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Szenenfoto aus "John & Jen" im Theater Spielraum
Szenenfoto aus "John & Jen" im Theater Spielraum
14.03.2026

Alles Private ist politisch

„John & Jen“ im Theater Spielraum (Wien): Scheinbar reines Familien-Kammer-Musical aus den USA des vorigen Jahrhunderts lässt Welt- und Gesellschaftspoltisches fast „nebenbei“ spüren.

Auf scheinbar beengtem, privatem Raum eröffnet ein Schauspiel-Duo, unterstützt, begleitet, mitunter auch fast getrieben von drei Musiker:innen im Hintergrund die doch große Welt. „John & Jen“, nur mehr kurz im kleinen, feinen, äußerst engagierten Theater Spielraum in der Kaiserstraße (Wien-Neubau) ist ein knapp mehr als zweistündiges Kammer-Musical aus den USA aus 1993, das hier seine österreichische Erstaufführung erlebt(e).

Das Original – und auch die Wiener Version – spielt im ersten Teil in den 50er und 60er, im zweiten Teil bis zu den 90er Jahren des vorigen, also des 20. Jahrhunderts in den USA. (2021 gab es in den Vereinigten Staaten von Amerika eine neue Version, die in die Zeit zwischen 1985 bis zur damaligen Gegenwart verlegt wurde).

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Szenenfoto aus „John & Jen“ im Theater Spielraum

Digitales in Röhren-TV-Monitoren

Die Jahreszahlen flimmern übrigens im „Spielraum“, einem ehemaligen Kino (Erika) ebenso wie ein paar historische Videos über TV-Monitore, die in schmalen hohen offenen Kästen neben Büchern, Platten, einem Pokal, und auch so manchen Kleidungsstücken stehen (Bühne: Marc Rothschild). Ein kleines technisches Wunder, die alten Röhrenfernsehapparate synchron mit digitalen Daten zu speisen;)

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Szenenfoto aus „John & Jen“ im Theater Spielraum

Schwester – Bruder

Die Story kürzest gefasst: Jen ist – im ersten Teil vor der Pause – die ein paar Jahre ältere Schwester, John erleben wir sozusagen von Geburt an, was natürlich dem Schauspieler (Lukas Müller) erspart bleibt, ein Stoffbündel und Babyschreien, vor allem aber die Reaktionen der Schwester (Denise Jastraunig) darauf reichen. Die beiden sind mehr eine verschworene Gemeinschaft als zerstrittene Geschwister. Was sich massiv und heftig ändert, als er zum Militär und in den (Vietnam-)Krieg zieht. Wortloser Nicht-Abschied – so präzise gespielt, dass der fast schmerzhaft im Publikum ankommt.

19 Jahre und in einer Kiste mit US-Flagge landet der Bruder danach wieder in der Heimat, für die er so stolz ausgezogen war.

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Szenenfoto aus „John & Jen“ im Theater Spielraum

Mutter – Sohn

Im zweiten Teil ist Jen nun erst werdende und dann Mutter, nennt ihren Sohn nach dem verlorenen Bruder und wird zur Gluckhenne. Nichts darf der neue John alleine unternehmen. Für ihn peinlich führt sie sich auf, wenn er Baseball spielt. Dauernd sieht sie im Sohn eigentlich den getöteten Bruder, stattet ihn mit dessen einstigem uraltem Baseballhandschuh aus…

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Szenenfoto aus „John & Jen“ im Theater Spielraum

Antikriegsbewegung

Was die 68er-Bewegunge vielleicht erstmals groß thematisiert hat – alles Private ist politisch – vermittelt das Kammermusical durch (Lied-)Texte, Schauspiel und Musik (Buch: Tom Greenwald – auch Gesangstexte – und Andrew Lippa – auch Musik; Deutsch: Timothy Roller; Regie in Wien: Robert G. Neumayr) nicht nur in der brisanten Frage rund um den Vietnamkrieg, der weltweit eine riesige Friedensbewegung gegen den Kolonialkrieg der Supermacht als Protest dagegen entstehen ließ. Auf die sprichwörtliche Brand-Aktualität hätten das Theater und seine Spieler:innen wohl gern verzichtet.

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Szenenfoto aus „John & Jen“ im Theater Spielraum

Gewalt in der Familie

Die Fassade „heiler“ Familienbilder begann zu bröckeln. Was der Sohn und später der Enkel nicht so sehr sehen will, spürt, bemerkt und spricht die Tochter an: Der Vater übt Gewalt aus.

Und sie, sie schränkt dann als Mutter den eigenen Sohn ein – behindert eine eigenständige Entwicklung, wenngleich aus teilweise falsch verstandenem Beschützerinnen-Motiv. Aber dennoch!

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Szenenfoto aus „John & Jen“ im Theater Spielraum

Nachvollziehbar

Sowohl Denise Jastraunig als auch Lukas Müller gelingt es einerseits den doch raschen Alterswandel – von (Klein-)Kind zu Jugendlicher bzw. Jugendlichem, sie auch noch zur reifen Erwachsenen – über Schauspiel glaubhaft – durch Kleidungswechsel unterstützt (Kostüme wie hier immer bewusst gewählt: Anna Pollack) darzustellen. Und die beiden lassen die gefühlsmäßigen Windungen und Wenden entsprechend spüren.

Musikalischer Leiter und percussionsit in Action
Musikalischer Leiter und percussionsit in Action

Musik!

Wobei den Gefühlsebene nicht zuletzt durch die Livemusik (Leitung und Piano: Bernhard Jaretz) und Cellistin Maike Clemens (bei anderen Vorstellungen: Margarethe Vogler) sowie Percussionist Marco Lentner (bei anderen Vorstellungen: Fabian Ratheiser) wie schon eingangs erwähnt je nach Situation untermalt, getragen oder gar getrieben wird.

Apropos: Tom Barcals Lichtstimmungen tut ein Übriges, um die jeweiligen, wandelnden Szenen angepasst zu unterstreichen.

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INFOS: WAS? WER? WANN? WO?

John & Jen

Kammermusical; 2¼ Stunden (eine Pause)

Buch: Tom Greenwald und Andrew Lippa
Deutsch: Timothy Roller
Musik: Andrew Lippa
Gesangstexte: Tom Greenwald

Jen – im ersten Teil Schwester von John und im zweiten Teil Mutter eines Sohnes, den sie nach dem Bruder benennt: Denise Jastraunig
John – im ersten Teil eben Bruder von Jen, im zweiten deren gleichnamiger Sohn: Lukas Müller

Live-Musik
Leitung und Piano: Bernhard Jaretz
Cello: Maike Clemens (bei anderen Vorstellungen: Margarethe Vogler)
Percussion: Marco Lentner (bei anderen Vorstellungen: Fabian Ratheiser)

Inszenierung: Robert G. Neumayr
Bühne: Marc Rothschild
Kostüme: Anna Pollack
Licht: Tom Barcal
Regie-Assistenz: Alice Gonzalez-Martin

Wann & wo?

Bis 14. März 2026
Theater Spielraum: 1070, Kaiserstraße 46
Telefon: 01 713 04 60
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