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Großgruppen der Preisträger:innen sowie der jungen und "alten" Juror:innen
Großgruppen der Preisträger:innen sowie der jungen und "alten" Juror:innen
08.10.2022

Die neuen „Stars“ am Kinder- und Jugendtheaterhimmel sind …

Freitagabend (/. Oktober 2022) wurden die Stella-Awards, die Preise im Bereich Theater für junges Publikum vergeben.

In einer – trotz der Länge von knapp über zwei Stunden – recht flotten Glamour-Show, moderiert und gesungen von den Burgtheater-Schauspieler:innen Nina Siewert und Nils Strunk, live am Klavier begleitet von Vélvez wurden am Freitagabend (7. Oktober 2022) die 16. Preise für herausragende Leistungen im professionellen Theater für junges Publikum vergeben. „Spielort“ der diesjährigen Stella-Gala – so heißt der Preis, den die Österreich-Sektion der internationalen Kinder- und Jugendtheatervereinigung ASSITEJ (Association Internationale du Théâtre pour l’Énfance et la Jeunesse) – war der viel zu selten genutzte Burgtheater-Spielort Kasino am Schwarzenbergplatz.

In einer leicht launigen, kurzen Rede begrüßte Direktor Martin Kušej und machte Hoffnung, dass hier künftig (wieder) öfter gespielt werden könnte. Das gäbe Hoffnung für die auch mit einigen Produktionen nominierten Stücke des Burgtheater-Studios, die derzeit im klitzekleinen Vestibül über die Miniatur-Bühne jeweils für lediglich rund fünf Dutzend Zuschauer:innen gespielt werden müssen (wenngleich der intime Rahmen derzeit optimal genutzt wird). Die Gala selbst war der Abschluss eines fast einwöchigen Festivals in dessen Rahmen alle nominierten Stücke in drei Partner-Spielorten – Dschungel Wien, WuK sowie Burgtheater-Vestibül – sowie eines in den Linzer Kammerspielen und eines in mehreren Wiener Schul-Turnsälen zu sehen waren.

Professionelle Statuen für professionelles Theater

Die künstlerisch und handwerklich professionellen Stella-Statuen wurden in diesem Jahr von Jugendlichen der AusbildungsFit-Maßnahme im WuK Work.space entworfen und gestaltet. Beeindruckende und gewichte Trophäen, die sich keineswegs den von der Moderation genannten doch geringschätzigen Begriff „gebastelt“ verdient haben. Noch viel entsetzter waren die allermeisten der Besucher:innen im fast vollbesetzten Kasino als Wiens Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler von Kindern und Jugendlichen als dem „Publikum der Zukunft“ sprach, das ja auch einmal ins Theater „der Großen“ gehen könne. Als ob nicht gutes Theater für junes Publikum genau die heutigen Kinder und/oder Jugendlichen anspielen möchte bzw. jedenfalls sollte!

Die Auszeichnungen

Im folgenden die Auszeichnungen und jeweils Zitate aus den Begründungen der Jury – Felicitas Biller, Christoph Daigl, Christian Ruck und Yvonne Zahn. Außerdem gab es auch zwei weitere Preise, einen der Kinder- (Greta, Hanna, Liam, Magali, Paula und Sueda) sowie einen der Jugendjury (Alma, Amelie, Emma, Irina, Kolja, Lilia und Sophie).

Herausragendes Kinderstück: Ich, Ikarus / Burgtheaterstudio

„Aus der Mitte heraus in die Extreme. Fliegen, frei sein, untertauchen, lieben, leben“, betitelte die Jury ihre Begründung in der es unter anderem heißt: „Das Stück bietet einen spannenden Ansatz, in dem ein mythologisches Thema mit der heutigen Fluchtdebatte verknüpft wird. Die Diversität der Sprachen, die Durchbrechung von Raum und Zeit, die Zweifachbesetzung der Figur – all das macht die Inszenierung modern. Auch ohne Vorkenntnisse der Geschichte gibt es für die Zuschauer*innen genügend Anknüpfungspunkte aus der eigenen Lebenswelt. Bilder werden geschaffen, verstärkt durch eindringliche Musik, die genügend Denk- Empfindungs- und Gestaltungsraum für die Fantasie zulassen.“

Herausragendes Jugendstück: Else (ohne Fräulein) / Vorarlberger Landestheater

„Mit der Inszenierung von „Else (ohne Fräulein)“ gelingt in außerordentlichem Maße eine packende und mitnehmende Dramatisierung von Schnitzlers Novellenstoff. Die beiden Darstellerinnen bestechen mit ihrem äußerst präzisen Spiel sowie ihrer Bühnenpräsens und nehmen durch diese Nähe das Publikum bei der Hand.
Verantwortung und familiäre Verpflichtung, erwachsende Sexualität und Eigeninteresse – durch die geschickte Doppelung der Figur in Schauspiel und Tanz werden gekonnt die inneren Konflikte dieses Nicht-Fräuleins vermittelt sowie ihre Zerrissenheit aufgezeigt. Doch nicht nur die Spielerinnen, auch Bühne und Kostüm bewegen sich in steter Wandlung, eröffnen unterschiedliche Blickwinkel und Verwandlungsmöglichkeiten. „Else (ohne Fräulein)“ – diese Geschichte einer jungen Frau nimmt mit, rüttelt auf und bewegt“, begründete die Jury ihre Entscheidung.

Spezialpreis nationale Jury Tanz: Jakob im Kleid / Landestheater Salzburg

Die Jury meinte: „Jakob im Kleid“ ist schon im Titel ein starkes Statement. Es regt an, die Freiheit zur Gestaltung der eigenen Persönlichkeit nach innen und außen zu nutzen. Das Stück kommt zu den Menschen und lädt damit unmittelbar zur Auseinandersetzung und zum Diskurs ein. Es greift die gesellschaftliche Debatte der Diversität auf und verbindet die Ambivalenz zwischen Regenbogen-Etikettierung und reaktionärem gesellschaftlichen Klima. „Jakob im Kleid“ zeigt Tanz auf höchstem Niveau für die Zielgruppe spannend gestaltet.“

Herausragende darstellerische Leistung: Raphael Kübler in „Eine Weihnachtsgeschichte“ (Tiroler Landestheater Innsbruck, Tirol)

Die Wahl fiel – der Meinung der Jury nach – auf Raphael Kübler mit der folgenden Begründung: „In seiner Rolle als Ebenezer Scrooge zeigt er äußerst facettenreich die Wandlung dieser Figur, macht die Angst des prototypisch Geizigen sichtbar und schafft es sogar, für diesen unsympathischen Charakter beim Publikum Mitgefühl zu erregen. Die Bewegungsqualität Raphael Küblers schwingt zwischen körperlicher Skurrilität und alternder Gebrechlichkeit – zudem verleiht er mit seinem Spiel dem nahezu überinszenierten Stoff eine Ernst- und Wahrhaftigkeit, die selten in solch einem Engagement zu sehen sind.“

Raphael Kübler
Raphael Kübler

Die Juror:innen vergaben auch Preise in zwei Kategorien, die in vielen Stücken eine große Rolle spielen

Herausragende Musik: Gudrun Plaichinger, Raúl Rolón und Yoko Yagihara in „Tempo Tempi“ (Toihaus Theater, Salzburg)

Aus der Jury-Begründung: „In „Tempo Tempi“ ist die Musik nicht begleitend, sondern Hauptdarstellerin, Thema und Sprache zugleich. Drei fantastische Bühnenkünstler*innen, die musikalisch und schauspielerisch zu begeistern wissen, machen menschliches Temperament als Tempo von Largo bis Presto direkt spürbar. Auf der Bühne entfaltet sich eine Geschichte, die universell verständlich ist. Eine Geschichte, die zeigt, wie sich grundverschiedene Menschen annähern und finden. Eine Geschichte, die uns direkt spüren lässt, wie schräg und falsch es ist, wenn alle nur nebeneinander her wursteln, und wie schnell sich nicht nur die Musik, sondern eben auch das Leben in etwas Wundervolles verwandelt, sobald wir beginnen zu kooperieren und uns zuzuhören.“

Herausragende Ausstattung: Thomas Garvie, Oliver Stotz und Wolfgang Pielmeier in „Nachts“ (VRUM Performing Arts Collective, SCHÄXPIR Festival, Wien)

Warum dieser Stella an diese Produktion ging, begründete die Jury u.a. wie folgt: „Wie sieht sie aus, die Nacht? Einfach. Vier voneinander unabhängig bewegliche Vorhänge mit jeweils einer Menge schmaler weißer Bänder. Durch Lichtprojektionen wird die Bühne zum Sternenhimmel mit den Sternbildern Festnetztelefon, Fahrrad und Kaffeehäferl. Du fliegst durch Sternenstaub, Vögel schwirren durch den Nachthimmel, Früchte fallen vom Himmel herab, sogar der Mond wird greifbar. Du wanderst durch eine nächtliche Großstadt, um in einem Park voller Glühwürmchen zu landen. Du fährst mit einem Schiff übers Meer und tauchst in dessen Tiefe ab. Augenpaare, die dich immer beobachten. Zu guter Letzt löst sich dein Schatten von dir, um ein bedrohliches Eigenleben zu beginnen… „Die Nacht zeigt ihre Wunder. Du bist allein. Wie wunderbar!“

Das Top-Ausstattungstrio: Thomas Garvie, Wolfgang Pielmeier und Oliver Stotz
Das Top-Ausstattungstrio: Thomas Garvie, Wolfgang Pielmeier und Oliver Stotz

Zum zweiten Mal entschieden dieses Mal nicht nur erwachsene Juror:innen über ihre Favoriten. Eine Kinder- sowie eine Jugendjury schaute sich während des Festivals die schon von den erwachsenen Juror:innen ausgewählten und damit nominierten Stücke an und traf eigene Entscheidungen.

Die Kinderjury
Die Kinderjury – schon mit Vertreterinnen des von ihnen gewählten Stücks …

STELLA*22 der Kinderjury: „Zwei Tauben für Aschenputtel“ (Lastheater Linz | Junges Theater, Oberösterreich 6+)

Greta, Hanna, Liam, Magali, Paula und Sueda (zwischen 8 und 10 Jahren) haben neben den in wien gezeigten Kinderstücken das Video der Linzer Produktion „2 Tauben für Aschenputtel“ gesehen und es zu ihrem Favoriten erkoren. Der Inhalt hat ihnen durch die Kombination aus einem traditionellen Märchen mit neuen zeitgemäßen Elementen zugesagt. Die Ausstattung fanden sie faszinierend, da das Stück auf einer Drehbühne stattfindet. Besonders gut hat es den Kindern gefallen, dass die Darstellenden live singen und musizieren und die direkte Einbindung des Publikums, wodurch sie sich sehr angesprochen und zum Mitmachen animiert gefühlt haben.

STELLA*22 der Jugendjury: „Mädchen wie die“ vom Burgtheater-Studio

Alma, Amelie, Emma, Irina, Kolja, Lilia und Sophie – von denen fünf ein Gymnasium mit Theaterschwerpunkt in Wien (Lessinggasse) besuchen, begründeten ihre Entscheidung so: „Wie kann ein einziges Bild das Leben eines jungen Mädchens so drastisch verändern? Scarletts Freunde drehen ihr Rücken zu, sobald ein Nacktfoto von ihr viral geht. Sie wird gemobbt, gehänselt und kann keinen Schultag verbringen, ohne sich blöde Sprüche anhören zu müssen, was alles noch schlimmer macht. Zeitgleich werden die Nacktbilder eines Schulkameraden ebenfalls verschickt, doch der wird dafür gefeiert. Trotz der Umstände wird sie dadurch nur noch stärker und lässt sich nicht unterkriegen.

Die - nicht vollständige - Jugendjury
Jugendjury mit Vertreter:innen des von den Jugendlichen ausgewählten Stücks

Das Bühnenbild hat im ersten Moment Neugierde erweckt, welche im Laufe des Stückes nur verstärkt wurde. Jedes Mal, wenn wir dachten alles gesehen zu haben, wurde ein neues Kästchen aufgemacht und wir aufs Neue überrascht.

Besonders ist uns aufgefallen, wie gut das Ensemble es geschafft hat, durch Sprache Bild und Musik die Jugend anzusprechen. Es wurden viele Wörter und Trends wie TikTok aus unserer Generation übernommen und so gut getroffen, dass es nicht unangenehm oder cringe war. Das Ensemble hat uns sehr beeindruckt. Wir haben gemerkt, wie sehr sich die Schauspielerinnen vertrauen und wie gut sie eingespielt sind. Die schnellen Switches zwischen Rollen wurden authentisch und glaubhaft rübergebracht.

Der Preis ging an die Produktion aufgrund der Wichtigkeit des Themas, der Chemie zwischen den Darstellerinnen, ihre schauspielerische Leistung und der authentischen Darstellung der Situation. Scarletts Stärke hat uns sehr beeindruckt und inspiriert, an uns selbst zu glauben und zusammenzuhalten.“

Sonderpreis des ASSITEJ-Vorstandes für Corinne Eckenstein

Neben der erwachsenen Jury sowie den Kinder- bzw. Jugend-Juror:innen vergibt jedes Jahr auch der Vorstand der österreichischen ASSITEJ, der heimischen Sektion der internationalen Kinder- und Jugendtheatervereinigung einen Sonderpreis – in der Regel an eine Einzelperson. In diesem Jahr geht dieser Stella an Corinne Eckenstein, die derzeitige künstlerische Leiterin des Dschungel Wien, (Mit-)Gründerin der Theatergruppe Foxxfire – inspiriert von Joyce Carol Oates‘ „Foxifire, Confessions of a girl gang“ (1993).

In der sehr bewegenden, berührenden, nie kitschigen und vor allem inhaltsreichen Laudatio von Lilly Axster heißt es unter anderem: „Du hast den Dschungel und den Spirit des Hauses mit über 30 Produktionen geprägt, belebt und Tausende Kinder und Jugendliche inspiriert und ermutigt, sich nicht zurechtbiegen zu lassen. Ungezählten kleinen und jungen Rebell:innen, realen wie fiktiven, hast du Bühne geboten und ihr Wollen verstärkt. Dieses Wollen ist für dich Lebensenergie und Leidenschaft…
Ich kenne dich, Corinne, als verlässliche Kämpferin gegen all diese im Theater leider immer wieder, immer weiter zu findenden Beschämungen, Machträusche, Macker- und Mackerinnentum (sexuelle Belästigung, Machtmissbrauch, Bodyshaming, Sexismus, Machismus, Misogynie, Blackfacing u.a.m. in vielen großen Theaterburgen). Ganz im Gegenteil zu diesen Egotrips und Gewalt fördernden Strukturen deine Arbeit: Einen möglichst Angs- und diskriminierungsfreien Rahmen schaffen.“

Follow@kiJuKUheinz

Zu einem Überblicksbeitrag aller von der Jury nominierten Stücke und Künstler:innen geht es hier unten

Szenenfoto aus "Lust"
11.03.2022

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