Wer gerne in Bergen von Stoff wühlen würde, fände hier eine Art Paradies. Hier ist in einer Ecke des großen Raumes im J.A.M., einem der Standorte der Wiener Jugendzentren liegen sie ballenweise. Die „Jugendräume am Muhrhoferweg“ in Wien-Simmering fast schon am Rande der Stadt verwandeln sich einige Wochen der Sommerferien Jahr für Jahr in eine kreative Schneider:innen-Werkstatt. Meister:innen ihres Faches sowie Mode-Schüler:innen, die hier Praktikumswochen absolvieren, bilden die zweite Phase von „Kids in Fashion“ (KiF) dem wohl kreativsten Modedesign-Nachwuchsbewerb (nicht nur) in Österreich.
Kinder I Jugend I Kultur I und mehr… durfte die Werkstatt besuchen – und dabei zwei der jungen Designer:innen treffen, deren Entwürfe verwirklicht und bei der Gala im Oktober von jugendlichen Models am Cat-Walk vorgeführt werden: Nadine Zarrougui und Monia Fattoum. Die beiden 12-Jährigen hatten im 5er-Haus, dem Jugendzentrum in der Grünwaldgasse (Wien-Margareten), ihre Modedesigns gestaltet – nicht zum ersten Mal. Beide haben im Vorjahr und auch heuer jeweils gut ein halbes Dutzend Entwürfe für den Bewerb eingeschickt, erzählen sie Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… Und fanden andere Entwürfe fast noch besser als jene, die verwirklicht wurden/werden.
Sowohl Zarrougui als auch Fattoum zeichneten weniger, sondern arbeiteten mit Material und erstellten somit dreidimensionale Entwürfe. Erstere klebte auf eines der Blätter bunte Federn. Und siehe da, der bereits Kleid gewordene Entwurf ist beim Lokalaugenschein fast schon fertig, die Schneidermeisterin Elisabeth „Lisi“ Kappel tauchte mit dem Kleid aus vielen Lagen eines feinen, durchscheinenden, gitterartigen Stoffes (Organza) auf. Da entfuhr der Designerin ein „wowh, das ist ja sogar mehr als ich erwartet habe“, zollte sie den Schneiderinnen (in diesem Jahr werken ausschließlich Frauen in der Werkstatt) großes Lob, wie sie aus dem Entwurf ein wirkliches Kleid angefertigt haben.
Das war auch viel Arbeit, mehrere Tage werkten einige daran aus Stoff diese vielen Federn herzustellen. Wie solche Federn gestaltet werden, zeigte Lisi später selber an einer der Nähmaschinen und anschließend mit Schere und Messer. Dafür durften sich die beiden Jung-Designerinnen eine Farbe aussuchen, beide wählten schwarz.
Zwei solcher Organza-Lagen legte Lisi übereinander nähte sie an zwei Stellen in der Mitte knapp nebeneinander zusammen, sodass eine Art Schlauch entstand. Durch diesen fädelte sie einen umwickelten Draht, der oben und unten raussteht, um Schlingen bilden zu können. Nun schnitt sie aus dem viereckigen ganzen Stücke eine ovale Form aus, die an ein Baumblatt oder eben eine Feder erinnert, legte das Ding auf eine starke Kartonunterlage und schnitt mit einem scharfen Messer heftig und rasant jede Menge Streifen von der Mitte weg hinein. Hochgenommen und schon ergibt sich – noch dazu bei ein bisschen Bewegung – das Bild wehender Federn.
Monia Fattoum schildert: „Ich hab vor allem Entwürfe mit viel Glitzer gemacht und viel wo ich einfach Zeugs draufgeklebt hab auf die Zeichnungen“. Darunter hat ihr der eine oder andere besser gefallen als jener, den die Jury ausgewählt hat. „Der ist schon ein bisschen frech“, schmunzelt sie ein wenig verschämt vor dem großen Tisch, auf dem Entwürfe auf Stoff übertragen werden, Modeschülerinnen aus unterschiedlichsten Stoffen Teile für die verschiedensten Gewandstücke schneiden.
Das „Freche“: „Ich hab mit Heißkleber nur viele Kurven und Linien auf die Zeichnung der Figur aufgetragen, darunter gar kein Kleid gezeichnet, also auf die nackte Haut“ sozusagen, beschreibt die Modeschöpferin ihren Entwurf. Die schon genannte Werkstätten-Co-Leiterin – neben Alice Schanovsky, die demnächst eine weitere Meisterinnen-Ausbildung (Herrenschneiderei) angeht, gesteht, „dass wir dem Model aber schon ein – weißes – Kleid anziehen“, das kann sie auch schon herzeigen. Darauf wird dann Monia Fattoums Design in einer schillernden Silikonmasse aufgetragen – nach dem Muster des Entwurfs.
An Schule gefällt den beiden „vor allem Freundinnen und Freunde treffen“, Nadine findet darüberhinaus „Biologie ist schon geil“, ihre Schulkollegin Monia mag „vor allem Sport und wieder Sport“. Erstere spielt auch liebend gern mit Freundinnen und Freunden Volleyball, Monia daneben auch Fußball. Und beide tanzen gerne.
Bella Neller (16) schneidet einen Kreis nach dem anderen aus einem nicht leicht zu schneidenden Stoff aus Dacronwatte (wie sie in Pölstern oder auch Kuscheltieren zu finden ist). „Die werden dann mit Farbe besprüht“, erklärt die Herbststraßen-Modeschülerin und zeigt dem Journalisten den Entwurf von Fabienne Linke. Diese vielen bunten Wattekreise werden dann zwischen zwei durchsichtige Schichten eingeschlichtet und dieses dann zum Kleid, das der Einsendung der 12-jährigen Designerin entspricht.
Weiters werken am Tisch die 16-jährige Wilhelmine Kohlmayr und Verena Draxler, erste jugendliche Schülerin, Zweitgenannte macht ihre Ausbildung im Kolleg, nachdem sie zuvor Kultur- und Sozialanthropologie studiert hatte, „aber das war mir alles zu theoretisch und ich wollte nun was Praktisch-Handwerklich-Kreatives lernen“, verrät sie dem Reporter. Sie schneidet Zacken in einen Karton – und der wird die Basis für Elemente im von der Jury ebenfalls ausgewählten Entwurf des zehnjährigen Theodor Adevuysi. Diese Streifen werden mit hellbraunem Stoff beklebt oder überzogen, erläutert der künstlerische Leiter von Kids in Fashion, Leo Oswald, die folgenden Schritte. Der Jungdesigner hatte zwar handschriftlich angemerkt, dass die hellbraune Farbe aus Sägespänen sein sollte, aber das wäre doch kaum realisierbar, meint der Erfinder des Mode-Bewerbs der Wiener Jugendzentren; ein Interview mit ihm, geführt von Stefanie Kadlec, die derzeit bei Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… in den Journalismus schnuppert, ist hier unten verlinkt.
Zum 29. Mal haben Hunderte Kinder und Jugendliche Zeichnungen mit Mode-Entwürfen an die Zentrale der Jugendzentren geschickt. In diesem Jahr langten mehr als 3000 Designs ein, deutlich mehr als in den vergangenen Jahren wo es immer so rund um die 2.200 Entwürfe aus Kinder- und Jugendhänden (4 bis 21 Jahre – in drei Alterskategorien) waren. Eine Jury wählt dann immer rund fünf Dutzend Designs aus, heuer genau 63. Damit gewinnen weit mehr junge Modeschöpfer:innen als nur die jeweils drei Erstplatzierten der Kategorien 4 bis 10 Jahre, 11 bis 15, sowie 16 bis 21 plus zwei Sonderpreise, die nach München gehen, wo es seit vielen Jahren eine Kooperation mit gleichsam einer Schwesterorganisation der Wiener Jugendzentren gibt. Apropos Ausland, Leo Oswald, der KiF-Erfinder und selbst seit Jahrzehnten Modekünstler, verriet Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr…, dass „heuer eine Klasse aus Hamburg (im Norden Deutschlands) Entwürfe eingeschickt hat und die wollen sogar extra zur Gala nach Wien in die Mensa der WU (Wirtschaftsuniversität) kommen“.
KiJuKU: Wie würden Sie den Designwettbewerb „Kids in Fashion“ beschreiben, den Sie für Kinder und Jugendliche erfunden haben und nun für die Wiener Jugendzentren künstlerisch leiten?
Leo Oswald: Das Projekt hat eine lange Geschichte. Ich habe vor circa 40 Jahren bei den Wiener Jugendzentren begonnen als hauptberuflicher Modemacher im Zivildienst. Dort habe ich meinen eigenen Beruf natürlich sehr gut einbringen können. Ich habe schon viel mit Kindern und Jugendlichen für Modeshows gearbeitet und verschiedene Veranstaltungen gemacht. Dann kam mir die Idee, meine beruflichen Kontakte, Friseure und professionelle Leute aus dem Make-Up Bereich, zusammenzubringen und in dieses Projekt zu involvieren. Eigentlich waren alle ziemlich schnell begeistert.
Was mir als Grundidee so gut gefallen hat – man sieht es ja auch oft in der Kunst – , war, dass Kinderzeichnungen manchmal so toll wie die eines modernen Künstlers sind und dasselbe habe ich mir auch bei der Mode gedacht. Manchmal haben Kinder Ideen, die sind so kreativ und frei, dass es im Endeffekt, wenn es professionell umgesetzt wird, ausschauen könnte als wäre es irgendein verrückter großartiger Designer in Paris. Das ist die Idee dahinter, die mir da am meisten Spaß macht.
KiJuKU: Sie haben gesagt, dass Sie verschiedene Kontakte haben, um die Entwürfe der Kinder und Jugendlichen umzusetzen. Wie genau sieht Ihr Team aus?
Leo Oswald: In der Werkstätte in Simmering sind meistens zwei oder drei MeisterInnen. Das sind meistens AbsolventInnen der Bühnenklasse der Modeschule Herbststraße und dann kommen auch einige ModeschülerInnen dazu, die ein Pflichtpraktikum für ihre Ausbildung machen müssen. Wir sind jetzt im Moment mit zwei Meisterinnen und drei Praktikantinnen da. In nächster Zeit kommt noch eine Meisterin dazu und im August noch mal drei Praktikantinnen. Heuer nur weiblich besetzt. Der einzige angemeldete Männliche ist leider ausgefallen.
KiJuKU: Was ist die Kernbotschaft, die Sie mit ihrem Wettbewerb vermitteln möchten?
Leo Oswald: Die Kernbotschaft ist eigentlich genau das, dass Kinder wahnsinnig kreativ sein können und dass das mit professioneller Unterstützung extrem High Fashion sein kann. Das ist das Lustige daran.
KiJuKU: Ein Teil des Wettbewerbs ist die Fertigung der Entwürfe und der andere ist die Show. Was gibt es Wichtiges, zu der Show zu wissen?
Leo Oswald: Bei der Show geht es darum, dass junge Leute eine Chance bekommen. Das können halbprofessionelle Jungmodels sein, die noch nie auf einem Laufsteg waren, das können Mädchen und Burschen von der Straße sein, die sich einfach mal selbstbewusst zeigen wollen in lustiger und kreativer Mode. Wichtig dabei ist auch die professionelle Unterstützung bei der Frisur und dem Make-Up. Wir proben dann ein bisschen und machen einen Catwalk mit leichter Choreografie. Es ist dann ganz spannend, diese Show zu beobachten, und die Kinder sind wahnsinnig stolz, wenn sie die Jungmodels mit Make-Up und Haaren fertig gestylt auf dem Laufsteg bewundern können.
KiJuKU: Wann findet die Show statt?
Leo Oswald: Die Show findet am 7. Oktober statt in der WU-Mensa (Wirtuscahftsuniversität, sozusagen das Restaurant dort). Einlass ist um 18.30, da gibt es die Ausstellung der Zeichnungen und um 19.30 ist dann die Show.
Das Interview führte Stefanie Kadlec, 17, die derzeit bei KiJuKU in den Journalismus hineinschnuppert.
Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… traf vier der mehr als vier Dutzend Kinderuni-Jungreporter:innen zum Interview.An den Wiener Universitäten tummeln sich unter den neugierigen, wissbegierigen Kinderuni-Student:innen auch rund vier Dutzend, die noch ein bisschen neugieriger sind, junge Reporterinnen und Reporter. Sie befüllen mit Fotos, Zeichnungen und kurzen Texten Padlet-Seiten, die unten am Ende dieses Beitrages verlinkt sind.
Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr … durfte nach der Vorlesung „Cyberheld:innen aufgepasst!“ vier Jung- und Jüngst-Kolleg:innen treffen und sie interviewen: Nora und Leyla (beide 8) sowie Anatol (11) und Tristan (9).
KiJuKU: Warum habt ihr euch für diese Aufgabe gemeldet und was habt ihr dabei bisher gemacht und erfahren?
Nora: Ich war schon im Vorjahr Reporterin und das hat mir sehr viel Spaß gemacht.
KiJuKU: Was hat dir Spaß daran gemacht?
Nora: Ich fand’s einfach cool, weil wir dabei auch zum Beispiel auch kleine Computerspiele programmiert haben. Als Reporterin waren wir in Vorlesungen, machen Fotos, Videos, Interviews und schreiben darüber. Das wird dann auf eine Website hochgeladen. Leyla und ich haben was über die Vorlesung „Coole Kekse und spannende Radieschen“ etwas geschrieben. Wir haben abwechselnd geschrieben.
Jetzt gerade bei den „Cyberheld:innen“ fand ich die Fragen am Spannendsten, ich mach selber gerne so Quize.
Leyla: Ich fand vor allem das mit den Passwörtern spannend, dass man zu schwierigen Passwörtern kommt, die man sich aber selber licht merken kann. Cool ist es, eine Reporterin zu sein, weil die wichtigste Aufgabe ist, den Tag ein bisschen festzuhalten.
KiJuKU: ist es dann schwierig, aus der Fülle einer Vorlesung von ungefähr einer Stunde das rauszufinden, worüber du schreibst?
Leyla: Es ist schon schwierig, aber ich suche halt dann die spannendsten Sachen heraus und auch die besten, die viele interessieren würden.
Anatol: ich fand diese Lehrveranstaltung eben (Cyberheld:innen …) auch sehr gut, vor allem die Fragen. Reporter war ich auch schon voriges Jahr. Das fand ich schön, im Vorjahr haben wir auch Kinder-Studierende interviewt. Das war schon sehr spannend. Wir haben Video-Interviews gemacht.
Tristan: Im Vorjahr haben wir auch den Thomas, der heute die Vorlesung mitgehalten hat, interviewt. Das fand ich recht spannend.
KiJuKU: Weil ihr alle schon zum zweiten Mal Reporter:innen wart, ist das ein möglicher Beruf, der euch interessieren würde?
Nora:Ich könnt’s mir schon vorstellen, aber als Videofilmerin.
Leyla: Ich könnt’s mir vielleicht auch vorstellen, aber dann nicht als Hauptberuf, sondern so quasi als Hobby nebenbei.
Anatol: Das gilt für mich auch, eher als Hobby, hauptarbeiten würde ich lieber was anderes und Reporter:innen-Tätigkeit würd ich dann eher so zum Spaß machen.
Tristan: Ich könnt mir das eher schon auch als Hauptberuf vorstellen, und ich glaub eher so Fotos machen.
Die beiden Erstgenannten, die in Wien gemeinsam eine Volksschule besuchen, brachten auch eine weitere Vorerfahrung mit, die sie aber erst am Ende des Gesprächs „verrieten“. Gemeinsam mit einer dritten Kollegin ihrer zweiten Klasse, Laura, haben sie eine eigene Zeitung zum Abschluss des Schuljahres gestaltet, „Die schlauen Kids“. Ein Exemplar übergaben sie sogar an KiJuKU.at – die beiden mit der Zeitung in der Hand – und damit sichtbar dem gemalten Titelblatt – sind daher noch extra in Fotos festgehalten.
Durchs Gittertor an einer Straße in Wien-Leopoldstadt zwischen Donaukanal und Grünem Prater hinein. Neben und hinter dem Wohnhaus liegt ein kleiner begrünter Hof, eigentlich ein Garten. Und in diesem steht neben einem großen Trampolin eine feine Holzhütte. Seit gut zwei Jahren treffen hier einander ein paar Kinder und Jugendliche. Das Besondere: Sie haben die Holzhütte auch selber gebaut. Da waren Albin und Keke 14 bzw. elf Jahre. Die beiden zeigen dem Journalisten ihr Bauwerk und erzählen Kinder I Jugend I Kultur I und mehr… wie’s dazu gekommen ist.
Es war im zweiten Corona-Jahr – im Frühjahr und Sommer“, beginnt Albin an die Anfänge zu erinnern. „Das Schwierigste war das Beginnen und es dann auch wirklich zu machen“, fügt er gleich noch ein wenig verschmitzt hinzu. Und beide erzählen, dass sie schon davor einmal im Keller einen Jugendraum einrichten wollten, „aber der ist gefailed; das wurde nix.“
Also, zunächst war die Idee da. „Dann haben wir Zettel geschrieben und an alle Hausbewohnerinnen und -bewohner gefragt, ob sie dafür sind, dass wir da so was bauen dürfen“, erinnert sich Keke. Alle waren dafür.
Und dann ging’s los. „Zuerst haben wir aus Leisten einen Würfel gebaut“, schildert Albin den Kern des Gebäudes. Im Keller – des Wohnhauses – lagen alte Holzleisten herum – Daraus wurde die erste Wand. „Dann haben wir auf >will haben< gesehene, dass jemand Holz herschenkt.“ Dazu wurden Eltern engagiert, das mit dem Auto abzuholen.
Die Bretter schnitten sie mit einer Stichsäge zurecht und dann zimmerten die beiden und „hauptsächlich der Maxi, aber der ist jetzt im Sommer am Neusiedlersee, und mehr oder weniger auch noch Anton, Joni, Sami, Tarek und Malaz“ die anderen Wände.
„Ich hab noch den Tennisverein gegenüber gefragt, ob wir zwei Holzpaletten haben können“, setzt Albin fort. „Wir wollten, dass das Haus nicht direkt auf der Wiese steht, die ja auch feucht werden kann.“
Je länger die Besichtigung der kleinen Hütte dauert, umso mehr Details fallen dem Reporter auf. Ein hölzernes Schild mit der Aufschrift „Post“ lässt sich hochklappen, darunter befindet sich ein Schlitz – eben um Briefe einwerfen zu können. Und drinnen kann im Briefkasten wiederum ein Holzstück weggeschoben werden, damit beispielsweise reine Werbeprospekte gleich in den Kübel darunter fallen. Unter einer der Sitzbänke steht eine Kühltasche, die sich per Holzleiste und Schloss versperren lässt.
„Als die Hütte schon fertig war, habe sie doch gewackelt“, gesteht Albin und zeigt auf schräg zurecht gesägte Leisten in den Ecken, die die Winkel des Grund-Würfels dann stabilisierten. Erneuerungsbedürftig ist nur mehr die Schrift „Betreten auf eigene Gefahr“ auf dem Holzschild vor der Hütte. Die ist so verwittert, dass sie praktisch nicht mehr lesbar ist.
Platz bietet die Hütte – einigermaßen gemütlich – sicher drei, vier Leuten – innen drin. Aber der liebste Platz für die Erbauer ist eindeutig das Dach, leicht zu erklimmen durch Sprossen, die sie an einer der Seitenwände angeschraubt haben. Schnell noch den einen oder anderen Liegestuhl oder Sessel raufgehoben und schon lässt sich’s unter den Zweigen des Kriecherlbaumes chillen, der heuer ziemlich dicht Früchte trägt.
Nicht alles Material konnten sie kostenlos bekommen, teils wurde auch eigenes Taschengeld eingesetzt – beispielsweise für eine Glasscheibe an der Vorderfront neben der Tür. Das Werkzeug kam von Albins Großeltern, bzw. erfragte er dort noch Geld für einen Akkuschrauber. Was das Zusammenschrauben schon einigermaßen erleichtert 😉
Der heute 16-jährige Albin besucht die Sir-Karl-Popper-Schule und blickt im abgelaufenen Schuljahr unter anderem auf ein größeres Tanzprojekt zurück, Keke (13) ist im Musik-Zweig des Gymnasiums Boerhaavegasse. Vor allem Albin steht auf handwerkliche Freizeitaktivitäten, zeigt auf dem Handy Fotos eines Pizza-ofens, den er aus einer alten Metalltonne gebaut hatte, die die Hitze dann doch nicht sehr lange ausgehalten hat. „Aber ein neuer Pizzaofen vielleicht aus Ziegel ist ein Projekt möglicherweise noch in diesen Sommerferien“, macht er schon auf Neues neugierig.
Ein großer Liftbogen empfängt Tausende Kinder und ihre erwachsenen Begleiter:innen beim Zugang zum Wiener Donaupark in vielen Sprache. Das Startfest des Wiener Ferienspiels spiegelt die Vielfalt und Buntheit der Stadt und ihrer Kinder – und drückt das eben auch in mehrsprachigen Begrüßungen – und Verabschiedungen am anderen Ende – aus.
Traditionell steht das erste Wochenende nach Schulschluss (in Ostösterreich) dieses zweitägige Startfest rund um und mit dem Ferienspielmaskottchen Holli auf dem Programm – mit fast drei Dutzend Spiel-, Bewegungs- und Kreativ-Stationen. Von Basketballkörben, Fußball-Torwänden, Football-Zielwerfen über Kletterwände, eine Kinderbaustelle – kein Zutritt für Erwachsene – über Malen auf Papier oder mit Kreide auf den Gehweg. Asja beispielsweise versank fast völlig in die Zeichnung eines Characters aus der von ihr beliebten Welt der Mangas. Alles malte sie in blau – bis sie nur mehr ein Stummelchen dieser Kreide dem Reporter von Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… in die Kamera hielt.
Kinder bewegen sich aber auch abseits der schon genannten Stationen, so schlug Elisa mir nichts dir nichts aus dem Stand heraus auf dem Gehweg – wenn gerade niemand vorbeihuschte – Räder – und stützte sich dabei jeweils nur mit einer Hand auf.
Zu finden waren und sind – das Starfest steigt auch Sonntag, 2. Juli zwischen 14 und 19 Uhr: Spielerische Quiz zu Wasser bzw. Abfall, Bühnenprogramm, ein Fahrsimulator im großen Bus der Wiener Linien schon vor dem Eingang. Eine der längsten Schlangen bildete sich beim Lokalaugenschein von kijuku.at vor der Schrei-Box. Ja wirklich, kein SchreiBfehler: In diesem Zelt geht’s tatsächlich um die Lust am (lauten) Schreien – samt Druck auf den Foto-Knopf um Bilder von den fröhlichen Gesichtern dabei mitnehmen zu können.
Verschiedenste Einrichtungen von wienXtra, dem Verein unter dessen Dach es Dutzende Freizeitangebote für Kinder und Jugendliche – das ganze Jahr und speziell auch in den Ferien – gibt, bieten sozusagen Kostproben ihrer Aktivitäten. Dazu gesellen sich städtische Abteilungen – Wiener Wasser, MA 48, aber auch Kinderfreunde, Samariterbund und Polizei oder die „Helfer Wiens“, die alle neben Spielstationen auch brauchbare Alltagstipps und -Hilfen selbst für brenzlige Situationen geben.
All diese – und noch viel mehr Vereine, Organisationen und Einrichtungen bieten all die neun Sommerferien mehr als 140 verschiedene Aktionen (und die natürlich mehrmals) in- und outdoor an – für Kinder zwischen 6 und 13 Jahren. Alle Schulkinder in Wien haben den Ferienspielpass bekommen. Beim Startfest gibt’s für jene, die keinen bekommen haben oder die – wie so manche auch aus anderen Bundesländern am Samstag schon gekommen sind –, Pässe vor Ort.
Außerdem warten bei einigen Stationen QR-Codes um mit dem Handy im Rahmen einer digitalen Schnitzeljagd gescannt zu werden.
Massiv und zentral steht es da. Mitten auf der Bühne. Ein Regal – für Ries:innen. Und in der folgenden Stunde ein, nein DAS Symbol für eine gewisse Art der Kommunikation in Blasen, in Bubbles diverser Social Media-Kanäle. Das Schauspiel-Trio, das die ganz in Weiß gehaltene Bühne– mit Ausnahme des Regals in Holzmuster (Tapete über den Brettern) – des Wiener Kosmos Theaters betritt, unterhält sich in Sätzen, die aus vor allem Facebook stammen könnten, über dieses Regal. Die Rollen wechseln.
Zunächst ist es Johanna Sophia Baader, der das Regal geliefert wurde und sie nicht weiß, wie sie dazu kommt. Das „postet“ sie in die Welt der digitalen Kommunikation – hier natürlich gesprochen in den Bühnenraum. Die Kommentare lassen nicht lange auf sich warten. Vielleicht hast du bei einem Gewinnspiel mitgemacht, meint Gesa Geue. Die Verneinung dessen, ruft den Erklär-Bären auf den Plan. Samuel Simon lässt einen Sermon los, wie Erinnerungen Menschen täuschen können. Doch, nein, es geht um mehr/anderes als Mansplaining. Der gleiche Trialog spielt sich mit vertauschten Rollen im weiteren Verlauf des Stücks nochmals ab.
Die Stunde – Text & Regie: Milena Michalek, Sahba Sahebi, die tatsächlich im Netz Materialsuche betreiben haben – dreht sich um diese oft verbissen geführten Diskussionen im Netz, vielmehr oft eher ums Loswerden der eigenen Position, häufig ohne Eingehen auf das von anderen Geschriebene. Nicht selten auch losgelöst vom realen Geschehen. Das kommt in dem – immer wieder sehr witzigen Stück, dessen Humor nicht zuletzt davon lebt, dass die meisten im Publikum solche und ähnliche Postings kennen, mitunter sich daran beteiligen – Stück wohl am krassesten in jenen Passagen heraus, in dem die jeweiligen Neu-Besitzer:innen des Regals klagen, dass es viel zu klein sei. So klein, dass nicht einmal die eigene Bücher- oder Gewürze-Sammlung reinpasse. Die im Übrigen aus zwei Büchern bzw. zwölf Gewürzen, die im Zuge eines anderen Onlinekaufs erworben worden sind, bestehen.
Das Trio umkreist das Regal – verbal und körperlich. Ja in der letzteren Dimension erklimmen die drei abwechselnd sogar die Bretter, die das Stück bedeuten, Geue bzw. Simon entrollen dabei ihre zuvor die ganze Zeit eingewickelten urlangen Hosenbeine (Bühne & Kostüm: Tanja Maderner). Nicht zuletzt, um nochmals die Größe des Ungetüms, zur Geltung kommen zu lassen – als Gegensatz zwischen Realität und dem was sie selber darüber verbreiten.
Das Regal ist übrigens so groß, dass es tatsächlich erst auf der Bühne zusammengebaut werden konnte, weil es so wie es da steht durch keine Türe hindurch transportiert werden hätte können. Apropos Tür – neben dem Regal sind auch so manche Allerwelts-„Sprüche“ Thema des ironischen Zerlegens an diesem Abend wie „wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich sicher woanders mindestens eine andere“ oder „wenn du glaubst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her“, „andere Mütter haben auch schöne Söhne“… In null komma nix mit wenigen Sätzen, oft nur Andeutungen nehmen die drei Schauspieler:innen diese und solche „Weisheiten“ auseinander. Und zeigen damit, dass sinnbefreite Sager nicht eine Erfindung des Social-Media-Zeitalters sind.
Aber auch den bitteren Nachgeschmack zurücklassen, dass es sich dabei um First-first-World-Problems handelt.
Als „Peterchens Mondfahrt oder wie Anna und ihr Bruder Peter das Universum retten“ lief das 120 Jahre alte und doch so junge Märchen vor knapp mehr als einem halben Jah in den Kinos. Nun spielt sich die Geschichte – mit viel Live-Musik und einer Rahmenhandlung, die das Theater selber witzig anspricht – im Dschungel Wien als „Peterchens und Annelieses Mondfahrt“ ab.
In Ecken, an der Seite und in der Mitte der hinteren Bühnenwand stechen beim Betreten des großen Saals im Theaterhaus für junges Publikum im Wiener MuseumsQuartier hohe und ein noch höheres Podest ins Auge – besetzt mit Instrumenten und vier Musiker:innen. In der hinteren linken Ecke – vom Publikum aus betrachtet: Eine ganze Batterie an Schlaginstrumenten vom Schlagzeug über Metallophon und rund um hängende, beim Schlagen klingende Teile (bedient von Raphael Meinhart). In der rechten Ecke: Michael Tiefenbacher, Herr über etliche Tasteninstrumente. An der rechten Seite noch Maiken Beer am Violoncello. Leicht rätselhaft lehnt am Fuß ihres Musikpodests ein zweites Cello – das sich im Verlauf der 1 ¼-stündigen Vorstellung in ein Fluggerät verwandeln wird. Als Vierter im Bunde thront noch viel höher hinten in der Mitte Daniel Riegler, Leiter des Dan-Ensembles, der die Musik zu diesem Stück komponiert hat und selbst verschiedene Blasinstrumente, vor allem Posaunen spielt. Die Musik ist hier mehr als nur atmosphärische Untermalung verschiedenster Szenen, sie ist immer wieder ein eigenständiges schauspielerisches Element (Konzept, Regie: Corinne Eckenstein, die Leiterin des Dschungel Wien, die auch gemeinsam mit Regie-Assistentin Sophie Freimüller und Schauspielerin Cecilia Kukua die Textfassung geschrieben hat). Kurzzeitig schlüpfen Musiker:innen sogar in schauspielerische Rollen – insbesondere der Naturgewalten – Donnerhans, Sturmliese, Regenfritz …
Die Grundgeschichte ist die aus dem Original. Maikäfer Sumsemann hat wie seine Vorfahr:innen nur fünf Beine. Als ein Holzdieb sonntags eine Birke umhackte, traf er dabei das sechste Bein. Das ist auf dem Mond, denn dorthin hat die Fee der Nacht den Dieb samt seinem gestohlenen Holz – und in dem Fall auch dem sechsten Maikäferbein – verbannt. Erst ein Flug zum Mond kann für Sumsemann und seine Nachkommen wieder die üblichen sechs Beinchen bringen. Abgesehen davon, dass der Maikäfer nicht so besonders mutig ist, bräuchte es zwei Kinder, die noch nie einem Tier etwas zuleide getan haben, um die Maikäfer’sche Extremität zu retten.
Der Maikäfer-Darsteller Felix Werner-Tutschku versucht sich schon vor der Vorstellung mit Kindern anzufreunden, indem er in seinem Kostüm die Wartenden vor dem Saal-Eingang begrüßt und einstimmt. Drinnen hat er’s anfangs ohnehin nicht so leicht. Neu ins Spiel hat die Regisseurin eine hantige Theaterinspizientin (Cecilia Kukua, die später ncoh die Nachfee, den großen (Eis-)Bären und andere spielt) eingebaut. Die will mit dem Meister an den Licht- und Tonreglern Hannes Röbisch eigentlich die Lichtstimmung für eine Vorstellung durchgehen, ausprobieren und nicht gestört werden, noch dazu von einem Insekt.
Der Maikäfer lässt sich zwar verjagen, aber nicht endgültig, kommt zurück und bringt doch sein Schicksal und den Weg zur Rettung an. Mutige, vor allem tierleibe Kinder braucht er.
Und lädt dazu die anwesenden im Publikum ein. Auch wenn viele „ja“ und einige „nein“ rufen, geht das Spiel weiter: Lasst euch ein auf eine Traumreise.
Zur Unterstützung wird ganz schön und üppig von den beiden Darsteller:innen gespielt. Ach ja, Peterchen und Anneliese kommen auch vor – als 2D-Figurenim Stile von Kinderzeichnungen – abwechselnd bedient von Werner-Tutschku und Kukua. Letztere ziert sich anfangs, lässt sich aber, wenn sie die Fee spielen darf, auf die (Flug-)Reise ein. Das schon erwähnte – ausrangierte wie die Musikerin nach der Vorstellung betont – Cello wird zum Space-Shuttle. Ein irre langer silbrig glänzender Stoff wird nicht nur zur Schleppe der Fee, sondern gleich zur glitzer-glänzenden Milchstraße (Ausstattung: Gerti Rindler-Schantl). Viele große und kleine leuchtende Bälle – von den Musikpodesten auf die Bühne geschossen – verwandeln diese in die Sternenwiese – einen Zwischenhalt auf dem Flug zum Mond.
Auf dem Mond selbst braucht’s noch mal viel Mut, um den grantigen Mondmann von der Herausgabe des Sumsemann’schen Beinchens zu bewegen – und davor einen Flug mit einer Rakete vom Mondboden zu jenem Berg, auf dem der Herr über den Erdtrabanten wohnt. Warum diese Rakete just den Namen Apollo 13 bekommen hat? Also ausgerechnet jener Mission, die nicht auf dem Mond landen konnte, sondern durch die Explosion des Sauerstofftanks und den berühmten – meist nicht ganz richtig zitierten – Spruch „Houston, wir haben gerade ein Problem gehabt“ berühmt geworden ist? Ebenso unerklärlich wie die Behauptung, auf dem Mond gäbe es keine Schwerkraft.
Aber diese Dinge tun der diesjährigen Weihnachtsproduktion im Dschungel Wien – der jeweils einzigen der Saison mit langer Laufzeit (diesmal bis 6. Jänner 2023) ebenso wenig Abbruch wie die Beschränkung auf sechs ur bei der Aufzählung von Sumsemanns Vorfahren. Die Aufzählung der Ururur- und so weiter würde in Wahrheit nicht ausreichen, ist doch die Rede von vor 468 Jahren was bei der wenige Wochen dauernden Lebenserwartung … naja!
Natürlich: Happy End und rechtzeitige Landung auf der Erde, bevor die Sonne die beiden Kinder aus ihren Betten holt. Eine schöne runde Sache und vielleicht das Erstaunen, dass ein Autor schon 1912 gegen das Abholzen von Bäumen einerseits und auf die Natur- und Tierleibe von Kindern setzte – und heute noch viel mehr auf diese Kraft gehofft, gesetzt werden muss.
Im Publikum am Sonntagnachmittag saß unter anderem Riki Lorenz, die mit ihrem Enkel Emil und dessen Eltern die Vorstellung besuchte. Davor verriet sie Kinder I Jugend I Kultur I und mehr… „Ich hab den Maikäfer 1957 als siebenjähriges Kind auf der Bühne des Renaissance-Theaters (das große der beiden Häuser des Theaters der Jugend) gespielt.“ Ab dem Alter von vier Jahren habe sie den Ballettkurs im Dianabad bei Ruth Maria Bachheimer besucht.
„Unsere Kindertanzgruppe wurde immer wieder vom Theater der Jugend geholt, beim Stück „Basiliskenhaus“ haben wir zum Beispiel die schwarze Wolke getanzt, wenn der Basilisk aus seinem Brunnen die giftigen Gase rausgeblasen hat. Bei Peterchens Mondfahrt war ich der Herr Sumsemann.“ Und Frau Lorenz mailte KiJuKu ein Privatfoto von einer der Aufführungen, bei der sie zu sehen ist – das wir veröffentlichen dürfen.
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