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Breites Absperrband vor Bühne 2 im Dschungel Wien, Teil der Performance "Brachland"
Breites Absperrband vor Bühne 2 im Dschungel Wien, Teil der Performance "Brachland"
08.02.2026

Lost Place oder (wieder) gewonnener Raum?

„Brachland“ – eine von sechs Performances, die sich im Nachwuchsbewerb von Dschungel Wien und Drama Forum Graz nun präsentierten; Folge 1

Ein Baustellen-Absperrband verschließt an diesem ersten Februar-Samstagnachmittag des Jahres 2026 den Zugang zu Bühne 2 des Theaterhauses für junges Publikum im Wiener MuseumsQuartier. Die Überbreite des rot-weiß-gestreiften Bandes einer- sowie die Ankündigung der drei folgenden Performances, die mit „geheime Hintereingänge“ beginnt andererseits geben Hinweise: Das könnte Teil der Inszenierung sein.

Ist es auch. Vor dem „Hintereingang“ neben der Garderobe steht eine Lautsprecherbox. Eine Person mit Mikro öffnet die Glastür und bitte das Publikum ihr zu folgen. Zwischen Regalen, Boxen, Technik- und anderem Zeugs geht’s mehrmals ums Eck in den kleineren der beiden mit Tribünen ausgestatteten Säle im Dschungel Wien. Die Tribüne ist ebenfalls baustellen-band-gesperrt.

Wozu Theater?

Stattdessen urviel Theaterrauch, ein riesiges aufgeblasenes Ding, das wie eine überdimensionale Sitzpolster-Landschaft ausschaut, aber alles andere als einladend wirkt. Auch so gedacht ist – also nicht zum Sitzen. Einige schwarze Klebelinien auf dem Boden, die an verkohlte Äste erinnern. Kristin Jackson Lerch ergreift die Stimme, rezitiert Gedichtzeilen, wird später auch singen und sich erinnern, hier Star gewesen zu sein. Das Teil ist ein altes, verfallendes, von der Natur Stück für Stück zurückerobertes Theater. „Brachland“ heißt die Performance.

Der Lost Place – aus Sicht vieler Menschen – ist Heimstatt für eine wie aus dem Nichts und schrill auftauchende Fledermaus (Antonia Meier). Ihr droht der Verlust ihrer Unterkunft, denn das Haus soll abgerissen werden. Wer braucht heute noch Theater? Wofür soll das gut sein? Fragen, die auch angespielt werden.

Mensch gegen oder mit Natur

Aber mehr noch das Verhältnis zwischen – von Menschen errichteten Bauwerken und Natur. Verdrängung einer-, Rückeroberung andererseits. Und in dieser zweitgenannten Phase das Dazwischen von Brache. Für viele nichts anderes als mögliches, erforderliches Bauland, für andere Möglichkeit für Zwischennutzungen, oftmals künstlerischer Natur samt der Chance, über den Umgang von Menschheit mit dem Planeten in vielfältiger auch performativer Form nachzudenken. Vor fast zwei Jahren gab’s in Wien ein eigenes Festival dazu: Brachiale mit einem extrem gedehnten groß geschriebenen H als langem Freiraum (siehe Fotos des Buchcovers oben; Logo übrigens: Michael Bigus) auf und rund um den „Zukunftshof“ in Rothneusiedl, samt nachfolgendem Sammelband mit Beiträgen aus unterschiedlichsten Perspektiven – Link zur Website unten am Ende des Beitrages.

Ach ja, aus dem einstigen Bühnenstar wird nun ein Schwammerl, ein Pilz mit Verbindungen zum großen Myzel, dem größer und mächtiger werdenden Aufblas-Ding.

Besetzung?!

Das Publikum darf, nein muss, übrigens nicht nur auch Schleichwegen in den Theatersaal. „Brachland“ (Text vom gesamten Team gemeinsam; Regie: Anaïs-Manon Mazić; Bühne und Kostüm: David Degasper, Alma Rothacker; Sound: Jan Aimé Fräulin) hat die ¼ Stunde so angelegt, dass Zuschauer:innen an manchen Stellen auch zu Mitwirkenden – ob Rhythmuserzeugend sogenannte Schädlinge bekämpfend, oder eben das alte Theater besetzende Aktivist:innen – werden.

So nebenbei wirkt „Brachland“ wie ein kleiner Schlenker zur beschlossenen, dank zentraler Budgetknappheiten der Republik verschobener Übersiedlung des Hauses der Geschichte Österreich aus den mehr als beengten Räumlichkeiten in der Neuen Hofburg ins ein wenig zu erweiternde MuseumsQuartier. Dem neuen HdGÖ werden Teile der jetzigen Dschungel-Wien-Räumlichkeiten (u.a. Bühne 3) weichen und verlegt werden.

Magma

Die oben erwähnte Viertelstunde war kein Fehler. „Brachland“ ist (noch?) kein fertiges Stück, sondern ein Entwurf, ein Teil eines Projekts, das sich – wie fünf andere – an diesem Tag in Aktion vorstellte. Dies ist die dritte Ausgabe des Nachwuchsbewerbs „Magma“, der den vorherigen „Try Out“ ablöste. Wie auch bei letzterem übernimmt der Dschungel Wien, der ihn – beim neuen gemeinsam mit dem Drama Forum aus Graz – die ausgewählte Stück-Skizze zu einem nachmittag-füllenden Stück weiterzuentwickeln und in der kommenden Saison auf den Spielplan zu setzen.

Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… wird nach und nach auch die anderen fünf Magma 2026-Teilnehmer:innen präsentieren; übrigens gelang es bisher auch einigen der – meist neu zusammengekommenen – Kollektive, ihre Ideen über andere Förderschienen ebenfalls umzusetzen und aufzuführen, auch wenn sie diesen Nachwuchsbewerb nicht gewonnen haben.

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Wird fortgesetzt mit weiteren Beiträgen über die anderen bei Magma 2026 präsentierten Stück-Entwürfe.

Im Folgenden Besprechungen von Stücken, die aus früheren Magma-Einreichungen entstanden sind

INFOS: WAS? WER? WANN? WO? + BUCH-INFOS

Brachland

Ab 6 Jahren

Text: das gesamte Team
Regie: Anaïs-Manon Mazić
Schauspiel
Einstiger Bühnenstar + Gesang: Kristin Jackson Lerch
Fledermaus: Antonia Meier
Bühne und Kostüm: David Degasper, Alma Rothacker
Sound: Jan Aimé Fräulin

dschungelwien –> magma2026

Das BUCH

Brachiale – Festival zur Ehrung der Brache (2024)
Herausgegeben von Lisa Bolyos & Lisbeth Kovačič
ca. 200 Seiten
Es gibt noch Rest-Exemplare, bei Interesse bitte hier nachfragen: brachiale@klingt.org