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Werner Mössler (links) spielt den Beschuldigten Anton Gschmeidler; Sabine Zeller (rechts) übersetzt in Gebärdensprache
Werner Mössler (links) spielt den Beschuldigten Anton Gschmeidler; Sabine Zeller (rechts) übersetzt in Gebärdensprache
28.07.2022

Vorverurteilung mit doppeltem Boden

„In Ewigkeit Amen“ von Anton Wildgans im Salzburger Hüttschlag: Bilinguale szenische Gerichtsverhandlung – in Laut- und Gebärdensprache.

Ein Untersuchungsrichter, der sich an Blut erfreut, extra nach Paris zu einer Guillotinierung fährt, hat den Angeklagten schon geistig verurteilt, bevor der vor ihn hintritt. Das heißt vorgeführt wird aus der Untersuchungshaft. Für einen Mord hat er schon seine nach 27 Jahren beendete Haftstrafe abgebüßt. Nun wird Anton Gschmeidler eines neuen Mordversuchs beschuldigt. An seiner Vermieterin, Marie Dworschak. Widersprüche in deren Aussagen – kümmern den Untersuchungsrichter nicht wirklich …

„In Ewigkeit Amen“ heißt dieser Einakter, geschrieben von Anton Wildgans (1881 – 1932), der Ende Juli in Salzburg zu sehen ist – als „bilinguale Gerichtsverhandlung“ (in Lautsprache – Deutsch – und Österreichischer Gebärdensprache). Gespielt vom Ensemble Arbos – Gesellschaft für Musik und Theater. Aufgeführt im Turnsaal der Volksschule Hüttschlag. Die Einnahmen – ausschließlich freie Spenden – kommen dem regionalen (Pongauer) Gehörlosenverband) zugute.

Ein Portrait von Wilhelm Jerusalem und eine Briefmarke mit dem Portrait von Anton Wildgans
Ein Portrait von Wilhelm Jerusalem und eine Briefmarke mit dem Portrait von Anton Wildgans

Autor war selber Untersuchungsrichter

Wildgans war selber studierter Jurist und zwei Jahre als Untersuchungsrichter tätig, bevor er den Dienst quittierte und als freier Schriftsteller lebte. Zwei Mal leitete er für jeweils eine Saison das Wiener Burgtheater (1921/22 und 1930/31). Einer seiner Lehrer war der Reformpädagoge, Philosoph und Pazifist Wilhelm Jerusalem (1854 – 1923), den er sogar in einem Gedicht würdigt: „Meinem alten Lehrer“ in seiner Sammlung „Dreißig Gedichte“ (erschienen 1917).

Der Einakter basiert auf einem echten Prozess. Der Mörder Zeidler – im Stück wird er zum Gschmeidler – steht erneut vor Gericht – siehe die eingangs beschriebene Zusammenfassung. Wildgans hatte ds Stück 1912 geschrieben, im Jahr danach erlebte es seine Uraufführung im „Deutschen Volkstheater“ in Wien.

Markus Pol (links) als gnadenloser Untersuchungsrichter und Alfred Aichholzer (rechts) in seiner zweiten Rolle als Justizsoldat
Markus Pol (links) als gnadenloser Untersuchungsrichter und Alfred Aichholzer (rechts) in seiner zweiten Rolle als Justizsoldat

Auch Antisemitismus thematisiert

„Dem Richter, der an das An-sich-Böse glaubt, steht der menschliche Schriftführer Dr. Zwirn gegenüber. Aber dessen Position ist zu schwach, als dass er den Prozess beeinflussen könnte“, schreibt Arbos-Gründer und Regisseur dieser Version des Stücks, Herbert Gantschacher, in einer ausführlichen Hintergrundinformation zu Stück und dessen Autor – Link zu diesem Programmheft im Info-Block. Dieser Zwirn wird vom Richter auch mehrmals mit antisemitischen Vorurteilen beworfen. Gantschacher zitiert dazu Anton Wildgans über die Figur des Zwirn: „So vermag er auch die Idee der Güte, der Wahrhaftigkeit, der Ehre und Menschlichkeit an einem Ausgestoßenen der Gesellschaft, die Idee des Verbrecherischen und Schurkischen hinwiederum an Individuen zu erleben, denen wir in der Region der gerichtlichen Unbescholtenheit begegnen.“

In der Arbos-Inszenierung wird übrigens der Beschuldigte Gschmeidler von Werner Mössler dargestellt, einem gehörlosen Schauspieler, „womit also die bilinguale Inszenierung dem Gerichtsfall auf der Bühne einen doppelten Boden gibt“, wie der Regisseur schreibt.

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INFOS: WAS? WER? WANN? WO?

„In Ewigkeit, amen“

Drama von Anton Wildgans
Eine bilinguale Gerichtsverhandlung in deutscher Laut- sowie Österreichischer Gebärdensprache

Inszenierung: Herbert Gantschacher
Untersuchungsrichter: Markus Pol
Schriftführer Zwirn/ Staatsanwalt/ Kanzlist: Markus Rupert
Zeugin Marie Dworschak: Rita Luksch
Zeuge Leopold Kritzenberger/ Justizsoldat: Alfred Aichholzer
Beschuldigter Anton Gschmeidler: Werner Mössler
Gebärdensprachdolmetscherin: Sabine Zeller

Bühne und Kostüme: Sanzaba Dimna

Wann & wo?

30. Juli 2022; 18 Uhr
Turnsaal der Volksschule Hüttschlag:

Schriftliche Anmeldung wegen des begrenzten Platzangebots und der geltenden gesetzlichen Covid-19-Regeln unbedingt erforderlich und möglich unter folgenden eMail-Adressen

Pongauer Gehörlosenverein: pongauer.gehoerlosenverein@gmail.com

oder Gemeinde Hüttschlag: info@gemeindehuettschlag.at

oder bei ARBOS – Gesellschaft für Musik und Theater: arbos.salzburg@arbos.at

Infos: www.arbos.at

Programmheft

Zutritt zur Vorstellung ist frei; um freiwillige Spenden zugunsten des Pongauer Gehörlosenvereins wird gebeten.

Das Buch

Anton Wildgans
In Ewigkeit Amen. Ein gerichtliches Vorspiel in einem Akt
ca. 90 Seiten
Henricus – Edition Deutsche Klassik UG
eBook: 2,10 €
Thalia.at -> Wildgans, In Ewigkeit …

Buchausgabe: Anton Wildgans: Gesammelte Werke. Leipzig: L. Staackmann Verlag, 1930.
Entstanden 1912; Erstdruck: Leipzig (Staackmann), 1913
Uraufführung am 24.05.1913, Deutsches Volkstheater, Wien.
Das Werk ist eine Abwandlung aus dem Datenbestand der Digitalen Bibliothek von TextGrid, die unter der Lizenz Creative Commons Namensnennung 3.0 Deutschland (CC BY 3.0) steht.

Szenenfoto aus "Lust"
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