„Ich beginne meinen Arbeitstag, wie es das Protokoll besagt: Optimieren Sie Ihre Atmung. Beschleunigen Sie Ihr Denken… Ich arbeite im Ministerium für Informationsfluss, in der Abteilung für Textverdichtung. Unsere Mission ist es, jegliches entschleunigte Denken aus den Netzwerken zu entfernen. Wir sortieren Wörter, die zu lange brauchen, aus. Intern nennen wir das Entschleunigungsterrorismus, die größte Gefahr aller Zeiten, dicht gefolgt von der Mittagspause. Der Begriff wurde übrigens in Rekordzeit erfunden: 0,8 Sekunden.
Mein Kollege kaut zu langsam, sein Kiefer unterschreitet die vorgeschriebene Bissrate. Kein Wunder, dass zwei Wächter schon auf ihn zustürmen. Letzte Woche wurde jemand abgeführt, weil er beim Niesen eine halbe Sekunde zu spät Gesundheit gesagt hat. …
Mein Pacer piept leise. Warnstufe Gelb. Ich habe zu lange nachgedacht, wie gefährlich!…“
Diese Sätze stammen aus einem der 23 Finaltexte Jugendlicher bzw. junger Erwachsener des Literaturbewerbs Texte Wien. Zum zehnten Mal waren junge kreative Schreiber:innen – und das trotz des Namens nicht nur aus Wien – eingeladen, ihre Gedanken zu einem Jahresthema zu verfassen; rund 4000 junge Leute haben in diesem Jahrzehnt Texte für den Bewerb eingereicht. „Tempo“ war das Motto für den Jubiläumsbewerb. „Schneller atmen“ titelte Julia Bohrer aus dem Gymnasium Neusiedl am See ihren Beitrag, aus dem die Eingangspassage zitiert ist.
Zum zweiten Mal fand die Preisverleihung – immer mit genau zweiminütigen Textauszügen – gelesen von vier Profi-Schauspieler:innen (Zeynep Buyraç, Kaspar Locher, Markus Meyer und Maximilian Thienen) im Schauspielhaus Wien (davor viele Jahre – mit Ausnahme der Pandemie-Ära im Burgtheaterspielort Kasino am Schwarzenbergplatz) statt; jeweils untermalt von einer jugendlichen Band, heuer Leeta – mehr dazu in einem eigenen Beitrag.
Übrigens: Alle Texte, mit denen die jungen Autor:innen ins Finale gekommen sind, können auf der Homepage des Bewerbs – am Ende des Beitrages verlinkt – (nach-)gelesen werden, und zwar aus allen Bewerbsjahren bis 2016 zurück.
Der Text des aktuellen Siegers ist in einem eigenen Beitrag auch hier auf dieser Website – ebenfalls unten verlinkt – vollständig veröffentlicht: „Elfzwanzig“ von Philip Pecoraro, eine Hommage an den 12. Bezirk von Wien, übrigens ist Meidling einer von nur drei der 23 Bezirke, die den Bewerb – bisher – nicht unterstützen.
Auszüge aus dem zweit- und dritt-platzierten Text – „Sonne über dein Haupt“ von Theresa Schmerold sowie „Ein Haufen Kindheit“ von Bruna Karolyi – sind ebenfalls in eigenen Beiträgen unten verlinkt – die Top 3 jeweils auch mit den Begründungen der Jury (Judith Fischer, Erwin Greiner, Andrej Haring, Eva Holzmann, Julia Jost, Vanja König, Hanno Millesi, Lene Moormann und Jana Podbelsek).
Tempo, obwohl sich dies – wie im eingangs zitierten Beitrag – mit Rasanz in den meisten Köpfen fast automatisch verknüpft, kann aber auch das glatte Gegenteil sein. Und so kreisen so manche der jugendlichen Texte durchaus um Innehalten, ja sogar Stillstand.
„Ich lebte ein temporeiches Leben, das vom schnellen und dreckigen Geld finanziert wurde. Am Anfang tat ich es für die bunten Scheine, dann für die unantastbare Macht und letztendlich, um die Welt zu erobern. Ich hatte mich schon damit abgefunden, entweder Gefängnis oder Millionen. Doch das ewige Streben nach mehr zog mich in die Strömung eines Teufelskreises, in dem ich, ohne es zu bemerken, ertrank“, beginnt er Text von Arda Aksoy aus dem Schulzentrum Ungargasse (Wien-Landstraße).
„Mir kam es so vor, als ob die Sanduhr meines Lebens durch die Risse im Glas unkontrollierbar Körner verlor. Mein Leben verging wie im Zeitraffer, Klamotten von Designern, deren Namen ich nicht aussprechen konnte, Freundlichkeiten von Menschen, die mich verachteten, die Sättigung meiner Gelüste, alles lief perfekt, bis der Traum platzte. Als die Tür aufknallte und die engen Handschellen sich schmerzhaft in mein Fleisch bohrten, überrumpelte mich ein Gefühl der Reue, ein Drang, die Welt anzuzünden und mit ihr zu verbrennen.
Die restliche Zeit meiner Existenz soll ich hier verbringen? An einem Ort, an dem keine Blumen aufblühen, die Vögel nicht zwitschern, die Sterne nicht leuchten und die Tage nicht vergehen. Ist es leicht, immer die gleiche Wand zu sehen und mit Kreide jeden Tag zu zählen? Der kalte Luftzug, der unter der Stahltür durchzieht, die verrosteten Gitter oder das steinharte Bett, alles ist hier verflucht, oder bin ich derjenige, der seine Umgebung mit einem Fluch belegt?
Der Tag, an dem ich einen Fuß auf diesen kalten Beton setzte, änderte alles. Die Zeit verlangsamte sich und die Sühne meiner Sünden fing an…“
Er schreibe eigentlich erst seit rund 1½ Jahren, vertraut der Autor des Textes „Gefallene Sterne“, aus dem die vorigen Absätze zitiert sind, dem Reporter an, sei ein Fan von Romanen russischer Dichter wie Dostojewski, lese aber auch auf Türkisch und Deutsch. „Ich sammle im Alltag Ideen, verknüpfe sie dann wie bei diesem Text viel mit Szenen aus Filmen, die mich inspirieren. Zu „Tempo“ wollte ich den krassen Wechsel von der Hektik zum Stillstand, wie ich ihn mir in einem Gefängnis vorstelle, zumindest von dem, was ich in Filmen gesehen habe.“
So wie Jury-Entscheidungen durchaus subjektiv sein können, so ist es auch die Auswahl an Zitaten hier in diesem Beitrag, der eben nicht nur die Top3-präsentieren will. Alle 23 jungen Autor:innen, die es mit ihren Texten ins Finale geschafft haben, sind schon Sieger:innen. Dieser Beitrag und die vielen Zitate aus Texten wollen Lust darauf machen, selber in den einen oder anderen, vielleicht auch mehrere der eingereichten Texte reinzulesen.
„Der Bühnenraum eines Theaters war schon immer ein Zufluchtsort der Randständigen, dort galten die gesellschaftlichen Regeln weniger streng“, schreibt Yuliia Obukhivska von der Grazer HTBLVA (Höhere Technische Bundeslehr und Versuchsanstalt) Ortweinschule mit einem künstlerischen Zweig in „Niko, oder Vom Kolonialismus erzählt“. In einem Beitrag, der nur unwesentlich kürzer ist als alle anderen 22 zusammen, baut sie eine Jahrhunderte umfassende Geschichte der Ukraine ebenso ein wie Vampirismus, Neu-ankommen in einer Schulklasse und eben Außenseitertum sowie intensive Gefühle.
„… jede Sekunde Stillstand hinterlässt eine Verbrennung, und er wird bewundert, ja man bewundert ihn hinter vorgehaltener Hand, denn Bewunderung ist nur eine höfliche Reform des Ekels… weil Zersetzung Bewegung ist, ein Prozess. Kein Stillstand…“
„Ich werde mich nicht mehr biegen und nicht mehr versuchen, mich in mich selbst zu verleben, stattdessen über meine einsamen Dämonen siegen und, Freiheit. Ich atme Sie ein und nie wieder aus, halte sie fest, wie ein Kind seinen Traum.“
„Mein Schleichen wird zu einem sicheren Gang, mein Gehen zu einem gehetzten Lauf – ich laufe nach vorne, in die unendliche Weite, ohne Ziel, ohne Richtung, ohne klar ersichtbaren Sinn. Nach einiger Zeit komme ich erschöpft zum Stehen. Ich keuche atemlos vor mich hin und setze mich langsam auf den Boden. Wie anstrengend es doch ist, so lange zu laufen, ohne dabei vorwärtszukommen.“
„Ich habe doch alles, was das Herz begehrt. Mir kann es nicht schlecht gehen. Trotzdem ertrinke ich nun neben all diesen Dingen. Sie könnten mein Anker sein, mein Fels in der Brandung. Doch ein Fels sinkt schneller als ein menschlicher Körper. Drückt nach unten… Es ist viel einfacher, dem Sog zu folgen, als gegen ihn anzukämpfen…“
„Ich wünschte, ich wäre ein Schwamm. Ich wünschte, ich könnte jeden Moment wie ein Schwamm aufsaugen. Ich versuche krampfhaft, alles festzuhalten. Alle Erinnerungen so lebhaft zu behalten, als wären sie nie zu Ende gegangen. Ich trauere Momenten nach noch während sie passieren…“
„Er war eine Bimgeburt. Im 62er, Ecke Dörfelstraße, Meidling. Die Jungen hat’s gefreut, weil Kinder doch so lieb sind, und die Alten gestört, weil allweil so ein Lärm is‘. Nur der Fahrer hat wieder nur ans Dienstrecht gedacht und ob er an allem schuld ist oder nicht. Dabei war Er nur eine Störung im Betriebsablauf.
Eingeschult, ausgeschult, früh angestellt, schnell entlassen worden. Lang studiert – also die Speisekarte beim Wirten. Gegen Akademiker keine Abneigung, aber auch keine Sympathie. Die haben immerhin noch nie richtig gearbeitet. Eh, Er auch nicht, ja klar, sowieso. Aber bei Ihm ist das doch was anderes.
Und so steigt Er montags in seinen Toyota Corolla und fährt Richtung Niederhofstraße. Da ist in der Ruckergasse – etwa da, wo die Ratschkygasse kreuzt – ein Riesen-Bahö. Er fährt langsam, das will Er sich anschauen. Wann ist in Elfzwanzig immerhin sonst was los? Die ultrarechten Linksliberalen werfen den linksextremen Rechtsradikalen Hühnereier ans Parteilokal. Die Linken hassen nämlich die Rechten und die Rechten hassen die Linken, nur den Hausbesorger Rypacek interessiert das alles nicht. Der will nur wissen, welche Güteklasse die Eier haben, weil Güteklasse A sich so schwer wieder entfernen lässt.
Er hält sich da aber raus aus dem Bahö, immerhin ist es nicht seines, und mit Politik hat Er nichts am Hut. Entscheiden, das tun sowieso die da oben – das denkt nicht nur Er, das denken viele, betont Er gern. Deshalb gibt man in Österreich vermutlich alle 30 Jahren dem Extremen eine Chance. Aber damit kann man Ihm gestohlen bleiben.
Nein, Er muss weiter. Gang rein, auf’s Gas, Ruckergasse runter. Nicht geschaut, nicht gebremst. Mit 50 Sachen in einen Mistkübler rein. Von hinten. Toyota hin. Er auch.
Am Folgetag erwacht Er müde, in kater-ähnlichem Zustand in einer Einliegerwohnung am Schöpfwerk, Meidling. Eine Wiedergeburt ist anstrengend. Am Tisch zwei leere Bier und ein Bescheid des Himmlischen Comebackfragenzentrums. HiCofraZ. Hunger hat Er, und keine passende Hose. Dafür in der Garage einen Tiguan.
Er fährt einkaufen und trifft am Eingang, da wo die Hunde draußen bleiben müssen, die Grüß-Gotts mit ihren Zeitungskalendern und die Zum-Wohls mit ihrem Großgebinde Rotwein. Er hat keine Angst. Nur der hat Angst, dass die Zum-Wohls einem was tun, dem sie noch nie was getan haben, sagt Er. Ihn hat am Bahnhof mal einer beleidigt, in einer Fremdsprache. Doch sowas kann Er verkraften.
Nur an der Kassa hört der Spaß auf. Riesenschlange – eine alte Dame hat’s genau. Zweite Kassa! Er ruft sowas nicht, das schickt sich nicht, findet Er. Die neue Hose gleich einem Schal lässig umgeschwungen, weil Er keine Hand frei hat, geht Er in die Tiefgarage. Da fällt der Alten von der Kassa das 6er-Tragerl Bier hinunter und drei Flaschen gehen zu Bruch.
Er hilft und bückt sich. Kniebeuge, Armstrecken, Bierheben. Wird dabei völlig übersehen. Im Rückwärtsgang, beim Ausparken. Kastenwagen. Installateur Atesli, bei Rohrgebrechen aller Art. Firmenauto ein Totalschaden. Er auch.
Am Folgetag liegt Er benebelt auf einem Kuhfellteppich in der Zöppelgasse, Meidling. Ein Hund zerreißt seinen Bescheid des HiCofraZ. Guten Morgen! Eine alte Dame gießt Hortensien. Sie hat einen Hund namens Katze, eine Katze namens Erwin und einen Erwin namens Holecek. Der liegt bei ihr am Sofa.
Er verlässt die Wohnung und belädt seinen Twingo. Da blickt Er in die Ferne und sieht schwarze Punkte. Die Zugvögel, seufzt Er, aber in Wahrheit sind es nur Mistelbacher im Stau gen Italien. Er träumt, träumt vom Meer, von Amore, von Espresso und von Jesolo. Dabei sind eigentlich nur Mistelbacher dort. Wenn Er unten ist, trinkt Er immer Birra Moretti und Montepulciano und benimmt sich auch sonst wie zuhause, nur dass man da ins Meer schiffen kann. Nicht wie daheim ins Bankett.
Die alte Holecek ruft Ihn, Erwin ist gestürzt. Er denkt zunächst an die Katze, sieht aber bald ihren Alten im Stiegenhaus liegen. Schnell hilft Er, bei Stürzen zählt jede Sekunde, das weiß Er. Da geht die 3er-Tür auf und die Czapka ruft, was allweil so ein Radau ist, man könne sich nicht aufs Fernsehen konzentrieren. Als sie den Holecek sieht, eilt sie zur Hilfe und verwendet zwei Freiminuten für einen gebührenfreien Notruf.
Zwei Zivildiener verladen den Holecek. Bahre, festzurren, Abfahrt. Sie sind in Eile. Da beißt ihn Katze. Er stolpert, vor die Rettung. Die Zivis erschrecken. Ihre Nerven hinüber. Er auch.
Am Folgetag sitzt Er zugedröhnt an einem Esstisch in Hetzendorf, Meidling. Er weiß schon, was Sache ist, und zündet sich mit dem Wisch vom HiCofraZ eine Zigarette an. Er will unter die Leute kommen und fährt mit seinem Fiat Punto zum Wirten.
Drinnen wird geschimpft, über Preise, echte Wiener, solche die es werden wollen und über solche, die es nicht sind, obwohl sie so tun. Wer Wien hasst, der kann sich schleichen gehen!, ruft einer. No na, denkt Er, was sonst. Wer Wien hasst, liebt es in Wahrheit, das sagt Er immer. Und wer Ihn nicht liebt, ist sowieso selbst schuld. Da fängt einer, der Vucevic heißt, mit den Ausländern an. Daraufhin meint ein anderer, der Novak heißt, dass der Vucevic ja selber einer ist.
Das will der Vucevic nicht auf sich sitzen lassen und nennt den Novak einen Tschechen, was der Novak bestreitet, immerhin wären seine Ahnen schon in der Kaiserzeit gekommen. Da hat er Recht, denkt Er, das kann der Vucevic nicht von sich behaupten. Aber der winkt nur ab und beschwichtigt in ein Krügerl hinein. Er steht auf der Gasse, da fällt Ihm noch was ein. Am Ende sind wir alle Elfzwanziger!, ruft Er hinein und erntet Zustimmung. Klar, sowieso, no na.
Dem 8A versagen da die Bremsen. Rutscht, rollt, schlittert. Direkt auf den Wirten zu. Er weicht nicht aus. Er weiß, was jetzt kommt. Eilmeldung. Kronen Zeitung. Bus rast in Wirtshaus. Eingangstür zerstört, Mann überfahren. Das war Er. Schon ein Scheißpech, denkt man im HiCofraZ. Arme Sau. Aber Er, Er sieht die Sache gelassen. Den Kater morgen wird Er verkraften. Solange Er nur wieder in Elfzwanzig landet.“
„Der Text überzeugt durch seinen rasanten, pointierten Erzählfluss, der das Wettbewerbsthema Tempo meisterhaft umsetzt. In schnellen Schnitten und mit wienerischem Schmäh jagt die Geschichte ihren Protagonisten durch ein Leben voller absurder Zufälle, alltägliche Katastrophen und grotesker Wiedergeburten. Die temporeiche Abfolge von Szene – jedes Mal abrupt endend, jedes Mal nahtlos neu beginnend – erzeugt eine komische wie tragische Dynamik, die den Leser atemlos mitreißt.
Sprachlich präzise, rhythmisch, humorvoll und mit scharfem Blick für gesellschaftliche Eigenheiten verbindet der Text das Wettbewerbsthema mit Charaktertiefe und Milieugespür. Die Geschwindigkeit mit der Leben, Tod und Wiedergeburt ineinander krachen, macht den Text formal wie inhaltlich zu einem herausragenden Siegerbeitrag.“
„Da steht er, zwischen den anderen, eine grün-weiße Raupe mit Zyklopenauge, schief am Stammplatz, du hast es eilig gehabt. Dein Bus ist mutterseelenallein, schwach beleuchtet. Ich habe ihn an den Post-its erkannt, sie kleben an der Windschutzscheibe und am Armaturenbrett. Ich gehe langsam auf ihn zu, hole die Stange aus dem schwarzen Rucksack, leger auf einer Schulter, lege das Eisen ans Gummi der Tür, es gibt leicht nach, ganz einfach, ich stemme die Tür auf, wie du es mir gezeigt hast und steige ein, dein Platz ist frei, aber ich sehe dich noch sitzen, verschmolzen mit dem bedruckten Stoffsitz. Direkt über dem Fahrersitz ist eine Sonne gezeichnet, dein eigener Stern…
Ich habe erst nach zwei Wochen meines neuen Schulwegs erkannt, dass immer du da vorne sitzt und fährst, immer im selben Bus, wie hast du das geschafft, habe ich dich gefragt, wenn du lange genug dabei bist, bist du frei irgendwann. Die Leute bemerken dich nicht mehr, so bist du mit dem Bus verwachsen und er mit dir, hast beobachtet und mitgeschrieben. Notierst die Geschichte, sie klebt gelb um dich rum. Du hast mir ab der vierten Woche eine Bedeutung zugewiesen, ich bin der, der sein Geld nie dabei hat, Schwarzfahrer, der trotzdem bezahlt, mit Kastanien, mit Nimm2, mit Spickzetteln oder einem Wort, ich habe dir nie eine Münze gegeben, du hast gesagt, ich nicht, ich muss mehr zahlen, den höheren Preis, du hast dir das ausgedacht in der vierten Woche, beim achten Mal Geld vergessen.
Unsere Freundschaft, Bekanntschaft, die lief so: Ich steige ein, ich bezahle (ich mache eine Pirouette, gebe dir ein Herbstblatt, sage meine Lieblingseissorten alphabetisch auf, du bestimmst den Preis), du schüttelst mir ernst die Hand, grüßt, ich gehe die Reihen entlang, der Rucksack schief auf den Schultern. Immer derselbe Platz, du links vorne, ich rechts hinten, in Fahrtrichtung. Auf dem Sitz vor mir steht: Lebn ist hart ohne S-Budget Juneberry, und, ich war das nicht, habe ich dir gesagt, als wir Plätze getauscht haben.“
„Sonne über dein Haupt“ ist die Geschichte eines Schülers, der im Chauffeur des Busses, mit dem er in seine neue Schule fährt, einer alternativen Form von Lehrer begegnet. Von ihm lernt er unter anderem, dass es auch andere Formen der Bezahlung gibt, dass es gilt, Freiheit auszusitzen, und erst dann davon gesprochen werden kann, wenn man für die anderen unsichtbar geworden ist.
Sukzessive verwandelt sich das Innere des Busses in eine sonderbare Form von Klassenzimmer, in dem rund um den Fahrersitz auf zahlreichen Post-its Die Geschichte geschrieben steht. Als der Chauffeur eines Tages tatsächlich nicht mehr ist, nimmt der Protagonist dieses Zettelwerk an sich. Zurück lässt er hingegen die Zeichnung einer Sonne, dort, wo sich, knapp darunter, tagtäglich die Halbglatze des Fahrers befunden hat.
Was diesen Text auszeichnet, ist der Mut, erzählerisch alternative Wege zu gehen, das Erblühen einer Beziehung zwischen einem Heranwachsenden und einem Rädchen im Alltagsbetrieb zu schildern und dabei, anstatt auf altbekannte Bilder zurückzugreifen, selbst welche zu erfinden. Auch scheut der Text nicht davor zurück, jene Akteure ins Zentrum zu rücken, die dazu tendieren, Teil des Hintergrundrauschens unseres Lebens zu sein und anzuerkennen, dass gerade ihre Menschlichkeit und die Eigenheit das Gewöhnliche zu etwas Besonderem werden lassen können. Wir tauchen in die Vorstellungswelt eines sich entwickelnden kreativen Geistes ein, der bereit ist mit seinen eigenen Einfällen vorlieb zu nehmen.“
„Schließlich tat ich das, was ich immer getan hatte, ich floh in mein Kinderzimmer. Wie erstarrt in der Zeit, so unberührt, dass es mir Angst machte. Mit einem seltsam fremden Gefühl ging ich im Raum auf und ab. Ich riss das Fenster auf, um den abgestandenen Geruch loszuwerden. Auf dem Bett unter der Dachschräge saß Rudi, mein Kuschelbär, mit dem von Oma bestickten Blümchenpullover. An den Wänden, glänzend poliert, hingen Medaillen, Pokale und Bilder von einem strahlenden Mädchen mit Dutt und Tutu neben einer noch strahlenderen Mutter. Die Spitzenschuhe, am Haken daneben, ließ ich unberührt in ihrem grazilen Stolz.
Dann begann ich nacheinander die Schubladen meines Schranks zu öffnen. Betrachtete alles mit Sorgfalt, als wäre es fremdes Eigentum. Vorsichtig strich ich über die aus Holz geschnitzten Tiere, mit denen ich mich stundenlang beschäftigt hatte. Die verblasste Spieldose, mit der sich drehenden Tänzerin, hielt ich besonders lange und summte die Melodie. Gemeinsam mit meiner Herzchen-Kette, die ich von meiner besten Freundin bekommen hatte, bildeten Rudi, die Holztiere und die Spieldose einen kleinen Haufen am Parkettboden vor mir. Die anderen Spielsachen schlichtete ich mit gründlicher Genauigkeit an ihren Platz zurück. In der untersten Lade meiner hellrosa Kommode fand ich meine alte Barbiepuppe Annelies. Ihre blonden Haare waren in einen großen Knoten zusammengefilzt, ihre Plastikhaut hatte längst den frischen Glanz verloren und ihr fehlte der rechte Stöckelschuh. Ich hielt sie und weinte. Endlich weinte ich. Die tiefgekühlten Gefühle schmolzen und tropften auf meine Hose. Ich weinte um das kleine Mädchen, ein Werkzeug der verpassten Träume ihrer Mutter und die Schuld, immer wieder daran zu scheitern, diese einzuholen…“
„Ein Haufen Kindheit entfaltet seine Dramatik in ruhigen, präzisen Bildern, die jedoch emotional mit großer Wucht voranschreiten. Durch die Gegenüberstellung des erstarrten Elternhauses und der sich immer schneller verdichtenden inneren Aufarbeitung erzeugt der Text ein stilles, aber stetig zunehmendes Tempo der Erkenntnis.
Die Autorin zeigt, wie kraftvoll langsames Erzählen sein kann: Die Rückkehr in das Kinderzimmer, das Öffnen der Schubladen und das Wiederentdecken der Objekte der Kindheit werden zu einer sukzessiven Beschleunigung des inneren Wandels. Der Moment des Weinenkönnens markiert einen emotionalen Durchbruc, der den Text – ohne äußere Hast – in ein starkes finales Tempo führt. Das scheint vor allem dem Publikum besonders gefallen zu haben. Denn ausschlaggebend für den dritten Platz war hier das Public Voting.“
Zeitreisen spielten in manchen Texten zum Thema Tempo der jugendlichen Autor:innen eine Rolle. Neben vordergründigen Wiedergeburten baute der Autor des dieses Jahr siegreichen Textes „Elfzwanzig“ – der Ort seiner Handlungen, gleichzeitig sein Heimatbezirk, ist Meidling, der 12. Wiener Bezirk mit der Postleitzahl 1120 – auch gleichsam zeitreisende Altwiener Begriffe ein. So verwendet er „Mistelbacher“ für Polizisten, was einen rund 100 Jahre zurückliegenden historischen Grund hat (Link weiter unten).
„Ich mag so alte Wiener Bezeichnungen und sammle sprachliche Kuriositäten“, beantwortet er die Frage von Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… woher er diesen – seit vielen Jahrzehnten gar nicht mehr üblichen Begriff – kenne. Texte, die nicht für die Schule sein müssen, schreibe er ungefähr seit der Zeit, als er im Gymnasium begonnen habe. „Zeitweise wenn mir sehr fad ist, beginne ich Texte zu schreiben oder zumindest Gedanken zu sammeln. Das meiste auf papiernen Zetteln. Mein Laptop ist so langsam, da mach ich nur das Nötigste. Manches Mal schreibe ich auch in Hefte. Einmal hab ich leider ein solches mit vielen Notizen in einem Lokal verloren. Vielleicht finde ich ja einmal irgendeinen Text von jemandem, der das Heft gefunden und meine Aufzeichnungen verwendet hat“, meint Philip Pecoraro augenzwinkernd.
Eine der vielleichtheftigsten Passagen der rund 100 A4-Seiten der 23 Finaltexte des Jubiläums-Jugendliteraturbewerbs „texte.Wien“ stammt aus „Ein Haufen Kindheit“ von Bruna Karolyi (Gymnasium Neusiedl am See), die damit den dritten Platz belegte: „Die einzige Wärme im Raum ging von der Tasse Tee aus. Geredet wurde nur wenig. Die Stille war mir so vertraut, dass es beinahe komisch war, wie sehr sie mich erdrückte. Nur die Uhr tickte. Immer lauter…“ Bleibt zu wünschen, dass möglichst wenige solche Gefühle an den bevorstehenden Feiertagen erleben (müssen).
Wobei die Autorin im Gespräch mit Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… betont, dass „Dies aber nichts Autobiographisches ist, sondern alles ausgedacht. Ich versuche beim Schreiben immer wieder, mich in andere Personen hineinzuversetzen.“ Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… erzählt sie: „Ich hab schon in der Volksschule begonnen mehr zu schreiben als für die Schule gefragt war. Und im Gymnasium in Neusiedl hatte ich das Glück, dass wir da eine kreative Schreibwerkstatt haben. Trotzdem schreib ich das meiste dann in der Freizeit. Für diesen Text hatte ich ziemlichen Zeitdruck. Genau deshalb wollte ich mit Verlangsamung, ja fast Stillstand experimentieren.“
Alljährlich begleitet eine neue, junge Band die feierliche Preisverleihung mit professioneller Lesung aus den Finaltexten durch Schauspieler:innen, zunächst „nur“ des Bugtheaters, seit der neuen Location auch aus dem Schauspielhaus Wien. In diesem Jahr spielte „Leeta“ auf. Noah Sarich (eGitarre und Gesang), Leona Sperrer (ebenfalls eGitarre und Gesang), Lea-Carlotta Walenta (Bass) und Paul Peschke (Schlagzeug) spielten und sangen selbst geschriebene Songs – in auch selbst gemalten und geschneiderten T-Shirts mit den Symbolen von Spielkarten.
„Wenn wir uns treffen, um neue Songs zu schreiben, reden wir über das Thema, das wir bringen wollen, und entweder schreiben wir gemeinsam oder die eine oder der andere schreibt dann. Und das mit den Spielkarten haben wir einmal ausprobiert und uns gedacht, das ist ganz cool und hat einen Wiedererkennungswert. Vorerst bleiben wir sicher dabei.“
Die jungen Musiker:innen verraten Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… auch den Hintergrund für den Bandnamen. Die beiden Frauen haben in einer WG beim Karmelitermarkt in Wien-Leopoldstadt gewohnt. „Das hat uns gefallen und wir wollten von dem Namen ausgehend, was Verfremdetes und so sind wir von Karme-liter auf Leeta gekommen!“
„Das Jetzt ist der einzige Zustand, den es wirklich gibt. Vergangenes war und Zukünftiges wird sein. Jetzt ist. Jetzt ist real. Jetzt kannst du ändern.“ Das sind die letzten Sätze des Textes von Adele Bardelli. „Jetzt ist“ schrieb die Jugendliche aus der Wiener Neulandschule Grinzing als eine von 23 von 25 Finalist:innen für den Jugendliteraturbewerb texte.wien 2024. Es war die 13. Ausgabe, die neunte in der Neugründung als „Literarische Bühnen Wien“. Das Motto des nun zu Ende gegangenen Durchgangs lautete „Augenblicke“.
Erstmals fand die Final-Gala samt Preisverleihung im Schauspiel^haus Wien statt. Und so lasen neben Markus Meyer aus dem Burgtheater (der auch die Obmannschaft des Vereins von Cornelius Obonya übernommen hat) die beiden Ensemblemitglieder des Gastgeberhauses Sissi Reich und Maximilian Thienen sowie die Film- und TV-Schauspielerin Sarah Zaharanski aus allen 23 Finaltexten vor. Immer genau zwei Minuten – so die Dramaturgie des Initiators des Bewerbs und Regisseurs des Abends, Christoph Braendle.
Den „Gong“ setzte mit musikalischen Interventionen die junge Band Ginger Shot – sozusagen ein scharfer Einschnitt. Der „Ingwer-Schuss“ besteht übrigens aus dem Sänger Nikolaus Blin, Joana Nikolov (ebenfalls Vocal) sowie dem Drummer (Schlagzeuger) Lazar Jevtić, Paul Brandstötter an der Gitarre und dem Bassisten Linus Weinek. Natürlich sorgten diese jungen Musiker:innen nicht nur für die Breaks nach jedem der Texte, sondern immer wieder für ganze Nummern, die sehr zum Mitswingen einluden.
Mit diesen 2-Minuten für alle wird – trotz Bewerb und Reihung durch die Jury – jedem Text derer, die es ins Finale der immerhin 400 Einreichungen aus dem deutschsprachigen Raum geschafft haben, die gleiche Aufmerksamkeit und Wertung zuteil. Übrigens sind nach wie vor alle Final- sowie Vorrunden-Texte auf der Homepage des Bewerbs (nach) zu lesen 😉 – Link unten am Ende des Beitrages.
Trotz wirklich spannender, vielseitiger, ganz unterschiedlicher Zugänge – sowohl von den Themen als auch den literarischen Genres – von Kurzgeschichten über Gedichte bis zu theatralen bzw. filmischen Szenen – beschränkt sich dieser Bericht auf die drei Erstplatzierten – mit ihnen gibt es als eigene Beiträge Interviews. Und traditionell wird der Text von Platz 1 – in diesem Fall „Vellichor“ von Emilia Masek aus dem Leopoldstädter Sperlgymnasium (2. Bezirk in Wien) – in voller Länge als eigener Beitrag veröffentlicht – Link ebenfalls am Ende dieses Beitrages.
Laut Duden bedeutet der aus dem Englischen kommende Begriff Vellichor „die empfundene Nostalgie und Wehmut, die beim Besuch von Antiquariaten durch den Geruch von altem Papier hervorgerufen wird. Der wunderschöne Neologismus geht auf John Koenig (US-amerikanischer Leutnant, Szenenbildner und dafür ein Mal für den Oscar für das beste Szenenbild nominiert) zurück“.
Die Autorin wollte unbedingt einen Text über ein kaum bekanntes Fremdwort schreiben, erzählt sie im Interview mit Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… Und nach dem Besuch eines Wiener innerstädtischen Antiquariats entschied sie sich für diesen Begriff und einen Text bei dessen Lesen ein solches vor dem eigenen geistigen Auge entsteht, ohne je verstaubt zu wirken 😉
Dieser Text hinterließ bei der Jury „den stärksten Eindruck und hat am meisten überzeugt… ein richtiges Liebeslied an die Literatur und das Erzählen“.
Platz 2 ging – ebenso wie der folgende dritte Rang nach Salzburg an Jugendliche des selben Musischen Gymnasiums der Landeshauptstadt. Theresa Schmerold beschreibt in „Unsere Stadt, 1:34 nachts, örtliches Altenheim“ als Jugendliche dennoch plastisch das Leben am anderen Ende desselben – nicht romantisierend – von wegen sanft entschlafen, sondern realistisch hart und doch empathisch.
„Nachdem wir den Text gelesen haben, wissen wir (wieder einmal) etwas, das im Grunde gar nicht direkt angesprochen wird“, fand die Jury. „unter anderem gelingt das dank einer durchgängigen Ambivalenz, die damit beginnt, dass ein sogenanntes heikles Thema – die (freiwillige) Konfrontation mit Menschen, die sich unmittelbar vor dem Sterben befinden – aufgegriffen und mit einer gewissen Unbekümmertheit, niemals verunglimpfend, mal liebevoll, mal neckisch, verständnisvoll, dann wieder ein wenig spöttisch behandelt wird.“
Zwar aus Salzburg, aber ein Wien-Aufenthalt war’s, der Felix Denk zu seinem sehr szenisch geschriebenen Text „Auf der Mariahilfer Straße“ inspiriert. Wobei er bei der Preisverleihung und im KiJuKU-Interview verriet: Für die Art der Beschreibung dessen, was er auf der berühmten stillstehenden Baustelle des von René Benko geplanten nach Hedy Lamarr benannten Hotels am Beginn dieser Einkaufsmeile ansiedelte sei auch Roland Schimmelpfennings „Auf der Greifswalder Straße“ eine mehr als anregende Lektüre gewesen. Ein Mix aus Sozialreportage und Kriminalfall veranlasste die Jury, Felix Denks Text aufs „Stockerl“ zu heben.
„Besonders hervorzuheben ist der genaue Blick auf eine Sprache, die zur Komplizin der Corporate Reality wird“, meinte die Jury. „Mal sind es scheinbare Zitate aus dem Kontext von Motivationsseminaren, mal sind die Aussagen derart überspitzt, dass sie die Irrationalität dieser verharmlosenden, individualisierenden Slogans aufdecken, etwa Probleme sind nur dornige Chancen… Das Erscheinen eines Kommissars lässt einen Kriminalfall und eine Auflösung erwarten – stattdessen gehen die Figuren ins Nichts ab… Der Text endet als Fragment… der die Phantasie anregt…“
Ein leises Klingeln erfüllt die Luft, eine Tür fällt geräuschlos ins Schloss. Willkommen, sagt das Eingangsschild, und du willst nie wieder gehen. Im Antiquariat drücken sich die Regale an die Wände, schmiegen sich aneinander und kauern zusammen unter der Decke. Biegen sich fast unter ihrer Bücherlast, fast verblasste Worte, an denen die Geschichte von Jahrtausenden klebt. Die Schritte werden fast unmerklich gedämpft, nicht durch einen Teppich, der Raum selbst bittet um Schweigen.
Zwei Schritte mehr und da erstreckt sich die schriftgebundene Sagenwelt. Herakles kippt fast von dem Brett, unter ihm die falsch eingeordneten Brüder Grimm. Troja liegt in der Ecke, Odysseus taucht ins Tintenmeer.
Vergilbte Seiten, altersgebeugte Bretter, unlesbare Buchrücken.
Was wäre die Welt ohne Erinnerung?
Es heißt, in jeder Geschichte steckt ein wahrer Kern. Wenn du genau hinhörst, kannst du Iphigenie auf Tauris singen hören. An Aulis willst du dich nicht erinnern.
Die Geschichte der Welt wird mit Tinte erzählt. Manchmal auch mit Kinderhänden, die vor Tausenden von Jahren ihre Finger in Farbe tauchten und sie vorsichtig gegen einen Felsen pressten, als wollten sie sagen: Ich war hier. Ich habe geliebt, gelebt. Erinnert euch.
Manche Augenblicke bleiben für immer, weil wir sie nicht loslassen wollen. Wir schreiben sie ab, drucken sie neu, binden sie ein und sortieren sie neben ihre Vorgänger.
Um dich herum ist glasklare Stille.
Der Regen trommelt wütend gegen die Scheiben, aber du hörst ihn nicht, lässt ihn nicht ein. Heute ertrinkst du in Tinte.
Du läufst weiter, tiefer in das Labyrinth aus Worten, atmest die Jahrhunderte ein.
Links von dir lauert MacBeth, daneben kauert Hamlet. Worte, Worte, Worte. Wenn Liebe dich krönen könnte, wärst du längst König.
Nächstes Regal, knarrendes Eichenholz. „Neuerscheinungen“, verkündet ein Schild, und der jüngste Band ist älter als du. Du schweifst an ihm vorbei, bis an die hinterste Wand. Dorthin zieht es dich, wie lautloser Sirenengesang, ein Zupfen an deiner Seele, ein gehauchtes Versprechen.
Raues Leder unter deinen Fingern, Seiten so zerbrechlich wie erzwungener Frieden. Worte fliegen an dir vorbei und fallen mit leisem Rascheln an neue Orte.
Vellichor, sagt das Wörterbuch, sei die Wehmut inmitten von altem Papier. In der Zeit verloren zu sein, während sie sich unbarmherzig durch die Seiten frisst. Jede Geschichte endet irgendwann, wenn man keine zweite Auflage findet.
Vellichor, bedeutet zu wissen, dass man ein Sandkorn ist inmitten der Unendlichkeit, eine Aneinanderreihung von Buchstaben angesichts der Geschichte.
Vellichor, das bedeutet in der Ewigkeit zu stehen und selbst zu ihr zu werden, für einen Augenblick. Das Universum blinzelt und das Antiquariat bleibt bestehen. In hundert Jahren gibt es diesen Ort vielleicht noch, dich nicht mehr.
Lass etwas zurück, ein Flüstern zwischen den Buchseiten, bleistiftgebundene Gedanken. Der Klang deines Namens wird verhallen, bis kein Echo ihn mehr einfangen kann. Wehmut flutet dein Herz.
Lass etwas zurück. Einen Händeabdruck, in deiner Lieblingsfarbe. Finger gepresst an etwas, das nicht so vergänglich ist wie Papier. Einen Augenblick, den du mit bloßen Händen zu Ewigkeit formst.
Erinnert euch.
Ich habe geliebt, gelebt.
Ich war hier.
Emilia Masek
KiJuKU: Seit wann schreiben Sie, wie sind Sie dazu gekommen?
Emilia Masek: Schon seit ich klein bin schreib ich, früher war das aber richtig, richtig selten. Ich les‘ halt wirklich sehr, sehr gerne.
KiJuKU: Wann haben Sie dann mehr als selten zu schreiben begonnen?
Emilia Masek: In den Lockdowns, als wir alle zu Hause waren, da hab ich halt so eine Art Fan-Fiction-Community gegründet. Da haben wir uns eben ausgetauscht und das hat mich motiviert, mehr zu schreiben. Danach hab ich weniger und für den Wettbewerb wieder mehr geschrieben.
KiJuKU: Für Ihren siegreichen Text haben Sie auf der Bühne bei der Preisverleihung gesagt, der Besuch in diesem Antiquariat war der Auslöser. Wie war das: Sie waren drinnen, sind rausgegangen und haben gewusst: Da schreib ich jetzt einen Text darüber?
Emilia Masek: Nein, ich hab diesen Text erst zwei Tage vor Abgabe-Schluss geschrieben. Ich hatte mir mehrere Themen überlegt. Und es waren alles Wörter, die man weniger kennt. Am Anfang wollte ich über Petrichor schreiben, das bezeichnet den Geruch von Regen. Ich habe mich dann aber für diesen Text entschieden, weil ich in dem „Antiquariat Schaden“ in der Sonnenfelsgasse 4 (Wien-Innere Stadt; 1. Bezirk) ja drinnen war.
KiJuKU: Aber wenn ich das richtig verstehe, war ein Ansatz: Ich nehme ein Wort her, das wenige Leute kennen und darum herum bau ich eine Geschichte?
Emilia Masek: Ja, aber das hatte ich zum ersten Mal gemacht.
KiJuKU: Und dieses Wort ist Ihnen zugeflogen oder haben Sie es bewusst gesucht, speziell im Zusammenhang mit dem Antiquariat?
Emilia Masek: Ich hab’s auf Pinterest (ein Social Media Netzwerk) aufgeschnappt, dann hab ich erst einmal die Bedeutung im Internet gesucht. Ich hab dann begonnen, ungewöhnliche Wörter zu sammeln, hatte so eine kleine Liste mit denen. Dann nach dem Besuch im Antiquariat ist es mir wieder eingefallen und ich hab gedacht: Ach, das passt gut dazu und so hab ich mir das rausgepickt.
KiJuKU: Sind diese Beschreibungen des Antiquariats aus der genauen Beobachtung vor Ort oder war es „nur“ die Animation für diesen Text und Sie haben vieles erfunden?
Emilia Masek: Ich hab das meiste erfunden. Ich war nur zwei Mal dort. So genau hab ich mir das nicht angeschaut, weil ich eben mit einigen Büchern dort beschäftigt war. Ich fand einfach die Atmosphäre richtig cool. Und wusste schon nach dem ersten Mal: Da komm ich auf jeden Fall wieder. KiJuKU: Abschließend die gleich Frage wie an Ihre Kolleg:innen: Ist Schreiben so etwas wie eine Berufsperspektive für Sie?
Emilia Masek: Ich würde schon gerne Autorin werden. Früher wollte ich das hauptberuflich machen, aber jedenfalls würd ich’s gerne nebenberuflich machen und wenn sich’s dann einmal ausgeht zum Hauptberuf.
KiJuKU: Wann und wie sind Sie zum Schreiben gekommen?
Theresa Schmerold: Bei mir hat’s auch relativ früh angefangen.
KiJuKU: Relativ früh heißt?
Theresa Schmerold: Schon in der Volksschule hab ich mit meiner Schwester Geschichten erfunden. Generell hab ich sehr viele kreative Hobbies.
KiJuKU: Und zwar?
Theresa Schmerold: Basteln, malen, singen, schreiben eben
KiJuKU: Wie schreiben Sie dann – mir kommt eine Idee, ich setz mich hin oder Notizen sammeln, oder …?
Theresa Schmerold: Bei mir ist das sehr ambivalent. Normalerweise oder sehr oft hab ich Ideen, wann ich gerade nicht schreiben kann, da mach ich mir dann Notizen am Handy. Wenn die aneinandergereiht wären, ergäb‘ das wahrscheinlich gut zwei Kilometer. Und aus Stichwörtern und längere Notizen zieh ich dann meine Ideen für Texte heraus. Aber ich bin auch relativ spontan beim Schreiben und versuch, dass ich mir nicht allzu viel Druck mache. Es kommt oft auch vor, dass ich mich hinsetze und drauf los schreibe. Das funktioniert für mich eigentlich am besten.
KiJuKU: Zu Ihrem nun ausgezeichneten Text haben Sie auf der Bühne gesagt, ein Todesfall in der Familie war der Ausgangspunkt sich mit diesem Thema zu beschäftigen?
Theresa Schmerold: Genau, und zwar die Art des Todes – nicht so romantisiert wie es oft beschrieben wird, jemand ist entschlafen oder so, sondern real, nicht beschönigt, sondern die Natur wie sie leibt und lebt…
KiJuKU: … und stirbt?
Theresa Schmerold: Ja, das interessiert mich generell. Dass man Sachen beschreibt wie sie wirklich sind – und den Gedankenprozess dazu mitmacht; Welten aufbaut, die auch fantasievoll sind. Ausschlaggebend sind dafür Szenen, die ich in meinem Kopf hab, die ich dann beschreibe – desto lebhafter wird der Text. KiJuKU: Ist Schreiben eine Berufsperspektive für Sie?
Theresa Schmerold: Ich bin am Überlegen, was ich machen möchte. Ich glaub, dass ich nicht aufhören werde zu schreiben, auch wenn es nur als Hobby ist, aber es würde mich schon interessieren – unter anderem.
texte.wien -> Text der Zweitplatzierten
KiJuKU: Seit wann schreiben Sie?
Felix Denk: Begonnen hab ich mit vier Jahren, also am Anfang hab ich nicht selber geschrieben, da hab ich diktiert und meine Oma hat’s aufgeschrieben. Die hat mich sehr geprägt in der Hinsicht. Die hat mir sehr viel vorgelesen in meiner Kindheit, was mich dazu gebracht hat, mir selber Geschichten auszudenken.
KiJuKU: Wann und wie schreiben Sie?
Felix Denk: Ich schreib in jeder Phase meines Lebens. Es ist für mich so ein Ort wo ich mich zurückziehen kann, ein Spielplatz wo ich mich wirklich austoben kann.
KiJuKU: Haben sie immer einen Notizblock dabei oder das Handy, wo sie Notizen zu Gedanken festhalten?
Felix Denk: Ich bin gar nicht so einer, der ständig mitschreiben muss, sondern ich teil mir konkret Schreibzeiten ein. Wenn ich Lust hab zu schreiben, setz ich mich schon für ein paar Stunden hin. Ich konzentrier Ideen, die ich so über den Tag verteilt hab in solche Schreibzeiten – praktisch immer am Laptop.
KiJuKU: Wenn Sie’s geschrieben haben, gehen sie dann öfter drüber oder ist es so – einmal geschrieben, pickt‘s?
Felix Denk: Es gibt einen ganz langen Überarbeitungsprozess. Wobei ich immer eine Zeitlang Abstand brauch, bevor ich über meine Texte g‘scheit drüber gehen kann. Es ist mir auch ganz wichtig, dass ich meine Texte so lang putz‘ bis die wirklich gut lesbar sind. Und bis mir gar nix mehr dazu einfällt, was ich ändern könnte.
KiJuKU: Sie sind ja aus Salzburg, wie sind Sie auf die Wiener Mariahilfer Straße gekommen?
Felix Denk: Ich war in den Herbstferien in Wien auf Kurzurlaub, hab da halt den traurigen Lamarr-Bau (die wohlbekannteste René-Benko-Baustelle relativ am Beginn der berühmten Einkausmeile Mariahilfer Straße) entdeckt, dann ist das sehr von selber gegangen der Schreibprozess, hab dann praktisch Roland Schimmelpfennings „Auf der Greifswalder Straße“ und diese Baustelle kombiniert, hab bald eine erste Szene gehabt und dann hat sich’s wie von selbst ergeben.
KiJuKU: Schreiben Sie öfter szenisch oder ist das eher eine Ausnahme gewesen?
Felix Denk: Ich schreib alles – alle Genres, genauso gern Kurzgeschichten.
KiJuKU: Ist Ihre Berufsperspektive, Autor zu werden?
Felix Denk: Ich glaub ich würde sehr arm, wenn ich das weiterhin verfolge – so wie der Gustl in meinem Text bei einer Notschlafstelle enden. Ich schau schon, dass ich was mit Schreiben machen kann, Journalismus zum Beispiel wovon ich laben kann und dann nebenher schriftstellerisch tätig.
texte.wien -> Text des 3.-Platzierten
„Er stammt aus der Imagi-Nation, dort sind alle eingebildet“, tröstete mich die Frage. Eine Weile gingen wir dahin, bis sich uns eine Wand, unüberwindbar, in den Weg schob. „Sehr unangenehm. Darf ich vorstellen. Die Schreibblockade“, sagte die Frage und trat mit voller Wucht gegen das Urgestein. Das Mauerwerk blieb schwer unbeeindruckt. „Jenseits von ihr liegen der magische Schreib-Fluss und die große weite Geschichtenwelt. Ach, wie gerne ich sie überwinden würde, aber dazu brauche ich eine Antwort.“
Diese Sätze stammen aus „Graue Zellen – geschüttelt, nicht gerührt“ von Eleftheria Walzer. Es ist einer der fantasievollen, tiefgründigen, sprach- und gedanken-verspielten Final-Beiträge zum Thema „Kein Ende“ aus jungen Köpfen und Händen des Schreibbewerbs „Texte. Preis für junge Literatur“. Zum 13. Mal ging – mit Ausnahme der Corona-Jahre mit ihren digitalen Lesungen – dieses Finale in einer Gala in der Burgtheater-Spielstätte Kasino am Schwarzenbergplatz über die (dieses Mal unterbeheizte und damit ziemlich kühle) Bühne.
Schauspielerinnen und Schauspieler des Burgtheaters – diesmal mit einer Gästin des Salzburger Landestheaters – lasen Auszüge aus den 25 Final-Beiträgen. Und zwar alle gleichwertig. Jeweils zwei Minuten – dann gab’s eine „akustische Intervention“ in Form einiger Gitarrenklänge des Jugendlichen Wenzel Beck, der dieses Mal für die musikalische Umrahmung sorgte. Bei einigen wenigen Texten musste er auf seine „Intervention“ hingewiesen werden, weil diese knappen Texte kürzer waren als das einheitliche Format.
Obwohl Wettbewerb samt Jury – neben dem Online-Voting – und einer Rangfolge der drei Erstplatzierten, strahlt dieser Bewerb eine große Gemeinsamkeit aus: Leidenschaft und Lust Jugendlicher, Gedanken in Worte, Sätze zu fassen, und zwar in literarisch ausgetüftelter Sprache. Und die Würdigung dieser kreativen Leistungen durch die große Bühne – samt der oben schon erwähnten – gleichwertigen Präsentation von Auszügen aller Finaltexte – übrigens 25 von 510 Einsendungen für diese 13. Ausgabe, die siebente des Vereines „Literarische Bühnen Wien“. Außerdem organisiert der Bewerb Workshops mit Schriftsteller:innen, in denen die Final-Teilnehmer:innen sich mit den Fachleuten austauschen und so manches dazulernen konnten.
Und dennoch gab/gibt es Texte, die – aus Online-Voting und Jury – nochmals hervorgehoben wurden. Und so gewann Yiannis Pagger aus Graz von der künstlerischen HTL Ortweinschule mit „Bär ist gleich Bär“ vor Lisa-Marie Wallner vom wirtschaftskundlichen Gymnasium Graz, die „Generation Schneeflocke“ geschrieben hatte und dem Schüler der Sir Karl Popper Schule im Wiedner Gymnasium Philip Pecoraro und dessen Texte „Hurghada“.
Mit allen dreien konnte Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… kurze Interviews führen – die als eigene Beiträge hier weiter unten verlinkt sind.
Empfohlen sei aber vor allem zumindest hineinzulesen in den einen oder anderen – am besten durchaus in alle 25 Texte – auf der (ganz unten verlinkten) Homepage des Bewerbs. Vielleicht als Anreiz nur auch noch kurze Zitate aus einem Text aus dem einige der Sprachspiele durchs Schriftbild besser zur Geltung kommen als beim Hören der wunderbaren fast szenischen Lesung – Dorothee Hartinger, Dietmar König, Markus Meyer, Sarah Zaharanski: „G. Dan-Ken“ steht auf dem kleinen Schild am Holztisch…“ beginnt Sophie Schuster aus dem Bernoulligymnasium ihren Text „Gelöscht“. In dem lässt sie „Text I. Dee“ nach einem Ende suchen lässt 😉
Traditionsgemäß wurde der Text von Platz 1 – wie schon erwähnt von Yiannis Pagger – nach der Verleihung der Preise in voller Länge gelesen, dieses Mal von Cornelius Obonya, der damit auch das Ehrenamt des Obmanns des Vereins übergab – an Markus Meyer. Intendant und das Gesicht des Bewerbs bleibt sein Erfinder Christoph Braendle, Seele und Motor im Hintergrund Margit Riepl.
„Der Text ist wunderbar surrealistisch und skurril und steht dabei dazu. Man fragt sich ständig wie es als nächstes weitergeht und was diese wundersame Fahrt im Transporter zu bedeuten hat. Der*die Autor*in (die Jury bekam die Texte anonymisiert, wusste also gar nicht, wer sie geschrieben hatte) hat eindeutiges sprachliches Geschick, was sich für uns vor allem in den unterschiedlichen Stimmen der Charaktere wiedergespiegelt hat – alle haben sie ihre eigene Ausdrucksweise und Charakterisierung – in einem kürzeren Text ist das, unserer Meinung nach, nicht einfach zu bewältigen und zeugt von Kreativität und handwerklicher/ sprachlicher Gabe. … er war spannend, lustig und interessant zu lesen zugleich.“
Zu Platz 2 begründete die Jury unter anderem: „Die Lebenssituationen von sechs jungen Menschen werden hier geschickt miteinander verwoben und so entsteht in einem relativ kurzen Text ein sehr anschauliches Bild einer ganzen Generation.“
Aus der Jury-Begründung zu Platz 3: „Beeindruckend war für uns, wie gut es einem jungen Menschen gelingt, sich in die Gefühls- und Gedankenwelt einer 80jährigen Frau einzufühlen und wie kompetent das dann sprachlich und erzählerisch umgesetzt wird.“
In einer Woche werden andere Nachwuchs-Literaturpreise vergeben – die exil-Literaturpreise „Schreiben zwischen den Kulturen“. Dabei gibt es jedes Jahr auch einen Jugendliteraturpreis sowie einen für Schulprojekte. KiJuKU wird – wie jedes Jahr – auch darüber berichten.
„In Hurghada fallen Schneeflocken auf Bären“… – aus der Jurybegründung
Der 16-jährige Yiannis Pagger gewann die diesjährige Ausgabe des Jugendliteraturbewerbs „Texte“ mit „Bär ist gleich Bär“. Die Jury – die neben dem Online-Voting entschied -, fand: „Der Text ist wunderbar surrealistisch und skurril und steht dabei dazu.“ Der Sieger ist Schüler der HTL Ortweinschule in Graz-Geidorf. Schon im Vorjahr war er mit seinem Text „Die Lämmer“, das sich ausgesprochen bewusst wie „Dilemma“ anhört, Zweiter geworden.
KiJuKU: Da sie den Kunstzweig dieser Schule besuchen, waren Sie schon früh sozusagen auf künstlerisch gepolt. Wann haben Sie – literarisch – zu schreiben begonnen?
Yiannis Pagger: Damit erst spät, so vor ungefähr einem Jahr. Ich zeichne schon sehr lange gern und mach auch Musik.
KiJuKU: Musik heißt was, spielen Sie in einer Band, Solo oder?
Yiannis Pagger: Ich spiel schon lange Klavier, in letzter Zeit beschäftige ich mich viel mit orientalischer Musik. Schau ma amoi, vielleicht kann ich irgendwann Text und Musik kombinieren.
KiJuKU: Wie kam dann – relativ spät – das Schreiben von Texten?
Yiannis Pagger: In der Schule habe ich oft sehr komische Texte geschrieben, weil ich die starren Textformen nicht interessant gefunden habe.
KiJuKU: Inwiefern komisch?
Yiannis Pagger: Sagen wir, kreativer ausgestaltet. Was den Vorgaben nicht immer entsprochen hat, was mir in Deutsch eher schlechtere Noten eingebracht hat.
KiJuKU: Wobei, was sagen Noten schon aus und wen kümmern sie später?
Yiannis Pagger: Stimmt, aber ich hab dann im Vorjahr eine Erörterung aus der Schule hier bei diesem Bewerb eingeschickt und so bin ich in die Literaturwelt reingestolpert.
KiJuKU: Wie sind Sie auf den diesjährigen Finaltext gekommen? Sie haben zuvor kurz nachdem er von den drei Schauspieler:innen gelesen wurde, gesagt, Sie sind von Bildern ausgegangen – Anmerkung: Der Text spielt in einem Transportauto mit vielen Schweinen, einem Bären, einer Frau, die meint, zwei Bären zu sehen und einem Erzähler, sowie einem Kellner mit einer Heißklebepistole. Hatten diese Bilder mit dem Thema „Kein Ende“ zu tun, oder waren die zunächst unabhängig davon da?
Yiannis Pagger: Ich arbeit oft mit meinen Träumen und Bildern daraus. Vieles passiert dann spontan beim Schreiben. Das „Kein Ende“ hab ich immer im Hinterkopf gehabt. Ich nehm also an, unterbewusst wird das beim Text mitgespielt haben, aber ich hab das nicht bewusst so darauf hin geschrieben.
KiJuKU: Da war diese Bild mit dem Transporter, Schweinen, einem, vielleicht zwei Bären…?
Yiannis Pagger: Also, geträumt hab ich vom Kellner mit der Heißklebepistole. Der Rest ist eigentlich recht spontan entstanden – beim Schreiben. Hinsetzen, Hirn ausschalten, schreiben!
KiJuKU: Sehr witzig – das ist ja ein ganz weiter Weg bis zu den Schweinen und den Bären/dem Bären.
Yiannis Pagger: Ich weiß es gar nicht, ich schreib einfach so.
KiJuKU: Sind solche kreativen Zugänge in der Kunstschule dann doch ein bisschen leichter?
Yiannis Pagger: Wir sind auf jeden Fall eine sehr weltoffene Schule, sehr kreativ und schräg. Wir haben ja verschiedene Abteilungen – Film, Keramik, Grafik. Das ist alles ein bunter Mix.
KiJuKU: Und Sie sind in welcher der Abteilungen?
Yiannis Pagger: Ich bin in der Grafik, also Werbedesign. In unserer Schule wird da aber sehr viel Wert auf künstlerische Freiheit gelegt.
KiJuKU: Hat sich durch das Lesen Ihres Textes durch die drei Schauspieler:innen etwas an den Bildern verändert?
Yiannis Pagger: Das nicht, ich hätte gern die Erinnerungen an meinen Text gelöscht und ihn sozusagen zum ersten Mal gehört. Aber das geht ja nicht. Aber ein paar Emotionen haben sich verstärkt, vor allem die Plötzlichkeit. Stimmen können eben schon viel ausmachen.
KiJuKU: Efcharisto, danke!
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In „Generation Schneeflocke“ beschreibt Lisa-Marie Wallner die Lebenssituation von sechs Jugendlichen als „anschauliches Bild einer ganzen Generation“ (aus der Jurybegründung). Sie belegte damit Platz zwei im aktuellen Schreibbewerb „Texte. Preis für junge Literatur“. Stefanie Kadlec, Schülerin im Maturajahr und Praktikantin bei Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr…, bat sie nach der Preisverleihung zum Interview.
KiJuKU: Wieso hast du angefangen zu schreiben?
Lisa-Marie Wallner: Ich habe immer schon gerne gelesen und irgendwann angefangen, selbst Geschichten zu schreiben. Bei mir waren es früher Pferdegeschichten. Mit meiner lieben Freundin Kathi habe ich einen Wattpad-Account gestartet und über diese online Schreibplattform bin ich mehr in das ganze Geschichtenschreiben hineingekommen. Ich habe über die Schule zum Wettbewerb gefunden und bin dann hier als Zweite gelandet.
KiJuKU: Wie bist du zu dem Titel „Generation Schneeflocke“ deines Textes gekommen? Was hat dich zu der Geschichte inspiriert?
Lisa-Marie Wallner: Mein Vater hat von einem Zeitungsartikel erzählt, in dem er gelesen hat, dass unsere Generation schon im Burn-out ist und deswegen wurde sie im Artikel als „Generation Schneeflocke“ bezeichnet. Das hat mich dann auf die gesamte Geschichte gebracht mit Vorurteilen und so weiter. Sie hat sich irgendwie so entwickelt im Kopf.
KiJuKU: Ich habe nur den Anfang gehört, aber mir ist aufgefallen, dass der Text genaue Beobachtungen enthält…
Lisa-Marie Wallner: Ich habe versucht, das Leben der heutigen Jugendlichen und – ich kann nicht für alle sprechen – was ich so fühle einzubauen; das, was die Jugendlichen heute beschäftigt, zusammen zu weben.
KiJuKU: Überlegst du, auch beruflich in diese Richtung gehen?
Lisa-Marie Wallner: Ehrlich gesagt bis jetzt nicht. Ich schreibe freizeitmäßig, wenn ich Lust darauf habe und mich was inspiriert. Aber ich habe noch keinen wirklichen Berufswunsch, also kann sein.
KiJuKU: Schreibst du Kurzgeschichten oder auch andere Textarten?
Lisa-Marie Wallner: Meine Freundin und ich haben im vorigen Jahr auf einer Onlineplattform aktiv viel geschrieben, jetzt leider nicht mehr. Wir haben verschiedene Geschichten geschrieben: Geschichtliches, eine Fan Fiction und eine Art Adventkalender mit einer Kriminalgeschichte. Es hat sich erübrigt mit diesem Schreiben und mittlerweile sind es nur noch Kurzgeschichten.
KiJuKU: Hast du irgendwelche AutorInnen, von denen du dir Inspiration holst?
Lisa-Marie Wallner: Die Geschichte, die ich geschrieben habe, war ein bisschen von Anne Freytag inspiriert. Sie schreibt auch von Jugendlichen aus und obwohl sie erwachsen ist, kann man sich so gut in ihre Geschichten hineinversetzen. Mein Text ist ein bisschen an die Bücher angelehnt, die ich toll finde.
Stefanie Kadlec, 18
Mit „Hurghada“, einem Text, in dem sich der Jugendliche beeindruckend in die Gefühls- und Gedankenwelt einer 80-jährigen Frau einfühlt, gewann Philip Pecoraro den dritten Platz im aktuellen Schreibbewerb „Texte. Preis für junge Literatur“. Stefanie Kadlec, Schülerin im Maturajahr und Praktikantin bei Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr…, bat ihn nach der Preisverleihung zum Interview.
KiJuKU: Was hat dich zu deinem Text außer dem Motto inspiriert?
Philip Pecoraro: Das kam eigentlich einfach so. Ich fange an und meistens wird es dann fertig. Es war in dem Fall auch so. In Workshops haben wir auch ein bisschen was geschrieben und da habe ich ein paar Einflüsse hergenommen.
KiJuKU: Ich habe gelesen, du bist im Karl-Popper-Gymnasium, was keine gewöhnliche Schule ist. Wie ist es dort?
Philip Pecoraro: Es ist ein spezieller Schulzweig des Wiedner Gymnasiums und ist eine sehr freie Schulform mit viel Wahlmöglichkeiten. Das ist sehr angenehm.
KiJuKU: Gibt es auch einen Fokus auf Sprachen?
Philip Pecoraro: Den Fokus kann man selbst legen. Man kann ansetzen, wo man ansetzen möchte.
KiJuKU: Welchen Fokus hast du gewählt?
Philip Pecoraro: Eher die Sprachen.
KiJuKU: Welche Sprachen sprichst du noch?
Philip Pecoraro: Spanisch, Französisch, Englisch und Latein.
KiJuKU: Schreibst nur auf Deutsch?
Philip Pecoraro: Hauptsächlich. Ich finde es auf Deutsch am einfachsten und weiß es auch am besten.
KiJuKU: Hast du irgendwelche AutorInnen, von denen du dich inspirieren lässt?
Philip Pecoraro: Ich finde Robert Gernhardt ganz gut. Weiß nicht, ob man den kennt. Das ist ein deutscher Humorist. Uwe Timm lese ich in letzter Zeit ganz gern. Ich finde, die haben einen lustigen lockeren Stil. Sehr angenehm zum Lesen.
Stefanie Kadlec, 18
Ash Ogg sprach nach der Preisverleihung KiJuKU-heinz an und erinnert den Journalisten an eine Begegnung vor zehn Jahren. „Da war ich ungefähr sechs, du kannst dich sicher nicht mehr erinnern, das ist zehn Jahre her!“ Diese wurde aber durch die Schilderung der Mutter lebendig, die darauf hinwies, dass Mia damals beim Projekt „Theaterhotel“ zwischen den fein gedeckten Tischen Räder schlug. Da kamen die Bilder wieder. Aber darum geht’s hier nicht. Seit einem Jahr nennt Mia sich Ash und hat den Text „Du oder ich?“ kurz und bündig geschrieben – einen der wenigen Texte, der von den Schauspieler:innen innerhalb des jeweils 2-Minuten-Slots zur Gänze gelesen werden konnte. Ein innerer Monolog mit der eigenen Angst, Sehnsucht…
KiJuKU: Seit wann schreiben Sie?
Ash Ogg: Seit ich schreiben kann, immer wieder mal, in letzter Zeit aber immer öfter.
KiJuKU: Eigene (Fantasie-)Geschichten oder ausgehend von eigenen Erlebnissen?
Ash Ogg: Meist sehr kurze Texte, oft innere Monologe und teilweise komplett erfundene Sachen, die aber oft einen Kern in der Realität haben.
KiJuKU: Und schreiben Sie meist für sich oder – so wie jetzt hier – auch für die Öffentlichkeit?
Ash Ogg: Meist für mich, erst seit Kurzem hab ich Texte eingereicht.
KiJuKU: War dies der erste Bewerb, wo Sie Texte eingereicht haben?
Ash Ogg: Ja, das war der erste Bewerb, wo ich was eingeschickt habe.
KiJuKU: Und wie kam es dazu?
Ash Ogg: Wir haben eine neue Deutschlehrerin. Damit sie uns besser kennenlernen kann, hat sie uns Texte schreiben lassen und dann gesagt, wenn ihr wollt, könnte ihr euren Text dann bei diesem Bewerb einreichen. Ja, und ich dachte, kann nicht schaden.
KiJuKU: War es dann für Sie eine Überraschung, dass Sie damit gleich ins Finale gekommen sind?
Ash Ogg: Ich hab ihn eingereicht, weil ich Lust dazu hatte, ich hab nicht gedacht, dass ich damit weiterkomme.
KiJuKU: Wie war es hier heute Abend, den eigenen Text – von Profi-Schauspieler:innen gelesen – gehört zu haben?
Ash Ogg: Also ich hätte ihn anders gelesen. Aber es war nicht schlecht.
KiJuKU: Schreiben Sie jetzt weiter?
Ash Ogg: Ziemlich sicher, ja. Ich war jetzt auch ein, zwei Mal bei Poetry Slams.
KiJuKU: Würde Sie das mehr reizen in diesem Stil zu schreiben?
Ash Ogg: Schon, ja.
Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… traf Hannah Oppolzer (23), deren erster Roman kürzlich in einem renommierten Verlag erschienen ist (Link zur Buchbesprechung am Ende des Beitrages) zum Interview. Anmerkung vorweg: Hannah hat schon als Kind und Jugendliche für den Kinder-KURIER, Vorläufer von KiJuKU.at bei Zeitungs-Workshops Artikel verfasst und kam bisher gut ein Dutzend Mal erst im KiKu, später auf KiJuKU.at vor – als erfolgreiche Teilnehmerin beim Jugend-Schreibbewerb texte.wien und mit weiteren berührenden literarischen Texten etwa zum Gedenken an das faschistische Konzentrationslager Mauthausen.
KiJuKU: Erstens Gratulation zu deinem Roman. Erste Frage: Wie bist du auf diese Mutter-Tochter-Geschichte gekommen; deiner Danksagung am Ende des Buches entnehme ich ja, dass dieses „verpasst“ weder auf dich noch deine Mutter oder gar euer Verhältnis zutrifft?
Hannah Oppolzer: Es ist immer schwierig zu sagen, wie ich auf eine Idee komme, die Geschichten kommen oft unbewusst zu mir. Mit 17 hab ich sicher als Jugendliche über die Zukunft nachgedacht, wie und was die Zukunft bringen wird oder könnte. Wie schaut mein Leben mit Ende 40 aus? Und was erwartet die Gesellschaft von dir.
KiJuKU: Wie schafft es eine 17- und später für den ganzen Roman dann ungefähr 22-Jährige, sich so in eine fast 50-jährige Frau hineinzuversetzen?
Hannah Oppolzer: Das Mysterium der Kreativität ist die große Vorstellungskraft, sich in Figuren reinversetzen zu können, die nichts mit mir zu tun haben. Viele Bücher über verschiedene Frauenfiguren unterschiedlichen Alters kann eigene Erfahrung ersetzen. Mein Text damals als Jugendliche hat irgendwie einen Nerv der Zeit getroffen war das Feedback und das hat mich ermuntert, später daran weiter zu schreiben. Und dazu brauchte es weitre Perspektiven, vor allem jene der Tochter, knapp älter als ich selbst.
Mit ungefähr 19 Jahren hab ich dann eine Urversion des jetzigen Romans geschrieben. Die war doppelt si dich mit vielen Nebensträngen, in die ich viel Persönliches einfließen habe lassen, sozusagen ein erweitertes Tagebuch.
KiJuKU: Von dem jetzt nichts mehr in „Verpasst“ ist, oder?
Hannah Oppolzer: Ich hab den Text dann liegen gelassen. Beim Lesen drei Jahre später hat mich dann vieles gestört, es hat sich veraltet angefühlt, ich hab 2022 die Hälfte weggestrichen – den ganzen unnötigen Sprachmüll.
KiJuKU: Die Mutter blieb aber ohne Namen.
Hannah Oppolzer: Eigentlich wollte ich gar keine der Figuren benennen, das wäre aber beim Lesen zu kompliziert geworden, alle Personen nur mit Pronomen vorkommen zu lassen, so hab ich Allerweltsnamen genommen wie Emma, Georg und so weiter, aber die Mutter sollte namenlos bleiben.
KiJuKU: Hattest du den großen Plot schon von Anfang an im Kopf mit dem Wendepunkt, der hier nicht verraten wird. Oder hat sich alles erst beim Schreiben ergeben?
Hannah Oppolzer: Die erste Schwierigkeit war die Frage, komm ich überhaupt wieder rein in die Sprache dieser Geschichte. Ich hab dann zwei, drei Kapitel über die literarische Tochter probiert und es hat atmosphärisch funktioniert. Dann hab ich zu plotten begonnen, mir eine riesige Mind-Map gemacht, jeden Handlungs- und Entwicklungsstrang aufgezeichnet und geschrieben, vor allem auch um mit der doppelten Zeitebene nicht durcheinander zu kommen. Und zum Ende hat der Verlag gesagt: Darüber müssen wir reden, du darfst es dir nicht zu einfach machen.
KiJuKU: Ich kenn dein Schreiben ja schon lange von den Beiträgen und Artikeln im Kinder-KURIER bzw. für die Zeitungen bei Workshops, das waren eher Sachthemen. Du hast daneben auch schon literarisch geschrieben?
Hannah Oppolzer: Sobald ich schreiben konnte, habe ich eigene Bücher gebastelt und illustriert. Mit 12 Jahren hab ich beschlossen, einen Bestsellerroman zu schreiben, einige Stunden am Design des Titelbildes und am Klappentext gearbeitet, aber den Text selber nie geschrieben.
KiJuKU: Als du mit Sibirien den Jugendbewerb texte.wien gewonnen hast, hast du mir erzählt, dies werde dein großes Roman-Projekt. Wie kam’s dazu?
Hannah Oppolzer: Da war ich ungefähr 12 ½. Meine Großeltern hatten viele Bildbände über Sibirien, mein Urgroßvater war nach dem 2. Weltkrieg aus einem Lager in Sibirien zurückgekommen, mein Opa hat darüber erzählt. Für mich war das der Ausgangspunkt, an einer Dystopie zu schreiben, die in der Zukunft spielt. Jetzt bin ich ungefähr in der Mitte des dritten Bandes. Und ein Extraband zur Trilogie ist auch schon halbfertig.
KiJuKU: Diese Dystopie ist vom Stil her sicher ganz anders als „Verpasst“, oder?
Hannah Oppolzer: An „Sibirien“ hängt mein Herz, aber ich schreibe gern in verschiedenen Stilen, will mich auch gar nicht auf einen festlegen oder gar festgelegt werden. Ich hab daneben so drei bis fünf Ideen mit bis zu zehn Seiten Plot. Es ist so reizvoll, immer wieder andere Spannungsbögen zu bauen, in anderen Stilen zu schreiben. Deshalb freu ich mich auch auf das Studium in Hildesheim, wo wir die unterschiedlichsten Techniken lernen können.
KiJuKU: Zurück zu verpasst – hast du selber Momente/Phasen in deinem bisherigen Leben, wo du etwas verpasst hast? Bzw. Hast du Bilder von dir im Kopf, wo und wie du dich mit 48 Jahren siehst wie „sie“, die Mutter Emmas?
Hannah Oppolzer: Ich bin nicht so der Risikotyp und habe nicht den Anspruch von meinem Schreiben leben zu können. Auch weil ich unter richtigem Druck die Angst hätte, schlecht zu schreiben. Manches brauch viel Zeit – wie eben zum Beispiel „Verpasst“. Meine Wunschvorstellung wäre, zur Hälfte Autorin zur Hälfte etwa als Lektorin in einem Verlag zu arbeiten. Aber seit Kurzem bin ich offiziell selbstständige Künstlerin. Und mit 48 Jahren wie „sie“, also Emmas Mutter seh ich mich Bücher schreiben und mit zwei gut trainierten Hunden.
sibirien-demenz-mut-und-zarte-spitze-falter <- im Kinder-KURIER
Vielleicht-muessen-wir-gedenken-weil-zu-wenig-gedacht-wurde <- im Kinder-KURIER
gedenken-weil-damals-zu-wenig-gedacht-wurde <- im Kinder-KURIER
hier-hat-der-tod-gewohnt-geliebt-gelacht-gespeist <- im Kinder-KURIER
Mehr als eine Umrahmung oder Untermalung lieferte in diesem Jahr beim Gala-Finale des Jung-Literaturbewerbs texte.wien die Band „The VoiceBrakers“ aus Salzburg. Dass zwei von ihnen mit Schlagzeug und Gitarre sozusagen einen Gong ersetzten, um nach jeweils nicht ganz zwei Minuten (1.50) den professionellen Vortrag von Auszügen aus den 25 Finaltexten zu stoppen, ist (auch) im Hauptartikel über den Bewerb zu lesen (Link am Ende dieses Beitrages).
Die vier Jungs, die sich aus dem Musischen Gymnasium Salzburg kennen, rockten mit ganzen Nummern mehrmals zwischendurch, vor allem aber am Ende – wo Zugabe-Rufe ihren Auftritt verlängerten. Außerdem gab es für das Publikum eine exklusive Vorab-Präsentation der neuesten Nummer, die dann erst um Mitternacht online released wurde – „Running out of Time“.
Die vier Musiker sind: Der erst 13-jährige Gustav Lepka am Schlagzeug, sein Bruder Lewin (16, Bass, E-Gitarre, Klavier und Vocals), Bernhard Zenker (16) sowie Zemmari Bloomfield (Gitarre und ebenfalls Stimme). Letzterer, zweisprachig (Englisch/Deutsch) aufgewachsen, hat die Schule mit einer Lehre als Veranstaltungstechniker gewechselt. „Ich bin im zweiten Lehrjahr in der Szene Salzburg“, womit er noch dazu recht nahe an seinem Metier als Musiker arbeiten kann.
Der junge Schlagzeuger spielt schon gut zwei Drittel seines Lebens die Drums. „ich hab mit fünf Jahren angefangen, da hab ich zum Geburtstag eine Cachon (hölzernes quaderförmiges Perkussionsinstrument) bekommen, weil ich schon vorher gesagt hab, dass ich Schlagzeug spielen will. Meine Eltern haben gemeint, ich solle erst ein Jahr Klavier lernen, dann hab ich eben die Cachon gekriegt und fast gleichzeitig auch mit dem Schlagzeugunterricht begonnen.“
Die Texte der jungen Literat:innen werden zweifach be- und gewertet – zum einen in einem offenen Online-Voting und zum anderen von einer Jury, Profis im schreibenden Gewerbe (Schriftsteller:innen, Journalist:innen) sowie aus der Pädagogik (Lehrer:innen) – siehe auch Infobox beim Hauptartikel zum diesjährigen Bewerb.
Für die Jury las Vanja König aus den Begründungen für die Preisvergabe:
„Mittlerweile findet der Preis zum 11. Mal statt und anhand der Anzahl an Texten, 825 Einreichungen waren es heuer insgesamt, kann man erkennen, dass dieser Talente fördernde Wettbewerb auch durchaus fordernd für uns als Jury ist. Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen betrachtet die Jury diese durchaus fordernde Teilnahme an „Junge Texte“ als Privileg, da sie es uns ermöglicht, Texten junger Menschen zu begegnen, deren Talent im Frühstadium seiner Entfaltung zwischen schierer Begeisterung, sprachlicher Begabung und künstlerischem Ausdruckswillen steckt.
Der dritte Platz ging heuer an „Traumfängerbasteln“ – ein wundervoll geschriebener, malerischer Text über ein Enkelkind, welches sich zum ersten Mal mit dem Thema Tod und Sterben befasst und den Lesenden auf seine naive, und doch herzerwärmende gedankliche Reise mitnimmt.
Im Gegenzug dazu, der zweite Platz – Das Dilemma mit „die Lämmer“ – ein unglaublich witziger Text und dabei so vielschichtig, frisch und voller Sprachlust. Es war eine Freude diesen Text zu lesen, diesen Text immer wieder zu lesen, und dabei jedes Mal über etwas anderes zu schmunzeln.
Trotz dieser und anderer, ausgesprochen guter Beiträge auch im diesjährigen Finale, haben wir uns für „Transitkind“ entschieden, weil wir beim Lesen dieses Textes das Gefühl gehabt haben, ein bisschen was davon zu verstehen, was sein Protagonist, seine Protagonistin durchmacht. Wir wissen nicht, ob das Geschriebene auf Erlebtem basiert. Wir wissen nicht, ob hier aus dem Leben von jemandem berichtet wird. Aber das ist auch nicht wichtig, steckt doch in uns allen etwas vom drohenden Verlorengehen zwischen den Orten vermeintlicher Geborgenheit – genauso wie wir häufig daran scheitern, sie jemandem zu geben. Die Ich-Figur in „Transitkind“ schildert, wie mit ihr verfahren wird mit einer Gelassenheit, die uns an eine urtümliche Weisheit glauben lässt, die sich im Strudel „zivilisierten“ Lebens allmählich zurückbildet… Die Jury gratuliert herzlichst zu diesem tollen Text und zum wohlverdienten ersten Platz!“
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