, die sich etwas trauen.
KiJuKu: Was hast du als Autorin schon veröffentlicht?
Katherina Braschel: Ich habe 2020 das Buch „Es fehlt viel“ in der Edition Mosaik veröffentlicht. Das war ein experimenteller Band, also die Buchhandlungen tun sich schwer es irgendwo hinzustellen und es lag meistens bei Lyrik. Es ist vielleicht auch ein bisschen eine Hilflosigkeit, ich finde es ist keine Lyrik. In dem Buch ging’s um Dokumentieren, da habe ich experimentell gearbeitet und Zitate, Mitgehörtes auf der einen Seite in den Text eingeflochten und auf der anderen Seite Beobachtungen und Reflexionen. Das klingt jetzt ein bisschen trocken, aber es ist auch schwer zu erklären. Es ist ein Text, der sich ums Dokumentieren dreht und um die Frage, wozu man eigentlich das Recht hat zu dokumentieren.
KiJuKu: Schreibst du auch Tagebuch?
Katherina Braschel: Nein, ich habe oft versucht damit anzufangen, aber ich glaube ich bin dazu nicht genug gnädig mit mir selbst. Ich habe dann permanent ein schlechtes Gewissen, wenn ich einen oder mehrere Tage auslasse. Eine Zeit lang habe ich jeden Tag in ein Notizbuch einen Satz geschrieben. Das hat gut funktioniert und das lese ich auch jetzt manchmal noch gerne durch, weil’s auch ein Satz ist und es macht Freude und das ist auch etwas, was man leicht einhalten kann.
KiJuKu: Hast du irgendeinen Lieblingssatz?
Katherina Braschel: Ein Satz, der nie unwichtig sein wird: Kein Mensch ist illegal.
Stefanie Kadlec, 18
Eine dreisprachige Familie steht im Zentrum des Textes der Siegerin, in anderen Texten kommen mehrere Sprachen vor, die Jugendlichen des prämierten Schulprojektes versetzten sich in Altersgenoss:innen in verschiedensten Teilen der Welt… Über die Texte der Schülerinnen samt kurzen Interviews mit jenen sechs der sieben die zur Preisverleihung gekommen waren, gibt es einen eigenen Beitrag, der schon früher erschienen ist – Link dazu am Ende dieses Beitrages: „Wenn ich bei der Geburtslotterie nicht gewonnen hätte…“
„Schreiben zwischen den Kulturen“ ist das Motto der heuer (2023) zum 27. Mal vergebenen Exil-Literaturpreise. Nach vielen Jahren auf der Buch Wien – wo der zeitliche Rahmen immer sehr begrenzt war – fand die Preisverleihung nun auch schon zum wiederholten Mal im Literaturhaus Wien statt. Heuer mit leider nur recht kurzen Auszügen aus den ausgezeichneten Texten.
Der Bewerb, die Preise und vor allem die Edition Exil, bei der nicht nur die gesammelten vollständigen Preistexte erscheinen – siehe Info-Box -, sondern immer wieder auch Einzelbände vormaliger Preisträger:innen, wirkt damit seit mehr als einem ¼-Jahrhundert befruchtend für die österreichische Literatur. „Heute so bekannte Autor*innen wie Julya Rabinowich und Thomas Perle, Susanne Gregor und Didi Drobna, Marko Dinić, Ljuba Arnautović, Dimitré Dinev und Samuel Mago und viele andere wurden durch die Exil-Literaturpreise entdeckt und zu Beginn ihrer Karrieren im Autor*innen-Coaching im Rahmen der Exil-Autor*innenwerkstatt und meist auch mit Erstpublikationen in der edition exil entscheidend gefördert“, schreibt und sagt Christa Stippinger, Herz, Seele und Motor des Bewerbs und der Edition.
„Ich weiß, dass in jeder Sprache ein anderer Mensch steckt. Mein Vater ist sanft, wenn er Ukrainisch spricht“, heißt es an einer Stelle von „Platz für Enge“, dem Text, mit dem Anastasiya Savran den Exil-Literaturpreis 2023 – von 1999 Einreichungen) gewonnen hat. „Mutter hingegen ist geradlinig, gerecht und streng. Ihre russische Sprache und den Tonfall nehme ich an, wenn ich überzeugen will. Wenn wir diskutieren und jeder den eigenen Standpunkt durchzusetzen versucht.
Und Deutsch? Das ist die Sprache, die ich verwende, um zu erklären. Es ist die Sprache, um sich Neuem anzunähern. Wir reden deutsch, wenn etwas noch fremd für uns ist.
Ich weiß auch, dass alle drei Sprachen in meinen Eltern wohnen. Aber seit einem Jahr hat sich etwas verändert…“
Die Autorin ist als sehr junges Kind (eineinhalb Jahre) nach Österreich gekommen. „Als meine Familiensprache bezeichne ich Ukrainisch, weil es für mich eine starke Bedeutung hat, in Bezug auf Emotionen und den Wortschatz. … Mit meinen Brüdern oder Schwestern rede ich Deutsch, und obwohl wir die Sprache beherrschen, ist es anders, als wenn wir Ukrainisch sprechen“, wird sie im Preistexte-Band zitiert. „Für mich persönlich ist Heimat kein Ort, den man mit einer Pin-Nadel auf einer Karte festlegt, sondern ein Wert, und der kann in zwei, drei oder vier Ländern liegen.“
Savran, die am Gymnasium im Wiener Theresianum naturwissenschaftliche Fächer unterrichtete, ist nunmehr Lehrende und Forscherin an der Pädagogischen Hochschule Wien 10 – Schwerpunkt Naturwissenschaften, IT in Verbindung mit Kunst (STEAM – Science, Technology, Engineering, Arts, Mathematics) – womit sie noch ganz andere Sprachen in ihr Leben integriert – und obendrein vermittelt;)
„In meiner Sprache kann ich nicht schlafen, dormire, il sonno heißt aber der Schlaf. Insonne werde ich, als er mir ausweicht. Sogar manche Pflanzen nehmen nachts eine Schlafposition ein, lese ich, die Blätter nach unten. Blüten schließen sich meistens. Ob sie auch wirklich schlafen, weiß ich nicht“, schreibt Wania Laila Castronovo in „Insonne. Berichte aus einer anderen Landschaft“. Damit gewann sie den zweiten Preis. Immer wieder switcht sie zwischen Deutsch und Italienisch (manches Mal in Fußnoten im Buch übersetzt) und bringt das in zwei kurzen Sätzen auf den Punkt: „Am liebsten die Sprache vermischt. Am genauesten spreche ich gemischt.“
„Das Ungleichgewicht der Grenzen“ betitelte Sára Köhnlein ihren Text, mit dem sie auf Platz drei des aktuellen Bewerbs kam. Und in dem sie unter anderem die „herrschende“ Hierarchie von Sprachen thematisiert. Aus dieser Passage sei hier zitiert:
„Doch es ist mehr als der Inhalt, es ist die Sprache selbst. Er ist der, der alle Sprachen sprechen darf; wenn er Deutsch redet, antworten die Menschen auf Deutsch, um die Sprache zu üben. Wenn er Tschechisch spricht, wird er für seine Kenntnisse gelobt. Wenn er Englisch spricht, sagt man, er beherrsche so viele Sprachen.
Auch in der Familie bemerkt Ludvika das subtile Ungleichgewicht, das in allen Aspekten des Lebens vorhanden ist. Wenn sie in Deutschland sind und Mutter auf Deutsch spricht, wird sie korrigiert, während Vater in Tschechien viel häufiger gelobt wird. … eine Sprache ist immer mächtiger als die andere, eine Sprache hat mehr Geld als die andere, … In Ludvika wohnen beide Sprachen und in ihrem Haus wohnen beide Elternteile.“
Auch in der Familie bemerkt Ludvika das subtile Ungleichgewicht, das in allen Aspekten des Lebens vorhanden ist. Wenn sie in Deutschland sind und Mutter auf Deutsch spricht, wird sie korrigiert, während Vater in Tschechien viel häufiger gelobt wird. … eine Sprache ist immer mächtiger als die andere, eine Sprache hat mehr Geld als die andere, … In Ludvika wohnen beide Sprachen und in ihrem Haus wohnen beide Elternteile.“
In diesem Jahr wurde auch ein Lyrikpreis vergeben. Dieser ging an Lorena Pircher für ihren gedichteten Text „Neujahr“ über zerrissene Gefühle einer Familie im Exil. Daraus sei der Abschnitt V (von sechs -in römischen Ziffern) zitiert: (alles in Kleinschreibung im Original) „geruch von schafwolle und essig duft der geborgenheit heu orecchiette geschälte tomaten wir inhalieren einen schluck wein und / die scalda ’nduja zischt leise das fleisch köchelt / spalmare ein wort das meinen gaumen füllt meine augen folgen der hand meiner schwester / sie liest matilde serao nach dem essen obwohl die worte ihr wie geröll im mund lasten einzeln gegen die zähne schlagen fremdkörper in ihr / wir kinder sprechen die madrelingua nur mehr selten rauchschwalben pendelnd zwischen dem was wir nicht loslassen wollen und dem was wir noch nicht erfassen können / niemals vergessen wollen was wir erinnern können niemals vergessen woher wir kommen.“
Seit vielen Jahren vergeben die Exil-Literaturpreise auch einen für Autor:inen mit Deutsch als Erstsprache. Dieser ging 2023 an Lisa-Viktoria Niederberger für „Gittka“. Ihre Protagonistin lebt im Altersheim – und die Autorin verwebt ihr dortiges Dasein mit Erinnerungen an deren eigene Geschichte. Darin heißt es unter anderem:
„Gittka und ihre Eltern.. gehören zur Gruppe der Vertriebenen, sind Displaced Persons. Ein Drittel der Menschen in Linz nach dem Krieg waren KZ-Überlebende, Flüchtlinge, Vertriebene. Ich habe in der Schule nicht viel über diese Stadt in jener Zeit gelernt. Auch die Volksdeutschen, die Karpatendeutschen, waren lange Zeit nur eine Fußnote in meinem Wissen über Zeitgeschichte. Irgendwann ändert sich das, will ich diese Lücken füllen, mit Büchern, Dissertationen, Besuchen in Archiven. Meine Primärquellen sind tot.“
„Vom Vergessen. Vom Kritzeln.“ Nannte Estera Calin ihren poetisch, phasenweise fast mystischen-Mythischen Text. Mit dem gewann sie die Jugendkategorie bei den Exil-Literaturpreisen 2023. In diesem Jahr hatte sie in Linz maturiert, wohin sie erst wenige Jahre zuvor aus Chișinău (Hauptstadt der Republik Moldau) mit ihrer Familie gekommen war. Die ersten zwei Lebensjahre verbrachte sie in Gagausien, einem autonomen Gebiet in diesem kleinen Land.
Zitat aus dem ausgezeichneten Text: „Vielleicht waren ihre Worte im Innersten faul, bereits verrottet.
Vielleicht hatte sie nicht die richtige Sprache gesprochen.
Vielleicht war sie einfach nur wahnsinnig verliebt in Worte, die niemand verstand.
Folclor. Бабушкин суп. Criză economică. Клянусь, я пришла сюда не для того, чтобы есть ваши деньги. Ihre Worte, ihre Kinder. Ihre unschuldigen, süßen Kinder. Die sie sprechen würde. Die sie singen würde. Die sie fürchtete, durch den bloßen Akt des Vergessens getötet zu haben.
Die sie jetzt so verzweifelt wiederbeleben wollte, aber sie wollten nicht kommen.
Vielleicht haben sie sie vergessen.“
„Nur eine Literatur, die Mehrsprachigkeit nicht nur zum Thema macht, sondern aus der Mehrsprachigkeit kommt und sie in vieler, oftmals erstaunlicher Weise selbst praktiziert, kann uns Leser*innen all das zeigen. Und darum, so denke ich, sollten vielleicht gerade Autor*innen, die mit großer Souveränität ihre einzige eigene Sprache handhaben, sich diesen mehrsprachigen Texten aussetzen…“, schreibt Jessica Beer, Mitglied der Jury und Moderatorin der Preisverleihung im Vorwort zum aktuellen „preistexte“-Band.
„Er stammt aus der Imagi-Nation, dort sind alle eingebildet“, tröstete mich die Frage. Eine Weile gingen wir dahin, bis sich uns eine Wand, unüberwindbar, in den Weg schob. „Sehr unangenehm. Darf ich vorstellen. Die Schreibblockade“, sagte die Frage und trat mit voller Wucht gegen das Urgestein. Das Mauerwerk blieb schwer unbeeindruckt. „Jenseits von ihr liegen der magische Schreib-Fluss und die große weite Geschichtenwelt. Ach, wie gerne ich sie überwinden würde, aber dazu brauche ich eine Antwort.“
Diese Sätze stammen aus „Graue Zellen – geschüttelt, nicht gerührt“ von Eleftheria Walzer. Es ist einer der fantasievollen, tiefgründigen, sprach- und gedanken-verspielten Final-Beiträge zum Thema „Kein Ende“ aus jungen Köpfen und Händen des Schreibbewerbs „Texte. Preis für junge Literatur“. Zum 13. Mal ging – mit Ausnahme der Corona-Jahre mit ihren digitalen Lesungen – dieses Finale in einer Gala in der Burgtheater-Spielstätte Kasino am Schwarzenbergplatz über die (dieses Mal unterbeheizte und damit ziemlich kühle) Bühne.
Schauspielerinnen und Schauspieler des Burgtheaters – diesmal mit einer Gästin des Salzburger Landestheaters – lasen Auszüge aus den 25 Final-Beiträgen. Und zwar alle gleichwertig. Jeweils zwei Minuten – dann gab’s eine „akustische Intervention“ in Form einiger Gitarrenklänge des Jugendlichen Wenzel Beck, der dieses Mal für die musikalische Umrahmung sorgte. Bei einigen wenigen Texten musste er auf seine „Intervention“ hingewiesen werden, weil diese knappen Texte kürzer waren als das einheitliche Format.
Obwohl Wettbewerb samt Jury – neben dem Online-Voting – und einer Rangfolge der drei Erstplatzierten, strahlt dieser Bewerb eine große Gemeinsamkeit aus: Leidenschaft und Lust Jugendlicher, Gedanken in Worte, Sätze zu fassen, und zwar in literarisch ausgetüftelter Sprache. Und die Würdigung dieser kreativen Leistungen durch die große Bühne – samt der oben schon erwähnten – gleichwertigen Präsentation von Auszügen aller Finaltexte – übrigens 25 von 510 Einsendungen für diese 13. Ausgabe, die siebente des Vereines „Literarische Bühnen Wien“. Außerdem organisiert der Bewerb Workshops mit Schriftsteller:innen, in denen die Final-Teilnehmer:innen sich mit den Fachleuten austauschen und so manches dazulernen konnten.
Und dennoch gab/gibt es Texte, die – aus Online-Voting und Jury – nochmals hervorgehoben wurden. Und so gewann Yiannis Pagger aus Graz von der künstlerischen HTL Ortweinschule mit „Bär ist gleich Bär“ vor Lisa-Marie Wallner vom wirtschaftskundlichen Gymnasium Graz, die „Generation Schneeflocke“ geschrieben hatte und dem Schüler der Sir Karl Popper Schule im Wiedner Gymnasium Philip Pecoraro und dessen Texte „Hurghada“.
Mit allen dreien konnte Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… kurze Interviews führen – die als eigene Beiträge hier weiter unten verlinkt sind.
Empfohlen sei aber vor allem zumindest hineinzulesen in den einen oder anderen – am besten durchaus in alle 25 Texte – auf der (ganz unten verlinkten) Homepage des Bewerbs. Vielleicht als Anreiz nur auch noch kurze Zitate aus einem Text aus dem einige der Sprachspiele durchs Schriftbild besser zur Geltung kommen als beim Hören der wunderbaren fast szenischen Lesung – Dorothee Hartinger, Dietmar König, Markus Meyer, Sarah Zaharanski: „G. Dan-Ken“ steht auf dem kleinen Schild am Holztisch…“ beginnt Sophie Schuster aus dem Bernoulligymnasium ihren Text „Gelöscht“. In dem lässt sie „Text I. Dee“ nach einem Ende suchen lässt 😉
Traditionsgemäß wurde der Text von Platz 1 – wie schon erwähnt von Yiannis Pagger – nach der Verleihung der Preise in voller Länge gelesen, dieses Mal von Cornelius Obonya, der damit auch das Ehrenamt des Obmanns des Vereins übergab – an Markus Meyer. Intendant und das Gesicht des Bewerbs bleibt sein Erfinder Christoph Braendle, Seele und Motor im Hintergrund Margit Riepl.
„Der Text ist wunderbar surrealistisch und skurril und steht dabei dazu. Man fragt sich ständig wie es als nächstes weitergeht und was diese wundersame Fahrt im Transporter zu bedeuten hat. Der*die Autor*in (die Jury bekam die Texte anonymisiert, wusste also gar nicht, wer sie geschrieben hatte) hat eindeutiges sprachliches Geschick, was sich für uns vor allem in den unterschiedlichen Stimmen der Charaktere wiedergespiegelt hat – alle haben sie ihre eigene Ausdrucksweise und Charakterisierung – in einem kürzeren Text ist das, unserer Meinung nach, nicht einfach zu bewältigen und zeugt von Kreativität und handwerklicher/ sprachlicher Gabe. … er war spannend, lustig und interessant zu lesen zugleich.“
Zu Platz 2 begründete die Jury unter anderem: „Die Lebenssituationen von sechs jungen Menschen werden hier geschickt miteinander verwoben und so entsteht in einem relativ kurzen Text ein sehr anschauliches Bild einer ganzen Generation.“
Aus der Jury-Begründung zu Platz 3: „Beeindruckend war für uns, wie gut es einem jungen Menschen gelingt, sich in die Gefühls- und Gedankenwelt einer 80jährigen Frau einzufühlen und wie kompetent das dann sprachlich und erzählerisch umgesetzt wird.“
In einer Woche werden andere Nachwuchs-Literaturpreise vergeben – die exil-Literaturpreise „Schreiben zwischen den Kulturen“. Dabei gibt es jedes Jahr auch einen Jugendliteraturpreis sowie einen für Schulprojekte. KiJuKU wird – wie jedes Jahr – auch darüber berichten.
„In Hurghada fallen Schneeflocken auf Bären“… – aus der Jurybegründung
In „Generation Schneeflocke“ beschreibt Lisa-Marie Wallner die Lebenssituation von sechs Jugendlichen als „anschauliches Bild einer ganzen Generation“ (aus der Jurybegründung). Sie belegte damit Platz zwei im aktuellen Schreibbewerb „Texte. Preis für junge Literatur“. Stefanie Kadlec, Schülerin im Maturajahr und Praktikantin bei Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr…, bat sie nach der Preisverleihung zum Interview.
KiJuKU: Wieso hast du angefangen zu schreiben?
Lisa-Marie Wallner: Ich habe immer schon gerne gelesen und irgendwann angefangen, selbst Geschichten zu schreiben. Bei mir waren es früher Pferdegeschichten. Mit meiner lieben Freundin Kathi habe ich einen Wattpad-Account gestartet und über diese online Schreibplattform bin ich mehr in das ganze Geschichtenschreiben hineingekommen. Ich habe über die Schule zum Wettbewerb gefunden und bin dann hier als Zweite gelandet.
KiJuKU: Wie bist du zu dem Titel „Generation Schneeflocke“ deines Textes gekommen? Was hat dich zu der Geschichte inspiriert?
Lisa-Marie Wallner: Mein Vater hat von einem Zeitungsartikel erzählt, in dem er gelesen hat, dass unsere Generation schon im Burn-out ist und deswegen wurde sie im Artikel als „Generation Schneeflocke“ bezeichnet. Das hat mich dann auf die gesamte Geschichte gebracht mit Vorurteilen und so weiter. Sie hat sich irgendwie so entwickelt im Kopf.
KiJuKU: Ich habe nur den Anfang gehört, aber mir ist aufgefallen, dass der Text genaue Beobachtungen enthält…
Lisa-Marie Wallner: Ich habe versucht, das Leben der heutigen Jugendlichen und – ich kann nicht für alle sprechen – was ich so fühle einzubauen; das, was die Jugendlichen heute beschäftigt, zusammen zu weben.
KiJuKU: Überlegst du, auch beruflich in diese Richtung gehen?
Lisa-Marie Wallner: Ehrlich gesagt bis jetzt nicht. Ich schreibe freizeitmäßig, wenn ich Lust darauf habe und mich was inspiriert. Aber ich habe noch keinen wirklichen Berufswunsch, also kann sein.
KiJuKU: Schreibst du Kurzgeschichten oder auch andere Textarten?
Lisa-Marie Wallner: Meine Freundin und ich haben im vorigen Jahr auf einer Onlineplattform aktiv viel geschrieben, jetzt leider nicht mehr. Wir haben verschiedene Geschichten geschrieben: Geschichtliches, eine Fan Fiction und eine Art Adventkalender mit einer Kriminalgeschichte. Es hat sich erübrigt mit diesem Schreiben und mittlerweile sind es nur noch Kurzgeschichten.
KiJuKU: Hast du irgendwelche AutorInnen, von denen du dir Inspiration holst?
Lisa-Marie Wallner: Die Geschichte, die ich geschrieben habe, war ein bisschen von Anne Freytag inspiriert. Sie schreibt auch von Jugendlichen aus und obwohl sie erwachsen ist, kann man sich so gut in ihre Geschichten hineinversetzen. Mein Text ist ein bisschen an die Bücher angelehnt, die ich toll finde.
Stefanie Kadlec, 18
Mit „Hurghada“, einem Text, in dem sich der Jugendliche beeindruckend in die Gefühls- und Gedankenwelt einer 80-jährigen Frau einfühlt, gewann Philip Pecoraro den dritten Platz im aktuellen Schreibbewerb „Texte. Preis für junge Literatur“. Stefanie Kadlec, Schülerin im Maturajahr und Praktikantin bei Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr…, bat ihn nach der Preisverleihung zum Interview.
KiJuKU: Was hat dich zu deinem Text außer dem Motto inspiriert?
Philip Pecoraro: Das kam eigentlich einfach so. Ich fange an und meistens wird es dann fertig. Es war in dem Fall auch so. In Workshops haben wir auch ein bisschen was geschrieben und da habe ich ein paar Einflüsse hergenommen.
KiJuKU: Ich habe gelesen, du bist im Karl-Popper-Gymnasium, was keine gewöhnliche Schule ist. Wie ist es dort?
Philip Pecoraro: Es ist ein spezieller Schulzweig des Wiedner Gymnasiums und ist eine sehr freie Schulform mit viel Wahlmöglichkeiten. Das ist sehr angenehm.
KiJuKU: Gibt es auch einen Fokus auf Sprachen?
Philip Pecoraro: Den Fokus kann man selbst legen. Man kann ansetzen, wo man ansetzen möchte.
KiJuKU: Welchen Fokus hast du gewählt?
Philip Pecoraro: Eher die Sprachen.
KiJuKU: Welche Sprachen sprichst du noch?
Philip Pecoraro: Spanisch, Französisch, Englisch und Latein.
KiJuKU: Schreibst nur auf Deutsch?
Philip Pecoraro: Hauptsächlich. Ich finde es auf Deutsch am einfachsten und weiß es auch am besten.
KiJuKU: Hast du irgendwelche AutorInnen, von denen du dich inspirieren lässt?
Philip Pecoraro: Ich finde Robert Gernhardt ganz gut. Weiß nicht, ob man den kennt. Das ist ein deutscher Humorist. Uwe Timm lese ich in letzter Zeit ganz gern. Ich finde, die haben einen lustigen lockeren Stil. Sehr angenehm zum Lesen.
Stefanie Kadlec, 18
Ash Ogg sprach nach der Preisverleihung KiJuKU-heinz an und erinnert den Journalisten an eine Begegnung vor zehn Jahren. „Da war ich ungefähr sechs, du kannst dich sicher nicht mehr erinnern, das ist zehn Jahre her!“ Diese wurde aber durch die Schilderung der Mutter lebendig, die darauf hinwies, dass Mia damals beim Projekt „Theaterhotel“ zwischen den fein gedeckten Tischen Räder schlug. Da kamen die Bilder wieder. Aber darum geht’s hier nicht. Seit einem Jahr nennt Mia sich Ash und hat den Text „Du oder ich?“ kurz und bündig geschrieben – einen der wenigen Texte, der von den Schauspieler:innen innerhalb des jeweils 2-Minuten-Slots zur Gänze gelesen werden konnte. Ein innerer Monolog mit der eigenen Angst, Sehnsucht…
KiJuKU: Seit wann schreiben Sie?
Ash Ogg: Seit ich schreiben kann, immer wieder mal, in letzter Zeit aber immer öfter.
KiJuKU: Eigene (Fantasie-)Geschichten oder ausgehend von eigenen Erlebnissen?
Ash Ogg: Meist sehr kurze Texte, oft innere Monologe und teilweise komplett erfundene Sachen, die aber oft einen Kern in der Realität haben.
KiJuKU: Und schreiben Sie meist für sich oder – so wie jetzt hier – auch für die Öffentlichkeit?
Ash Ogg: Meist für mich, erst seit Kurzem hab ich Texte eingereicht.
KiJuKU: War dies der erste Bewerb, wo Sie Texte eingereicht haben?
Ash Ogg: Ja, das war der erste Bewerb, wo ich was eingeschickt habe.
KiJuKU: Und wie kam es dazu?
Ash Ogg: Wir haben eine neue Deutschlehrerin. Damit sie uns besser kennenlernen kann, hat sie uns Texte schreiben lassen und dann gesagt, wenn ihr wollt, könnte ihr euren Text dann bei diesem Bewerb einreichen. Ja, und ich dachte, kann nicht schaden.
KiJuKU: War es dann für Sie eine Überraschung, dass Sie damit gleich ins Finale gekommen sind?
Ash Ogg: Ich hab ihn eingereicht, weil ich Lust dazu hatte, ich hab nicht gedacht, dass ich damit weiterkomme.
KiJuKU: Wie war es hier heute Abend, den eigenen Text – von Profi-Schauspieler:innen gelesen – gehört zu haben?
Ash Ogg: Also ich hätte ihn anders gelesen. Aber es war nicht schlecht.
KiJuKU: Schreiben Sie jetzt weiter?
Ash Ogg: Ziemlich sicher, ja. Ich war jetzt auch ein, zwei Mal bei Poetry Slams.
KiJuKU: Würde Sie das mehr reizen in diesem Stil zu schreiben?
Ash Ogg: Schon, ja.
Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… traf Hannah Oppolzer (23), deren erster Roman kürzlich in einem renommierten Verlag erschienen ist (Link zur Buchbesprechung am Ende des Beitrages) zum Interview. Anmerkung vorweg: Hannah hat schon als Kind und Jugendliche für den Kinder-KURIER, Vorläufer von KiJuKU.at bei Zeitungs-Workshops Artikel verfasst und kam bisher gut ein Dutzend Mal erst im KiKu, später auf KiJuKU.at vor – als erfolgreiche Teilnehmerin beim Jugend-Schreibbewerb texte.wien und mit weiteren berührenden literarischen Texten etwa zum Gedenken an das faschistische Konzentrationslager Mauthausen.
KiJuKU: Erstens Gratulation zu deinem Roman. Erste Frage: Wie bist du auf diese Mutter-Tochter-Geschichte gekommen; deiner Danksagung am Ende des Buches entnehme ich ja, dass dieses „verpasst“ weder auf dich noch deine Mutter oder gar euer Verhältnis zutrifft?
Hannah Oppolzer: Es ist immer schwierig zu sagen, wie ich auf eine Idee komme, die Geschichten kommen oft unbewusst zu mir. Mit 17 hab ich sicher als Jugendliche über die Zukunft nachgedacht, wie und was die Zukunft bringen wird oder könnte. Wie schaut mein Leben mit Ende 40 aus? Und was erwartet die Gesellschaft von dir.
KiJuKU: Wie schafft es eine 17- und später für den ganzen Roman dann ungefähr 22-Jährige, sich so in eine fast 50-jährige Frau hineinzuversetzen?
Hannah Oppolzer: Das Mysterium der Kreativität ist die große Vorstellungskraft, sich in Figuren reinversetzen zu können, die nichts mit mir zu tun haben. Viele Bücher über verschiedene Frauenfiguren unterschiedlichen Alters kann eigene Erfahrung ersetzen. Mein Text damals als Jugendliche hat irgendwie einen Nerv der Zeit getroffen war das Feedback und das hat mich ermuntert, später daran weiter zu schreiben. Und dazu brauchte es weitre Perspektiven, vor allem jene der Tochter, knapp älter als ich selbst.
Mit ungefähr 19 Jahren hab ich dann eine Urversion des jetzigen Romans geschrieben. Die war doppelt si dich mit vielen Nebensträngen, in die ich viel Persönliches einfließen habe lassen, sozusagen ein erweitertes Tagebuch.
KiJuKU: Von dem jetzt nichts mehr in „Verpasst“ ist, oder?
Hannah Oppolzer: Ich hab den Text dann liegen gelassen. Beim Lesen drei Jahre später hat mich dann vieles gestört, es hat sich veraltet angefühlt, ich hab 2022 die Hälfte weggestrichen – den ganzen unnötigen Sprachmüll.
KiJuKU: Die Mutter blieb aber ohne Namen.
Hannah Oppolzer: Eigentlich wollte ich gar keine der Figuren benennen, das wäre aber beim Lesen zu kompliziert geworden, alle Personen nur mit Pronomen vorkommen zu lassen, so hab ich Allerweltsnamen genommen wie Emma, Georg und so weiter, aber die Mutter sollte namenlos bleiben.
KiJuKU: Hattest du den großen Plot schon von Anfang an im Kopf mit dem Wendepunkt, der hier nicht verraten wird. Oder hat sich alles erst beim Schreiben ergeben?
Hannah Oppolzer: Die erste Schwierigkeit war die Frage, komm ich überhaupt wieder rein in die Sprache dieser Geschichte. Ich hab dann zwei, drei Kapitel über die literarische Tochter probiert und es hat atmosphärisch funktioniert. Dann hab ich zu plotten begonnen, mir eine riesige Mind-Map gemacht, jeden Handlungs- und Entwicklungsstrang aufgezeichnet und geschrieben, vor allem auch um mit der doppelten Zeitebene nicht durcheinander zu kommen. Und zum Ende hat der Verlag gesagt: Darüber müssen wir reden, du darfst es dir nicht zu einfach machen.
KiJuKU: Ich kenn dein Schreiben ja schon lange von den Beiträgen und Artikeln im Kinder-KURIER bzw. für die Zeitungen bei Workshops, das waren eher Sachthemen. Du hast daneben auch schon literarisch geschrieben?
Hannah Oppolzer: Sobald ich schreiben konnte, habe ich eigene Bücher gebastelt und illustriert. Mit 12 Jahren hab ich beschlossen, einen Bestsellerroman zu schreiben, einige Stunden am Design des Titelbildes und am Klappentext gearbeitet, aber den Text selber nie geschrieben.
KiJuKU: Als du mit Sibirien den Jugendbewerb texte.wien gewonnen hast, hast du mir erzählt, dies werde dein großes Roman-Projekt. Wie kam’s dazu?
Hannah Oppolzer: Da war ich ungefähr 12 ½. Meine Großeltern hatten viele Bildbände über Sibirien, mein Urgroßvater war nach dem 2. Weltkrieg aus einem Lager in Sibirien zurückgekommen, mein Opa hat darüber erzählt. Für mich war das der Ausgangspunkt, an einer Dystopie zu schreiben, die in der Zukunft spielt. Jetzt bin ich ungefähr in der Mitte des dritten Bandes. Und ein Extraband zur Trilogie ist auch schon halbfertig.
KiJuKU: Diese Dystopie ist vom Stil her sicher ganz anders als „Verpasst“, oder?
Hannah Oppolzer: An „Sibirien“ hängt mein Herz, aber ich schreibe gern in verschiedenen Stilen, will mich auch gar nicht auf einen festlegen oder gar festgelegt werden. Ich hab daneben so drei bis fünf Ideen mit bis zu zehn Seiten Plot. Es ist so reizvoll, immer wieder andere Spannungsbögen zu bauen, in anderen Stilen zu schreiben. Deshalb freu ich mich auch auf das Studium in Hildesheim, wo wir die unterschiedlichsten Techniken lernen können.
KiJuKU: Zurück zu verpasst – hast du selber Momente/Phasen in deinem bisherigen Leben, wo du etwas verpasst hast? Bzw. Hast du Bilder von dir im Kopf, wo und wie du dich mit 48 Jahren siehst wie „sie“, die Mutter Emmas?
Hannah Oppolzer: Ich bin nicht so der Risikotyp und habe nicht den Anspruch von meinem Schreiben leben zu können. Auch weil ich unter richtigem Druck die Angst hätte, schlecht zu schreiben. Manches brauch viel Zeit – wie eben zum Beispiel „Verpasst“. Meine Wunschvorstellung wäre, zur Hälfte Autorin zur Hälfte etwa als Lektorin in einem Verlag zu arbeiten. Aber seit Kurzem bin ich offiziell selbstständige Künstlerin. Und mit 48 Jahren wie „sie“, also Emmas Mutter seh ich mich Bücher schreiben und mit zwei gut trainierten Hunden.
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