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Szenenfoto aus "Truckermärchen" bei der Schule Nenzing-Halden
Szenenfoto aus "Truckermärchen" bei der Schule Nenzing-Halden
21.06.2022

Den Beginn machte eine LKW-Fahrerin

„Luaga & Losna“, das 34. internationale Theaterfestival für ein junges Publikum im Vorarlberger Nenzing startete mit „Truckermärchen“.

Vor der kleinen Volksschule in Nenzing-Halden, einem weit vom Zentrum dieser Vorarlberger Gemeinde mitten in den Hügeln spielen Kinder Ball zwischen schräger Wiese und Klettergerüsten. Irgendetwas ist an diesem Vormittag anders. Ein paar Reihen mit Plastikstühlen, einige Holztische und Bänke stehen für eine Aufführung bereit. Der Direktor läutet die Pause ab, alle suchen sich Plätze – unter Sonnenschirmen. Eine Theatervorstellung, die erste des 34. Theaterfestivals für junges Publikum in Vorarlberg, „Luaga & Losna“ (schauen und hören) soll demnächst beginnen: „Truckermärchen“ – wobei offiziell eröffnet wurde das Festival erst am Nachmittag im Hauptspielort, dem Ramschwagsaal mit „Toto, Laura und die Stadtmusikant:innen“ von der Schweizer Theatergruppe Kolypan, ein Stück, das Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr … schon vor ein paar Monaten beim „Jungspund“-Festival im Schweizer St. Gallen gesehen hat; zu dieser Stückbesprechung geht es hier unten:

Und tatsächlich rauscht ein LKW mit blauer Plane die Bergstraße herunter, „Hans im Glück“ steht groß auf der einen Seite, der Lastwagen biegt in den Schul-Vorplatz ein, die Lenkerin parkt sich ein, öffnet die Tür der Fahrer:innen-Kabine und beginnt sich vorzustellen. Anfangs vielleicht ein bisschen bemüht verspielt mit „A ….“ Auf ein Kind zeigend: „sag mal Stopp!“ Um dann, egal wann das Kind Stopp sagt, „V – wie Vorstellung“ zu starten.

Das Buchstaben-Zählspiel wiederholt die Schauspielerin Friederike Schreiber, die nur für dieses Stück LKW-Fahren gelernt hat – „normalerweise fahr ich mit dem Fahrrad“ – mehrmals, dann sagt sie sich aber selber Stopp oder gleich den Buchstaben, zu dem sie was erzählen will.

Von Klischees zu echten Menschen

Als Vorspiel verwandelt sie sich noch blitzschnell in einige Klischee-LKW-Fahrer und -Fahrerinnen, um überzugehen in die eigentlichen Geschichten, die sie – und mit ihr das TheaterGrueneSoose aus Frankfurt am Main (Deutschland) erzählen wollen: Einerseits von ganz echten Menschen, die sie bei der Recherche für das Stück getroffen haben. Die Schauspielerin, Filmer:innen – Merlin Heidenreich und Liljan Halfen, die auch Regie führte – sowie ein Übersetzer, Yuriy Kusen – haben sich auf Autobahn-Raststätten bei wirklichen LKW-Lenker:innen umgehört, sind mit einigen ins Gespräch gekommen, haben sich deren Geschichten und Erlebnisse angehört. Alle ganz anders als die durch Filme und andere Medien in vielen Köpfen erzeugten Bilder über „Kapitän:innen der Landstraße“.

Automechanikerin, Buchhändlerin, Truckerin

Und einige davon erzählt Friederike Schreiber, die natürlich längst ausgestiegen ist, die Plane übers Dach geworfen hat und auf die Ladefläche gesprungen ist. Von Ruth, der Automechanikerin, Buchhändlerin und Truckerin. In ihren riesigen, großen 40-Tonnen-Lastwägen kutschiert sie Obst und Gemüse quer durch Europa. Das hin und her schaffen von Waren, bei Textilien die Produktion zu Billiglöhnen und die Wertsteigerungen kommen so „nebenbei“ zur Sprache. Ruth, mittlerweile 70 Jahre und im Vorjahr in Pension gegangen, führte aber auch Kulissen und Deko-Teile für Musicals, unter anderem – und dazu zeigt sie ein Bild – einen großen pinken Drachen – was beim Öffnen der Türen schon so manchen erschreckte.

Maler und Koch

Sehr oft kommt Vadim in der guten ¾ Stunde vor. Immer wieder hat das Team ihn getroffen. Er lädt sie auf einen Borschtsch ein, eine traditionelle ukrainische und russische Gemüsesuppe vor allem mit roten Rüben (Bete) und Kohl. Und er malt Bilder. Eines schenkte er dem Theaterteam – das die Schauspielerin auch an Leisten, die die Ladefläche begrenzen, aufhängt. Nach und nach hängt oder stellt sie auch auf Leinwand gedruckte Fotos aus – ihrer LKW-fahrenden Gesprächspartner:innen.

Während sie von Vadim und seinen Kochkünsten erzählt, beginnt sie selber Gemüse zu schneiden und Suppe zu kochen – ein alter Aktenkoffer entpuppt sich als mobile Herdplatte. Und das – so in der Fragenrunde danach – „ist nicht von unserem Theater für diese Vorstellungen gebaut worden (Bühne: Sandra Li Maennel Saavedra), die sind so, viele verwenden diese Kochgelegenheit“.

Ukraine-Krieg

Leandro und dessen Geburtstagsüberraschung für Antonio kommen ebenso wie noch die eine oder andere kleine Geschichte vor. Obwohl hauptsächlich im Vorjahr recherchiert, bringt eine weitere Begegnung mit Vadim einen krass-aktuellen Bezug ins Spiel. Der feinsinnige Trucker hat auf seinen LKW Losungen gegen den Krieg in der Ukraine geschrieben. Und ist nun seit schlecht zwei Wochen nicht mehr erreichbar, so die Schauspielerin. „Wir wissen nicht, was mit ihm ist, wie’s ihm geht. Vielleicht ist er auch nur nicht erreichbar, weil er zum Militär eingezogen wurde. Da müssen die Soldaten ihre Handys abgeben.“

Wissbegierde

Die kräftige Sonne, die trotz Sonnenschirmen, die immer wieder eingespielten Videos von Interviews mit den Trucker:innen, fast nicht sehen ließen, trübten ein wenig die Freude, sorgten für Unruhe bei den jungen Zuschauer:innen, die doch durch Platzwechsel versuchten, was von den Videos mitzukriegen. Dass es sich um echte Geschichten wirklicher Menschen handelte, weckte großes Interesse und nach dem Stück viele Fragen an die Schauspielerin.

Bis 25. Juni

„Truckermärchen“ ist beim Festival, das bis zum 25. Juni 2022 läuft, noch zwei Mal zu sehen. Eingebettet in das Theaterfestival ist auch die mittlerweile 27. Dramatiker_innenbörse, bei der Autor:innen Theatertexte vorstellen und gemeinsam darüber – erfahrungsgemäß – wertschätzend diskutieren. Außerdem trifft die Schar der Autor:innen abends die Theaterleute der jeweiligen Vorstellungen um mit diesen über die Aufführungen – und Hintergründe dazu zu sprechen.

Follow@kiJuKUheinz

Compliance-Hinweis: KiJuKU wurde von Luaga & Losna zwecks Berichterstattung nach Nenzing eingeladen.

INFOS: WAS? WER? WANN? WO?

Truckermärchen

Von Warenketten und Wiegenliedern
Mobiles Erzählerlebnis
TheaterGrueneSosse / Deutschland
Ab 7 Jahren

Regie: Liljan Halfen
Spiel: Friederike Schreiber
Bühne: Sandra Li Maennel Saavedra
Dramaturgie: Ossian Hain
Video: Merlin Heidenreich, Liljan Halfen
Übersetzung: Yuriy Kusen
Produktion: Detlef Köhler

Wann & wo?

22. Juni 2022
17 Uhr
Ramschwagsaal
6710, Nenzing, Ramschwagplatz 1

23. Juni 2022
10 Uhr
Schulhofvorstellung

Das gesamte Programm findest du hier

luagalosna -> Programm Juni 2022

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Viva la Vulva!