Wie viele Bücher sie genau geschrieben hat, weiß sie nicht. „Ich glaube so um die 80“ und diese Antwort ist nicht kokett. Und obwohl Schreiben seit Jahrzehnten ihr Beruf ist, strahlt jedes ihrer Bücher auch die Berufung aus, mitzuhelfen, Leserinnen und Leser mutiger, die Welt ein Stück besser zu machen.
Dieser Beitrag stammt übrigens aus dem Dezember 2017, ist also mehr als acht Jahre alt. Er ist noch im Kinder-KURIER erschienen, dem Vorläufer von Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… Ich durfte fast drei Jahrzehnte lang die auch von mir gegründeten Seiten für junge Menschen dieses großen Medienhaues betreiben und kurz vor dem 80er von Renate Welsh dieses Gespräch in ihrer Wohnung in Wien-Neubau führen. Schon vor dem Gespräch schenkte die Autorin, der nun ein berührendes, bewegendes, bewegtes filmisches Porträt gewidmet ist – dazu eigene Beiträge, unten verlinkt – über den Kinder-KURIER einer Wiener Schule einen Schreib-Workshop – aus dem diese Reportageteile und Fotos stammen.
Schreiben ist „nur“ eine von vier Säulen des Schaffens von Renate Welsh-Rabady.
Die tiefgreifende Begründung für ihr Engagement in Schreibwerkstätten formuliert sie selbst am Treffendsten in der Eröffnungsrede für einen internationalen Psychologie-Kongress, wo sie unter dem Titel „Der Phantasie ein Fenster öffnen“ u.a. sagte: „… war ich immer davon überzeugt, dass Sprachlosigkeit die gemeinsame Wurzel vieler Übel ist, die mir Angst machen… Wer sich selbst nicht achtet, kann anderen kaum auf Augenhöhe begegnen, er braucht jemanden, den er verachtet, aber ebenso dringend jemanden, dem er aus welchen Gründen auch immer Gefolgschaft leisten kann…“
Und bei der Begegnung mit Kindern erfreut sich Renate Welsh-Rabady vor allem an deren Neugier, der Lust zu fragen und in den Werkstätten deren Fantasie – wenn sie noch nicht zerstört wurde. Denn hin und wieder muss sie erleben, „dass Kinder mich mit sooo großen Augen anschauen und ganz ungläubig feststellen: Das interessiert sie ja wirklich, was wir denken!“
Partei ergreifen für Außenseiter:innen, Ausgegrenzten Mut machen, Vorurteile zumindest in Frage stellen – Themen ihrer Bücher baut die Autorin in glaubhafte Geschichten samt dazugehöriger Charaktere ein, klar und virtuos geschrieben und nie vordergründig oder plakativ. Geschichten erzählen und schreiben zu können, hat ihr als sehr junges Mädchen in der Volksschule zunächst einmal sozusagen das (Über-)Leben ermöglicht. Sie sei ein kleines, aber neugieriges, aufgewecktes und schlaues Kind gewesen, aber eher so „ein aufg‘stellter Hühnerdreck“. In der Schule hätten ein paar deutlich größere und stärkere Buben sie immer wieder verdroschen. Bis, ja bis eines Tages der größte und stärkste von denen der kleinen Renate einen Deal angeboten hätte: Sie schreibe für ihn die Hausübungen und müsse ihm obendrein auf dem Heimweg Geschichten erzählen und die dann aufschreiben – und dafür würde er dafür sorgen, dass Renate von allen in Ruhe gelassen würde. Dieser Junge brüstete sich dann mit den geschriebenen Geschichten – „was ich schon ungerecht empfunden habe, aber dafür musste ich keine Angst mehr haben.“
In ihre Geschichten „stolpere ich oft“, vertraut sie dem Journalisten an. Der „Renner“ unter ihren Kinderbüchern sind die vom „Vamperl“. Dieser kleine Vampir saugt Gift aus der Galle. In einem Verkehrsstau habe sie diese verärgerten, oft eben richtig giftigen Menschen erlebt und sich „gedacht, da müsste man was erfinden, das dieses Gift aus den Menschen saugt“. So kam’s zu diesem kleinen Vampir. Eine 2-Seiten-Fassung habe sie ihrem Vater, mit dem sie oft heftig darüber streiten konnte, ob eher die Gene oder mehr das Umfeld für unser Verhalten verantwortlich wäre, zu dessen 80. Geburtstag geschenkt. „Du bist mit deinen 40 Jahren noch ein genauso frecher Fratz wie als Kind“, quittierte der die Story. Aus der 2-Seiten-Version schreib die Autorin später ein Hörspiel fürs Radio und auf Anraten eines Redakteurs im Rundfunk ein ganzes Buch – und in der Folge Fortsetzungen. Mindestens die 42. Auflage ist mittlerweile vom „Vamperl“ erschienen.
Neben dem „Stolpern“ gibt es auch Bücher, die auf Anregungen von Kindern zurückgehen – „Drachenflügel“ oder „Schneckenhäuser“.
Ihr erstes Buch, das sie für Erwachsene geschrieben hat (das aber erst später veröffentlicht wurde) ist „Lufthaus“. In das stolpert sie über die Frage ihres Vaters, ob sie als Geschenk lieber einen Ring oder eine Schachtel alter Briefe hätte. Na was wohl?
Die Briefe stammten von einem Vorfahren der Familie, von Maximilian Joseph Gritzner und der war bei den Aufständen von 1848 führend beteiligt. Briefe und Zettelchen waren der Anfang, intensive Recherchen erfolgten, „doch dann war er mir in seiner Selbsteinschätzung zu selbstgefällig und darum habe ich die von seinem Sohn entführte Frau, also seine Schwiegertochter Pauline zur Hauptfigur des Romans gemacht“. Die Lektorin des Verlags fragte die Autorin allerdings, ob sie sich nicht vorstellen könnte, über Constanze Mozart zu schreiben, wo sie sich doch so gut im 19. Jahrhundert auskenne. Die wäre doch eher fad, meinte Welsh. Wie wäre das mit Vorurteilen und ihrer Haltung, solche in Frage zu stellen, wollte die Lektorin wissen. Das war Anreiz genug für Welsh, sich in die Geschichte der Ehefrau des berühmten Komponisten zu vertiefen – „ihre Entwicklung vom jungen Ganserl zur gestandenen Frau hat mich dann doch interessiert“.
Was sie sich zu ihrem 80. GEburtstag wünsche (heuer wird sie am 22. Dezember 89), wollte damals KiKu (Kinder-KURIER) wissen.
Renates Antwort: Einen Spiegel, in dem sich groß und allmächtig gebende Männer, die oft nur von Speichelleckern und Kriechern umgeben sind und keine Kritik an sich heranlassen, sehen wie sie im Grunde genommen wirklich sind, oft lächerlich.“ Ein Spiegel, der sozusagen die Rolle des Kindes übernimmt, das in „Des Kaisers neue Kleider“ sagt: „Der Kaiser ist ja nackt!“
https://www.schule.at/lernwelt/lesen-mit-edi/detail/das-vamperl
Erstveröffentlicht im Kinder-KURIER hier
Bericht über eine Lesung von Renate Welsh-Rabady damals im Kinder-KURIER
Ida ist ein Igel – und wird auf der ersten Doppelseite dieses Bilderbuchs von ihrer besten Freundin Pippa, einem Eichhörnchen, aus dem Winterschlaf geweckt. Und schon fragt Ida auf der nächsten Seite, um welchen Spiegel es sich handelt – von einem solche war vorher aber noch gar nicht die Rede. Außer im Titel des Bilderbuchs „Ida und der Zauberspiegel“.
Jedenfalls pilgern alle Tiere zu diesem Zauberding – einfach einem kleinen See der sich aus dem in der Sonne dahingeschmolzenen Schnee gebildet hat. Alle betrachten ihre Spiegelbilder. Manche stolz, andere sind mit dem, was sie da zu sehen kriegen äußerst unzufrieden.
Ihnen hilft Ida – nicht durch nette Worte, sondern einfach, indem sie sich in den Teich fallen lässt, schwimmt, Wellen erzeugt und die anderen zum Nach- und Mitmachen animiert. Pfeif auf die Spiegelbilder, lass uns Spaß beim Plantschen, Schwimmen und Spielen haben!
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