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Szenenfoto aus "Auf der Palme"
Szenenfoto aus "Auf der Palme"
12.02.2024

Was brodelt unter der Oberfläche…

Teils neu zusammengefundene Kollektive arbeiten an neuen Theaterstücken und Performances für Kinder bzw. Jugendliche.

Wuuuut – Lust an dieser. Sie auszuspielen, auszurasten, auszuzucken, mit dem Kopf durch die Wand oder aus der Haut fahren zu wollen, die Wände hochzugehen … kurz und gut „Auf der Palme“ nannte das siebenköpfige Kollektiv – Bianca Bauer, Flora Besenbäck, Janina Lenauer, Nadine Mathis, Naima Rabinowich, Jana Resetarits, Viviane Tanzmeister – die lustvolle, mitreißende Viertelstunde im Dschungel Wien.

Die Performance war eine von fünf sozusagen Stück-Entwürfen, die gegen Ende der (Wiener9 Semesterferien im Theaterhaus für junges Publikum im Wiener Museums-Quartier zu erleben waren. Drei der Kurzversionen waren für ein Kinder- (und Familien-), zwei für ein jugendliches Publikum gedacht.

Suche nach Neuem

Auf der Suche nach neuen Stücken für Kinder bzw. Jugendliche hat der Dschungel Wien das vorige Format für Nachwuchskünstler:innen verändert. Nach mehreren Jahren „Try Out!“, bei dem bestehende Gruppen Kurzversionen vorspielten und eine professionelle Jury auswählte, was zu nachmittags- oder abendfüllenden Stücken werden soll, startete unter der neuen künstlerischen Leitung (Anna Horn) „Magma“, inspiriert von dem vulkanischen Begriff heißen schmelzenden Gesteins, das an die Oberfläche dringen kann und sich dort wieder verfestigt, beginnt die Entwicklung neuer Stücke nun schon früher. In Kooperation mit dem Drama Forum (Graz) werden Autor:innen, Schauspieler:innen, Performer:innen zu realen, analogen Treffen eingeladen. Dort bilden sich aufgrund der vorgebrachten Ideen und Konzepte Produktionsgruppen, die – unterstützt von Mentor:innen eben ¼-stündige Szenen jeweils künftig möglicher Stücke erarbeiten.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Auf der Palme“

Auf die Palme gebracht…

„Auf der Palme“ war eines von drei sozusagen „Teasern“ für mögliche Stücke für Kinder, angegeben ab 6 Jahren, eher aber schon für Vorschulkinder und ihre Familien geeignet – Lust und Recht auf Wut – sozusagen der sprichwörtliche Vulkanausbruch -, aber auch Umgang mit ihr und Übergang vom Aus- und Abreagieren zu Entspannung. Und schöne gespielte Szenen aus Wortbildern rund um Wut. Apropos Spannung – diese Gruppe platziert auf der Bühne eine „Insel“ mit Palme, die von hinter dem Publikum von diesem mit erhobenen Armen Reihe für Reihe nach unten weitergereicht wird. Die Palme selbst hängt da noch schlaff nach unten und wird von einer der sieben Performerinnen – alle im MA48-orangen Monturen – mit einem lautstarken Kompressor mit Luft befüllt. So laut, dass die auf der Insel entspannende „Urlauberin“ wütend wird 😉

Ober und unter Wasser

Eine völlig neue Sprache bringt Stefanie Altenhofer in „Donaustadt“ ins Spiel: Gurgelisch. Als „Donauweibchen“, Figur einer Sage und Statue im Wiener Stadtpark verbindet sie die Welt über und unter Wasser. Letztere, auf deren Spuren sich die junge Forscherin Frieda Fischer (Sarah Zelt), die für ihre Leidenschaft sogar die Schule verlässt, spielt sich in auf der Bühne platzierten kleinen Modellen ab, die per Handykamera auf die große Wand projiziert werden. Die im Programm angekündigte „feministische Neuschreibung einer Donausage“ ist allerdings offenkundig erst für die Weiterentwicklung gedacht (Text: Natalie Campbell; Modelle für die Unterwasserwelten und Kostüme: Petra Schnakenberg.

Neue Regeln für die 64 Felder?

Weiße Linien ergeben 64 Felder – genau Schach. Die weißen Felder sind jeweils von kleinen weißen Quadraten in der Mitte dieser Felder des Spielbretts gekennzeichnet. Vier Figuren stehen – und warten auf ihren Einsatz. Aller gehören zum Team Schwarz: Dame (Pooneh Mojtaba, die auch für die Bühne verantwortlich zeichnet), Turm (Marie-Theres Auer; Text), Läufer (Ivan Strelkin; Regie) und Pferd bzw. Springer:in (Rebekka Pichler; Choreografie). Und dann steht da auf Feld e8 ein mit schwarzem Samt verhülltes Ding. Lange Zeit unbeachtet, zeihen die genannten Figuren ihrer Wege. Der Läufer beklagt, dass er nie weg kommt von seinen diagonal zu ziehenden Feldern. Er ist derjenige auf den schwarzen Feldern, kann also nie auf ein weißes. Irgendwann bemerken die Vier, dass es da auch noch die – als Figuren wirklich stehenden Bauern gibt, aber dass der König fehlt, drehen das scheinbar verhüllte Ding um: Thron, Korne, aber kein König. Und so krönen sie sich reihum zur herrschenden Figur, beginnen die Sinnhaftigkeit der – bestehenden – Regeln zu diskutieren…

Komische Bewegungen und Geräusche…

Da hängen zwei in senkrecht zu Art Kuschelsitzen baumelnden Hängematten. Zögernd kommt ein Dialog zustande – „wie war Mathe?“. Und irgendwie lassen die beiden Schauspieler:innen von Anfang an aber mitschwingen – es geht doch um mehr. Rika (Selina Rudlof) übernimmt den aktiveren Part, Tom (Marko Jovanović) ist der Verschlossenere, der sich in dem Tuch fast verkriecht. Langsam spricht Rika an, worum’s wirklich geht – um Videos, die sie anderntags am Handy angeschaut haben. Mit so „komischen Geräuschen und Bewegungen“… In „Zunder“ spielen die beiden – an der Schwelle zwischen Kind und Jugendlichen die Verwirrtheit an, die es auslöst wenn sie zum ersten Mal (online) Pornos sehen. Und dass sie eigentlich, obwohl Rikas Mama das sagt, damit mit niemandem wirklich darüber reden können. Und schaffen es, trotz der peinlichen und sprachlosen Momente, die sie miterleben lassen, so manche Passage mit Humor und Witz einzubauen. (Text: Rachel Müller; Regie: Manuel Horak; Bühne/Kostüme: Sophie Eidenberger; Requisite: Fabian Tobias Huster).

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Eurydike & Persephone“

In der Unterwelt und in Social Media

Eurydike, von einer Schlange gebissen, landet in der Unterwelt. Tot sein will sie (Nora Wahl) noch lange nicht. Und da trifft sie auf Jasmin Weißmann als Persephone (oft auf Kore oder Kora genannt) mit Pfeil und Bogen. Sie, die oft weniger bekannte Göttin des Totenreiches – Hades hatte sich in sie verliebt und sie von Zeus sozusagen zugesagt bekommen. Wer fragt schon eine Frau, selbst wenn sie Göttin ist – übrigens Tochter von Zeus und dessen Schwester Demeter und vom eigenen Vater geschwängert.

„Eurydike & Persephone“ lässt die Männer eher außen vor, nur Orpheus kommt via eingespielter TikTok-Videos (Marco Jovanović) kurz vor. Im Zentrum steht die Begegnung der beiden Frauen – beide unfreiwillig hier. Doch während Eurydike mit ihrem Schicksal hadert, hat sich Persephone damit abgefunden. Gelingt es Ersterer die Zwangsverheiratete Mit-Herrscherin über die Unterwelt (Regie und Konzept: Sophie Berghäuser; Text und ebenfalls Konzept: Sebastian Galyga) zum Widerstand zu bewegen? Das deutet sich in der ¼ Stunde an – wäre dann aber gegebenenfalls Aufgabe für die Weiterentwicklung. Und – so die Ankündigung – würde wohl noch die in Social Media inszenierte Trauer Orpheus ein ausbaufähiges Thema sein.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Eurydike & Persephone“

Live-Feedback

Nach jeder dieser Performances hatte das Publikum die Möglichkeit für kurzes Live-Feedback, was eher zögerlich genutzt wurde. Dschungel Wien und Drama Forum (Graz) boten aber mehrfach an, auch nachträgliche Rückmeldungen liebend gern entgegenzunehmen. Diese Rückmeldungen sollen mit die Basis für die Auswahl sein, welche der – in diesem Fall – fünf Projekte zu Vollversionen weiterentwickelt werden sollen.

Dramatiker:innen-Börse

Übrigens: Das Internationale Theaterfestival für ein junges Publikum im Westen Österreichs, in Vorarlberg „Luaga & Losna“ (Übersetzung: schauen und hören) lädt zum 28. Mal Autor:innen zur Dramatiker:innenbörse ein. Bis 31. März 2024 können Autor:innen sowohl fertige Stücke, als auch Szenen in Rohfassung einreichen und sich damit um eines von zehn Stipendien (Festival-Aufenthalt plus Taggeld) bewerben.

Wer ausgewählt wird, stellt dann beim 36. Festival im Juni (18. bis 22.) in Nenzig Text-Auszüge in szenischer Lesung vor – mit Diskussion und Feedback der anwesenden Theatermacher:innen.

Die Dramatiker:innen-Börse geht auf Diskussionen bei einem der ersten „Luaga & Losna“-Festivals (1988 gegründet) zurück, wo Theaterleute klagten, es gäbe zu wenig neue Stücke und Autor:innen, sie würden schreiben, und keine/r wolle die Texte spielen. Was Erstere konterten, viele der Texte seien nicht spielbar. Und so entstand diese Begegnung mit Austausch…

Follow@kiJuKUheinz

luagalosna -> dramatiker-innenboerse

INFOS: WAS? WER?

Magma – Kooperation Dschungel Wien Drama Forum (Graz)

Auf der Palme
Von und mit Bianca Bauer, Flora Besenbäck, Janina Lenauer, Nadine Mathis, Naima Rabinowich, Jana Resetarits, Viviane Tanzmeister

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Donaustadt
Von und mit Stefanie Altenhofer (Donauweibchen), Natalie Campbell (Text), Petra Schnakenberg (Kostüme, Modelle), Sarah Zelt (Spielerin, Konzept; Sound)

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Schachkomplex
Von und mit Marie-Theres Auer (Text; Turm), Pooneh Mojtaba (Bühne; Dame), Rebekka Pichler (Choreografie; Pferd/Springer), Ivan Strelkin (Regie; Läufer)

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Eurydike & Persephone
Von und mit Sophie Berghäuser (Regie; Konzept), Sebastian Galyga (Text; Konzept), Marco Jovanović (Orpheus – via digitale Videos), Nora Wahl (Eurydike; Konzept), Jasmin Weißmann (Persephone),

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Zunder
Von und mit Sophie Eidenberger (Bühne, Kostüme), Manuel Horak (Regie), Fabian Tobias Huster (Requisite), Marko Jovanović (Schauspiel: Tom), Rachel Müller (Text), Selina Rudlof (Schauspiel: Rika)

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