Theaterstück „Wie sind wir gestrickt?“ im „Zirkus des Wissens“ an der Linzer Universität; besondere Vorstellung mit Gebärdensprache.
Meist gibt es laaaaaange nix – oder kaum etwas (auch) in Gebärdensprache auf Theaterbühnen – und dann diese Woche vor Pfingsten 2026:
Täglich Vormittags- und Abendvorstellungen im Rahmen des Gehörlosentheaterfestivals Visual (Arbos – Gesellschaft für Musik und Theater) im Theater Spielraum.
Im selben Wiener Bezirk (7., Neubau) läuft die Dramatisierung des Romans „Fretten“ im Theater Kosmos, bei der neben zwei gebärdenden Schauspielerinnen auch ihre hörenden Kolleginnen Textteile in sichtbaren Wörtern und Sätzen erlernt haben und spielen.
Und dann wurde kurzfristig für eine Vorstellung von „Wie sind wir gestrickt?“ im Zirkus des Wissens an der Linzer JKU (Johannes Kepler Universität) zwar keine geprüfte Dolmetscherin, aber eine Fachkraft engagiert, die schon seit vielen Jahren in einer Gesundheitseinrichtung mit gehörlosen bzw. hörbeeinträchtigten Kindern arbeitet, und dafür die Österreichische Gebärdensprache (ÖGS) erlernt hat. Es hatte sich eine entsprechende inklusive Klasse angemeldet und der „Zirkus“ hat kürzestfristig gehandelt; Besprechungen aus den Erstgenannten unten am Ende des Beitrages verlinkt, doch nun zum Strickwerk der „Innereien“.
Katharina Sabernig, studierte Medizinerin sowie Kultur- und Sozialanthropologin strickt auf der Bühne an einem roten kreisrunden mehr als ausgewachsenem Handteller großen Ding. Ihre Kollegin Nora Dirisamer setzt sich ein ähnliches auf den Kopf. Erstere erklärt, dass so wie diese Teile die Erythrozyten aussehen. „Ery…“ was?, fragt die Haubenträgerin. Das ist der Fachbegriff für die roten Blutkörperchen, der Einfachheit könne sie die Teile im stück halt Erik und Erika nennen. Sie machen 99 Prozent, also fast alles in unserem Blut aus. Ein urlang gestrickter roter Faden ist schon vorher auf dem Bühnenboden herumgelegen. Die Strickerin führt die Schauspielerin auf den Weg – „roter Faden“ ist ja auch der sprichwörtliche Weg durch eine Geschichte oder Erzählung.
Und damit landet sie mit Erika und Erika bei einer noch mit schwarzem Stoff verhüllten Vitrine – von denen stehen so manche auf der Bühne des „Zirkus des Wissens“. Tatatata… – Enthüllung: an dünnen Schnüren baumelt ein weiteres gestricktes Objekt. Vitrine ungefähr in die Bühnenmitte auf einen Tisch gebracht – Licht von vorne drauf. Und schon ist nicht nur dieses Ding besser sicht- und erkennbar, es wird auch um einiges vergrößert auf die Wand dahinter mit einem Muster an Strickwerk projiziert. Dürfen die beiden vorstellen: Das Herz. Jener Muskel der Tag und Nacht im Dauereinsatz das Blut durch unsere Körper pumpt.
Alles, was die beiden sagen, überträgt Angelika Schönherr in ÖGS, die österreichische Gebärdensprache. Und Alexander Brosch, der am Bühnenrand hinter einem Keyboard sitzt unterstützt die Szenen mit selbstkomponierter Musik, manchmal auch auf einer Gitarre. Hin und wieder holen die Kolleginnen ihn auf der Bühne. Beispielsweise um zu demonstrieren, dass er so groß ist wie das Herz eines Blauwals, während das von Menschen etwa einer Faust entspricht.
Immun-, Fress- und andere Zellen tauchen auch – immer in gestrickter Form. Ebenso Lunge, Leber, Milz und Gallenblase. In dieser dichten, abwechslungsreichen Stunde erklären die beiden Spielerinnen, die das Stück gemeinsam mit Rebekah Wild, Figurenspielerin und -bauerin (Wild Theatre) entwickelt haben, das Innere in einem großen Teil unseres Körpers, dem Rumpf.
In der anschließenden Fragerunde vermissen einige Kinder das Hirn. Und wie die Theaterleute ergänzen, nicht nur bei dieser Vorstellung. Diese Bitte sei schon öfter gekommen. Es werde auch schon an eine Fortsetzung gedacht. Aber – das werde noch dauauauauern. Hirn samt Nervenbahnen und so weiter – und das gestrickt – wird einige Zeit in Anspruch nehmen.
Die Objekte, die sich in ihren Formen genau an die menschlichen Organe halten, hat Katharina Sabernig vor elf Jahren (!) zu stricken begonnen. Nicht für ein Theaterstück, sondern, um sie anschaulich darzustellen. Es gibt zwar wie zum Beispiel bei „Körperwelten“ sehr genaue Darstellungen. Die sind aber ethisch und moralisch umstritten, da plastinierte echte menschliche Körperteile verwendet werden. Sie wollte mit Teilen aus Stoff, die eben auch nicht grauslich wirken und abschrecken, die Anatomie darstellen. Das nimmt Zeit in Anspruch.
An ein Theaterstück habe sie anfangs nie gedacht. Aber durch die zufällige Begegnung mit Nora Dirisamer und später Rebekah Wild wurde dann eben daraus ein Stück. Und dieses passt in den „Zirkus des Wissens“, der von seiner Idee her Wissenschaft mit Theater verbinden will – und deswegen auf dem Gelände dieser Universität am Rande von Linz (Hauptstadt von Oberösterreich) angesiedelt ist.
Der Titel lag fast auf der Hand, wenngleich er eher abweicht von der Bedeutung des durchausgängigen Begriffs. Wie jemand „gestrickt ist“ wird in der Regel für das unsichtbare Wesen eines Menschen verwendet, ähnlich wie die / der tickt so oder anders.
Für ein Fortsetzung rund um unser Hirn würde sie vielleicht teilweise dickere Wolle verwenden, um schneller ans Ziel zu kommen. Die Detailgetreue solle aber nicht verlieren, verrät sie nach der Vorstellung Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr…
Theaterstück über das Innere des Menschen von Katharina Sabernig, Nora Dirisamer und Rebekah Wild
Idee, Konzept, Objektgestaltung; Spiel (Darstellerin): Katharina Sabernig
Konzept, Dramaturgie, Regie, Figuren- und Objekttheater, Spiel (Darstellerin): Nora Dirisamer
Komposition und Live-Musik: Alexander Brosch
Vorstellung mit Gebärdensprache: Angelika Schönherr
23. Mai 2026
Zirkus des Wissens – JKU (Johannes Kepler Universität) Linz: 4020 Linz, Altenberger Straße 69 (Endstation Straßenbahnlinien 1 und 2 – ca. ½ Stunde vom Bahnhof entfernt)
Telefon: 0732 2468 0
zirkus-des-wissens –> wie-sind-wir-gestrickt
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