Neu-Inszenierung von Ruth Klügers „weiter leben – Eine Jugend“ tourt mit Junge Theater Wien durch Außenbezirke.
Nur heimlich im Kino, um die Disneyverfilmung von „Schneewittchen“ zu sehen: Und aus lauter Angst davon fast nix mitgekriegt, weil der 8- oder 9-jährigen Ruth 1940 die 19-jährige Bäckerstochter aus einer begeisterten Nazifamlie begegnete. Die ihr auch an den Kopf warf „Weißt du, dass deinesgleichen hier nichts zu suchen hat? Juden ist der Eintritt ins Kino gesetzlich untersagt. Draußen steht’s beim Eingang an der Kasse…“
Das ist eine der Szenen aus dem echten Leben von Ruth Klüger (1931 – 2020), Literaturwissenschafterin und Autorin, unter anderem von „weiter leben – eine Jugend“ (erstmals 1992 erschienen). Schon vor rund 25 Jahren hat die Theatermacherin Nika Marie Sommeregger mit ihrer Gruppe ISKRA dieses dramatisiert und in mehreren Versionen immer wieder, unter anderem im Dschungel Wien, inszeniert. Da eher als szenische Lesungen, manches Mal war sogar die Autorin des Romans bei Publikumsgesprächen anwesend. Nun hat Sommeregger es neu gebaut, viel szenischer, gespielter. „Damals war’s eine Hommage an den Text, nun ist es auch eine Liebeserklärung ans Theater“, meinte sie zu Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr…
Ab dieser Woche – bis zum 20. März (2026) – tourt „weiter leben – eine Jugend“ in dieser theatraleren Neuinszenierung (Bühnenfassung: Pete Belcher & Hubertus Zorell) durch die Wiener Bezirke Liesing, Floridsdorf, Favoriten und Donaustadt – mit Junge Theater Wien. Premiere hatte das rund einstündige, berührende und gleichzeitig reflektierende Stück über die Kindheit und Jugend der Literaturwissenschafterin und Autorin Ruth Klüger im Simmeringer Schloss Neugebäude; bewusst am Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz, der später zum Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus wurde.
Zum einen spielt Linnea Jonasson die (sehr) junge Ruth Klüger – als Kind, der bald die Kindheit geraubt wurde, in so manchen, natürlich nicht nur der eingangs beschriebenen Szene. Später als junge Jugendliche schon in Konzentrationslagern der Nazis, samt der für die wahrheitsliebende Ruth, die nur dank einer Lüge überlebte. Die damals 12-Jährige sollte im KZ sagen, dass sie schon 15 wäre – dann käme sie zum Arbeitsdienst und würde nicht (gleich) unter die Vergasungs-Dusche.
Gerade rund um diese reale Episode wird auch das schwierige, sehr problematische Verhältnis zwischen Ruth und ihrer Mutter sicht- und spürbar. Der Mutter vertraut sie schon lange nicht mehr. Erst als eine Sekretärin im KZ ihr diese Alterslüge noch einmal rät, tut sie dies. Was ihr letztlich glücklicherweise sogar das Überleben ermöglichte.
Nur wenig nach der jungen kommt mit Katharina Pajenk eine zweite Ruth ins Spiel – die ihre eigene Kindheit wie im Roman reflektierende Schriftstellerin. Immer wieder wechselt bei ab dann ständiger gleichzeitiger Anwesenheit ein und dieselbe Szene von der Darstellung des Erlebten in die Betrachtung Jahrzehnte später. Manches Mal aus einiger Distanz, dann wieder ganz, ganz nahe.
Zu den beiden gesellt sich Anja Kerbitz, deren Sprache die Klarinette ist. Live spielt sie aus Improvisationen zum Text und Schauspiel geborene Untermalungen, Hervorhebungen, Begleitungen der schrecklichen – und doch immer wieder von einem starken Kampf ums (Weiter-)Leben charakterisierten Erinnerungen von Ruth Klüger.
Den Hintergrund der Bühne dominiert ein geometrisches Gebilde: Auf einem großen roten Quadrat finden sich vier Reihen mit golden glänzenden Quadraten, Kreisen sowie nach oben bzw. unten gerichteten Dreiecken. Die lösen vielleicht Assoziationen an die verschiedenen „Winkel“, mit denen Nazis ihre Gefangenen in Konzentrationslagern gekennzeichnet haben – rote für politische, gelbe für jüdische, rosa für homosexuelle… Das könnte sein, die beabsichtigte Intention für dieses Bühnenbild von Peter Ketturkat (Mitarbeit: Karin Bayerle) erläutert Regisseurin und Dramaturgin Nika Marie Sommeregger aber so: „Das ist ein wechselnder Jahreszeitenkalender, die Dreiecke übereinandergelegt ergeben den Davidstern. Und eines der glänzenden Quadrate (das noch in sich vier erhabene, kleine Quadrate aufweist, was so nur aus der Nähe sichtbar ist), soll an die Steine der Erinnerung (nicht wie irrtümlich ursprünglich hier stand „Stolpersteine“) erinnern.“
Übrigens spannend Ruth Klügers Schlussfolgerung aus dem von ihr in der Kindheit geliebten Märchen: „Schneewittchen lässt sich auf die Frage reduzieren, wer im Königsschloss etwas zu suchen hat und wer nicht. Die Bäckerstochter und ich folgten der vom Film vorgegebenen Formel. Sie, im eigenen Hause, den Spiegel ihrer rassischen Reinheit vor Augen, ich, auch an diesem Ort beheimatet, aber ohne Erlaubnis, und in diesem Augenblick ausgestoßen, erniedrigt und preisgegeben.“
Junge Kritik zu früheren Fassung <– damals noch im Kinder-KURIER
Nach dem gleichnamigen Buch von Ruth Klüger; Theater ISKRA
Ab 16 Jahren; ca. eine Stunde
Autorin: Ruth Klüger
Regie, Dramaturgie: Nika Marie Sommeregger
Bühnenfassung: Pete Belcher & Hubertus Zorell
Schauspiel
Ruth als Kind: Linnea Jonasson
Ruth, die ihre Kindheit reflektierende Schriftstellerin: Katharina Pajenk
Live-Klarinette: Anja Kerbitz
Bühnenbild: Peter Ketturkat
Mitarbeit: Karin Bayerle
Regiehospitanz: Mija Krajger
20. Februar 2026
10.30 und 19.30 Uhr
Kulturzentrum F 23: 1230, Gastgebgasse 4
13. März 2026
10.30 und 19.30 Uhr
Das Hufnagl: 1210, Gerasdorfer Straße 61
19. März 2026
10.30 und 19.30 Uhr
Kulturhaus Brotfabrik: 1100, Absberggasse 27 / Stiege 3
20. März 2026
10.30 und 19.30 Uhr
Kulturgarage Seestadt: 1220, Am Ostrom-Park 18
jungetheaterwien –> weiter-leben-eine-jugend
Text: Ruth Klüger
weiter leben – Eine Jugend
280 Seiten
Wallstein Verlag
15,40 €
eBook (LVD GembH, Berlin; ePub oder PDF): 6,99 €
Zu einer Leseprobe geht es hier
dtv
Taschenbuch: 14 €
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