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Szenenfoto aus "Corpus Delicti"
Szenenfoto aus "Corpus Delicti"
20.06.2021

Klassenzimmerstück über eine Gesundheitsdiktatur

„Corpus Delicti“ als einstündiges Stück nach Juli Zehs Roman (2009) zu Gast beim Schäxpir-Festival.

Schon der erste Auftritt Laura Eichtens in „Corpus Delicti“ setzt ein „Markenzeichen“ – der knallorangene Overall erinnert an das Gefangenenlager Guantanamo. Hier auf ihrer Militärbasis auf der Insel Kuba haben die USA praktisch ihr eigenes System des demokratischen Rechtsstaates außer Kraft gesetzt und halten Terroristen oder Menschen, die sie für solche halten, ohne Verfahren fest.

Noch dazu taucht Mia Holl, so die Figur in dem rund einstündige Stück „Corpus Delicti“ nach dem Roman von Juli Zeh zwischen vier Tablets auf. Totale, digitale Überwachung in Richtung Gesundheitsdiktatur. Das ist Thema des Romans – aus dem Jahr 2009. Angesichts der Pandemie und den Diskussionen rund um die doch Freiheitsrechte sehr einschränkenden Maßnahmen, entschloss sich das Junge DT (Deutsches Theater, Berlin) dazu, aus diesem Stoff und Text ein Stück für Klassenzimmer zu entwickeln. Beim Theaterfestival Schäxpir in Linz war es im großen Saal im Ursulinenhof zu erleben.

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Sowohl Eichten als auch ihr Gegenspieler Maximilian Diehle, der in der Rolle von Heinrich Kramer für die erkrankte Javeh Asefdjah eingesprungen ist, versuchen auch in diesem Setting hin und wieder direkt das Publikum anzusprechen, wie sie es in Klassenzimmern tun. Da ist erwachsenen Publikum – zumindest bei der Premiere – mehr als zurückhaltend, obwohl es gebannt dem Spiel in der elaboriert literarischen Sprache folgte.

Grundgeschichte: Jede/r ist in dieser Gesellschaft extrem für die Aufrechterhaltung der eigenen Gesundheit verantwortlich – alle Parameter werden ständig überwacht und wer zuwiderhandelt wird letztlich gerichtlich zur Verantwortung gezogen und bei schlimmen Verstößen eingefroren. Laura Eichten als Wissenschafterin hält das System eigentlich für gut, gerät nur zunehmend in Widerspruch nachdem sich ihr Bruder Moritz durch Suizid diesem System entzieht.

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Als ihre Widersprüche beginnen, tritt Heinrich Kramer auf den Plan. Das Personifizierte Böse mit stechendem Blick, ganz in Weiß gekleidet, kehrt er den Kampf fürs Gute, für das Weiße Ritter stehen, in den eines Vertreters einer „Erziehungs-Diktatur“ um. Wenngleich auch er hin und wieder Gefallen am immer widerständlerischen Geist seiner Gegenspielerin anklingen lässt.

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Wie schnell oder leicht man sich aber selber unter solche Mechanismen bzw. Gruppendruck ein- und unterordnet, vermittelt eine App zum Stück. Bei Buchung wird die im Normalfall den künftigen Zuschauer*innen übermittelt. Vor allem in dem Quiz-Spiel gibt’s schnell den Druck, die „richtigen“ Antworten zu geben, um zu einem höheren Punktestand (Prozentsatz im eigenen Gesundheitsstatus) zu kommen.

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Apropos „Normalfall“ – u.a. geht die Schauspielerin einzelne im Publikum an mit der Frage „was ist denn normal?“ Mit viel und oft ganz unterschiedlichem Response, wie die Schauspielerin und nach dem Stück sagt. Bei der Linzer Aufführung mit – naja betretenem Schweigen.

Wie die Schulstunde, für eine solche ist das differnezierte und keinesfalls Corona-leugnerische Stück – samt Nachgespräch – konzipiert, ausgeht und was sich die Autorin mit einem Aal als Gegensymbol ausgedacht hat, sei hier nicht verraten, aber durchaus die Lektüre des Romans empfohlen, den Juli Zeh im Übrigen 2009 und damit mehr als zehn Jahre vor der Pandemie veröffentlichte.

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INFOS: WAS? WER? WANN? WO?

Corpus Delicti

auf der Basis von Juli Zehs gleichnamigem Roman (2009)
Junges DT (Deutschland), Berlin
Ab 15 Jahren, 55 Minuten

Heinrich Kramer: Maximilian Diehle (statt der erkrankten Javeh Asefdjah)
Mia Holl: Laura Eichten
Im Video: Paul Grill, Caner Sunar, Niklas Wetzel, Regine Zimmermann

Regie und Video: Robert Lehniger
Ausstattung: Linda Spörl
Dramaturgie: Lasse Scheiba
Theaterpädagogik: Maura Meyer, Simon Gal
Abspielsteuerung: Yoav Pasovsky
Regieassistenz: Nelly Gypkens

Junges DT – Corpus Delicti

Compliance-Hinweis

Die Berichterstattung kann nur erfolgen, weil KiJuKU vom Theaterfestival Schäxpir für fast eine Woche nach Linz eingeladen worden ist.

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