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Besprechung während der Proben zu "Dschabber" auf der Bühne im Vestibül des Wiener Burgtheaters
Besprechung während der Proben zu "Dschabber" auf der Bühne im Vestibül des Wiener Burgtheaters
31.03.2022

Neue in der Schule trifft auf Außenseiter

Probenbesuch bei „Dschabber“, ein Stück mit dem Studioensembles am Burgtheater, das am 8. April Premiere – und damit die österreichische Erstaufführung – hat.

„Sagen wir …“ ist wohl jene Formulierung im Jugendtheaterstück „Dschabber“, die am häufigsten vorkommt. Die jungen Schauspielerinnen und Schauspieler wechseln mehrmals zwischen sich als Darsteller:innen und den Figuren, die sie verkörpern. Dabei kommen die beiden zentralen Rollen Fatima und Jonas jeweils gleich dreifach vor – in der Inszenierung, die als österreichische Erstaufführung am 8. April über die kleine Vestibül-Bühne im Wiener Burgtheater geht. Der kanadisch Autor Marcus Youssef hat die beiden rund 16-Jährigen vor zehn Jahren jeweils nur als eine Person angelegt – und so wurde das Stück auf vielen Bühnen Deutschlands (Übersetzung: Bastian Häfner) auch gespielt.

Probenszene aus
Szenenprobe von „Dschabber“ im Vestibül des Burgtheaters (Wien) -mehr Fotos dürfen wir auf Wunsch des Theaters nicht veröffentlichen – weshalb dieser Beitrag hier auch mit anderen Fotos, die am Rande thematisch damit zu tun haben, angereichert ist.

Zwei Außenseiter:innen

Fatima ist neu in dieser Schule, in der ein Gutteil des Geschehens spielt, Jonas hat einiges an Schwierigkeiten, beide also Außenseiter:innen. Im ersten Aufeinandertreffen kontert Fatima dem blöden Spruch von Jonas als der nach Nennung ihres namens fragt, ob er sie Vati nennen könne, mit „Klar, kann ich dich Wappler nennen?“ Dazwischen eingeschoben der Satz aus der Außenperspektive: „Sagen wir, sie hat gelernt, drüber zu lachen…“

Mode oder Unterdrückung? Ein und dasselbe Kleidungsstück – gegensätzlich interpretiert – von anderen. Eine künstlerische Ausstellung zur Selbstwahrnehmung bei der Ausstellung
Mode oder Unterdrückung? Ein und dasselbe Kleidungsstück – gegensätzlich interpretiert – von anderen. Eine künstlerische Ausstellung zur Selbstwahrnehmung bei der Ausstellung „Muslim* Contemporary“ im Atelierhaus der akademie der bildenden Künste im November 2021

Probenatmosphäre

Kinder I Jugend I Kultur I und mehr … durfte kürzlich eine der Proben auf der Vestibül-Bühne besuchen. „Dank“ der Pandemie, die noch lange nicht vorbei sein dürfte, hatten sich die verzögert und damit wir noch gar nicht so lange analog und gemeinsam am Stück gearbeitet. Immer wieder kommt daher eine Mitarbeiterin zum Zug, die sonst „nur“ als Backup in der ersten Reihe sitzt, Souffleurin Yasmine Steyrleithner wirft im Ping-Pong auf den Sager „Text“ den jeweils erforderlichen Satz zu, und schon flutscht die entsprechende Szene weiter. Hin und wieder unterbricht Regisseurin und BurgtheaterStudio-Leiterin Anja Sczilinski, um Ab- oder Aufgänge aus dem Nebenraum auf die Bühne neu und anders zu organisieren, damit das Geschehen flüssiger läuft.

Auch wenn hier nicht allzu viel über das Stück verraten werden soll, kommt es wie zu vermuten nach der ersten zitierten Begegnung mit einem gewissen Schmäh zwischen den beiden Jugendlichen zu einer auch knisternden Annäherung. Und – das spielt im Stück eine so zentrale Rolle, dass es genau deswegen auf vielen deutschen Bühnen schon zu sehen war, das bekannte Berliner Kinder- und Jugendtheater Grips hat dafür vor drei Jahren sogar einen Preis bekommen hat und auch fürs Burgtheater ausgewählt worden ist: Fatima trägt Kopftuch, nicht weil’s ihr wer aufgezwungen hat, sondern aus freien Stücken so selbstbewusst wie sie als Stückfigur angelegt ist. Ausgehend von Hijab (auch Hidschāb) für sie und ihre Freundin kam der Autor auch auf die Slang-Version des Stücktitels „Dschabber“.

Unterschiedliche Fatimas

Und noch immer – oder eigentlich erst seit einigen Jahren – wird das Kopftuch von Muslimas so ins Zentrum gerückt. Siehst du zwei Frauen nebeneinander, die eine mit riesiger, bunter, fetter Brille und die andere mit Kopftuch und frag danach die Umstehenden, wodurch sich die beiden unterscheiden – Eben.

„Das ist kein Kopftuch“ steht in Leuchtschrift über neun Fotos die Asma Aiad gemacht hat. Inspiriert zu dieser Installation hat sie der Maler René Magritte mit seiner berühmten Zeichnung einer (Tabak-)Pfeife. In französischer Sprach hat er drunter geschrieben: „Das ist keine Pfeife“. Es handelt sich ja „nur“ um das Bild einer solchen.

Maschinenbau und Theater

Darum findet Jihen Djemai, die eine der drei Fatimas spielt, und privat (fallweise) Kopftuch trägt, „ganz gut, dass dies nun auch auf einer Burgtheaterbühne zu sehen ist“, wie sie Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr … nach der Probe sagt. Die 22-jährige Maschinenbaustudentin hat mit ungefähr elf Jahren so ein, zwei Jahre Schultheater gespielt, erzählt sie, hat im Sommer vom Casting für „Dschabber“ erfahren und „gedacht, es wäre ganz toll, wieder was mit Theater zu machen. Das Casting, das workshop-mäßig abgelaufen ist, hat großen Spaß gemacht“, freut sie sich, endliche wieder neben dem Studium auch auf der Bühne proben und spielen zu können.

Wechselspielerin

Apropos Kopftuch: Emilia Mihellyes, eine weitere Fatima – die allerdings bei der Probe nicht auf der Bühne zu erleben war, weil es für die beiden jugendlichen Hauptrollen sogar jeweils vier Darsteller:innen gibt, die abwechselnd zum Einsatz kommen – erlebt in ihrer Heimat viele, vor allem ältere, Frauen mit verbundenem Haupthaar. Alle keine Muslimas. Die 20-jährige ist im Burgenland aufgewachsen. Sie erinnert sich an sehr frühe Theatererfahrungen. Mit acht Jahren hab ich „Frau Holle“ mit meinen drei Geschwistern zum Muttertag aufgeführt. Ich hab alles gemacht, inszeniert, die Kostüme und so weiter, auch wenn meine Geschwister das nicht so gern gemacht haben.“

Die hat sie dann in Ruhe gelassen und ein Jahr später in einem Theater-Jugendklub und bei einem Kinderchor in Jennersdorf (Südburgenland) begonnen. Sechs Jahre hat sie Gesangsunterricht genommen und freut sich jetzt, erstmals nach langem wieder auf einer Bühne zu spielen. Sie wechselt sich mit Anna Sebők ab, der eher emotionaleren Fatima, während die schon genannte Jihen Djemai die coolere Version der weiblichen Hauptfigur gibt und Miriam Bahri die schlauen Aspekte Fatimas ins Zentrum ihres Schauspiels rückt.

Beide sind zwölf Jahre (2018). Beide sind in Wien geboren und hier aufgewachsen. Beide glauben an Allah, wie Gott im Islam heißt – wobei er in dieser Religion noch 98 weitere Namen hat. Aufs Erste unterscheiden sie sich: Das Mädchen links im Foto trägt Brille, ihre Schulkollegin nicht. Ach ja, erstere trägt auch Kopftuch. 
Beide Mädchen waren – zum Zeitpunkt des Fotos (vor rund vier Jahren)- zwölf Jahre. Beide sind in Wien geboren und hier aufgewachsen. Beide glauben an Allah, wie Gott im Islam heißt – wobei er in dieser Religion noch 98 weitere Namen hat. Aufs Erste unterscheiden sie sich: Das Mädchen links im Foto trägt Brille, ihre Schulkollegin nicht…
Ach ja, erstere trägt auch Kopftuch.

Erinnerung ans eigene Ich mit 16

Die zuletzt genannte Miriam Bahri ist vom Schlüpfen in andere Rollen schon von kleinst auf fasziniert. „Das hat so mit drei Jahren begonnen“, erinnert sich die Salzburgerin. Dort hat sie später unter anderem im bekannten Kindermusical „Hausgeisterhaus“ von Peter Blaikner gespielt und gesungen. „Mit so elf, zwölf Jahren bin ich dann in einer Kindertheatergruppe gewesen, mit der wir sogar Gastspiele in Innsbruck und Wien gehabt haben. Weiter ging’s dann in den Jugendclub beim Landestheater mit dem wir in den Kammerspielen Musicals aufgeführt haben.“

In Wien studiert sie nun Politikwissenschaften. Die Theater-Leidenschaft hat sie aber nicht losgelassen und „darum die Gelegenheit ergriffen, als ich von diesem Casting gehört habe. „Das Stück erinnert mich“, so die 21-Jährige, „eher daran, wie ich selber mit 16 war. Die Fatima aus Dschabber hat viel mit meiner damaligen Situation zu tun, auch ihre Begegnung mit dem Jonas. Von daher kann ich viel in die Rolle einbringen“, meint Miriam Bahri.

Cool und bissig

Einen der Jonasse (gibt’s diese Mehrzahl überhaupt?) spielt der 21-jährige Marc Stadler. In seinem Innsbrucker Gymnasium hat er mit 13 und 14 Jahren Theater gespielt, „Danach hab ich in eine HTL gewechselt, wo es das nicht gegeben hat. Darum bin ich zu einer Impro-theatergruppe gegangen, um in der Freizeit zu spielen. Ich war dann sogar mehrmals Statist am Landestheater in Rollen in Opern.“ Von Schauspiel – teils auch für Film – ist er schon von Kindesbeinen an angefixt und studiert nun in Wien Theater-, Film- und Medienwissenschaft. Die Rolle als ein Jonas „mag ich, weil er cool und bissig ist“.

Kulturelle Vielfalt

Regisseurin Anja Sczilinski hat das Stück ausgewählt, „weil wir eine Vielfalt von Kulturen auf die Burgtheaterbühnen bringen wollen, um die Perspektiven des Publikums zu erweitern“, verbindet sie „Dschabber“ und die Grundphilosophie der aktuellen Theaterleitung im Gespräch mit Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr … Und da der Stückautor ein Mann ist, auch wenn das Stück sensibel mit dem Kopftuch umgeht, und ich keine Muslima bin, haben ich mir, haben wir uns einschlägig Know-How von außen geholt. Erstens haben wir schon bei der Auswahl der jungen Schauspielerinnen darauf geachtet, dass wir beispielsweise mit Jihen wen ins Team holen, die Hijab aus eigener Erfahrung kennt und eine andere Kultur mit ins Spiel bringt. Zweitens haben wir eine junge feministische, Kopftuch-tragende Muslima , die sich mit dem Bild von muslimischen Frauen in Medien, Büchern, Filmen auseinandersetzt, für Workshops mit dem gesamten Team engagiert, die damit fast so etwas wie eine dramaturgische Beraterin für uns wurde.“ Bei der Premiere wurde übrigens das Geheimnis um deren Namen gelüftet: Arwa Elabd.

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Wann & wo „Dschabber“ zu erleben ist – siehe Info-Box unten.
Links zu anderen Jugendstücken bzw. Performances, bei denen u.a. Kopftuch eine Rolle spielt
, hier eingestreut

INFOS: WAS? WER? WANN? WO?

Dschabber
von Marcus Youssef, Deutsch von Bastian Häfner
Eine Produktion mit dem Studio-Ensemble
Ab 13 Jahren; ca. 1 ½ Stunden

Frau Müller, Herr Levy, Dunja: Dunja Sowinetz

Fatima: Miriam Bahri
Fatima: Jihen Djemai
Fatima: Emilia Mihellyes
Fatima: Anna Sebők

Jonas: Lukas Coleselli
Jonas: Kevin Koller
Jonas: Niklas Schrade
Jonas: Marc Stadler

Erzählerin/ Mitschülerin: Johanna Singer

Regie: Anja Sczilinski
Bühne: Peter N. Schultze
Kostüme: Lili Wanner
Licht: Mathias Mohor
Musik: Kilian Unger
Ton: Christian Strnad, Andreas Zohner
Choreografie: Miriam Lechlech
Dramaturgie: Andreas Karlaganis
Künstlerische Beratung und Workshopleitung: Arwa Elabd
Theaterpädagogik: Anna Manzano, Monika Haberfellner

Regie-Assistenz: Luisa Reiterer
Bühnenbild-Assistenz: Marita Landgrebe
Kostüm-Assistenz: Emma Ursula E. Ludwig

Inspizienz: Stefanie Schmitt
Soufflage: Yasmine Steyrleithner

Wann & wo?

Ab 8. April 2022
Burgtheater Vestibül: 1010, Universitätsring 2
Telefon: 01 51 444 – 0
burgtheater -> Dschabber

Szenenfoto aus "Lust"
11.03.2022

Viva la Vulva!