Shahrzad Nazarpour mit spannender Performance „Shaytan“ über erotisch-exotische Vorurteile zu Tausend und einer Nacht und heutigen (Kleidungs-)Vorschriften.
Die gesamte, doch recht große Bühne von einem weißten Tanzboden bedeckt. Im Kontrast dazu an den drei Wänden schwarze, samt wirkende Vorhänge. In der Mitte des Vorhangs ganz hinten öffnet sich eine kleine Lücke: Ein Kopf mit Brille im Haar und Gesichtsausdruck, der an einen Frosch erinnert, schaut hervor. Die Performerin spielt mit Mund und Augen, verändert immer wieder Blicke und verzieht ihr Gesicht ansatzweise zu Grimassen. Zwischen Beobachten des Publikums und dieses zum Lachen bringen, erobert sie so von dieser entfernten und eher fast winzigen Position die gesamte Bühne und dazu die Zuschauer:innen-Tribüne.
In einer Art Popstar-Attitüde tritt sie aus dem Vorhang hervor in Glitzersilber-High-Heels und ebensolcher Hose samt Blink-blink-Riesen-Mikro, unschwer als Phallus-Symbol erkennbar, und bloßem Oberkörper – bis hinein in die Publikumsränge, wo sie der einen oder dem anderen das Mikro hinhält und ersucht, den Namen Sherazade auszusprechen. Jenen der Künstlerin aus den „Geschichten aus 1001 Nacht“, die dank ihrer Erzählungen ihr eigenes Leben rettet und verhindert, dass der König, weitere Frauen ermordet. Zuvor hatte er jede Nacht eine andere Frau „geheiratet“ und sie am Morgen danach umgebracht. Ihr gelang es, den Typen mit ihren Geschichten die ganze Nacht so zu fesseln, dass er am nächsten Morgen unbedingt am Abend wissen wollte, wie die Erzählung weiter ging.
Sherazade ist unschwer als Namenspatin für die Tänzerin und Schauspielerin Shahrzad Nazarpour zu erkennen, die „Shaytan“ (Teufel im Koran, oft auch Iblis, als der der menschen in Versuchung führt, um sie zu prüfen), nicht nur im Kosmos Theater Wien performt, sondern auch selber konzipiert und entwickelt hat. Sie füllt und beherrscht die gesamte Bühne, auf der üblicherweise oft ein halbes Dutzend Schauspieler:innen agieren. Mit ihren Bewegungen, ihren Tänzen, ihren teils fast akrobatischen Moves, die sie aber „nur“ zur Verkörperung und Verdeutlichung ihrer erzählten Geschichten vollführt, zerlegt sie patriarchal und kolonialistisch geprägte Zuschreibungen der weltberühmten Figur ihrer Namensgeberin Sherazade. Exotisch und erotisch – so die Bilder über die meisterinnenhafte Erzählerin.
Nazarpour tanzt von dieser Figur und ihrer von außen getätigten Zuschreibungen weiter bis zu allen möglichen Verhaltens- und Kleidungsvorschriften, meist von Männern für Frauen getroffen. Macht dabei nicht Halt vor selbsternannten Rettern, aber auch Retterinnen, Stichwort Kopftuchdebatte. Den Ärger, die Wut, den Zorn über bevormundendes Agieren setzt die Performerin verbal (Textbearbeitung: Jasmin Behnawa) genauso um wie in ihren raumgreifenden Bewegungen (dramaturgische Beratung: Sunanda Mesquita).
Obwohl ernste Anliegen, schafft Shahrzad Nazarpour, viele ihrer wörtlichen und tänzerischen Argumente immer wieder und das recht oft humorvoll und witzige zu verpacken – bis hin zu teils brüllend komischen Tänzen, die sie mit ihren Brüsten inszeniert. Und dennoch in dieser selbstverständlichen Art nicht den Hauch von sogenannter Erotik ausstrahlt.
von und mit Shahrzad Nazarpour
eine Stunde
Konzept: und Performance: Shahrzad Nazarpour
Textbearbeitung: Jasmin Behnawa
Virtual Art: Joanna Zabielska, Navid Javan Shojamofrad
Outside Eye (dramaturgische Beratung): Sunanda Mesquita
Produktionsleitung: Iva Marković
Lichtgestaltung & Ton: Karl Börner, Tom Skoruppa
Bis 7. November 2025
Kosmos Theater Wien: 1070, Siebensterngasse 42
Telefon: 01 523 12 26
office@kosmostheater.at
kosmostheater –> shaytan
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