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Szenenfoto aus "Malaika"

Traumtänze aus 1000 und einer Nacht…

Schon der Bühnenboden strahlt von Anfang an magisch – schwarz, aber mit vielen leuchtenden Punkterln, als würde sich in einer nächtlichen Wasserfläche Sterne spiegeln. Oder einzelne Sandkörner in einer Wüste in fast stockdunkler Nacht glitzern. Irgendwo dazwischen steht aus Holzstäben ein Haus wie eine Strichzeichnung, ein 3D-gewordenes Kinderbild.

Auf einem mit geknüpftem Muster-Teppich belegten Tisch „wohnt“ die Komponistin und Musikerin Mona Matbou Riahi, die live Klarinette spielt und pfeifend Vogelgezwitscher imitiert. Als diese Bühnenfigur Leyla ihren Hort verlässt und nach vor kommt, bedauert sie, nicht mehr die ungezwungene Fantasie ihrer Kindheit zu haben. Da hilft dann die Rückreise in diese Ära – verkörpert durch ein unter dem beschriebenen Tisch sich hervorschlängelndes Kind, das sich dem Spiel mit Gedanken, Fantasie, Träumen, mitunter auch Ängsten, die der Wind bringt, hingibt.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Malaika“

Der Wind kriegt einen Namen

Der Luftzug kriegt in diesem Stück von ATASH عطش Contemporary Dance Company den Namen Malaika. Ein aus dem Arabischen kommender Begriff für den Plural von Engel (malak), weltberühmt geworden als Lied auf Kisuaheli (Swahili), einer Sprache vor allem in Ostafrika (Kenia, Tanzania, Uganda), in der es viele arabische Wörter gibt. „Nakupenda Malaika“ (ich liebe dich Engel), u.a. gesungen von Miriam Makeba, Harry Belafonte, Boney M.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Malaika“

Achtjährige Haupttänzerin

Zurück zum Spiel bzw. Tanz mit dem Wind. Diese kindliche „Leyla“ wird von der achtjährigen Ahyoka Krappmann getanzt und nicht nur so in kurzen Szenen, sondern praktisch durchgehend, fast die gesamten rund 50 Minuten – ob als Spiegelung bzw. in tänzerischer Zwiesprache mit den Profis Desi Bonato, Naline Ferraz, die in die unterschiedlichsten Tiere und Fabelwesen in Erscheinung tanzen – oder in einem großen, langen Solo.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Malaika“

Zwei Verwandlungskünstlerinnen

Die beiden Genannten verwandeln sich – mitunter blitzschnell – sowohl von Kostümen als auch vor allem von Bewegungen her. Gemeinsam tauchen sie als Art Pegasus auf, aber auch einzeln als mal wildes Tier und dann gar als Art Statue, die vielleicht auch ein Baum sein mag – allzu viel sei hier aber nicht verraten, so manches lebt trotz allem von Überraschungsmomenten. Das wirklich Bewegende ist allerdings der fantasievolle „Rausch“ der sich ständig verändernden Bewegung, „personifiziert“ im Wind, der nicht immer nur sanft daherkommt, sondern auch so manch Feststehende umwerfen kann.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Malaika“

Tanzwelten

Ulduz Ahmadzadeh, künstlerische Ko-Leiterin und für die Choreografie verantwortlich, verrät Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr…, dass „Malaika“ aus dem Stück „Vasht“ fürs Tanzquartier Wien (März 2025) heraus entwickelt wurde. „Vasth ist ein altpersisches Wort für Tanz, ich habe über Tänze Südwest- und Zentral-Asiens recherchiert und daraus dieses Stück und eine neue Tanzsprache entwickelt.“

Ausgehend von dieser Basis ist nun dieses Stück (nicht nur) für Kinder im Dschungel Wien, dem Theaterhaus für junges Publikum im MuseumsQuartier entstanden. Dafür verfasste Marek Zink auf der Basis der Ideen von Ahmadzadeh und Till Krapmann (künstlerische Ko-Leitung, Szenografie, Bühne und Kostüme) einen gereimten, poetischen Text, den die schon erwähnte ganz junge Tänzerin eingesprochen und aufgenommen hat nachdem die Choreo fertig war, und der während der Performance abgespielt wird.

Alles easy

Sich das alles zu merken sei überhaupt kein Problem gewesen, quasselt Ahyoka Krappmann wenige Augenblicke nach der umjubelten Premiere im Dschungel Wien drauflos. „Zuerst haben wir mein langes Solo einstudierte und geübt und dann Bewegunsteile daraus genommen für einzelne Szenen. Und wenn ich auf die Kolleginnen reagiere, schau ich einfach was die machen und lass mich davon anregen“, erzählt die Achtjährige. Und sie tanze gar nicht seit ewig, sondern erst seit diesem Jahr. „Aber ich hab schon früher Zirkus gemacht mit der Mama von meinem Papa, meiner Oma in Italien im Circus de Luna“, ergänzt das junge Talent.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Malaika“

Luftiger Engel

Gegen Ende schließt sich ein Kreis zwischen dem Wind-Thema und der wörtlichen Bedeutung von Malaika in Form von überdimensionalen Flügeln. Wenngleich das oben angesprochene bekannte Lied besingt, dass die Liebe zum Engel am nicht erschwinglichen Brautpreis scheitert: „Das Geld (das mir fehlt) bedrückt meine Seele“ / „Pesa zasumbua roho yangu, aber zum Glück spielt das Tanzstück ja weder in diesem Lied, noch in dieser Weltgegend 😉

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Die vier Künstler:innen in einem Rahmen

Tanzende (Bilder-)Rahmen einer Ausstellung

Tanzende Bilder? Oder wollen einfach die „gemalten“ lebendigen Menschen raus aus ihrem Rahmen? Vielleicht auch „nur“ die Aufmerksamkeit der feinen Dame erregen, die dann in die Galerie stolziert? Und ist der Rahmen, den sie auf dem Boden findet, nicht zu klein für ihre große Persönlichkeit?

Mit „Galerie der Träume“ gastierte eine Kooperation aus der Gruppe Lemour (Miriam und Sarah Kerneza, Ben Petermichl) und dem Solo-Jonglage-Clown Marijan Raunikar beim Wiener Kultursommer – und ist mit diesem Programm diese Woche noch beim Kultursommer in Wr. Neustadt (Niederösterreich, wenige Minuten vom Bahnhof entfernt – siehe Info-Block) zu erleben.

Auch das Essen will eingerahmt sein
Auch das Essen will eingerahmt sein

Ganz ohne Wort kommen die vier Künstler:innen aus – erzählen mit ihren, teils akrobatischen, Bewegungen kunstvolle, verträumte, poetische Geschichten. In die können die Zuschauer:innen jeden Alters durchaus Unterschiedliches hinein-interpretieren oder aus ihnen herauslesen. So ziemlich alles ist möglich.

Jonglage mit clownesken Elementen
Jonglage mit clownesken Elementen

Da steigen die einen und anderen aus Rahmen heraus, in andere hinein oder hindurch. Neben ihren Körpern und deren Bewegungen erzählen sie viel aber auch mit ihren Augen – diese Blicke! Dieses lautlose Brüllen!

Ein Kind wird auf die Bühne gebeten für eine Nummer
Ein Kind wird auf die Bühne gebeten für eine Nummer

Neben den Rahmen-Handlungen, dreht sich eine lange Szene auch um – ebenso wortlose – Missverständnisse und Streitereien des Trios Lemour (ein Mischwort aus einem Lemur-Äffchen und dem französischen Wort für Liebe Amour) bei einem gemeinsamen Essen. Auch zu erleben: Über weite Strecken gekonnt ungeschickte Jonglier-Künste Marijan Raunikars, bevor er – wie zu erwarten – natürlich auch fünf Bälle gleichzeitig in der Luft halten kann 😉

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Die vier Künstler:innen in einem Rahmen
Die vier Künstler:innen in einem Rahmen
Azalea López "belebt" Gymnastik-Bänder in "Punkt und Linie"

Vom unsichtbaren Punkt bis zum großen Ball

Aus Mexiko angereist kamen eine Tänzerin und ihre Regisseurin mit dem Stück „Punkt und Linie“ für das jüngste Publikum – ab sechs Monaten. Geplant waren neben vier ¾-stündigen Auftritten im Dschungel davor schon drei Wochen in Palästina. Woraus kurzfristig klarerweise nichts geworden ist.

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Unsichtbar und doch zu erkennen

Auf der großen weißen Tanzfläche verharrt Azalea López zunächst fast starr sitzend bis alle Zuschauer:innen auf ihren Plätzen sitzen – auf zwei Seiten des Tanzbodens. Der Punkt, von dem im Titel des Stücks die Rede ist: Unsichtbar greift die Tänzerin mit Daumen und Zeigefinger in die Luft und schnappt sich einen solchen. Mit dem tanzt sie durch den Raum – mal nahe an die eine, dann wieder die andere Publikumstribüne. Um danach aus diesem so bewegten „Nichts“ auch noch baugleiche Linien zu ziehen. Klar sind diese zu erkennen.

Soweit sozusagen die Einleitungsphase des Stückes, bei dem Michelle Guerra Regie führte. Ursprünglich waren beide in der Gruppe „Colectivo de Teatro en Espiral“ (Ensenada im Nordwesten Mexikos nahe der US-Grenze) bevor die Tänzerin mit „Indómita Danza I Teatro“ in Guadalajara ebenfalls im Westen aber gut 33 Autobus- bzw. an die drei Flugstunden entfernt) ihre eigene Gruppe gründete.

Bänder, Reifen, Ball

In der Folge agiert die Tänzerin mit drei der fünf „Geräte“ in der rhythmischen Sportgymnastik: Band, Reifen und Ball (dort noch Keulen und Seil). Die Tänzerin verwendet jedoch einen riesigen Gymnastik (Sitz-)Ball – womit sie sozusagen den Kreis zum anfänglichen unsichtbaren Punkt gleichsam schließt.

Wenngleich sehr sportlich tanzt, geht’s ihr – und der Regisseurin – mehr um Bilder, die sie mit ihren Bewegungen mit Hilfe der drei genannten Objekte „malt“ und die kleine oder auch große Geschichten in den Köpfen der Zuschauer:innen auslösen. So manche Szene beinhaltet auch einen Schuss Witz.

Die Tänzerin agiert so animierend, dass einige der Kinder im Publikum recht bald, den Tanzboden mit ihr und ihren Objekten teilen wollen. Was zu gefährlichen Zusammenstößen führen könnte. Erst die letzten zehn bis 15 Minuten überlässt die Tänzerin – auch deutlich sichtbar gemacht durch ein Band, das sie von einer zur gegenüberliegenden Publikumstribüne mehrfach hin und her gespanntes Band signalisiert.

Möglicherweise bräuchte es mehr als die Ansage vor Stückbeginn – eventuell eine deutlich markierte Trennlinie zwischen Tanzboden und Publikumsreihen?

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Neues Szenenfoto aus "Ancestor’s Gift" von ATASH عطش contemporary dance company

Tanzend traumatische Rucksäcke der Ahn:innen ablegen

Wunderschön anzuschauen, phasenweise aber sehr heftig, bedrohlich, sind nicht nur die Bewegungen der drei Tänzer:innen in „Ancestor’s Gift“ (Geschenk der Vorfahren). Das rund einstündige Stück (Konzept und Leitung: Ulduz Ahmadzadeh und Till Krappmann) das im Rahmen des Puls Festivals im Dschungel Wien kürzlich Premiere feierte und – im Gegensatz zu den anderen Produktionen – noch weiter zu erleben ist, ist ein Gesamtkunstwerk mit leider wieder besonders aktuellem Hintergrund.

Du kannst richtiggehend versinken in die perfekten, leichtfüßigen, immer wieder auch akrobatischen, fließenden Tänze von Desi Bonato, Naline Ferraz und Xianghui Zeng. Sie berühren, selbst wenn du den Hintergrund nicht kennst und auf den Text nicht achtest. Und sie rütteln dich durch, denn Naline Ferraz als Jugendliche, die ein unbeschwertes Leben zu führen scheint zwischen Apfel frisch vom Baum und gemütlich Bücher lesen wird nachts von Albträumen geplagt. Martialisch und furchterregend tanzen Desi Bonato und Xianghui Zeng als Altvordere, Vorfahr:innen – wenngleich nicht unbedingt die eigenen. Düsteres, existenzbedrohende Kämpfe, Krieg(e) tauchen als Assoziationen auf.

Neues Szenenfoto aus
Neues Szenenfoto aus „Ancestor’s Gift“ von ATASH عطش contemporary dance company

Die Last der „Mitgift“

Und so ist es auch gedacht. Die schon genannte Co-Leiterin des Stücks und ihrer zeitgenössischen Tanzgruppe ATASH عطش wird im pädagogischen Begleitmaterial dazu so zitiert: „Ich habe meine Kindheit im Krieg verbracht, bis ich acht Jahre alt war. Was ich erlebt habe, war jahrelang in mir vergraben und ich habe es sogar als harmlos verdrängt. Bis ich erfuhr, dass dies offenbar ein typischer Schutzmechanismus für Traumatisierungen ist. Als Mutter von drei Kindern habe ich mich verstärkt mit der transgenerationalen Weitergabe von Kriegsfolgen beschäftigt. Dieses Thema war der Ausgangspunkt für unser neues Stück Ancestors‘ Gift.“ (Ulduz Ahmadzadeh)

In diesen nächtlichen Albtraumphasen ist die Bühne (Szenografie: Till Krappmann) nicht nur sehr dunkel, zum Start der Albträume gehen noch von der Decke hängende Lampen mit blutroten Lichtern der Reihe nach an und erzeugen damit Grusel-Atmosphäre, aber nicht Halloween-mäßige, sondern bitterernste. „Ancestor’s Gift“ ist – wie schon oben erwähnt – ein Gesamtkunstwerk – obwohl das natürlich für die meisten Produktionen gilt, hier besonders. Über der Bühne und damit den Tänzer:innen hängen Hunderte Objekte, die irgendwie rätselhaft wirken. Sind es Blumen? Vögel? Wölkchen? Alles nicht, aber was dann?

Neues Szenenfoto aus
Neues Szenenfoto aus „Ancestor’s Gift“ von ATASH عطش contemporary dance company

Wirbel, Rückgrat, Rückenmark

Auch hier hilft der Blick in das schon erwähnte Begleitmaterial auf der Dschungel-Wien-Homepage (in der Infobox verlinkt, wobei’s dann leider nicht direkt zu den einzelnen Materialien geht, sondern durchgesucht werden muss). Demnach sind diese leichten, schwebenden Objekte Querschnittsbilder menschlicher Wirbel. „Es sind in gewissermaßen die materiellen Überreste unserer Vorfahr:innen und bilden gleichzeitig unser Rückgrat … In der Wirbelsäule verläuft auch unser zentrales Nervensystem, das jegliche sinnlichen Eindrücke an unser Gehirn weiterleitet, wo diese anschließend verarbeitet werde. Ein Trauma ist eine Überforderung der Sinneswahrnehmungen und demnach unmittelbar mit unserem Nervensystem und der Wirbelsäule verbunden. Die hängenden Wirbelquerschnitte sollen ebenso die Überreste unserer Vorfahr:innen symbolisieren, die uns unser gesamtes Leben beeinflussen und wie eine Wolke über uns wachen und uns begleiten. Es soll hierbei gesagt sein, dass die Objekte sehr abstrakt aussehen und sehr schön zum Ansehen sind und keine angsteinflößenden Elemente sind!“

Neues Szenenfoto aus
Neues Szenenfoto aus „Ancestor’s Gift“ von ATASH عطش contemporary dance company

Projizierte Blutkörperchen

Aber nicht nur die schwebenden Wirbelteile über den Köpfen auch Projektionen reihen sich ins Gesamtbild ein: „Es werden mikroskopische Live- Aufnahmen von Blutkörperchen projiziert. Dies ist ebenso ein Eintauchen in die inneren menschlichen Strukturen. Es kann auch als eine Suche nach etwas Verborgenem gelesen werden, wie dieses „Etwas“, was wir durch die Generationen mitgegeben bekommen haben.“

„Ancestor’s Gift“ lässt natürlich die jugendliche Protagonistin nicht in den Albträumen steckenbleiben. Neben den Tag-Phasen an denen sie die Traumata offenbar als Überlebensstrategie verdrängt und doch fröhlich leben kann, legt sie Stück für Stück unheimliche Plastik-Puppenteile ihres Kostüms ab, gibt sie an die Ahn:innen zurück, legt Lasten ab, kann unbeschwerter ihre eigenen Wege suchen.

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Neues Szenenfoto aus „Ancestor’s Gift“ von ATASH عطش contemporary dance company

Kann auch bereichernd sein

Das Tanztheaterstück dreht sich aber auch um positive Connections zu Generationen davor bzw. das Bedauern, solche nicht rechtzeitig hergestellt zu haben. So bedauert die Protagonistin beim Tod des Opas, dass sie davor sich wenig mit ihm und seinem Leben beschäftigt hat.

Wir erleben auf der Bühne einen beeindruckenden Weg einer Protagonistin, die jedoch für alle Menschen stehen kann, sich einerseits von dem immer schwerer werdenden über Generationen weitergegebenen „Rucksack“ zu befreien und andererseits das Bemühen, diese Verbindungen überhaupt wahrzunehmen oder herzustellen. Zum Glück ist ja auch so manches, das wir übernehmen (können) eher bereichernd als belastend – auch eine Frage der sogenannten Geburtslotterie. Und ohne auch nur im Geringsten aufgesetzt zu wirken, tanzt das Trio ein ausgelassenes – ansteckendes – Happy End.

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Neues Szenenfoto aus „Ancestor’s Gift“ von ATASH عطش contemporary dance company

Textebene

Selbst wenn du den Hintergrund nicht kennst und auf den aus dem Off eingesprochenen Text nicht achtest, kannst du die Botschaft spüren. Dieser Text (Marek Zink) ist übrigens wunderschön poetisch, wenngleich mitunter das getanzte Bild verdoppelnd, wirkt insgesamt jedoch wie ein aufgesetzter pädagogisch motivierter Fremdkörper. In einer App ist er in verschiedenen Sprachen verfügbar – doch den Blick zwischen Smartphone und Tanz auf der Bühne pendeln lassen? Vielleicht hätte sich der Text verdient, extra davor oder danach gelesen zu werden?

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Foto aus "Tabula Rasa" bei der Aufführung in Deutschland

Überkommende Verhaltensweisen weggetanzt

Nach Auftritten in Norwegen (Mitte September) und Deutschland (eine Woche danach) zeigen sechs Tänzer:innen nun im Dschungel Wien – nur mehr am 11. Oktober 2023 – im Rahmen des kleinen Puls Festivals ihr Stück „Tabula Rasa“ (Inszenierung und Choreografie: Simon Wolant; Co-Choreografie Attila Zanin).

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Foto aus „Tabula Rasa“ bei der Aufführung in Deutschland

Reiner Tisch als leere Tafel

Symbolisch für den Stücktitel „Tabula Rasa“ – aus dem Lateinischen für glattgestrichene (Wachs-)Tafel, im übertragenen Sinn damit für unbeschriebenes Blatt – dominiert ein langer weißer Tisch zunächst im Bühnenhintergrund. Der wird von Gavin Law in der Rolle eines Kochs mit wenigen echten und allerhand Kunststoff-Lebensmittel aus einem großen Korb gedeckt. Echten Käse hackt er mit Hilfe eines Messers in kleine Würfelrn und spießt sie gemeinsam mit Weintrauben auf Zahnstocher. Dabei vollführt er teils fast akrobatische Tanzbewegungen. Simon Couvreur taucht als Kellner auf, um die Spießchen auf einem Tablett an einige Menschen im Publikum zu verteilen. Wie sein zuvor genannter Kollege vollführt er die Handlung ebenfalls tanzend.

Foto aus
Foto aus „Tabula Rasa“ bei der Aufführung in Deutschland

Goldhimmel

Was auch für die in der Folge auftauchende sich offenbar für einen Gala-Auftritt vorbereitende Maria Naber sowie die abstrakte Malerin Sophie Waldstein und Raphael Kadrnoska bzw. Marianne Reynaudi gilt. Während letztere in einer weiteren Szene eine feine Party-Queen gibt, gehen die fünf anderen als Klischee-Gängsta-Rappern sie zunächst an, um sie danach umwerbend zu umtanzen. Und über allem – schon die ganzen Zeit und in weiteren Szenen – schwebt eine große Platte mit unzähligen aufgeschichteten „Gold“Barren. Sozusagen der Tanz unter dem Goldenen Himmel (Ausstattung: Ralph Zeger) wie einst der ums biblische Goldenen Kalb.

Foto aus
Foto aus „Tabula Rasa“ bei der Aufführung in Deutschland

Ein Barren fällt – ein Kampf entspinnt sich. Jede/r will ihn haben, eine nimmt ihn dem anderen weg und so weiter.
Ist es das, was sie, was wir wollen?

Karten neu mischen

Schluss damit – wie auf alten Wachstafeln Geschriebenes weggeschabt, verstrichen wird, um wieder neu draufschreiben zu können (wovon der Begriff Tabula Rasa kommt), will das Tanztheaterstück reinen Tisch machen. Neuanfang nach dem beendeten Kampf ums Gold – plötzlich ist für alle je ein Barren da. Die sich übrigens „nur“ als papieren Behälter für – nein das sei jetzt nicht verraten – herausstellen. Aus den Reibereien – ob um Symbole für Materielles oder um Aufmerksamkeit wird eine erfrischend, wohltuende, eigentlich zum Mitschwingen einladende gemeinsame Party.

Vorurteile auslöschen

Aber nicht nur das ist möglich. Das ganze inklusive Stück und seine Entwicklung über Monate hinweg zeigt einmal mehr, was geht, wenn Vorurteile überwunden werden, handelt es sich doch um eine länderübergreifende Koproduktion von Profitänzer:innen der Landesbühnen Sachsen mit Tänzer:innen mit Trisomie 21 von „Ich bin O.K.“  aus Österreich, einem Verein, in dem seit Jahrzehnten inklusive Stücke erarbeitet und aufgeführt werden.

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Szenenfoto aus "So nah wie nie zuvor"

Tanzend (soziale) Distanz überwinden

Weiß. Alles weiß – der Boden, die Wände, das Licht. Sozusagen wie ein unbeschriebenes Blatt Papier bietet sich die Bühne im Stück “So nah wie nie zuvor” dar – und an.

Dann taucht von links (aus Publikumssicht) eine der beiden Schauspielerinnen/Tänzerinnen (Jolyane Langlois) auf, freundlich lächelnd winkt sie mit einer Hand ein Hallo ans Publikum. Und verschwindet wieder. Auf der anderen Seite erscheint eher zögerlich und schüchtern ihre Kollegin Elda Gallo, um beide Hände zaghaft von den Beinen weg nicht einmal bis zur Körpermitte zu heben.

Das Bewegungsspiel der beiden wiederholt sich x-Mal, jedoch mit wechselnden erst kleinen Accessoires wie Brillen und dann fast Unmengen an Kleidungsstücken (Kostüme: Gudrun Lenk-Wane). Gleich bleibt das Auftreten – cooler und forscher die eine, schüchterner die andere. Obwohl Letztere als erste den Mut hat, sich sogar in einem Badeanzug-Zweiteiler zu präsentieren.

Wie rankommen an Annäherung?!

Keine scheint von der anderen Notiz zu nehmen – obwohl sie natürlich exakt getimt und aufeinander abgestimmt jeweils aus ihren Umkleidekabinen die Bühne entern. Wie Kontakt mit anderen aufnehmen, miteinander kommunizieren – unter Bedingungen des verordneten „Social Distancings“ und halb verhüllter Gesichter wie es fast drei Jahre an der Tagesordnung war. Das – so ist dem Begleitmaterial zu entnehmen -, bildete den Ausgangspunkt für das Stück (Konzept, Choreografie: Gat Goodovitch Pletzer). Gegen Ende der Weihnachtsferien feierte es vielumjubelte Premiere im Dschungel Wien – die erste Aufführungsserie folgt gegen Ende Jänner – siehe Infobox.

Laaaanges Zögern

Das erste Fast-Aufeinandertreffen der beiden – ein punktgenaues knapp aneinander Vorbeischrammen findet erst nach 20 – von insgesamt 50 Minuten statt. Fünf Minuten danach beginnen die beiden ihre ersten synchronen Bewegungen zu Klängen des Ohrwurmsongs „Where do I begin“ aus dem Film „Love Story“ (mehr als 50 Jahre alt) – auch da noch ohne einander anzuschauen. Was sich allerdings in den nächsten Minuten ändert – erste Blicke aufeinander samt Berührungen.

Und dennoch bleibt das Zögerliche, das Zurücktreten, das Unsichere nicht überwunden. Ja es erfolgt sogar ein heftiger Bruch. Dunkel. Stille. Die beiden sind hinter ihren Wänden verschwunden. Leere – die das Publikum mit eigenen Bildern und Gedanken füllen kann. Bevor es ins Finale von „So nah wie nie zuvor“ geht, in dem erstmals auch Worte fallen – über Anfänge und was Eda Gallo alles als erstes einfällt oder sie unternimmt.

Näherkommen

Der lange Weg, einander näher zu kommen wird von den beiden noch erweitert – in Richtung Publikum. Abwechselnd sprechen und spielen sie Zuschauer:innen individuell an – in der Regel in Form von Komplimenten über Haare, Schuhe oder Sitzhaltung mit Vermutungen über Lese- und andere Freudigkeiten oder mit spiegelndem Augenspiel und Mimik. Da beginnt das Publikum bei der Premiere auch aufzutauen und zu reagieren, während auf das Hallo-Winken zu Beginn lediglich ein einziger (der Rezensent) reagierte. Was sich aller Voraussicht nach bei den Vormittagsvorstellungen im Rahmen der Aufführungsserie mit vielen Kindern im Publikum ändern dürfte 😉

PS: Bei er Verbeugung nach der Premiere – in der in der Regel neben den Akteur:innen auf auch die mitwirkenden hinter der Bühne sich Applaus abholen, fehlte Gat Goodovitch Pletzer, die das Konzept fürs Stück entwickelt hatte und die Show choreografierte. Sie brachte wenige Stunden vor der Premiere ihr Kind zur Welt – so nah wie nie zuvor!

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