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Toni-Pusztai-Trio in Aktion
Toni-Pusztai-Trio in Aktion
04.08.2022

Aber nächstes Jahr wird der Roma-Gedenktag sicher offiziell …

Mahnung an den „unsichtbaren“ Völkermord an Rom*nja und Sinti*zze am Wiener Ceija-Stojka-Platz – noch immer „nur“ eine Initiative der Zivilgesellschaft.

Sonnenblumen, denen die Namensgeberin des Platzes ein inhaltsreiches Gedicht widmete (weiter unten) vor der Bühne, Musik, berührende, mahnende und kämpferische Reden und am Ende Kerzen rund um die Sonnenblumen. Das sind die äußeren Kennzeichen der seit 2015 hier stattfindenden Gedenkveranstaltung am Abend des 2. August am Ceija-Stojka-Platz in Wien-Neubau. Anlass ist die sogenannte „Zigeuner-Nacht“, in der im Vernichtungslager Auschwitz vom 2. auf den 3. August 1944 auf einen Schlag etwa 4300 Angehörige der Roma und Sinti ermordet worden sind. 2022 stand sie – wieder einmal – unter dem Motto: „Dikh he na bister – Schau und vergiss nicht“.

e kamesgi luludschi – die sonnenblume

die sonnenblume ist die blume des rom.
sie gibt nahrung, sie ist leben.
und die frauen schmücken sich mit ihr.
sie hat die farbe der sonne.
als kinder haben wir im frühling ihre zarten,
gelben blätter gegessen und im herbst ihre kerne.
sie war wichtig für den rom.
wichtiger als die rose,
weil die rose uns zum weinen bringt.
aber die sonnenblume bringt uns zum lachen
.

Ceija Stojka (1933 – 2013), veröffentlicht in
„Die Morgendämmerung der Worte. Moderner Poesie-Atlas der Roma und Sinti.
Die Andere Bibliothek

Porajmos – Shoah – Holocaust

Der „Porajmos“ – das Romanes-Pendant zur Shoah an Jüd:innen – ist auch 77 Jahre nach dem Ende der faschistischen Diktatur der Nazi fast so etwas wie ein unsichtbarer Völkermord, dem rund eine halbe Million Menschen dieser Volksgruppen zum Opfer gefallen sind. Spät, aber immerhin im April 2015 beschloss das europäische Parlament, dieser 2. August sollte zum europaweiten Gedenktag werden. Elf Jahre zuvor hatte das ukrainische Parlament einen Gedenktag für den Völkermord an Roma beschlossen. Heute gibt es ihn offiziell in einigen Ländern, etwa Polen, der Slowakei, seitens Deutschland nahm der aktuelle Bundesratspräsident an der Gedenkveranstaltung in Auschwitz teil und sogar Ungarn, in dem Roma heftig diskriminiert werden, ist es ein amtlicher Gedenktag.

„Immer nur wir“

Diskriminierung, Ausgrenzung, Rassismus – das erleben die Angehörigen dieser Volksgruppen nicht selten auch noch immer in Österreich. Darauf wiesen vor allem junge Aktivist:innen hin – aus der HÖR, der Hochschüler*innenschaft Österreichischer Roma und Romnja, die diesmal die Veranstaltung federführend organisiert hatte, hin. Die 14-jährige Alysea Nardai aus dem Burgenland sprach in ihrer Videobotschaft von der eigenen Erfahrung, dass sie immer wieder eine Hierarchisierung der Volksgruppen in ihrem Bundesland erlebe – als Romni am untersten Ende.

Ähnlich wie sie verwies auch Simon Bordt-Weinrich vom Verein Newo-Ziro (Neue Zeit) der heimischen Siniti*zze, „dass es immer fast nur an uns liegt, die Diskriminierungen und den Rassismus aufzuzeigen. Das sollte doch ein dringendes Anliegen aller sein!“ Boban Ristić (26) ließ in seiner Rede (die ganze Rede in einem eigenen Beitrag hier ein bisschen weiter unten verlinkt) auch seinen Ärger genau darüber spüren, dass Politiker:innen schon so manches versprochen haben, aber noch immer seien es die Betroffenen, die sich um die Aufklärung kümmern (müssen). Stattdessen sollten doch alle auch schon in der Schule lernen, dass es eben auch den Völkermord an Roma und Sinti gegeben hat.

Ein Schritt näher

Und so nebenbei – darauf wies auch die Nationalratsabgeordnete Eva Blimlinger (Grüne) in ihrem Beitrag hin, so manch führende Beteiligte an der Verfolgung dieser Volksgruppen in der Nazi-Zeit auch nach 1945 in hohen Ämtern tätig waren. Sie hatte schon bei der Wiener Gedenkveranstaltung im Vorjahr versprochen, sich für die Ratifizierung dieses Gedenktages durch das heimische Parlament einzusetzen mit der Aussicht, heuer könnte es schon ein offizieller Gedenktag der Republik sein. Nun, immerhin haben eine Abgeordnete ihrer Fraktion sowie ein Kollege aus der ÖVP vor einigen Wochen einen diesbezüglichen Entschließungsantrag im Parlament eingebracht und so versprach Blimlinger dieses Mal, im nächsten Jahr werde aber sicher mit Rot-weiß-roten Fahnen die Republik offiziell gedenken – an den Völkermord und daran, was gegen Tendenzen zu Ausgrenzung, Diskriminierung, Hass und Verfolgung zu tun sei.

Genau diese Wege, die letztlich im Völkermord endeten, sprach auch Wiens Vizebürgermeister Christoph Wiederkehr (NEOS) an und verwies darauf, Roma und Sinti sind einfach Teil unserer Gesellschaft.

Das ebenfalls alljährlich geforderte Mahnmal scheint hingegen noch weiter entfernt zu sein als auch schon vor mehreren Jahren die damalige Wiener Vizebürgermeisterin Birgit Hebein (Grüne), die auch sowohl davor als auch danach ohne Funktion immer an der Gedenkveranstaltung teilnahm, gehofft hatte.

Khetane Zurale/ Gemeinsam sind wir stark: Ceijas Texte

Ceija Stojka nach der dieser Platz vor der Kirche Altlerchenfeld benannt ist, hatte drei Konzentrationslager überlebt und war danach eine der ersten, die nachdem sie das erlebte Grauen erst in gemalten Bildern festgehalten hatte, darüber zu sprechen und schreiben begann. Vor allem gab sie einerseits Workshops im Amerlinghaus und ging viel in Schulen um mit Kindern und Jugendlichen über den Völkermord aufzuklären, vor allem aber gegen Vorurteile auf- und für ein gleichberechtigtes Miteinander einzutreten. Bei vielen dieser Workshops wurde sie von ihrer Schwiegertochter Nuna begleitet. Sie – und dieses Jahr erstmals Ceijas Urenkel Santino, der heuer seine HTL-Matura absolvierte – lasen Texte aus Gedichtbänden der vor neun Jahren verstorbenen unermüdlichen bis zuletzt aktiven Poetin, Malerin und Aufklärerin als Zeitzeugin. „Khetane Zurale – gemeinsam sind wir stark!“, begann Nuna die Rezitation von Ceijas Texten.

Musikalische Bandbreite

Für das passende, teils sehr berührende, teils aber auch von Lebensfreude gekennzeichnete musikalische Programm der Veranstaltung sorgten das Toni-Pusztai-Trio, das Improvison-Quartett (Adrian Gaspar, Slagean Jurj, Marko Marušić und Erhan Mamudoski) sowie Samuel Mágó. Letzterer spielte neben der Roma-Hymne „Djelem, djelem“ (Gyelem) ein von ihm vertontes Gedicht von Ceija Stojka (auschwitz sie muro zubuno/ Auschwitz ist mein Mantel) sowie „Dural Dural“, ein Lied der Anfang Mai verstorbenen Sängerin Ruža Lakatos-Nikolić der Volksgruppe der Lovara.

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Frühere Berichte über Gedenkveranstaltungen und andere Aktivitäten (junger) Rom*nja und Sinti*zze

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INFOS: WAS? WER? WANN? WO?

Der „Porajmos“ – das Romanes-Pendant zur Shoah an Jüd:innen – forderte insgesamt rund eine halbe Million Todesopfer, Roma, Sinti, Jenische, Lovara … wurden von den Nazis ermordet. Allein in der Nacht von 2. auf 3. August 1944 vergasten die Faschisten in Auschwitz-Birkenau nach jüngsten historischen Erkenntnissen rund 4300 Menschen, die sie „Zigeuner“ nannten – zuvor mit schwarzen Winkeln als „Asoziale“ versehen.

2015 beschloss das Europäische Parlament, den 2. August zum offiziellen Gedenktag zu erklären. Einige Länder haben das bereits getan. In Österreich liegt seit einigen Wochen ein Entschließungsantrag der beiden Regierungsparteien im Parlament.

Daneben gibt es – seit 1990 – einen Welt-Roma-Tag am 8. April. Anlass ist der Jahrestag der ersten Welt-Roma-Konferenz – 1971 – auf dem sich die Vertreter:innen gegen die üblichen Bezeichnungen Zigeuner bzw. Gipsy aussprachen, dem den Begriff Roma gegenüberstellten, die Hymne „Djelem Djelem“ und die Flagge beschlossen und forderten, den 8. April zum internationalen Aktionstag zu machen.

erinnern.at

coe.int -> roma-genocide

romarchive.eu -> Ceija Stojka

romblog -> Gedichte von Ceija Stojka

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