Actionreiches Schauspiel mit Gesang auf der Basis des Allzeit-Jugendbuch-Klassikers „Die rote Zora und ihre Bande“ als mobile Version von Café Fuerte aus dem Vorarlberger Hittisau – derzeit auf Gastspiel im Dschungel Wien (MuseumsQuartier).
Diese – mobile – hölzerne Bühne mit ihrer blau gestrichenen aus Teilen zusammengelegten Platte kann im Nu alles sein: Meer für die (jungen) Fischer:innen, Burgruine oberhalb der an der dalmatinischen (heute Kroatien, damals Jugoslawien) Küste gelegenen Stadt Senj ebenso wie der Markt und Festplatz. Oder auch das Dach des Gefängnisses.
Wie in der ersten Szene von „Die rote Zora“ in der Gastspielversion der Gruppe „Café Fuerte“ derzeit im Dschungel Wien (Stückversion: Thomas Birkmeir – fürs Theater der Jugend vor 22 Jahren; Regie: Danielle Fend-Strahm). Ein jahrzehntelanger Allzeit-Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur in dessen Zentrum die Gegensätze zwischen arm und reich, korrupt und ehrlich sowie Solidarität und Zusammenhalt Ausgegrenzter trotz Differenzen steht.
Branko (Simon Labhart), dessen Mutter Anka erst kürzlich gestorben war und dessen Vater Milan als Geiger irgendwo unterwegs fidelte, hatte aus Hunger etwas zu essen genommen, einen Fisch, der auf dem Markt am Boden lag. Doch selbst das vergönnt der reiche Karaman dem armen Jungen nicht. Er herrscht den Polizisten Begović an, Branko einzusperren.
Der Junge liegt unter der hölzernen Bühne – gut sichtbar, da das hölzerne Bühnengestell nur aus Latten besteht, die ziemlich freie Sicht auf den Untergrund gewähren. Von oben öffnet die Titelfigur, die rote Zora (Anne Bontemps) eine der Luken und holt Branko raus. Bringt ihn in das gemeinsame Lager der Kinder„bande“ auf der Burgruine oberhalb der Stadt. Wo nicht alle für die Aufnahme des / eines Neuen sind – „ein Maul mehr zu stopfen“ und sie leben selber nur von Lebensmittel-Diebstählen. Vor allem Duro (Johanna Köster) wettert gegen Branko.
Also, nur, wenn er das Aufnahmeritual besteht: Mit einem Messer schnellstmöglich zwischen die Finger der ausgespreizten Hand stechen. Das in der Filmversion heftige, nervenzerfetzende Spektakel spielt sich hier mit einem rein fiktiven Messer – und damit in den Köpfen der Zuschauer:innen – ab.
Dann noch Streit um ein gestohlenes Huhn – ausgerechnet vom armen Fischer Gorijan, wo doch der reiche Karaman Hunderte hat, wie Branko einwendet. Schon wieder der…!
Wie auch immer, die Kids (so zwischen 12 und 14 Jahren) – Nicola (Tobias Fend) ist der Vierte im Bunde – raufen sich zusammen, werden eine Einheit. Sie selbst nennen sich nicht Bande, sondern „Uskoken“. Und das hat sich der Autor nicht fantasievoll ausgedacht, die gab es wirklich. Abgeleitet vom slawischen Wort uskočiti (zu deutsch: einspringen) waren es Menschen verschiedener Volksgruppen, die zunächst – ab 1530 – aus Herzegowina, später auch andere, die aus der Herrschaft eines der drei (Groß-)Reiche – Osmanen, Venedig sowie Habsburger – flüchteten und sich in Dalmatien rund um Split bzw. Senj zu militärischen Verbänden zusammenfanden.
Diese jungen „Uskoken“ verbünden sich mit dem armen Fischer Gorijan. Dieser droht unter die Räder zu kommen. Er besteht auf sein freies Fischer-Dasein, will sich nicht eingliedern lassen in die neue Fischerei-Gesellschaft mit ihren starren Zugangsregeln und ausgestellten Marktlizenzen – über den von ihr gekauften Bürgermeister.
Die schon genannten vier Schauspieler:innen wechseln immer wieder in weitere Rollen vor allem der schon erwähnten Erwachsenen, neben einem Kurzauftritt der Tochter des Bürgermeisters, Zlata (Johanna Köster):
* Polizist Begović und reicher Karaman (Johanna Köster)
* korrupter Bürgermeister (Simon Labhart),
* einem weiteren Fischer namens Radić, der sich unters Dach der erwähnten Fischerei-Gesellschaft begab (Anne Bontemps) sowie
*des Außenseiters Gorijan (Tobias Fend).
Die „Verwandlung“ in die Erwachsenen, die – mit Ausnahme Gorijans, des Verbündeten – fast immer neben einer der Bühnenseiten auftreten – erfolgt vor allem durch Gesichtsmasken. Für deren Gestaltung war – ebenso wie für die Bühne – Matthias Strahm zuständig war.
Ob Flucht aus dem Gefängnis, gestohlenes Huhn zu Gorijan zurückbringen, von Karaman Hühner stehlen und vieles mehr spielt sich sehr actionreich in den knapp 1¼ Stunden auf der und rund um die besagte hölzerne mobile Bühne ab. In dem abwechslungs- und actionreichen Schauspiel mit den vielen Rollenwechseln gibt es doch immer wieder auch Momente der Ruhe – beim Fischen brauchen alle Geduld und soll’s still zugehen. Vor allem solche Phasen sind gekennzeichnet von Summen und atmosphärischen Sing-Sang der Darsteller:innen (musikalische Leitung: Nikolaus Feinig-Hartmann). Irgendwie spiegeln diese musikalischen Passagen ein wenig die ausführlichen Landschafts-, Begegnungs- und atmosphärischen Schilderungen des Roman-Autors in seinem umfangreichen und doch kurzweilig zu lesenden Buch.
Und ganz ohne plakativ aufzutragen, spielen die oben erwähnten zentralen Botschaften eine starke inhaltliche Rolle. Das Stück von der Gruppe aus Vorarlberg ist übrigens von der Jury der österreichischen Kinder- und Jugendtheatervereinigung ASSITEJ Austria als eine von vier für den Preis Stella in der Kategorie für Jugendliche nominiert; und so mobil, dass es relativ licht wo gespielt werden kann, immer wieder auch in Schulen.
Der rund 520 Seiten starke Roman von Kurt Kälber, Künstler-Pseudonym Held (nach dem Mädchennamen seiner Schwiegermutter), ist erstmals 1941 erschienen, wurde und wird immer wieder neu aufgelegt, zuletzt vor fünf Jahren mit einem Vorwort der bekannten deutschen Kinder- und Jugendbuchautorin Kirsten Boie. Es wurde schon in viele Sprachen übersetzt, verfilmt – für Kino und TV – und wurde bzw. wird in zahlreichen Bühnenversionen von großen Häusern (Theater der Jugend in Wien) und kleineren Gruppen gespielt, im Mai 2008 gab‘s in Luzern (Schweiz) auch eine Opernfassung, die ein Jahr später in der Komischen Oper Berlin wieder aufgenommen wurde. Außerdem gibt es Hörspielfassungen und ein Hörbuch ist im Entstehen. Es existierte übrigens auch eine Ausgabe in Braille-Schrift.
Dabei hatte der Autor, der wegen seiner linken Gesinnung in den Anfangsjahren der deutschen Nazi-Herrschaft eingesperrt worden war, und dann mit Hilfe seiner Frau, der Schriftstellerin Lisa Tetzner, zuerst in die Tschechoslowakei, dann nach Frankreich und schließlich in die Schweiz flüchten konnte, die Geschichte ursprünglich gar nicht für die Veröffentlichung vorgesehen.
Auf der Homepage der Tetzner-Kläber-Gesellschaft wird er dazu so zitiert: „Ich schrieb das Buch zunächst nicht für die Öffentlichkeit. Wir hatten vor dem Krieg in unserm kleinen Dorf ungefähr ein Dutzend der ersten vertriebenen Kinder, kleine Emigranten aus halb Europa und sie hatten sich in kurzer Zeit durch unsere Kinder- und Jugendliteratur gelesen und verlangten mehr. Meine Frau war zum Märchenerzählen in Schweden. Es blieb mir also nichts weiter übrig, ich mußte den kleinen Emigranten selber etwas schreiben. Da fiel mir die Geschichte der roten Zora, oder besser die von Branco Babitsch ein, die ich beide 1936 bei einer Reise durch Jugoslawien kennengelernt hatte. […] Der Grundgedanke der roten Zora war, daß jeder junge Mensch auch aus der ausweglosesten Situation wieder ins geordnete Leben hineinwachsen kann, allerdings mit dem leisen Unterton, daß es fast immer nur die Armen sind, die den Aermsten helfen.“ (Kurt Kläber 1952); Link zur genannten Homepage unten am Ende des Beitrages.
Kurt-Kläber (Held)-Biographie <— auf der Website der Tetzner-Kläber-Gesellschaft
Assitej-Austria –> Nominierte für Stella 2026
Gastspiel von Café Fuerte
von Kurt Held (Roman aus 1941); Bearbeitung: Thomas Birkmeir
Regie: Danielle Fend-Strahm
Musikalische Leitung: Nikolaus Feinig-Hartmann
Zora / Radić: Anne Bontemps
Duro / Karaman / Zlata / Begović: Johanna Köster
Nicola / Gorijan: Tobias Fend
Branko / Bürgermeister: Simon Labhart
Ausstattung: Matthias Strahm
Technik: Arndt Rössler
Bis 1. Juli 2026
Dschungel Wien: 1070, MuseumsQuartier
Telefon: 01 522 07 20-20
dschungelwien –> die-rote-zora
cafefuerte –> die-rote-zora
Text: Kurt Held (Pseudonym von Kälber)
Illustrationen (Vignetten): Felcitas Horstschäfer
Die rote Zora und ihre Bande (erstveröffentlicht 1941, seither viele weitere Auflagen; zuletzt 2021 mit einem Vorwort von Kirsten Boie)
ca. 520 Seiten
Ab 10 Jahren
Verlag Fischer / Sauerländer
Hardcover: 16 €
Taschenbuch: 12 €
eBook: 9,99 €
Zu einer ausführlichen Leseprobe (fast 50 Seiten) geht es hier
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