Kinder Jugend Kultur und mehr - Logo
Kinder Jugend Kultur Und mehr...
Die Autorin mit Teilnehmerinnen ihres Fahrradkurses
Die Autorin mit Teilnehmerinnen ihres Fahrradkurses
23.10.2021

Der Reiz ist, dass du direkt zum Punkt kommen musst

Katharina Gernet, Zweitplatzierte des Literaturbewerbs leichte Sprache von capito wien im Gespräch mit Kinder I Jugend I Kultur I und mehr …

Katharina Gernet belegt mir ihrem Text „Der Wind beim Fahren“ den zweiten Platz beim erstmals ausgetragenen Wettbewerb „Literatur in Leichter Sprache“ von Capito Wien. Letzteres ist ein professionelles, zertifiziertes Unternehmen zur Übersetzung von Texten eben in „Leichte Sprache“.

Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr … – mit einem eigenen Bereich „Einfach“ auf der Homepage – veröffentlicht Auszüge aus den Texten der drei Erstplatzierten eben in diesem Bereich. Hier folgen zwei Interviews mit der Siegerin – Link am Ende dieses Beitrages – sowie der Zweitplatzierten Katharina Gernet hier.

Wie kamen Sie zum Schreiben generell und in Leichter Sprache speziell?
Katharina Gernet: Früher hab ich nur wissenschaftliche Arbeiten, aber keine Geschichten geschrieben. Erst mit Beschäftigung mit der Leichten Sprache seit 2015 kam das.

Wie sind Sie vor sechs Jahren zur Leichten Sprache gekommen?
Katharina Gernet: Ich bin Kursleiterin bei der Volkshochschule Braunschweig im Bereich Grundbildung mit Alphabetisierung. Da hat mich eine Kursteilnehmerin aufmerksam gemacht auf eine Wanderausstellung über die „Grauen Busse“. Das waren Werkzeuge der Nazist, mit denen sie Menschen mit Beeinträchtigungen eingesammelt haben, um sie zur Vernichtung zu bringen. Da gab es eine Begleitbroschüre in Standard- und in Leichter Sprache. Meine Kursteilnehmerin, die mir davon erzählt hatte, hat mir auch gesagt, dass sie als Prüferin für diesen Text mitgemacht hatte. Da hab ich zum ersten Mal davon gehört. Das fand ich hochinteressant, ich hab mich kundig gemacht und dann Seminare dazu besucht.

Später hatte ich Märchen in leichte Sprache übersetzt. Dann ruhte das ein bisschen, die Corona-Zeit hab ich genutzt, mich zertifizieren zu lassen.

Lonja und Vitalij beobachten Rentiere
Ein Bild aus alten Tagen, wo die Autorin längere zeit in Sibierien bei Rentierhalterin recherchiert hat

In welchem Wissenschaftsbereich haben sie davor gearbeitet?
Katharina Gernet: Slawische Philologie, Schwerpunkt Russisch. Ich habe dann aber lieber in Völkerkunde weiterstudiert und beides verbunden. Ich war viele Jahre in Sibirien, in Kamtschatka. Dort hab ich mich mit Rentierhaltern, ehemaligen Nomaden, beschäftigt. Es war ein bisschen wie ein anderes Leben. Ab 2011 war das dann familienbedingt nicht mehr möglich.

Dann hab ich mir gedacht, wenn ich jetzt nicht in Welt hinaus kann, hol ich sie mir herein und hab begonnen, Deutschkurse zu geben und bin dann in die Volkshochschule gekommen und mit Alphabetisierungskursen angefangen.

Das Switchen gerade von wissenschaftlichem Publizieren zu Leichter Sprache ist ja ein riesengroßer Sprung, wie schwer oder leicht ist Ihnen das gefallen?
Katharina Gernet: Das ist ja der Reiz, bei der Leichten Sprache musst du rasch zum Punkt kommen, du musst komplizierte und verdrehte Formulierungen weglassen, da gibt’s kein überflüssiges Wort, da geht es direkt um die Sache. Eine Kollegin von mir sagt: Die Leserinnen und Leser von Leichter Sprache sind froh um jedes Wort, das sie NICHT lesen müssen.

Das mag ich auch selber gerne an Literatur, ich mag Geschichten, wo nichts Überflüssiges dabei ist.

Die Autorin bei einem Waldspaziergang
Die Autorin bei einem Waldspaziergang

Wie schwer ist Ihnen das in der Übergangsphase gefallen?
Katharina Gernet: Diese akademische Welt ist sowieso nicht für mich geschaffen, ich mochte das ohnehin nicht, mich auf Konferenzen präsentieren und „gscheit“ daherreden. Der rote Faden für meinen Werdegang ist Sprache, Vergnügen und Spaß, mich mit Sprache zu beschäftigen. Wissenschaftliches Sprechen war gar nicht so eine Haut, aus der ich herausschlüpfen hätte müssen.

Ich liebe es, Kinder- und Jugendbücher zu lesen. Das ist ja oft auch keine schwere Sprache.

Zu Ihrer Geschichte sind Sie über die Erzählung einer Teilnehmerin gekommen?
Katharina Gernet: Ich hab das direkt selbst erlebt. Ich geb auch Fahrradkurse für Frauen, die hab ich selber vorgeschlagen. Ich mach Deutschkurse für Frauen mit Migrationshintergrund – da war das dann eines Tages ein Thema. Ich mag gern Türen für Menschen öffnen – ein Fahrrad gibt Bewegungsfreiheit. Leichte Sprache ist auch so ein Türöffner. Das ist genau so passiert, die Geschichte hab ich dann einfach so runter geschrieben. Natürlich hab ich dann daran herumgefeilt. Aber ich könnte gar nicht so gut Geschichten erfinden, verarbeite immer Erlebtes oder verschmelz es mit Versatzstücken aus anderem, auch Zeitungsberichten. Ganz aus dem Kopf heraus kann ich gar nicht schreiben.

Die Autorin mit Teilnehmerinnen ihres Fahrradkurses
ein anderes fotoa us dem Fahrradkurs für Frauen

Schreiben Sie nur auf Deutsch oder auch Russisch?
Katharina Gernet: Nur auf Deutsch, ich hab noch nicht recherchiert, ob es in Russisch auch Leichte Sprache gibt.

Wie sind sie auf Slawistik gekommen, hatten Sie Russisch schon in der Schule?
Katharina Gernet: Ich bin aus Bayern, aus München, Russisch war kein Thema. Ich habe immer gern gelesen, mich früh für die russischen Klassiker interessiert. Ich hatte ein romantisches Bild von Russland. Nach dem Abitur war für mich klar, ich tauge zu nichts anderem als einem Sprachstudium. Da hab ich damals im Österreichischen Fernsehen den Russischkurs Samstag vormittags gesehen.

Mit Lisa Schüller?
Katharina Gernet: Ja, ja, ja genau. Das hat mich elektrisiert, ich fand diese Sprache so schön. Ich hab mir noch überlegt, vielleicht Französisch. Natürlich war auch die Spannung dabei, dieses Land, das sich so versteckt, wo man immer nur Mythen davon gehört hat … Ich hab gedacht, das probierst jetzt.

Das Institut an der Ludwig-Maximilians-Universität war ganz oben unterm Dach ein kleines verstaubtes Institut wo im Semester mal zehn, 15 Leute angefangen hatten. In meiner Zeit war dann schon der Gorbi-Kult, wir waren 150 die begonnen haben. Der Institutsleiter hat gemeint, unter Strich werden’s vielleicht zehn Prozent von Ihnen beenden. Überlegen Sie lieber gleich. Ich hab mir gedacht, ich bleib jetzt hier bis zum Ende. Es war toll.

Ich konnte dann auch bei dem von den USA finanzierten Dissidentensender Radio Free Europe, der in München, gleich hinterm Englischen Garten saß, als Studentin mitarbeiten. Ich war dann auch eine der Ersten, die nach Kamtschatka durfte, was eigentlich Sperrzone war da ganz hinten im Fernen Osten, was erst nach 1991 möglich war.

Follow@kiJuKUheinz

Hier unten geht’s zu Auszügen aus dem preisgekrönten Text

Und hier geht es zu Interviews mit den beiden anderen Gewinnerinnen