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Szenenfoto aus "Fretten" im Kosmos Theater Wien
Szenenfoto aus "Fretten" im Kosmos Theater Wien
22.05.2026

Bitterbös-vergnüglicher, bildgewaltiger und (zwei-)sprach-verspielter Theaterabend

Schaumberge, Rote-Rüben-Blutorgie und wildes Ringelspiel in Gebärden- und Lautsprache samt – visualisierter – Live-Musik im Wiener Kosmos-Theater: „Fretten“ – Helena Adlers dramatisierter Roman.

Ist schon der Roman von Helena Adler (Künstlerinnenname der Schriftstellerin und bildenden Künstlerin Stephanie Helene Prähauser, später Stadler, 1983 – 2024), so liefert die Inszenierung der Gruppe makemake noch zusätzlich viele Wowh-Momente. Und insgesamt eine spannende, abwechslungsreiche bitterbös-satirische Aufführung im Wiener Theater Kosmos. Heimatklischees werden genüsslich wortspielerisch und gedankenakrobatisch sowie bildgewaltig seziert, an den Rand gedrängte Underdogs und Außenseiter:innen in ihrer mentalen Stärke zu Heroes, eigentlich zu rebellischen Heldinnen – oder auch nur einer einzigen – in vierfacher Ausprägung.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Fretten“ im Kosmos Theater Wien

Live-Musik

Die nie namentlich genannte Ich-Erzählerin, vielleicht in Alter Ego der jung an einem Gehirntumor verstorbenen Autorin beschreibt in blumigen, poetischen Worten Landschaft, Menschen samt Verhältnissen – im engeren und weiteren Sinn. Und ihren Tenor übersetzt die Bühnenfassung von Anita Buchart & Mika Tacke in Bilder und Töne – nicht zuletzt Musik (Komposition & Live-Musik vor allem am Schlagzeug, hoch über der Bühne „thronend“: Catharina Priemer-Humpel).

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Fretten“ im Kosmos Theater Wien

Laut- und Gebärdensprache

Und so wie der Text nicht nur in Lautsprache (Valerie Madeleine Martin, Michèle Rohrbach), sondern parallel, oft auch schon davor, in Gebärdensprache gespielt wird (Carina Kilinc und Pam Eden), so ist auch die Musik – grafisch in je nach Intensität und Lautstärke zuckenden Balken – visualisiert (Masha Kuczyk). Die vier Schauspieler:innen, die das Stück gemeinsam mit geschaffen haben (Dramaturie der beiden Bühnenverfasserinnen, Choreografie & Co-Creation: Martina Rösler, End-Regie: Aslı Kışlal).

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Fretten“ im Kosmos Theater Wien

Schaumberge

Den ersten Wowh-Moment erleben die Besucher:innen aber schon bevor das Stück beginnt, wenn sie den Theaterraum betreten. Gut ein Meter hohe Schaumberge, die so manche beim Vorbeigehen veranlassen, rein zugreifen, andere posieren vor diesem fragilen Gebirge für Fotos. Die Erinnerungen an sanfte, weiche Momente der frühen Kindheit weichen – mit Hilfe von verstreutem Natronpulver zum Verschwinden gebrachter Schaumberge – bald den harten Erfahrungen als Außenseiterin. Wilde Jahre und Jagden auf Treppen mit Rollen, die zusammengeschoben zu Tälern oder umgekehrt zu Bergen, Dächern jedenfalls auch zu einer Art Drehbühne mit Ringelspiel-Charakter werden (Bühne: Nanna Neudeck, Leonie Kohut).

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Fretten“ im Kosmos Theater Wien

Heurige, Gestrige, (Ver-)Bond

„Im Heurigen sitzen heute wieder die Gestrigen und gären vor sich hin wie der Most vor ihren Bäuchen“ ist nur einer der vielen zitierungswürdigen Sätze, zu denen ein einziger auch von „ganz oben“, von der Musikerin, eingeworfen wird: „Mein Name ist Bond, Raiffeisenverbond.“

Wie in vielen makemake Produktionen verlangt die Inszenierung den Schauspieler:innen ganz schön viel auch körperlich ab – neben dem Waten zwischen Schaumbergen und den Klettertouren auf die fahrbaren Treppen auch eine Art Blutorgie im Schlachthaus – mit Rote-Rüben-Saft.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Fretten“ im Kosmos Theater Wien

Rebellin

Eines der besonders spannenden Elemente an dem wortgewaltigen, teils lyrischen Roman mit seinen kraftvollen Bildern – die auf der Bühne sinnlich erlebbar werden – ist die Charakterisierung der an den Rand gedrängten, mehr oder minder aus der Dorfgemeinschaft Ausgestoßenen bzw. sich davon Distanzierenden, dass sie – vom Mainstream zum Opfer gemacht – sich als Rebellin ganz und gar nicht kleinmachen lässt. Eine ähnliche Konstellation wie Renate Welshs „Die (alte) Johanna“, deren Dramatisierung kürzlich über die Bühne des nahegelegenen Theaters Spielraum gegangen ist; in dem derzeit übrigens das Gehörlosentheaterfestival Visual läuft.

Titelseite des Romans
Titelseite des Romans „Fretten“ von Helena Adler

Das Buch

Selbst wer das Stück gesehen hat / haben wird, der / dem sei die Lektüre des Romans gegebenenfalls nachträglich empfohlen – ein wahres nie oberflächliches Lese-Vergnügen. Selten so poetisch wort- und gedankenverspielte Schimpfwortkanonaden gelesen, gesehen oder gehört wie beispielsweise: „Ihr sei die Grantscherben, mit denen sich andere die Pulsadern aufritzen, der Prototyp jeder Perchtenmaske, so herz-und hirndeformiert, dass ein jeder Ziegenbock Reißaus nimmt. Euer Leben ist doch längst verjährt, ihr Nichtsdahinter! Du bigotte Brunzhilde, die du dich unterm Herrgottswinkel verkriechst, während du dich am Niedergang der anderen ergötzt! … Du unheilbringende Trethermine, die du mit deinem Fensterblick auf moralische Fehltritte lauerst…“

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INFOS: WAS? WER? WANN? WO?

Fretten

von Helena Adler; Bühnenfassung von Anita Buchart & Mika Tacke
Koproduktion makemake Produktionen & TEATA, im Kosmos Theater;
In Laut- und Gebärdensprache (ÖGS); ca. 80 Minuten

Konzept: makemake Produktionen
Schauspiel & Co-Creation: Pam Eden, Carina Kilinc, Valerie Madeleine Martin, Michèle Rohrbach
Komposition & Live-Musik: Catharina Priemer-Humpel
Choreografie & Co-Creation: Martina Rösler
Awareness Eye & Co-Creation: Nora Jacobs
End-Regie: Aslı Kışlal
Dramaturgie: Anita Buchart, Mika Tacke
Bühne: Nanna Neudeck, Leonie Kohut
Kostüm: Verena Geier, Leonie Kohut
Regieassistenz: Mana Samadzadeh
Videogestaltung: Masha Kuczyk
Licht: Karl Börner, Katja Thürriegl
Ton: Christian Hölzel, Tom Skoruppa
ÖGS-Übersetzung Bühnenfassung: Pam Eden, Carina Kılınc
Dolmetscherinnen für ÖGS und Deutsch: Angelika Bolnberger, Eldina Dzananovic, Lisa Kraus, Antonia Maier
Produktion: Julia Haas

Aufführungsrechte: Thomas Sessler Verlag — i. A. von Jung und Jung Verlag

Wann & wo?

Bis 27. Mai 2026
Kosmos Theater: 1070, Siebensterngasse 42
Telefon: 01 523 12 26
office@kosmostheater.at
kosmostheater –> fretten
Trailer
teata –> fretten

Das Buch

Text: Helena Adler
Fretten
190 Seiten
Verlag Jung & Jung
Hardcover: 23 €
Taschenbuch: 13,40 €
eBook: 17,99 €
zu Leseproben (13 Seiten) geht es u.a. hier (Download Leseprobe klicken):
jungundjung.at –> fretten

und hier: – auf Leseprobe klicken:
hartliebs.buchkatalog –> fretten