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Szenenfoto aus „Justizia! Identity Cases“
Szenenfoto aus „Justizia! Identity Cases“
26.11.2022

Identitätspolitik als Fall für den theatralen Gerichtssaal

Schauspiel, Rap, Tanz, Musical, analoges Gerichtssaal-TV und (Selbst-)Ironie bei „Justizia! Identity Cases“ im brut nordwest (Wien).

Die Performance „Justizia! Identity Cases“ trägt nicht nur den lateinischen Namen für Recht und Gerechtigkeit im Titel, sie führt dich bzw. Sie und Sie bzw. dich… auch in das Ambiente eines Gerichtssaals. Und dies in unterschiedlichen Varianten. Live auf der Bühne – von den Tischen und ihren Anordnungen, von den robenartigen Kostümen, vom Gehabe, den Auftritten, immer wieder auch der formalen Art des Redens – ob als Richterin, Staatsanwält*in oder Verteidiger*in sowie als Zeug*in – wobei die hier eher noch zur Anklägerin wird.

Und dann in Foto- und Videoeinblendungen. Und in Fernseh- und Filmformaten via Projektionswände einer- und analog live im Schauspiel andererseits. Und nicht zuletzt der informelle, heute oft viel üblichere und brutalere „Gerichtssaal“ der virtuellen Welt der „social media“ – mit seinen vor allem Vor-Verurteilungen.

Szenenfoto aus „Justizia! Identity Cases“
Szenenfoto aus „Justizia! Identity Cases“

Spannend und auch mit Humor

Eineinhalb spannende, interessante, punktgenau gespielte, berührende, nahegehende, engagierte, authentische Stunden – mit hin und wieder überraschenden Wendungen werden von den vier Schauspieler*innen geboten. Und das in einem perfekt getimten Zusammenspiel auch mit Live-Videokamera-Projektionen auf die großen Wände – wann und wo? Siehe Info-Box am Ende des Beitrages.

Auf der Anklagebank: Rassismus, Unterdrückung, Kolonialismus, weiße Arroganz, Ausbeutung … Aber verpackt in die seit geraumer Zeit an allen Ecken und Enden aufgeflammt Debatte um Identität.

Szenenfoto aus „Justizia! Identity Cases“
Szenenfoto aus „Justizia! Identity Cases“

„transrace“?

Wenn Menschen das Geschlecht ändern können, ist das auch bei Zugehörigkeit zu unterdrückten Minderheiten möglich? Es gab nicht nur Schwarze (Künstler*innen), die gern weiß wären, sondern auch Weiße, die behaupte(te)n, Schwarz zu sein. Rachel Dolezal, Kind weißer Eltern in den USA, ist gemeinsam mit einigen adoptieren Schwarzen Kindern aufgewachsen und fühlte sich schon früh als Schwarze, engagierte sich in der antirassistischen Bewegung, wurde sogar lokale Sprecherin der National Association for the Advancement of Colored People (NAACP, Nationale Vereinigung zur Förderung farbiger Menschen) und Lehrbeauftragte für afrikanische und afroamerikanische Studien. Bis ihre wahre biologische Identität aufflog und eine breite Debatte um „transrace“ auslöste.

Szenenfoto aus „Justizia! Identity Cases“
Szenenfoto aus „Justizia! Identity Cases“

Echtes „Vorbild“?

Möglicherweise war das Vorbild für den dramaturgischen zentralen Konflikt in der Performance im brut nordwestbahn. Edwarda Gurrola spielt die engagierte feministische indigene Aktivistin in Mexico, Icnotl Gonzalez. Bis sie von Jelena Šerifović, gespielt von Sandra Selimović „ge-outet“ wird. Sie sei doch Kind zweier weißer Mexikaner:innen. Habe sich mit ihrer „indigenen“ Identität noch dazu Geld für ein Filmprojekt erschlichen aus Fördertöpfen, die für Minderheiten reserviert sind. Außerdem könne sie als Weiße, die in eine indigene Identität schlüpfe, die am eigenen Leib erlittenen Diskriminierungen nachvollziehen. Und außerdem jederzeit, wenn’s ihr passt oder sie damit besser fährt, aus dieser Rolle aussteigen. Sie hingegen als ein Romni habe nicht nur als Person, als Individuum sehr oft Diskriminierung erlebt, die ganze Volksgruppe ist ständig mit Vorurteilen und Benachteiligungen und noch viel Ärgerem, in etlichen Ländern Verfolgung und Schlimmerem konfrontiert.

Szenenfoto aus „Justizia! Identity Cases“
Szenenfoto aus „Justizia! Identity Cases“

Die einen können switchen, andere leiden

Das Selbe – performativ schwer atmend unter einer weißen Maske – bringt Mariama Nzinga Diallo als Beatrice Lincoln samt dem Aspekt des Kolonialismus zur Anklage. Und das in einem Gänsehaut erzeugenden Tribunal, nachdem sie auch schon zuvor als „Frau Rat“ brillierte.

Als vierte*r Schauspieler*in tritt Gin Müller – von dem auch das Konzept für dieser Performance stammt – als Paul Miller mal in der Rolle der Verteidigung der Frau Gonzalez, dann wieder als Expert*in für Transfragen auf, da sie/er die geschlechtliche Identität verändert hat.

Digitale Vor-Verurteilungen

Parallel zu den Stationen des Gerichtsverfahrens spielen sich an den Projektionswänden vorproduzierte fiktive Twitter-Postings ab. Spott und Häme bis Hass ergießen sich vor allem über die zuvor als engagierte Kämpferin anerkannte Icnotl Gonzalez. Die es allerdings auch nicht schafft, sich für den Vertrauensbruch zu entschuldigen.

Heitere Momente

So ernst das Thema, so engagiert und auch tiefgreifend argumentiert wird, der Abend ist dennoch alles andere als schwer. Vor allem das Switchen von Formaten wie gefilmte und analog gespielte Gerichtssaal-TV-Shows oder gar eine Musical-Version des „Dramas“ samt Tanzeinlagen und viel Theaterrauch, aber auch ein Rap-Auftritt von Selimović und der eine und andere Schuss (Selbst-)Ironie machen ihn auch zu einem durchaus auch vergnüglichen Abend.

Szenenfoto aus „Justizia! Identity Cases“
Live-Abstimmungen …

Und noch etwas bringt das Gerichts-Theater: Mehrmals wird das Publikum gebeten, via Smartphone und einem Abstimmungstool aus der rein zuschauenden Perspektive herausgeholt und sieht sich Situationen gegenüber, Entscheidungen treffen zu sollen.

Einziger Wermutstropfen: Es gibt – nach den ersten beiden – nur noch zwei Vorstellungen – bis Sonntag, 27. November 2022.

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INFOS: WAS? WER? WANN? WO?

Justitia! Identity Cases

Theater/Performance/Lectures
deutscher und stellenweise auch englischer Sprache und einer Passage auf Nahuatl
Eine Koproduktion von Verein zur Förderung der Bewegungsfreiheit und brut Wien

Performance
Paul Miller: Gin Müller
Jelena Šerifović: Sandra Selimović
Beatrice Lincoln: Mariama Nzinga Diallo
Icnotl Gonzalez: Edwarda Gurrola

Konzept/Performance: Gin Müller
Visuals: Sabine Marte
Sound/Musik Lisa Kortschak
Social Media: Hicran Ergen
Video Patches: Oliver Stotz
Bühne: Rupert Müller
Kostüm: Noushin Redjaian

Dramaturgie/Regie: Gin Müller, Natalie Ananda Assmann, Selina Stritzel, Andreas Fleck

Rahmenprogramm: Natalie Ananda Assmann & Selina Shirin Stritzel
Assistenz: Ines Kaiser

Grafikdesign: Georg Starzner
Fotos/Videodokumentation: Magdalena Fischer

Wann und wo?

Bis 27. November 2022
brut nordwest
1200, Nordwestbahnstraße 8 – 10
Telefon: 01 587 87 740
brut-wien -> Justizia

Szenenfoto aus "Lust"
11.03.2022

Viva la Vulva!