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Szenenfoto aus "Das Volksfest" beim Wortwiege-Festival in Wr. Neustadt
Szenenfoto aus "Das Volksfest" beim Wortwiege-Festival in Wr. Neustadt
05.03.2026

Bitterböse Satire auf eine absurde (historische) Reality-Show und ihr Publikum

„Die Hinrichtung“ von Helmut Qualtinger und Carl Merz in einer Inszenierung beim „Wortwiege“-Festival in den Wr. Neustädter Kasematten als „Das Volksfest“.

Schräg wie diese Story, die sich die bitterbösen Satiriker Carl Merz und der noch bekanntere Helmut Qualtinger Mitte der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts ausgedacht haben, präsentiert sich nun in den Wiener Neustädter Kasematten im Rahmen des „Wortwiege“-Festivals die Bühne (Andreas Lungenschmid; Bau gemeinsam mit Christoph Wölflingseder). Ein Boden aus „Brettern, die die Welt bedeuten“ – wie Theater seit „ewigen“ Zeiten oft auch genannt wird – ist das erste, das die Zuschauer:innen von „Das Volksfest“ zu sehen bekommen. Die Parkett-Quadrate lassen sich auf- und zuklappen, Figuren aus dem Untergrund auf- und wieder abtauchen oder mit Requisiten leicht in anderes Ambiente umbauen.

Zunächst hier kürzest gefasst die „ver-rückte“ Story des legendären Autorenteams: Ein armer Schlucker wird auserkoren, gegen eine sehr namhafte Summe – 10 Millionen (damals Schilling) – noch dazu einen glanzvollen Auftritt zu bekommen; seinen ersten, einzigen und letzten zugleich. Dafür muss er sich öffentlich hinrichten, also ermorden lassen durch die Guillotine: Die Hälfte der Summe kriegt er im Voraus, die andere danach – für Frau und Kinder. Folgerichtig hieß das Stück „Die Hinrichtung“, wurde im Wiener Volkstheater (20. Februar 1965) uraufgeführt, und schon ein Jahr später als TV-Spielfilm ausgestrahlt, in dem Qualtinger himself die Rolle des Herrn Engel, des Henkers, übernahm.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Das Volksfest“ beim Wortwiege-Festival in Wr. Neustadt

Waren echte Volksfeste

Wobei der nunmehrige Titel „Das Volksfest“ Anleihe bei den historischen Vorbildern öffentlicher Hinrichtungen in Wien, vor allem nahe dem Denkmal der Spinnerin am Kreuz bei der südlichen Ausfahrt der Hauptstadt in Richtung Süden nimmt. Die waren wahre Volksfeste mit bis zu 50.000 zahlenden Besucher:innen, Verkauf von „Arme-Sünder-Würsteln“ (bis 1868).

Schon Jahre vorher – 2018 – spielte das Stationentheater Susita Fink „Das Mordsweib vom Hunglbrunn“, eine ihrer Sozial-Kriminal-Geschichten an historischen Schauplätzen. Und diese endete 1809 mit der Hinrichtung Theresia Kandls, zu der „40.000 Menschen aus Wien und den Vorstädten zum Galgen an der Triesterstraße pilgerten, wo es spezielles Bier und ebenso Würstel gab. Nachdem die per Todesstrafe ins Jenseits Exekutierte keinen priesterlichen Beistand erhalten hatte, war noch lange die Rede davon, dass ihr Geist herumspukte – insbesondere Männern, die ihre Frauen misshandelten, soll im Traum der Geist der Theresia Kandl mit einem großen Hackl erschienen sein“, schrieb Kinder-KURIER, Vorläufer von KiJukU.at Mitte März 2028 – Link unten am Ende dieses Beitrages.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Das Volksfest“ beim Wortwiege-Festival in Wr. Neustadt – Mit Modell einer Guillotine

Nicht nur in Wien

Was bei Weitem kein Wiener Spezifikum war. Vor rund drei Jahren verarbeitete die freie Theatergruppe „Das Planetenparty Prinzip“ dies in der szenischen, artistischen Performance „Am Galgen“. Und zeigte diese nicht nur nahe dem genannten Wiener Tatort, sondern zuvor im Wald von Birkfeld (Steiermark) bei historischen steinernen Galgen wo einst ebenfalls Todesstrafen in Form von Massenbelustigungen vollzogen wurden.

„Todes-Engel“

Engel ist übrigens die einzige Figur, die Anleihe bei einem historischen Vorbild nimmt – Josef Lang (1855 – 1925), letzter Scharfrichter der Monarchie. Die erste Republik schaffte als ein frühes Gesetz die Todesstrafe 1918 ab, die erst mit dem Austrofaschismus (1934 – 38) wieder eingeführt und in der Nazizeit – dann mit der Guillotine, die bewusst genau deswegen von Qualtinger und Merz ins Spiel gebracht wurde, – fortgeführt wurde.

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Szenenfoto aus „Das Volksfest“ beim Wortwiege-Festival in Wr. Neustadt

Henker mit „Herr Karl“-Zügen

In der Regie von Ira Süssenbach verkörpert Martin Schwanda diesen letzten Henker, der eeeendlich wieder einmal nach laaaanger Pause seinen heiß geliebten Job ausüben darf, davor musste er auf Fußpfleger umschulen. Die „Volksfest“-Inszenierung verleiht Herrn Engel starke Anklänge an den viel bekannteren „Herrn Karl“ vom selben Duo Qualtinger / Merz, dem sich in allen Phasen der damals (1961 verfasst) jüngeren österreichischen Geschichte durch-schlawinernden Typen, der den sich „harmlos“ darstellenden Mitläufer damit als Mittäter sich ironisch demaskieren lässt.

Das an sich mehr als absurd, an den Haaren herbeigezogen wirkende unmoralische „Angebot“ entwickelt sich nach und nach – und das relativ schnell – zur Satire auf das was heute wohl Reality-Show genannt werden würde.

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Szenenfoto aus „Das Volksfest“ beim Wortwiege-Festival in Wr. Neustadt: Boss, Frau Dotokrot und Horak

Eventmanager und helfende Karikatur

Isabella Wolf als kaltherziger, tougher Boss plant, organisiert und verkauft das Event. Ida Gold als ihr Assistent Horak mit einer Frisur, die entfernt an den Möchtegern-König Donald erinnert (Kostüme: Antoaneta Stereva Di Brolio; Maske: Henriette Zwölfer), scheint auf der Jagd nach Lachern doch ein wenig zu überdreht gezeichnet; mag vielleicht ein entkrampfendes Gegenstück zum regungslosen „Boss“ sein. In dem 2¼-stündigen Stück (eine Pause) gibt es übrigens recht viel zu lachen – das war die Kunst des Autorenduos und gilt auch für die Inszenierung in der ehemaligen Wehranlage, deren älteste Teile bis ins tiefste Mittelalter zurückreichen. Ein wenig öfter könnte es, das Lachen, so angepeilt werden, dass es – wohl die Qualtinger / Merz-Absicht – im Halse stecken bleiben würde.

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Szenenfoto aus „Das Volksfest“ beim Wortwiege-Festival in Wr. Neustadt

Aber ja…

Das Opfer, Herr Reindl (gespielt von Lukas Haas, der zwischendurch auch mal mit Gitarre zum Musiker wird; Musik: David Lipp), das zuerst natürlich ablehnt, wandelt sich zum Möchtegern-Star. Die hochrangige Beamtin die anfänglich doch irgendwie Bedenken andeutet, wischt diese bald beiseite (Frau Doktor: Jens Ole Schmieder, der hin und wieder in die Rolle eines scheinbar Blinden wechselt, der später Reindl ein Konkurrenz-Angebot zum Ausstieg aus dem Vertrag macht).

Die Kinder (Ida Gold und Martin Schwanda praktisch stets aus einer der geöffneten Luken der Versenkung) beginnen die Geschichte in ihre Spiele zu integrieren. Die ständig überforderte, mit ihrer Lage – davor – hadernde, unglückliche, grantige, verschlafene, trinkende Ehefrau, scheint sich im neuen Reichtum einzurichten. Und als zahnärztliche Assistentin Inge – Reindl muss für den großen Auftritt mit Close-Up-Aufnahmen natürlich ein blendendes Gebiss kriegen – lässt sich deren Darstellerin Saskia Klar nun gegensätzlich Süßholz raspelnd auf eine Affäre mit dem neuerdings zum Star Gewordenen ein, dessen große und letzte Stunde am 12. Mai schlagen soll. Sie wollte schon immer mit jemandem Berühmten zusammen sein. Als sie von seinem Alternativangebot, das dieses Event abbläst und den Promi-Bonus zu verblassen droht, gar von seinen Träumen eines langen Lebens mit ihr, hört, dann… – nein, wird hier nicht gespoilert.

Verraten wird hier übrigens ebenfalls das – sehr starke – Ende nicht, in dem sich Reindl direkt ans Publikum wendet…

kijuku_heinz

Auf den Spurren einer hingerichteten Mörderin <— 2018 im Kinder-KURIER

INFOS: WAS? WER? WANN? WO?

Das Volksfest

Text: Helmut Qualtinger & Carl Merz

Regie: Ira Süssenbach
Schauspiel
Herr Reindl: Lukas Haas
Frau Reindl / zahnärztliche Assistentin Inge: Saskia Klar
Boss / Zahnärztin: Isabella Wolf
Horak, Assistent der Bossin / Eines von Reindls Kindern: Ida Golda
Herr Engel, der Henker / Eines von Reindls Kindern: Martin Schwanda
Hochrangige Beamtin Frau Doktor / Herr Ingenieur / „Blinder“ /3 Beamte – mit Zigarrenfiguren: Jens Ole Schmieder

Bühne: Andreas Lungenschmid; Bau gemeinsam mit Christoph Wölflingseder
Kostüme: Antoaneta Stereva Di Brolio
Maske: Henriette Zwölfer
Musik: David Lipp
Dramaturgie: Marie-Therese Handle-Pfeiffer
Licht: Lukas Kaltenbäck
Regieassistenz: Ivan Strelkin
Aufführungsrechte: Thomas Sessler Verlag

Wann & wo?

5., 8., 10., 12., 14., 18. Und 22. März 2026
Kasematten Wr. Neustadt: 2700, Bahngasse 27
Telefon: 0 676 381 29 15
wortwiege –> das-volksfest

Festivalteam

Künstlerische Leitung: Anna Luca Krassnigg
Produktion, Geschäftsführung: Christian Mair
Dramaturgie: Marie-Therese Handle-Pfeiffer
Spielleitung und wissenschaftliche Koordination: Jérôme Junod
Bühnenräume: Andreas Lungenschmid
Kostüm: Antoaneta Stereva Di Brolio
Maske: Henriette Zwölfer
Technische Koordination: Lukas Kaltenbäck, Andreas Lungenschmid
Bühnenmeister: Christoph Wölflingseder
Ton- und Lichttechnik: Ludwig Drahosch
Grafik: Noemi Roswita Hans
Literaturberatung und Recherche: Maximilian Huber / Hikade
Kommunikation, Marketing und Kulturvermittlung: Tanja Bachheimer
Medienarbeit: Simon Hajós
Kunstvermittlung: Michaela Preiner

wortwiege.at