Fachleute aus dem Bereich Psychologie und Psychotherapie verlangen ausreichende, leistbare bis kostenlose Unterstützung für Kinder und Jugendliche.
„Du bist für mich so was wie der Schulwart – zu dem gehe ich, wenn der Wasserhahn tropft oder der Abfluss verstopft ist. Und zu dir komme ich, wenn mein Kopf verstopft ist“, zitierte Barbara Haid, Präsidentin des Österreichischen Bundesverbands für Psychotherapie (ÖBVP), einen 12-jährigen Schüler, der sich mit diesen Worten an die Schulpsychotherapeutin gewandt hatte.
Haid sowie Kathrin Sevecke (Universitätsprofessorin und Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie /ÖGKJP), Mira Lobnig, Mitinitiatorin der Jugend-Mental-Health-Initiative „Gut und selbst“ und Caroline Culen, klinische Psychologin und Geschäftsführerin der Österreichischen Liga für Kinder- und Jugendgesundheit (Kinderliga) gaben Mittwochvormittag ein Mediengespräch zum bevorstehenden Beginn des neuen Schuljahres. „Back to School – Psychosoziale Versorgung für Schüler:innen, Eltern und Lehrpersonal ausbauen und langfristig sicherstellen!“ gab auch die Stoßrichtung schon im Titel vor.
Verwiesen wurde auf Studien der vergangenen Monate – und die spürbaren Erfahrungen all jener, die mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben, dass sich die psychische Belastung von Kindern und Jugendlichen – sowohl durch die Pandemie als auch die dazu kommenden weiteren Krisen – Krieg in der Ukraine, Energie, Teuerung und der zeitweise in den Hintergrund gedrängte Klimawandel – massiv verstärkt haben.
Rund ein Viertel der 1,7 Millionen Menschen unter 20 Jahren, davon 1,1 Millionen Schüler:innen haben schon vor Ausbruch der Pandemie mit psychischen Problemen gekämpft und mussten teilweise monatelang auf Behandlungsplätze warten, stellte Barbara Haid einleitend fest. Dabei gaben Jugendliche in Befragungen bereits vor dem Jahr 2020 an, aufsuchenden und unterstützenden psychosozialen Angeboten gegenüber offen und positiv eingestellt zu sein. Mittlerweile leide jeder zweite junge Mensch in Österreich an depressiven Symptomen. Suizidgedanken, Angstsymptome, Schlafstörungen und ein problematisches Konsumverhalten haben stark zugenommen (Befragung von Kindern und Jugendlichen in Österreich im Frühjahr 2022). Die Anzahl jener Mädchen, die innerhalb der letzten zwei Wochen zum Zeitpunkt der Befragung Suizidgedanken hatten, stieg von 20% im Herbst 2021 auf 47% im Frühjahr 2022 an. Gleichzeitig gaben auch rund 47% aller befragten Jugendlichen an, dass sie professionelle Unterstützung brauchen. Besonders starke Verschlechterungen zeigten sich bei Kindern aus Familien mit einem niedrigen sozioökonomischen Status, mit Migrationshintergrund und denjenigen, die in beengten Wohnverhältnissen leben.
Wobei offenbar Burschen und Männer noch immer auch darunter leiden, Schwächen nicht zugeben zu können/dürfen. Das lässt sich aus der am Mittwoch veröffentlichten Trend-Studie „Jugend in Österreich Sommer 2022“ (800 befragte 14 bis 29-Jährige) im Auftrag der lifeCreator Consulting GmbH ableiten. Ob Stress, Erschöpfung, Selbstzweifel, Antriebslosigkiet bis zu Depression, Angstzuständen usw. – in allen abgefragten Punkten gaben deutlich mehr Frauen Belastungen an (zu?).
Zurück zur Kinderliga: Für die Expert:innen von ÖBVP, Kinderliga und ÖGKJP sowie für die Initiator:innen von „Gut und selbst“ ist die dringende Aufstockung und Erweiterung von Schul-Unterstützungspersonal eine zentrale Forderung. Neben Schulärzt:innen und Schulpsycholog:innen sollten an jeder Schule Schulpsychotherapeut:innen, Sozialarbeiter:innen und mehr Vertrauenslehrer:innen tätig sein.
Psychologische, psychotherapeutische und psychiatrische Versorgung ist in Österreich mehr als mangelhaft, vor allem leistbare, niederschwellige, kassenfinanzierte Angebote bräuchte es um ein Vielfaches mehr – so die Fachfrauen. „Im Sinne der Chancengerechtigkeit muss der Zugang zu bestmöglicher Gesundheitsversorgung allen Kindern und Jugendlichen gleichberechtigt möglich sein. Finanzielle Ressourcen dürfen nicht den Unterschied zwischen Behandlung oder keine Behandlung machen“, sagte die Geschäftsführerin der Österreichischen Liga für Kinder- und Jugendgesundheit (Kinderliga).
Neben Schulärzt:innen und Schulpsycholog:innen sollten an jeder Schule Schulpsychotherapeut:innen, Sozialarbeiter:innen und mehr Vertrauenslehrer:innen tätig sein. „Mental Health“ müsse weiter enttabuisiert werden. „Dafür sind eine langfristige Anpassung der Gesellschaft im Ganzen sowie der Schulen im Besonderen hin zur Entstigmatisierung von psychischen Erkrankungen extrem wichtig. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Aufklärung über somatische und psychische Gesundheit“, erklärt die Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie (ÖGKJP), Kathrin Sevecke.
Derzeit betreut eine Schulpsycholog:in bzw. Schulpsychotherapeut:in 1677 Schülerinnen und Schüler. Dass das nicht funktioniert, wundert mich nicht“, sagt Mira Lobnig, Mitinitiatorin der Jugend-Mental-Health-Initiative „Gut und selbst“, die aber positiv vermerkte, dass das Volksbegehren ihrer Initiative im Frühjahr von mehr als 138.000 Menschen unterstützt worden war. Womit das Parlament sich damit befassen muss. „Die ersten Veränderungen seitens der Politik folgten bereits kurz nach der Eintragungswoche im Juni. Die Anzahl des Schulsupportpersonals wurde verdoppelt. Wir freuen uns sehr, dass wir einen Stein ins Rollen gebracht haben“, so Lobnig.
Allerdings sei das nur ein Tropfen auf den heißen Stein, so die Expertinnen. Und Pilotprojekte wie „Gesund aus der Krise“ oder „Fit4SCHOOL“ müssten sozusagen breit ausgerollt werden.
Im Projekt fit4SCHOOL (übrigens nicht zu verwechseln mit einem gleichnamigen samt Internet-Präsenz unter diesem Titel, das sich mit dem Zusammenhang von Schlaf und Schulleistung beschäftigt) des Psychotherapie-Verbandes werden auch mögliche Kosten untersucht. In dem Konzeptpapier heißt es: „Geht man davon aus, dass 2 – 4 psychotherapeutische Beratungsstunden pro Woche angeboten werden, bewegen sich die jährlichen Ausgaben für Schulen im Spektrum zwischen 8.000 € – 15.000 €. … Eine Investition, die sich nicht nur für die betroffenen Schüler:innen, Lehrer:innen und Eltern auszahlt! Es gibt deutliche Hinweise, dass nach einer Psychotherapie die Einsparung gesellschaftlicher Kosten (z.B. Verhinderung stationärer Behandlungskosten) gegeben ist. Für jeden investierten Euro ist ein gesamtgesellschaftlicher Nutzen von 2 € – 5,5 € zu.“
Es bräuchte den Expertinnen zufolge rund 86.000 Plätze für psychologische und psychotherapeutische Beratung und Behandlung, gut die Hälfte davon kassenfinanziert. Derzeit steht höchstens ein Viertel dieses Bedarfs zur Verfügung, im stationären Bereich rund die Hälfte. Es bräuchte aber auch neue Konzepte, neues Denken, neue Herangehensweisen meinte vor allem Kathrin Sevecke und nannte zuvorderst multiprofessionelle Teams, die direkt in die Familien gehen.
Fachpersonal gebe es übrigens ausreichend, so die Antwort der Fachleute auf KiJuKU-Nachfrage, auch das Engagement der Kolleg:innen sei vorhanden. Woran es fehle, sei der politische Wille, ausreichend Geld für niederschwellige, kassenfinanzierte Angebote zur Verfügung zu stellen.
Zusammenfassend forderten die Expertinnen:
*Etablierung eines Schulfachs „Mental Health/Psychische Gesundheit“ und als Überbrückung bis dahin fächerübergreifende Projekte dazu
– Gesundheitstage und Projekttage zu Themen rund um Gesundheit und Psyche
– Wissensvermittlung zu psychosozialen Hilfs- und Versorgungsstrukturen
* Unterstützung und Fortbildung auch für Lehrer:innen und Eltern
* Mehr schulassoziiertes Personal für Beratung und Prävention => Psychosoziale Versorgung für Schüler:innen, Eltern und Lehrpersonal ausbauen und langfristig sicherstellen!
* Die Versorgung durch klinische Psycholog:innen im Kinder- und Jugendbereich kostenfrei und kassenfinanziert
* Multiprofessionelle beratende Angebote vor Ort
* Brückenfunktion zu psychotherapeutischen, psychologischen Leistungen – bevorzugterweise im (erweiterten) Setting der Schulen.
Taten statt Warten – sei ein wichtiges Motto, um im neuen Schuljahr da rasch in die Gänge zu kommen. Immerhin habe sich gerade in der Pandemie Schule vom vormaligen eher Stress- zu einem Sehnsuchts-Ort entwickelt, so Caroline Culen, wo insbesondere Jugendliche der Enge von Elternhäusern entkommen und ihre Freund:innen treffen, soziales Leben leben konnten.
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