Kinder Jugend Kultur und mehr - Logo
Kinder Jugend Kultur Und mehr...
Szenenfoto aus "Radio Goo Goo" im Wiener Kosmos Theater
Szenenfoto aus "Radio Goo Goo" im Wiener Kosmos Theater
23.02.2026

Satirisches Ende der Romanze zwischen Erde und Menschheit

„Radio Goo Goo“, ein szenische-musikalisches „Hörspiel“ auf der Publikumstribüne des Kosmos Theaters Wien.

Vielleicht die einzige Chance, sich noch auf eine neue Art, aufzurütteln, den Welt- vielmehr den drohenden selbst bewirkten, verschuldeten Untergang der Menschheit entgegenzutreten: Sarkastische Satire!?

„Radio Goo Goo“ – ein nicht ganz zweistündiges Feuerwerk an Gedankenspielen, Wort- und Spiel-Witz von Judith Humer (Regie: Nehle Dick); entstanden übrigens im Drama Lab der Wiener Wortstaetten. Das Kosmos Theater als „Patentheater“ hat den Schreibprozess begleitet und bringt das Stück nun zur Uraufführung.

Szenenfoto aus

Seit Jahrzehnten bekannte wissenschaftliche Erkenntnisse: Werden ignoriert.
Appelle, Konferenzen…: Wenig Effekte
Selbst breite Bewegungen wie – vor allem von jungen Menschen initiierte und getragene – Fridays For Future: Mittlerweile auch am Verpuffen
Aktionismus à la „Letzte Generation“: Weit mehr angefeindet als Verursacher der Klimakatastrophe und vergraulten sogar Aufgeschlossene

Seitenwechsel

Die Tribüne, auf der in den allermeisten Fällen das Publikum Platz nimmt, ist nun stufenförmige, kahle Landschaft mit einem darauf gepflanzten Gartenhäuschen, das Geburtenstation, Lift in den Untergrund usw. wird (Bühne & Kostüm: Michael Lindner). Das Publikum in Sitzreihen auf der Bühne hört und sieht sozusagen dem vorgeführten eigenen Untergang zu.

Claudia Kainberger als Radioreporterin, Johanna Orsini, die sich als bewegte Bürgerin das Radiomikro aneignet, Aline-Sarah Kunisch als absurde Erinnerungsstücke häkelnde Phlegmatikerin und der live musizierende, phasenweise Friedhofswärter Luka Vlatković spielen, klettern und turnen dem Untergang entgegen. Der letzte Tag der Beziehung zwischen Erde und Menschheit steht datumsmäßig fest.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Radio Goo Goo“ im Wiener Kosmos Theater

„Romanze“ und ihr Ende

Poetisch beginnt der Text, wie die filmreif geschilderte Romanze der beiden begann. Die nun unweigerlich enden wird. Die Radioreporterin soll diese unaufhaltsamen letzten Tage mit Berichten, Interviews und Reportagen begleiten. Was nicht selten zu absurden Situationen führt. Wer werde denn am Ende die Toten bestatten, wenn eh alle aussterben? Tief unter der Erde ein Milliardär, der in seinem Bunker zu überleben glaubt und die Reporterin dazu bewegen will, mit ihm zur neuen Ur-Mutter zu werden.

Statt möglicher, denkbarer, vielleicht sogar naheliegender, sich aufdrängender Auflehnung gegen den fix scheinenden, feststehenden Untergang bitterböser satirischer Umgang damit. Und dennoch basteln an Hinterlassenschaften für – mögliche künftige Historiker:innen oder intelligente Besucher:innen von anderen Galaxien? Was soll in zeitkapseln. Vielleicht auch für diese Betrachter:innen Verwirrendes? Wollene Outfits für achtbeinige, 20-äugige, Vielarmige Wesen für eine der Zeitkapseln? Wer wird dann die auf den Gräbern wachsenden Paradeiser (Tomaten) verzehren? Und wieso ausgerechnet Radio?

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Radio Goo Goo“ im Wiener Kosmos Theater

Radio Ga Ga

Nun, vielleicht liegt’s ja auch an dem Rocksong „Radio Ga Ga“ von den Queens aus dem Jahr 1984, der angesichts des Stücktitels fast unweigerlich in den Sinn kommt? Und zu dem sich Roger Taylor der übrigens – laut wikipedia – „von seinem damals dreijährigen Sohn Felix“ inspirieren“ ließ, „der eine Radiosendung mit den Worten „radio ca ca“ beziehungsweise „radio poo poo“ kommentierte. Taylor entwickelte daraus den Titel, erst danach schrieb er den Liedtext. Radio Ga Ga thematisiert laut Taylor die historische Bedeutung des Radios vor dem Aufkommen des Fernsehens und zugleich die wichtige Rolle, die das Radio für ihn persönlich gespielt hat.“

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Radio Goo Goo“ im Wiener Kosmos Theater

Mit- statt Gegeneinander

Hier wird das Radio-Hören, das teilweise auch ins Selber-machen übergeht (Johanna Orsini, siehe oben), zum vielleicht verklärten oder erhofften Gegenpol der Dystopie, dem gemeinsamen „Lagerfeuer“ – Miteinander wenigstens im Angesicht des gemeinsamen Untergangs. Und vielleicht damit doch noch ein – letzter – Ausweg aus dem fixen Datum: Mit- statt Gegeneinander, aber auf subtil, sehr, sehr humorvolle Art und Weise.

Der bekannte erwähnte Queens-Song nimmt übrigens unter anderem Bezug auf das Radio-Hörspiel nach dem satirischen Roman „Krieg der Welten“ von Herbert George Wells (1897/98), das als Hörspiel 1938 angeblich Massenpanik ausgelöst haben soll; was viel später eher als Erfindung gedruckter Zeitungen gegen das neue Medium Radio interpretiert wurde / wird.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Kassandra 4D“ – Stückbesprechung am Ende des Beitrages verlinkt

Blinde „Seherin“

So „nebenbei“: Die Inszenierung, die nicht nur rund um Radio, sondern vor allem um Gesprochenes bzw. Gesungenes – an- und ausgespielte Endzeit-Songs („The End oft eh World“, Skeeter Davis, Franz Schuberts „Ave Maria“) – setzt, eignet sich auch gut für meist von Theatervorstellungen nicht angesprochenen blinden bzw. seh-beeinträchtigen Menschen.

Apropos „blind“: Ab 23. Februar läuft im Theater Arche das Musiktheaterstück „Kassandra 4D“ von Ensemble 21 in einer geänderten Neuinszenierung – Stückbesprechung der vorigen Version unten am Ende verlinkt – in der die im Herbst des Vorjahres verstorbene optimistische Wissenschafterin und Aktivistin für das Zusammenleben des Menschen mit seiner (tierischen) Umwelt, Jane Goodall, gewürdigt wird.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Radio Goo Goo“ im Wiener Kosmos Theater

Weltuntergang

Irgendwie kommt beim satirischen Zugang auf das Ende der Menschheit immer wieder auf Jury Soyfers „Der Weltuntergang oder Die Welt steht auf kein’ Fall mehr lang“ in den Sinn. Und die Entlastung für die angeklagte Erde, das Sonnensystems aus dem Gleichgewicht gebracht zu haben: Sie kann nichts dafür, weil sie hat Menschen – Links zu Besprechungen mehrerer „Weltuntergangs“-Inszenierungen unten am Ende des Beitrages.

kijuku_heinz

INFOS: WAS? WER? WANN? WO?

Radio Goo Goo

von Judith Humer; 1¾ Stunden
Regie: Nehle Dick

Schauspiel
Radioreporterin: Claudia Kainberger
Aline-Sarah Kunisch
Johanna Orsini
Friedhofswärter und Live-Musiker: Luka Vlatković

Bühne & Kostüm: Michael Lindner
Dramaturgie: Theresa Kraus
Sounddesign: Oleg Böhm
Lichtgestaltung: Dulci Jan
Ton: Tom Skoruppa
Regieassistenz: Melanie Klos
Radio-Stimme: Veronika Steinböck

Wann & wo?

Bis 28. Februar 2026
Kosmos Theater Wien: 1070, Siebensterngasse 42
Telefon: 01 523 12 26
kosmostheater –> radio-goo-goo

Wortstätten

Trailer