Demokratisch, gemeinsam erarbeitete Koproduktion des Kollektivs „remi demi“ mit dem Theaterfestival für junges Publikum im Schweizer St. Gallen; Teil 5 der KiJuKU-Berichte von Jungspund.
Soft startet die in der Folge über weite Strecken (mehr als) rasante Tanzperformance des Kollektivs „remi demi“ (ausgelassenes Treiben) zum Abschluss des Theaterfestivals für junges Publikum im Schweizer St. Gallen. Schon während das Publikum den Saal betritt, ertönt Musik, links und rechts stehen wie in einem sportlichen Spielfeld je drei Tänzer:innen, schwingen hin und her, stimmen sich – und die Hereinkommenden -gewissermaßen ein.
Ein wilder Mix aus unterschiedlichen Hip*Hop-Stilen samt artistischen Breakdance-Szenen reißt das Publikum rund eine Stunde lang mit, das dies immer wieder auch spontan lautstark bekundet; vielleicht auch, weil kurz vor dem echten Start eine Mitarbeiterin des Kollektivs rund um die Performer:innen selbst erklärt, dass dies durchaus erlaubt sei; ebenso wie fotografieren und filmen – nur ohne Blitz und Auslöser-Klick-Geräusche.
Atemberaubende Moves im Zeitraffer-Modus werden aber auch mehrmals von fast stillen, jedenfalls langsamen Momenten bis hin zu Tanzbewegungen in SloMo (Slow Motion) unterbrochen: Oder ist dies gar nicht das passende Wort? Sind doch die Zeitlupen-Szenen genauso Teil des Gesamtkonzepts. Denn „remi demi“ will mit den „Großen Schritten“, nicht nur eine artistische, körperliche Tanzshow auf höchstem Niveau liefern. Das Kollektiv, das „Giant Steps“ in einem langen, nicht immer einfachen, gemeinsamen demokratischen Prozess erarbeitet hat, will mit wenigen Worten – unter anderem einer Leuchtschrift-Botschaft am Ende – vor allem aber durch ihre Körpersprache einerseits Mut machen, „bitte, groß zu träumen“. Und dafür durchaus Risiko einzugehen.
Aber sich gleichfalls Momente der Ruhe zu gönnen, sich aus dem daily Struggle – immer besser, immer schneller, immer funktionieren zu müssen, wie es andere wollen – rauszunehmen. Sich eng umschlungen als Gruppe gegenseitig zu stützen, Halt zu geben, Kraft zu tanken – um den eigenen Weg zu suchen, zu finden, zu gehen. Wobei diese (tänzerischen) Wege nicht „lonely wolves“-Fährten sein müssen. Wenngleich immer wieder die eine oder der andere der Tänzer:innen kurze Solo-Auftritte auf den roten Tanzboden zaubert, so verstehen die anderen dies praktisch immer als Einladung, davon zu lernen, die entsprechenden Moves aufzunehmen, mitzumachen.
Plötzlich landen, nicht prall aufgepumpte, vorher an einzelne Zuschauer:innen verteilte, Bälle bei den Tänzer:innen, die sie in mehreren Szenen auf unterschiedlichste Arten mit in ihre Bewegungen integrieren. Und damit eine – immer wieder auch sonst mehr als nur durchblitzende – Facette von „Giant Steps“ offensichtlich zeigen: Verspieltheit, spielerische Leichtigkeit trotz oder gerade bei hochprofessioneller Performance: Leistung, aber aus eigenem, gemeinsam beschlossenem, erarbeitetem Antrieb und nicht wegen Vorgaben einer sogenannten Leistungsgesellschaft, die eher auf Funktionieren-sollen als Rädchen fremdbestimmter Maschinerien setzt.
Übrigens steht in riesengroßen weißen Buchstaben zu Beginn in der Mitte „des roten Tanzteppichs „Keep on“ geschrieben. Wie sich – so viel darf durchaus verraten werden, selbst wenn du die Chance haben solltest, die Produktion „Giant Steps“ (große Schritte) irgendwo irgendwann zu erleben, dass die Buchstaben mit Hilfe einer Schablone mit Kreide gesprayt sind. Und damit natürlich im Laufe der vielen nicht nur Tanzschritte, sondern Ganzkörperbewegungen auf dem Boden nach und nach verschwinden – weitermachen aber nicht auf schreiende (Großbuchstaben gelten in Social-Media-Posting ja als solche) Aufforderung;)
Ein wenig ins Grübeln und Zweifeln ist der Rezensent allerdings gekommen, bei dem – schon zu Beginn – Einsatz eines ferngesteuerten Autos. Verspielt kokettiert es über Vorderradbewegungen mit einem Tänzer, stößt immer wieder an die Notausgangs-Tür im Hintergrund der Bühne – bis diese geöffnet wird und der Bolide ab ins Freie düsen kann. Diese Botschaft schon – aber warum ausgerechnet ein Auto, eines DER Symbole dieser Rädchen getriebenen „Leistungsgesellschaft“?!
Mehrere „remi demi“-Mitwirkenden räumten danach diesem Einwand ein gewisses Nachdenkpotenzial ein und meinten, es sei eine Reminiszenz an Kindheitsspiele – und der Vater einer Tänzerin hätte gemeint, seine Tochter agiere auf der Bühne rasant wie ein Rennwagen.
„remi demi“ sind übrigens nicht nur die Tänzer:innen – bei dieser Produktion Astro Scheidegger, Elina Kim, Elisa Eloy Pinos Serrano, Egon Gerber, Giulia Esposito, Louis Lüthard, Robin Waldburger und Sophie Chioma Gerber (sortiert nach den Anfangsbuchstaben der Vornamen).Sie haben die rund einstündige Performance in enger Zusammenarbeit mit den beiden Choreografinnen Jana Dünner und Ariana Qizmolli, von der die Idee und das Konzept stammt, über viele Monate hinweg in mehreren bezahlten (was in der Szene nicht immer üblich ist) erarbeitet. Teil des Kollektivs sind genauso der Musiker Claudius „Vlaude“ Leopold, Dramaturgin Arlette Dellers, Szenograf:innen Harumi Mummenthaler, Moa Bomolo sowie Giulia Esposito, Jana Dünner, Marc Jenny (Kostüm, Styling), Phoebe Wong (Lichtdesign) sowie – später dazugestoßen Eva Cabañas, die gemeinsam mit Tänzer Astro Scheidegger für die Produktion verantwortlich wurde. Die übrigens eine von zwei ausgeschriebenen Koproduktionen des Festivals Jungspund war / ist (die andere war „Heidi“ – Stückbesprechung unten verlinkt).
Compliance-Hinweis: Die Berichterstattung kann nur erfolgen, weil das Festival „Jungspund“ Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr … für vier Tage nach St. Gallen (Schweiz) eingeladen hat.
remi demi, Bürglen TG
Koproduktion jungspund Theaterfestival, Phönix Theater Steckborn
Ab 12 Jahren; 50 Minuten
Idee, Konzept: Ariana Qizmolli
Choreografie (in enger Zusammenarbeit mit den Tänzer:innen): Ariana Qizmolli, Jana Dünner
Tanz, Kreation: Astro Scheidegger, Elina Kim, Elisa Eloy Pinos Serrano, Egon Gerber, Giulia Esposito, Louis Lüthard, Robin Waldburger, Sophie Chioma Gerber
Dramaturgie: Arlette Dellers
Musik: Claudius „Vlaude“ Leopold
Szenografie: Harumi Mummenthaler, Moa Bomolo
Kostüm, Styling: Giulia Esposito, Jana Dünner, Marc Jenny
Lichtdesign: Phoebe Wong
Produktion: Eva Cabañas & Astro Scheidegger
Care: Pascale „Baba“ Altenburger
Theaterfestival für junges Publikum St. Gallen (Schweiz)
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