Kinder Jugend Kultur und mehr - Logo
Kinder Jugend Kultur Und mehr...
Fotos vieler Kinder unter dem Titel "Kinderstimmen gegen Kinderarbeit"

„Hätte ich Superkräfte, würde ich Kinderarbeit stoppen!“

Am 11. Juni wählt nicht nur der Stiftungsrat des ORF eine neue Chefin oder einen neuen Chef des öffentlich-rechtlichen größten österreichischen Medienhauses, es beginnt auch die größte Fußball-Weltmeisterschaft der Männer mit 48 teilnehmenden Nationen verteilt auf die drei Länder Mexiko, USA und Kanada. Dabei werden sicher so manche Rote Karten für schwere Fouls vergeben.

Einen Tag später, am 12. Juni, ist der internationale Tag gegen Kinderarbeit. Und diese verdient insgesamt eine riesige und viele, viele vielleicht kleinere Rote Karten. Dazu rufen verschiedene auch österreichische Initiativen unter dem Titel „Kinderarbeit stoppen“ auf – ein Bündnis aus Dreikönigsaktion der Katholischen Jungschar, Jugend Eine Welt, FAIRTRADE Österreich, Kindernothilfe Österreich und solidar Austria. Gemeinsam mit Partnerorganisationen im Globalen Süden setzt sich das Bündnis dafür ein, Kinder aus ausbeuterischer Arbeit zu befreien, ihnen den Schulbesuch zu ermöglichen und die Rechte von Kindern zu stärken.

Zwei Kinder halten eine große
Zwei Kinder halten eine große „Rote Karte gegen Kinderarbeit“

Viele nicht einmal 12 Jahre jung

Denn immer noch müssen 138 Millionen Kinder auf der Welt arbeiten – mehr als die Hälfte übrigens unter 12 Jahren und mehr als ein Drittel in besonders gefährlichen Bereichen -, um sich und oft auch ihre Familien (mit-)ernähren zu können. Und das, obwohl die internationale Staatengemeinschaft sich vorgenommen hatte, Kinderarbeit bis 2025 (also dem Vorjahr) abzuschaffen.

Profitieren

Jetzt könnte es heißen, in Österreich ist das kein Thema, aber profitieren nicht viele von der Ausbeutung von Kindern im Globalen Süden – etwa durch den Kauf billiger Produkte. „Kinderarbeit findet vor allem dort statt, wo viele unserer alltäglichen Produkte ihren Ursprung haben. Also wo Rohstoffe abgebaut oder weiterverarbeitet werden“, weist eine der beteiligten Organisationen, Jugend Eine Welt, in einer Aussendung zum Aktionstag hin.

Kinder, die auf einer Bananenplantage ernten und ein Schriftzug
Kinder, die auf einer Bananenplantage ernten und ein Schriftzug „Kein Kind darf ausgebeutet werden! – Mit Bildung und Information aktiv gegen Kinderarbeit“

„Unser Wohlstand in Österreich darf nicht auf der Ausbeutung von Kindern im Globalen Süden beruhen. Aktionstage wie der ‚Internationale Tag gegen Kinderarbeit‘ sollen darauf hinweisen, dass Kinderarbeit – wie sie Anfang des 20. Jahrhundert auch in Österreich in Form der Schwabenkinder stattgefunden hat – in armen Ländern noch heute präsent ist. Daher bin ich auch der Überzeugung, dass Entwicklungszusammenarbeit bei uns in Österreich beginnt. Wir müssen unser Verhalten ändern: weniger ausbeuten, weniger zerstören, weniger wegnehmen“, meinte der Jugend-Eine-Welt-Geschäftsführer in einer Aussendung. Und er zitierte in der Folge den am Mittwoch verstorbenen Schweizer Soziologen, Autor und zeitweisen Politiker Jean Ziegler „Wir müssen den Menschen in Afrika nicht mehr spenden, es reicht, wenn wir ihnen weniger stehlen.“

Internationales Bündnis

Eine andere der Organisationen, die Dreikönigsaktion der Katholischen Jungschar (bekannt durch Sternsinger:innen) fordert vor dem 12. Juni die Bundesregierung auf, der internationalen Allianz 8.7 (genannt nach dem entsprechenden Ziel der Nachhaltigkeitsziele) gegen Kinderarbeit beizutreten. In diesem internationalen Zusammenschluss arbeiten Staaten gemeinsam an konkreten Maßnahmen gegen Kinderarbeit, Zwangsarbeit und Menschenhandel. Deutschland, die Niederlande und Frankreich sind sogenannte „Pathfinder Countries“ – Vorreiterländer.

Screenshot von der Homepage Kinderarbeit stoppen mit Postings von Statements im Stile Roter Karten mit Statements gegen Kinderarbeit
Screenshot von der Homepage Kinderarbeit stoppen mit Postings von Statements im Stile Roter Karten mit Statements gegen Kinderarbeit

Kinderstimmen gegen Kinderarbeit

Kinder, Jugendliche und Erwachsene setzen selbst ein starkes Zeichen. Sie zeigen die Rote Karte gegen Kinderarbeit, machen ein Foto und teilen es in den sozialen Medien – unter dem Motto „Kinderarbeit ist ein Foul an den Rechten von Kindern!“

Für die Videoserie „Kinderstimmen gegen Kinderarbeit“ wurden rund 50 Kinder und Jugendliche aus Österreich, Kenia, Kolumbien, Nicaragua, Indien, den Philippinen und Südafrika gefragt, was sie von Kinderarbeit halten. Die Antworten: Stattdessen wollen sie einfach lernen, spielen, Freund:innen treffen und ihre Zukunft gestalten.

Sujetbild zur Aktkion
Sujetbild zur Aktkion „Rote Karte ggen Kinderarbeit!“ – Schriftzug sowie eine Rote Karte und zwei kleine Fotos von Frauen mit so einer großen Roten Karte

„Wenn ich eine Superkraft hätte, dann wäre es die Kraft der Verbindung, denn gemeinsam können wir sagen: Kinderarbeit stoppen“, sagt die 16-jährige Leyda Lisseth (Nicaragua). Lalita (Indien) fordert: „Sagt ‚Nein‘ zu Kinderarbeit. Jedes Kind hat das Recht, frei zu sein, zur Schule zu gehen und eine glückliche Kindheit zu genießen.“ Und Joseph (Kenia) bringt die Botschaft vieler Kinder auf den Punkt: „Lasst die Kinder Kinder sein!“

Aktiv werden

Zudem können Bürger*innen mit einer österreichweiten E-Mailaktion Bundeskanzler Christian Stocker, Sozialministerin Korinna Schumann und Außenministerin Beate Meinl-Reisinger direkt zum Handeln auffordern und den Beitritt Österreichs zur Allianz 8.7 unterstützen.

kijuku_heinz

kinderarbeitstoppen

kinderstimmen-gegen-kinderarbeit

rote-karte-gegen-kinderarbeit 

gerechtigkeit-fordern

jugendeinewelt –> kinderarbeit

netzwerkinternational.at

wikipedia –> Welttag_gegen_Kinderarbeit

Doppelseite aus dem Bilderbuch "Mizzi tanzt mit"

Viele Hindernisse für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen

„Kinder und Jugendliche mit Behinderungen erleben nach wie vor erhebliche Barrieren, insbesondere in der Bildung, beim Übergang in Ausbildung und Arbeit, in der Gesundheitsversorgung und in der sozialen Absicherung. Das ist kein Randphänomen, sondern betrifft zahlreiche Familien in ganz Österreich.“ So fasst Christine Steger, die Anwältin für Gleichbehandlungsfragen für Menschen mit Behinderungen, den Erfahrungsaustausch mit mehrere hundert Vertreter:innen von Behindertenorganisationen, Beratungsstellen und Behörden aus ganz Österreich zusammen.

Kindergarten oder der Volksschule

Inklusion bedeutet, dass Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam aufwachsen, zusammen lernen und selbstverständlich dazugehören. Doch die Realität sieht in Österreich oft anders aus. Bereits im Kindergarten beginnt die Ausgrenzung, weil Plätze fehlen, Einrichtungen nicht barrierefrei sind oder das nötige Unterstützungspersonal nicht vorhanden ist. Kinder mit Behinderungen können so nicht gleichberechtigt mit Gleichaltrigen aufwachsen. Die Folgen ziehen sich dann durch das gesamte spätere Leben.

In der Schule setzt sich dieses Muster fort. Obwohl Eltern in Österreich gesetzlich das Recht haben, zwischen Regelschule und Sonderschule zu wählen, besteht diese Wahlfreiheit in der Praxis oft nicht. Es fehlt an Unterstützungspersonal in der Regelschule, barrierefreier Nachmittagsbetreuung und den nötigen organisatorischen Voraussetzungen. Eltern werden dadurch faktisch gezwungen, ihre Kinder in Sonderschulen einzuschreiben, nicht aus Überzeugung, sondern aus Mangel an Alternativen. Das verstärkt die Trennung von Kindern mit und ohne Behinderung weiter.

Besonders schwierig sei die Lage für Kinder mit chronischen Erkrankungen oder unsichtbaren Behinderungen. Für diese Kinder gibt es kaum flexible Bildungsangebote, die ihrem Alltag gerecht werden. Wer nicht täglich physisch in die Schule kommen kann, läuft Gefahr, vom Unterricht ausgeschlossen zu sein und damit in Isolation zu geraten.

Übergänge in Ausbildung und Arbeit bleiben Leerstelle

Auch nach der Schule tun sich gefährliche Lücken auf. Jugendlichen mit Behinderungen wird früh bescheinigt, nicht arbeits- oder vermittlungsfähig zu sein. Das schränkt ihre Möglichkeiten auf Jahrzehnte ein. Dazu kommt ein weiteres Problem: Wer eine Beschäftigung aufnimmt, riskiert, wichtige Unterstützungsleistungen zu verlieren, etwa die erhöhte Familienbeihilfe oder finanzielle Hilfen der Bundesländer. Das macht den Schritt in die Arbeitswelt zur finanziellen Falle.

„Es ist paradox. Das System, das Jugendliche mit Behinderungen absichern soll, hält sie gleichzeitig vom Arbeitsmarkt fern. Hier braucht es eine strukturelle Entkoppelung existenzsichernder Leistungen von der Erwerbstätigkeit,“ so die Behindertenanwältin in einer Medien-Aussendung am Montag (8. Juni 2026). Das heißt konkret: Wer arbeiten geht, darf deswegen nicht seine Grundabsicherung verlieren.

Belastung trifft Familien und vor allem Frauen in besonderem Maße

Wenn das System versagt, springen Familien ein und das hat einen Preis. Weil Betreuungsangebote, Schulassistenz oder therapeutische Versorgung fehlen oder nicht ausreichend sind, übernehmen Angehörige diese Aufgaben selbst. Das sind in Österreich überwiegend Mütter. Sie reduzieren ihre Arbeitszeit, geben ihren Beruf auf oder verzichten auf eigene Vorsorge mit langfristigen Folgen für ihre finanzielle Unabhängigkeit und Gesundheit. Mehr Fachpersonal in Bildung und Betreuung würde deshalb nicht nur Kindern nützen, sondern auch Frauen entlasten und zur Gleichstellung beitragen.

Forderungen an die Bundesregierung

Die Anwältin für Gleichbehandlungsfragen für Menschen mit Behinderungen richtet daher konkrete Empfehlungen für strukturelle Reformen an die Politik:

„Die Vernetzungstreffen haben gezeigt, dass Inklusion von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen eine gesamtstaatliche Aufgabe ist. Einzelmaßnahmen reichen nicht aus. Es braucht strukturelle Reformen entlang der gesamten Lebensphasen mit einer konsequenten menschenrechtsbasierten Ausrichtung. Ich appelliere an alle zuständigen Ministerien und Länder, gemeinsam zu handeln,“ so Steger.

Junge Frauen, die in einem der Berufsbildungszentren zu Elektro- und Solartechnikerinnen ausgebildet werden

„Wer in Bildung von Frauen investiert, investiert in eine gerechtere Zukunft“

„Mädchen und junge Frauen im Globalen Süden sind weiterhin überproportional von Bildungsbenachteiligung betroffen. Dabei ist Bildung der wichtigste Schlüssel für Gleichberechtigung.“ Das sagt der Geschäftsführer der österreichischen Entwicklungsorganisation Jugend Eine Welt, Reinhard Heiserer im Vorfeld des diesjährigen (2026) Internationalen Frauentages (immer am 8. März).

Er beruft sich auf Schätzungen der UNESCO, der Sonderorganisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur, wonach weltweit bis zu 133 Millionen Mädchen nicht in die Schule gehen können/ dürfen. Der Großteil der benachteiligten Mädchen lebt in Subsahara-Afrika. „In den Ländern südlich der Sahara bleibt etwa jedes fünfte Mädchen im Grundschulalter vom Schulbesuch ausgeschlossen“, so der „Jugend Eine Welt“-Geschäftsführer. „Ein Schwerpunkt unserer geförderten Projekte liegt daher seit der Gründung auf der Schul- und Berufsausbildung für Mädchen und Frauen. Denn Bildung ermöglicht ein selbstbestimmtes Leben und überwindet Armut.“

Junge Elektrotechnikerin

Jugend Eine Welt unterstützt insgesamt fünf Berufsbildungszentren der Salesianer Don Boscos in Uganda und Ruanda. Diese bieten jungen Menschen aus benachteiligten Gesellschaftsgruppen eine qualitativ hochwertige technische Ausbildung. Die 23-jährige Kwagala Gorret hat dank dieser den Weg in ein selbstbestimmtes Leben gefunden. „Ich bin mit drei Geschwistern in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen. Mein Vater ist früh gestorben, deshalb lag es an meiner Mutter für unser finanzielles Überleben zu sorgen“, erzählt Kwagala aus Uganda. „Mit Ackerbau und dem Verkauf von Gemüse kämpfte sie dafür uns eine Schulbildung zu ermöglichen.“

Kwagala Gorret bei ihrer täglichen Arbeit. Nach der Ausbildung zur Elektrotechnikerin an einem von Jugend Eine Welt unterstützten Berufsbildungszentrum der Salesianer Don Boscos in Uganda, machte sich die heutige 23-Jährige selbstständig und gründete ihr eigenes Unternehmen für Elektro- und Solarprodukte sowie Installationsarbeiten.
Kwagala Gorret bei ihrer täglichen Arbeit. Nach der Ausbildung zur Elektrotechnikerin an einem von Jugend Eine Welt unterstützten Berufsbildungszentrum der Salesianer Don Boscos in Uganda, machte sich die heutige 23-Jährige selbstständig und gründete ihr eigenes Unternehmen für Elektro- und Solarprodukte sowie Installationsarbeiten.

Als junges Mädchen kam Kwagala in Kontakt mit dem von Jugend Eine Welt geförderten Don Bosco- Berufsausbildungsprogramm. Kwagala erhielt eine Ausbildung in Elektrotechnik, sammelte erste Berufspraxis und eröffnete 2024 ihr eigenes Unternehmen in Kamuli, einer 67.000 Einwohner:innen zählenden Stadt im Osten Ugandas. „Mit dem Verkauf von Elektro- und Solarprodukten komme ich auf einen monatlichen Umsatz von knapp 120 Euro. Dazu kommen noch Einnahmen von Installationsarbeiten vor Ort von rund 100 Euro. Somit kann ich auch meinen Teil beisteuern, damit meine Geschwister eine Schulausbildung erhalten“, freut sich Kwagala.

Gleiche Chancen für Frauen und Männer

1.600 Frauen bilden knapp ein Drittel der 4.000 Studierenden in den von Jugend Eine Welt und der Austrian Development Agency (ADA) im Rahmen von International Partnerships Austria geförderten fünf Berufsbildungszentren in Uganda und Ruanda. Da Absolventinnen es besonders schwer haben, in den von Männern dominierten Branchen, wie zum Beispiel Solartechnik, Elektrotechnik oder Installateursarbeiten, einen Arbeitsplatz zu finden, erhalten sie dank der Unterstützung von Jugend Eine Welt und der ADA konkrete Hilfe.

Die Jugend Eine Welt-Projektpartner wie Mutala Innocent optimieren stetig das Ausbildungsprogramm an den Berufsbildungszentren, um dieses an den Arbeitsmarkt anzupassen. Gleichzeitig liegt ein Fokus auf der Förderung und Unterstützung weiblicher Studierender. Dazu werden geschlechtsspezifische Barrieren an den Ausbildungsstätten beseitigt und gendergerechte, auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Ausbildungsmodule entwickelt. „Das Programm ‚Gender Matters for Green TVET‘ hat die Don Bosco TVET-Zentren zu einem Ort gemacht, an dem sich alle Jugendlichen willkommen, umsorgt und unterstützt fühlen, um ihre Träume zu verwirklichen. Es hat sich gezeigt, dass Mädchen und Buben mit einem unterstützenden Umfeld, der richtigen Einstellung und erworbenen Fähigkeiten im TVET-Bereich und auf dem Arbeitsmarkt erfolgreich sein können.

Bildung ist viel mehr

„Bildung für Frauen im Globalen Süden bedeutet: Schutz vor Ausbeutung, vor früher Verheiratung und vor Perspektivlosigkeit. Frauenförderung heißt für Jugend Eine Welt aber auch, sichere Lernorte zu schaffen und junge Frauen gezielt zu ermutigen, Berufe zu ergreifen, die traditionell als ‚Männerdomänen‘ gelten – etwa im technischen Bereich. Wenn Mädchen erleben, dass sie Fähigkeiten entwickeln und wirtschaftlich auf eigenen Beinen stehen können, verändert das nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch ihr gesellschaftliches Umfeld“, so Heiserer. „Zusammengefasst: Wer in die Bildung von Mädchen und jungen Frauen investiert, investiert in Stabilität, in wirtschaftliche Entwicklung und in eine gerechtere Zukunft.“

kijuku_heinz

jugendeinewelt.at

Kinder und Jugendliche deren "Zuhause" die Straße ist

„Diese Kinder bleiben oft unsichtbar, obwohl sie großen Risiken ausgesetzt sind“

Mehr als (doppelt so viele) Kinder und Jugendliche wie in der gesamten Europäischen Union leben (rund 67 Millionen) leben weltweit mehr oder minder auf der Straße; zwischen rund 100 bis zu 150 Millionen Kinder und Jugendliche haben kein Zuhause, auch in einigen Ländern der EU, aber da noch am wenigsten. Der 31. Jänner gilt seit fast 30 Jahren (seit 1997) als „Tag der Straßenkinder“, ins Leben gerufen von der Hilfsorganisation „Jugend Eine Welt“, ausgehend von den Salesianern Don Bosco. Und dessen Namensgeber, den italienischen katholischen Priester, Jugendseelsorger und Reformpädagogen (1815 – 1888), der im Turiner Stadtteil Valdocco aus einem Schuppen eine Zufluchtsstätte für (Straßen-)Jugendliche machte uns später gemeinsam mit den Salesianern in weiteren Ländern Europas aber auch Lateinamerikas Häuser für Jugendliche aufbaute und (Aus-)Bildungen anbot.

Pater Rafael Bejarano Rivera bei Don Bosco-Salesianer-Projekten in seiner Heimat Kolumbien
Pater Rafael Bejarano Rivera bei Don Bosco-Salesianer-Projekten in seiner Heimat Kolumbien

Gast aus Kolumbien

Anlässlich des Straßenkinder-Tages 2026 ist Pater Rafael Bejarano Rivera aus Kolumbien zu Gast in Österreich. Seit vielen Jahren setzt er sich für benachteiligte Kinder und Jugendliche ein. Besonders Kinder in Straßensituationen, junge Menschen in extremer Armut sowie ehemalige Kindersoldaten stehen im Mittelpunkt seines Wirkens.

„Pater Rafael kennt in seiner Funktion als Generalrat der Salesianer Don Boscos, als oberster Vertreter und Experte für Jugend- und Sozialarbeit, alle von Jugend Eine Welt unterstützten Projekte aus der Sicht eines Projektpartners. Er kann somit gute Einblicke in die weltweite Arbeit unserer Entwicklungsorganisation in den Bereichen Straßenkinder, aber auch Schul- und Berufsausbildung geben“, so Reinhard Heiserer, Geschäftsführer von Jugend Eine Welt.

Kinder und Jugendliche in einer Straßensituation in Don Bosco-Salesianer-Projekten in Kolumbien
Kinder und Jugendliche in einer Straßensituation in Don Bosco-Salesianer-Projekten in Kolumbien

Rechte und Würde

„Seit Beginn meines priesterlichen Wirkens habe ich stets im sozialen Bereich gearbeitet – dort, wo junge Menschen Begleitung brauchen, um ihre Rechte und ihre Würde wiederzuerlangen“, so Rafael Bejarano Rivera aus Kolumbien, einem Land, das über Jahrzehnte von Gewalt, sozialer Ungleichheit und bewaffneten Konflikten geprägt war. Früh entschied er sich für den Weg der Salesianer Don Boscos und stellte sein Leben in den Dienst junger Menschen, die am Rand der Gesellschaft stehen. Nach seinem Studium der Philosophie und Theologie sowie einer zusätzlichen Ausbildung im Bereich Soziales Management und Entwicklung übernahm er verantwortungsvolle Aufgaben in der Jugendarbeit der Salesianer.

Ein zentraler Meilenstein seines Werdegangs war seine Tätigkeit in der Ciudad Don Bosco in Medellín, einer der größten salesianischen Sozialeinrichtungen Kolumbiens, die auch von Jugend Eine Welt unterstützt wird. Dort arbeitete Bejarano Rivera über Jahre hinweg direkt mit Kindern und Jugendlichen, die auf der Straße lebten, aus zerrütteten Familien stammten oder Gewalt, Missbrauch und den Einsatz als Kindersoldaten erlebt hatten. „Heute sprechen wir bewusst von ‚Kindern in einer Straßensituation‘ und nicht mehr von reinen ‚Straßenkindern‘, da es sich um eine vorübergehende Lebenssituation handelt und ihre Rechte wiederhergestellt werden müssen“, so der Jugend Eine Welt-Projektpartner.

Die Jugendliche Michelle und ihre Sozialarbeiterin Rescue Dada/Dreikönigsaktion auf der Müllhalde Dandora in Nairobi / Kenia
Die Jugendliche Michelle und ihre Sozialarbeiterin Mary Gatitu vom Rescue Dada/Dreikönigsaktion auf der Müllhalde Dandora in Nairobi / Kenia

Dreikönigsaktion: Erfolgsbeispiel Michelle in Nairobi (Kenia)

Viele Jahre lebte Michelle in Nairobi (Hauptstadt von Kenia, Afrika) dort, wo andere ihren Abfall entsorgen: auf Dandora, der größten Mülldeponie ihrer Heimatstadt. Zwischen meterhohen Müllbergen suchte sie nach Essen, Schutz und Hoffnung.

Dandora ist größer als 50 Fußballfelder. Verfaulte Essensreste und brennender Müll liegen in der Luft. Schweine und wilde Hunde streifen durch die Abfälle. Über allem kreisen Marabus, die nach Nahrung suchen. Bis zu 10.000 Menschen leben hier – ohne Sicherheit, ohne medizinische Versorgung, ohne Perspektive. Kinder sind dieser Realität besonders schutzlos ausgeliefert. Viele verlieren den Kontakt zu ihren Familien. Mädchen schließen sich Gangs an oder geraten in ausbeuterische Abhängigkeiten. Für die meisten scheint ein Ausweg unerreichbar.

Für Michelle aber änderte sich alles. Sozialarbeiterin Mary Gatitu ist täglich in Dandora unterwegs. Sie begleitet Mädchen wie Michelle, hört zu, stärkt sie – und greift ein, wenn Hilfe dringend nötig ist. Im Rescue Dada Center, Partner der Dreikönigskation, finden sie Schutz, regelmäßige Mahlzeiten, medizinische Versorgung und Zugang zu Schule und Ausbildung.

Michelle hat diese Chance genutzt. Heute geht sie in die Schule, wächst in Sicherheit auf und blickt mit Hoffnung in die Zukunft. Aus einem Leben im Müll wurde eine echte Perspektive. Für Michelle und anderen Kinder in vergleichbaren Situationen sammelt die DKA – mehr dazu im Link am Ende des Beitrages.

Pater Rafael Bejarano Rivera bei Don Bosco-Salesianer-Projekten in seiner Heimat Kolumbien
Kinder und Jugendliche in einer Straßensituation in Don Bosco-Salesianer-Projekten in Kolumbien

Bildung und Begleitung

Zurück nach Kolumbien, wo – wie überall in nachhaltigen Projekten Bildung eine zentrale Rolle spielt. „In mehreren Städten begleiten wir diese Kinder. Während man früher Kinder dauerhaft auf der Straße lebend antraf, hat sich die Situation verändert: Heute haben viele von ihnen Familien, verbringen jedoch viel Zeit auf der Straße und sind dort großen Risiken ausgesetzt – insbesondere Gewalt, Drogenhandel und Prostitution.“, so Pater Rafael Bejarano Rivera. Ziel sei es, jungen Menschen Schutz zu bieten und ihnen durch Bildung, psychosoziale Begleitung und Berufsausbildung echte Zukunftsperspektiven zu eröffnen.

Viele der Kinder und Jugendlichen, die mehr oder minder auf der Straßen leben müssen, besitzen keine Geburtsurkunde, wurden nie offiziell registriert und haben keinen Zugang zu Gesundheitsversorgung oder Schulbildung. „Diese Kinder bleiben oft unsichtbar, obwohl sie großen Risiken ausgesetzt sind“, so Bejarano Rivera.

Pater Rafael Bejarano Rivera bei Don Bosco-Salesianer-Projekten in seiner Heimat Kolumbien
Pater Rafael Bejarano Rivera bei Don Bosco-Salesianer-Projekten in seiner Heimat Kolumbien

Experte für Jugend- und Sozialarbeit

Heute wirkt der Jugend Eine Welt-Gast auf internationaler Ebene. Als Generalrat für Jugendpastoral und soziale Werke im weltweiten Leitungsteam der Salesianer koordiniert er Bildungs- und Sozialprojekte in 138 Ländern. Mit Jugend Eine Welt verbindet Bejarano Rivera eine langjährige und enge Partnerschaft. Gemeinsam mit der österreichischen Entwicklungsorganisation arbeitet er daran, nachhaltige Bildungs- und Sozialprojekte für Straßenkinder und gefährdete Jugendliche umzusetzen – insbesondere in Lateinamerika.

„Über viele Jahre hinweg haben wir gemeinsam Programme entwickelt – zur Bewusstseinsbildung, zur Begleitung junger Menschen und zur Förderung von Bildung und Ausbildung. Dabei gab es Kooperationen mit österreichischen Unternehmen sowie zum Beispiel mit der österreichischen Botschaft in Kolumbien“, erzählt Bejarano Rivera.

Internationale Zusammenarbeit

„Die Unterstützung von Jugend Eine Welt ist von zentraler Bedeutung. Internationale Zusammenarbeit wirkt auf vielen Ebenen, doch entscheidend ist die Beziehung zwischen den Menschen. Spenderinnen und Spender – etwa in Österreich – können durch ihr Engagement Entwicklungsprozesse in ganz unterschiedlichen Realitäten ermöglichen. Jugend Eine Welt trägt dazu bei, jungen Menschen weltweit neue Hoffnung, neue Wege und neue Chancen zu eröffnen, ihre Träume zu verwirklichen und ihre Gemeinschaften zu stärken. Dafür bin ich sehr dankbar.“

Pater Rafael Bejarano Rivera bei Don Bosco-Salesianer-Projekten in seiner Heimat Kolumbien
Pater Rafael Bejarano Rivera bei Don Bosco-Salesianer-Projekten in seiner Heimat Kolumbien

Freiwilligeneinsätze eine „Win-Win-Situation“

Jugend Eine Welt unterstützt unter anderem technische Ausbildungsprogramme, Maßnahmen zur Arbeitsvermittlung und Projekte für Kinder in Straßensituationen. „Besonders wichtig ist auch der Einsatz von Freiwilligen im Rahmen der von Jugend Eine Welt und den Salesianern Don Boscos getragenen Entsende-Organisation ‚VOLONTARIAT bewegt‘, zum Beispiel in den Städten Medellín und Cali meiner Heimat Kolumbien“, unterstreicht der Salesianer. „Diese Einsätze gehen weit über finanzielle Unterstützung hinaus: Sie ermöglichen echte Begegnungen. Für viele junge Menschen, die viel Leid erfahren haben, ist es von unschätzbarem Wert, Menschlichkeit, Nähe und Solidarität aus anderen Kulturen zu erleben. Gleichzeitig ist Freiwilligenarbeit eine der schönsten Ausdrucksformen gelebter Solidarität. Ich habe viele junge Freiwillige, entsendet durch ‚VOLONTARIAT bewegt‘, aus Österreich in Kolumbien erlebt und gesehen, wie sie persönlich gewachsen sind. Sie haben – genauso wie Freiwillige aus dem Senior Experts-Programm von Jugend Eine Welt – unsere Projekte nachhaltig unterstützt. Es ist eine echte Win-Win-Situation – fachlich, menschlich und auch spirituell.“ Darüber hinaus hilft Jugend Eine Welt auch mit Stipendien für Bildung, Lernmaterialien, Lebensmittel und berufliche Qualifizierung.

Einblicke aus Sicht eines Projektpartners

Im Zuge des von Jugend Eine Welt ins Leben gerufenen „Tages der Straßenkinder“ am 31. Jänner 2026 berichtet Bejarano Rivera bei zahlreichen Veranstaltungen in Österreich aus erster Hand über die Lebensrealitäten von Kindern in Straßensituationen, spricht über globale Herausforderungen und zeigt, wie konkrete Hilfe wirkt. Einen eindrucksvollen und nachhaltigen Einblick in die Lebensrealitäten von Kindern in Straßensituationen lieferte der Gast aus Kolumbien am Tag vor dem Straßenkinder-Tag rund 100 Schüler:innen der fünften und sechsten Klassne des GRG13 Wenzgasse (im selben Bezirk Hietzing hat die Organisation Jugend Eine Welt ihren Sitz).

kijuku_heinz

dka.at –> kenia-schutz-fuer-maedchen

strassenkinder.at

jugendeinewelt –> tag-der-strassenkinder-2026

Bilinguale Kinderbücher in vielen Sprachen, immer kombiniert mit Deutsch

Analoge und digitale Werkzeuge, Materialien und Wissen für Kindergarten und Schule

Von Schreib- bis Holzwerkzeug, von analog bis digital, von Exkursionszielen bis zu Schulsport- und -Kreativwochen, von Mini- bis zu XXL-Maxi-Ständen… – die Fachmesse für Menschen, die im Bildungsbereich arbeiten, die „Interpädagogica“ und zwar die 46. Ausgabe derselben, findet derzeit in Wien statt. Sie spielt jedes jahr in einem anderen Bundesland.

Hauptsächlich tummeln sich Pädagog:innen in den Gängen zwischen, vor und rund um die 194 Stände in Halle C der Messe Wien. Sie informieren sich über neue(ste) oder altbewährte Lehr- und Lernmaterialien, über Workshop-Angebote, die in Schulen kommen oder extern besucht werden können / müssen. Da finden sich etwa innovative Schulhefte in denen Schreib-Anfänger:innen zunächst für die wichtigsten Elemente- Kreise, schräge Striche usw. leichte Perforierungen auf den Seiten haben, um diese zunächst einmal nur nachzuzeichnen bevor’s ans Buchstabenlernen geht (Lemi Hefte, die übrigens kostengünstiger sind als viele andere Schulhefte). Ein anderes Unternehmen bietet gefühlt Hunderte Motivstempel mit (Tier-)Zeichnungen und Sprüchen wie „fleißig“, „tolle Leistung“, „ganz lieb“, aber auch „nicht aufgeben“ oder „es wird schon“.

Trickfilmstudio

Und dann gibt es natürlich jede Menge digitaler Endgeräte bzw. Werkzeuge – vom Smart Board über einen Laptop mit vergrößerbarem Monitor (OLED-Folie, die eingezogen oder ausgefahren werden kann). Aus Italien stellte ein Unternehmen einen transportablen hölzernen Tische mit integriertem großen Monitor und Scanner für einfache Gestaltung von Trickfilmen (Theatre) vor, der ähnlich funktioniert wie das Lab im Großen im Kindermuseum Zoom im Wiener MuseumsQuartier. 3D-Drucker, unterschiedlichste gute Sitz- und andere Schulmöbel, pädagogische Spiele unterschiedlichster Art – meist in Richtung Kooperation – wo es darum geht, nicht gegen- sondern miteinander ein Ziel zu erreichen, vom gemeinsamen Zeichnen mit Stiften an Schnüren bis zum Bau eines hölzernen Turms durch im Kreis stehende Mitspieler:innen, die diese Holzklötze über Seilzüge heben und aufeinander stellen…

Kinderrechte

Darüber hinaus finden jede Menge Vorträge, Diskussionen, Präsentationen zu unterschiedlichsten Themen statt – von praxisnahen Beispielen für gelingende Frühpädagogik, schulischen Unterricht bis zu Prinzipien wie Demokratie-Erziehung oder Kinderrechte. Die Österreichische Janusz-Korczak Gesellschaft ist mit einem eigenen Stand vertreten. Korczak, Arzt und Pädagoge gilt als „Vater der Kinderrechte“, er hat darüber vor gut 100 Jahren nicht nur geschrieben, sondern sie als Leiter eines Kinderheims durch gleichberechtigte Mitbestimmung der Kinder praktiziert. Und das sogar im Warschauer Ghetto, dem Freiluft-Gefängnis, in das die Nazis einen abgemauerten Teil der polnischen Hauptstadt verwandelt hatten.

Am Eröffnungstag, der auf den Jahrestag des UNO-Generalversammlungsbeschlusses der Kinderrechtskonvention fiel (20. November), hatten übrigens Kinder vor der und im Gang zur Halle C auf lautstark darauf aufmerksam – Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… hat berichtet, unten am Ende dieses Beitrages verlinkt.

Schüler:innen über KI-Erfahrungen

Bei dieser Fachmesse sind Kinder meist höchstens als Begleiter:innen erwachsener Besucher:innen mit dabei, Jugendliche auch eher die Ausnahme. Eine kleine Gruppe von Schüler:innen aus dem Franziskanergymnasium im Tiroler Hall waren nach Wien gereist, um gemeinsam mit ihrer Lehrerin zum Schwerpunkt Künstliche Intelligenz in über ihre Praxis-Erfahrung mit dem Einsatz insbesondere im naturwissenschaftlichen Unterricht zu berichten. Eine der Jugendlichen führte stellvertretend für ihre Kolleg:innen ein Interview mit KiJuKU.at – in einem eigenen Beitrag, ebenfalls unten verlinkt.

Um den Bogen zum Beginn (siehe Überschrift) zu schließen: Mehrsprachigkeit ist sowohl in gedruckten bilingualen Büchern (Wort & Laut) als auch digital – zu rund 200 (Bilder-)Büchern in deutscher Sprache gibt es online – Versionen in 70 Sprachen als Hörbücher, eingesprochen jeweils von echten Menschen deren Erstsprache das ist (Polylino).

Hier – weiter unten – noch rund 100 Fotos mit bildhaften Eindrücken von der Interpädagogica 2025.

kijuku_heinz

Anna-Sousana Savvidou, in Greichenland in der beruflichen Bildung tätig

Weniger reden, mehr unterschiedlichen Menschen zuhören!

Anna-Sousana Savvidou ist ausgebildete Zahnärztin, praktiziert aber nicht, sondern unterrichtet Gesundheitsfächer im Rahmen beruflicher Bildung vor allem für Umsteiger:innen in Thessaloniki.

KiJuKU: Wie kam’s zu Ihrer beruflichen Veränderung?
Anna-Sousana Savvidou: Ich habe nach dem Studium zunächst begonnen als Zahnärztin zu arbeiten, sollte aber nur assistieren. Das wollte ich nicht, sondern habe entschieden, ich will viel von meinem Wissen über menschliche Körper und Gesundheit – von der Anatomie bis zur Makrobiologie – anderen Menschen vermitteln.

KiJuKU: Sind sie Lehrerin geworden?
Anna-Sousana Savvidou: Irgendwie, aber ich vermittle als externe Expertin in einer Bildungseinrichtung für Menschen, die unterschiedlichste Berufe erlernen, Elektriker:innen, Installateur:innen, Friseur:innen, Make-Up-Atists… Viele davon wechseln nicht nur ihren Beruf, sondern verändern auch ihr Leben. Ich habe in meinen Klassen Studierende von 18 bis 55 Jahre. Wobei ich nur Theorie unterrichte. Die Menschen lernen in diesen Einrichtungen zwei Jahre Theorie all jener Fächer, die für ihre Berufe notwendig sind und haben danach sechs Monate Praxis-(Aus-)Bildung.

KiJuKU: Inwiefern spielt Inklusion in Ihrer Arbeit eine Rolle?
Anna-Sousana Savvidou: Zum einen ist schon die altersmäßige Bandbreite wie erwähnt recht groß. Dann sitzen in den Klassen viele, die sich eben neu orientieren müssen oder wollen. Und gerade in Thessaloniki haben wir viele nationale Herkünfte – vor allem aus Albanien, Georgien und Armenien. Außerdem viele verschiedene Religionen und auch sexuelle Orientierung spielt eine Rolle, gleichzeitig herrscht, obwohl wir 2025 haben, noch immer viel Homophobie.

Anna-Sousana Savvidou, in Greichenland in der beruflichen Bildung tätig
Anna-Sousana Savvidou, in Griechenland in der beruflichen Bildung tätig

All das muss einerseits berücksichtigt werden und andererseits haben meine Themen ja mit dem menschlichen Körper zu tun. Also gilt es vor allem auch Body Shaming anzusprechen. Dass niemand wegen körperlicher Eigenschaften oder Merkmale beleidigt werden darf. Das gleiche gilt natürlich auch in Identitätsfragen aller Art.

KiJuKU: Was nehmen Sie von dem internationalen Seminar mit?
Anna-Sousana Savvidou: Bis dahin hab ich mich mit Inklusionsfragen meist theoretisch beschäftigt, Fachartikel, Online-Materialien gelesen. Aber nie so etwas gemacht wie die sagen wir „hands-on“-Workshops, wo Dinge zu be-greifen sind durch die Erzählungen und auch Übungen mit Menschen, die unterschiedliche Perspektiven einbringen – einerseits die verschiedenen Teilnehmer:innen, andererseits die Referent:innen. Mich hat vor allem die Tour mit dem ehemaligen Obdachlosen stark beeindruckt, die hat mir die Augen für solche Menschen geöffnet.

Sein und andere Beispiele zeigen mir: Aufhören zu reden, lieber mehr unterschiedlichen Menschen zuhören. Das macht uns zu besseren Menschen, die auch ihre eigene Arbeit besser machen können.

KiJuKU: Efcharistó
Anna-Sousana Savvidou: Parakaló

kijuku_heinz

Beitrag über das angesprochen Seminar sowie die anderen drei Interviews sind hier in der Folge verlinkt.

Gruppenfoto der internationalen Seminar-Teilnehmer:innen

Wie kann Inklusion und Diversität in der Bildung vermittelt werden?

Diversität und Inklusion – diesem Themenfeld war nun eine internationale Seminarwoche in Wien gewidmet – im Rahmen von insgesamt vier „Mobilitätswochen“ zu inklusiver Bildung in regulären Schulen. Teilnehmer:innen aus Griechenland, Irland, der Türkei und Österreich verbrachten / verbringen je eine Woche in den genannten Ländern bei Partner-organisationen des von der EU co-finanzierten Programms „Tutor“. Wobei der Begriff nicht für die gängige akademischen Lehrkräfte steht, sondern für „Teachers’ Upskilling aiming aT a hOlistic inclusivity in leaRning“ (Lehrer:innen-Fortbildung mit dem Ziel einer ganzheitlichen Inklusivität im Lernen) – was ein bisschen nach einer krampfhaft zusammengebastelten Abkürzung wirkt; aber darum geht’s ja nicht.

Wiener Woche

In Wien waren / sind ÖJAB (Österreichische Jungarbeiterbewegung) und „die Berater“ gemeinsam Partner des Projekts und waren für das Programm der internationalen Seminarteilnehmehr:innen zuständig. Die Tour „Nimmerland“ mit einem ehemaligen Obdachlosen, Besuche queerer Jugendzentren, einer Buchhandlung für Schwule und Lesben, eine Workshop zu Gender Diversität, ein Besuch des Hauses der Geschichte Österreichs, des Wien-Museums sowie Diskussionen, Workshops und Gruppenübungen zur Reflexion über Erkenntnisse der Besuche, internationalen Erfahrungsaustausch und darüber wie Erfahrenes in Unterrichtspraxis umgesetzt werden könnte, rundeten das Programm ab.

Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… traf in einer Mittagspause Teilnehmer:innen, von denen sich vier – je einer/r aus den genannten vier Ländern – für kurze Interviews bereit erklärten. Diese finden sich als jeweils eigene Beiträge unten verlinkt.

kijuku_heinz

tutor-project.eu/

Kevin Thompson, Lehrer aus Irland

„Für inklusives Unterrichten musst du „out oft he Box“ denken“

Kevin Thompson, ist Lehrer für Mathematik und Science an einer öffentlichen Schule der Sekundarstufe  (12- bis 18-Jährige) im irischen Portarlington, Irland. „Außerdem hab ich eine Zusatzqualifikation in „Special Education“, damit kann ich Schülerinnen und Schüler in verschiedenen Bereichen unterstützen – ob beim Lesen und Schreiben, beim Rechnen oder wenn’s um Defizite im sozialen oder emotionalen Bereichen geht.“

KiJuKU: Das heißt, in Irland wird inklusiv unterrichtet und ist das generell so?
Kevin Thompson: In Irland hängt das davon ab, wie eine Schule entscheidet, dass sie dies handhaben will.

KiJuKU: Jede Schule entscheidet das eigenständig, ganz unterschiedlich?
Kevin Thompson: Es gibt schon gesamtstaatliche Richtlinien dafür, aber es soll flexibel auf die Bedürfnisse von Kindern und deren Eltern eingegangen werden.

Ich habe Zusatzdiplome, die mir erlauben inklusiv zu unterrichten. So kann ich Barrieren abbauen und die betreffenden Schüler:innen in der gemeinsamen Klasse betreuen mit ihren Peers, ihren Kolleg:innen, statt sie aus der Klasse rausnehmen zu müssen.

KiJuKU: Aber Schulen können entscheiden, dass sie nicht inklusiv unterrichten wollen?
Kevin Thompson: Ja, und auch wir entscheiden manches Mal so, einzelne Schüler:innen fallweise aus der Klasse zu nehmen und individuell extra zu betreuen.

KiJuKU: Aber es gibt keine Sonderschulen, oder?
Kevin Thompson: Wir haben eine starke Zunahme von Schüler:innen mit Autismus, die eine unterschiedliche, differenzierte Betreuung brauchen. Eine Reihe von Eltern sagen, für ihre Kinder sei es besser sie separiert zu unterrichten und nicht in großen Klassenverbänden. Dort würden sie die ganze Zeit weinen, im anderen Fall gehen sie glücklich in ihre eigenen Schulen. Andere sagen, das sei nicht gut, das wäre Ghettoisierung, Segregation… Es gibt keine Übereinstimmung, was der beste Weg ist.

Aber ich denke, die Wünsche der Eltern müssen genauso berücksichtigt werden. Solange es eine Wahlmöglichkeit gibt, solange wir mit den Schülerinnen und Schülern reden und mit deren Eltern und ihnen ermöglichen, sich den für sie besten Weg auszusuchen, ist es gut und besser als früher, als die Schule die Entscheidungen getroffen hat.

Kevin Thompson, Lehrer aus Irland
Kevin Thompson, Lehrer aus Irland

KiJuKU: Sie haben sich erst später, während des Lehrerdaseins entschieden, sich auch in Sachen Inklusion weiterzubilden oder waren schon von Anfang an darauf ausgerichtet?
Kevin Thompson: Zuerst hab ich ein Chemie-Studium abgeschlossen, irgendwann einmal wollte ich nicht mehr in Labors arbeiten. So ging ich zurück an die Uni, machte meine pädagogische Ausbildung und unterrichtete Chemie und Science ein Jahr lang in London. Ich mochte das, aber dann ging ich in die USA, Jahre lang arbeitete ich in einer Spezialschule für Kinder und Jugendliche mit großen Verhaltensauffälligkeiten, darunter vielen Traumata nach körperlichem und sexuellem Missbrauch.

Möglicherweise war es falsch, diese Kinder zu separieren, aber die hatten so große, umfassende Bedürfnisse, dass sie nicht in regulären Klassen sein hätten können. So arbeitete ich letztlich insgesamt 14 Jahre in den USA

mit Kindern und Jugendlichen in Spezialeinrichtungen – zuerst zehn Jahre in Massachusetts in der Nähe von Boston und dann in Portland im US-Bundesstaat Oregon.

KiJuKU: Was hat Sie dann nach Irland gebracht?
Kevin Thompson: Nach 14 Jahren USA – ich bin mittlerweile US-Bürger – wollte ich zurück zu meiner Familie und meinen Freunden. Und so begann ich in einer irischen öffentlichen Schule zu arbeiten. Das hatte ich zuvor nie gemacht. Das mache ich seit zwei Jahren und ich genieße das wirklich – ich mag den inklusiven Ansatz und Zugang.

KiJuKU: Was hat Ihnen bisher dieses internationale Seminar gebracht?
Kevin Thompson: Es ist ein spannendes Programm, wir waren in queeren Jugendzentren, wir haben eine Stadttour mit einem ehemaligen Obdachlosen, einem anarchistisch gesinnten Mann, gemacht.

Ich finde ja, der grundlegende Punkt von Inklusion ist, auf die Stimmen der unterschiedlichsten Menschen zu hören, die Sichtweisen der „kleinen Leute“ wahrzunehmen. Wenn du Minderheiten egal ob Gender, sexuelle Orientierung, Menschen, die nicht in die große Box passen, sicher leben lässt, so dass sie sich sicher fühlen können, dann machst du alle anderen auch sicher.

Besser als spezielle Behandlungen ist es, die gemeinsame Klasse in den Vordergrund zu rücken. Es geht darum, die verschiedenen Perspektiven in unsere Klassen zu integrieren. Dafür ist es oft notwendig, dass die Pädagogik „out-of-the-box“ denkt und handelt.

KiJuKU: Go raibh míle maith agat (Tausend Dank)

kijuku_heinz

Emma Lang aus Österreich, angehende Lehrerin

„Viel Praxisnahes und Neues erfahren“

Emma Lang ist noch nicht Lehrerin, aber schon im Masterstudium auf Lehramt in den Fächern Englisch und Geschichte in Österreich.

KiJuKU: Spielt Inklusion im Lehramtsstudium eine Rolle?
Emma Lang: Tatsächlich hab ich im Rahmen einer Lehrveranstaltung von diesem Seminar erfahren. Es gibt einige, die sich mit Inklusion beschäftigen. Ich hab’s spannend gefunden, weil es mehr Praxisbezug bietet als die theoretischen Lehrveranstaltungen dazu an der Uni.Und ich hab einen Platz bekommen.

KiJuKU: Hat sich die Erwartung erfüllt? Was haben Sie Neues erfahren?
Emma Lang: Ganz spannend waren und sind die verschiedene Ansichtsweisen, weil eben nicht Uni-Lehrende vortragen. Unglaublich spannend war die Tour mit einem ehemaligen Obdachlosen, der uns durch Wien geführt hat. Da hab ich vieles erfahren, das ich vorher nicht wusste. Und da kriegt man so auch Tipps mit, was man auch mit Schüler:innen machen kann oder könnte.

Auch in dem Buchladen („Löwenherz“ für Schwule und Lesben) war es sehr spannend. Ich hab einfach Neues kennengelernt, auf das ich sonst vielleicht nicht draufkommen würde, weil Vieles davon in der Ausbildung nicht so detailliert vorkommt.

KiJuKU: Hat der internationale Austausch Ihnen auch Neues vermittelt?
Emma Lang: Zu einem gewissen Teil schon, weil für Gruppenübungen schon gesagt wurde: Mischt euch und bleibt nicht in euren nationalen Gruppen. Aber in der Freizeit findet das weniger statt, weil wir alle auch in verschiedenen Hotels untergebracht sind.

Interessant war auch zu erfahren, wie das Schulsystem in anderen Ländern aufgebaut ist und dass nicht nur Lehrpersonen teilgenommen haben.

KiJuKU: Vielen Dank

kijuku_heinz

Mehmet Yılmaz, Lehrer aus der Türkei

„Kann meinen Schüler:innen viel Neues weitergeben“

Mehmet Yılmaz unterrichtet Englisch und Sport im türkischen Antalya, hat aber auch schon unter anderem in Van, im Südosten, dem kurdischen Teil seines Landes gelehrt.

KiJuKU: Wie schaut die Situation in Ihrer Schule bzw. insgesamt in der Türkei aus Inklusion in den Klassen?
Mehmet Yılmaz: Die meisten Schulen sind inklusiv, bei manchen, schweren Behinderungen körperlicher oder mentaler Natur gibt es schon separierte Schulen. Divers sind unsere Klassen vor allem, weil wir viele Schülerinnen und Schüler mit unterschiedlichen nationalen Hintergründen haben, Migrant:innen aus Nachbarländern der Türkei. Sicher haben wir auch  LGBTIQ-Jugendliche (Lesbians, Gays, Bisexuals, Transgender, Intersex & Queers) aber es ist schwierig, solche Themen anzusprechen, weil sich Eltern beschweren könnten, dass wir darüber sprechen. Das ist in der Türkei ein bisschen ein kompliziertes Thema.

Mehmet Yılmaz, Lehrer aus der Türkei
Mehmet Yılmaz, Lehrer aus der Türkei

KiJuKU: Was hat Sie bewogen, an diesem Seminar in Sachen Inklusion teilzunehmen?
Mehmet Yılmaz: Ich habe keine Ausbildung in diesem Bereich, ich wusste da noch nicht so viel und wollte mehr lernen, wie ich mit unterschiedlichen Schüler:innen umgehen kann, sie besser entsprechend behandeln kann.

Im Bereich Migrant:innen ist es so, dass jene Schüler:innen, die noch nicht gut Türkisch können entweder vor oder nach dem Unterricht in der gemeinsamen Klasse Sprachkurse machen müssen.

KiJuKU: Was nehmen Sie sich von diesem internationalen Seminar bisher mit?
Mehmet Yılmaz: Vor allem Vieles rund um LGBTIQ war für mich neu, da ist die Türkei schon recht konservativ. Dieses Wissen und auch die Erfahrungen der anderen Diskussionen, und Programmpunkte will ich meinen Schülerinnen und Schülern weitergeben. Ich hoffe, ich kann ihnen ein gutes Vorbild für gemeinsames, gutes Zusammenleben geben.

KiJuKU: Teşekkür ederim, spas (Kurmanji, eine der kurdischen Sprachen)

kijuku_heinz

Bis November 2022 haben über 101.000 Flüchtlinge aus der Ukraine vorübergehenden Schutz in der Slowakei beantragt. Seit dem Start der Partnerschaft im April 2022 wurden mit Unterstützung von UNICEF 3.500 neue Kindergartenplätze für slowakische und Flüchtlingskinder sowie 23 Spiel- und Lernzentren in 13 Gemeinden der Slowakei geschaffen, in denen etwa 650 kleine Kinder aufgenommen werden.

Schulschließungen führten zu Lernverlusten

Kinder, selbst in den wohlhabenderen Ländern der Erde, litten und leiden an den Folgen der Covid19-Pandemie. Dies ergab eine Analyse einer Abteilung des Kiknderhilfswerks der Vereinten Nationen, Unicef: Deutliche Rückschritte in ihrer schulischen Leistung, ihrem psychischen Wohlbefinden und ihrer körperlichen Gesundheit, veröffentlichte Unicef Innocenti – Global Office of Research and Foresight am Dienstag (13. Mai 2025).

„Report Card 19: Child Wellbeing in an Unpredictable World“ (Report Card 19: Wohlergehen von Kindern in einer unberechenbaren Welt) verglich Daten aus den Jahren 2018 und 2022 und zeigt durch diese auf, wie sich die Pandemie und die globalen Lockdowns auf Kinder in 43 OECD- und EU -Staaten ausgewirkt haben. Seit der letzten vergleichbaren Report Card vor fünf Jahren haben die Niederlande und Dänemark ihre Spitzenplätze als beste Länder für Kinder – gemessen an psychischem Wohlbefinden, körperlicher Gesundheit und Kompetenzen – behauptet. Auf Platz drei folgt Frankreich.

Harleth spielt unbeschwert, während ihre Mutter sie in die Luft hebt. Wie in Harleth werden in der Impfeinheit täglich zwischen 15 und 20 Kinder betreut, obwohl gelegentlich ein Jugendlicher ohne vollständigen Impfplan angetroffen wird. „Und ohne Impfungen gibt es keine Jiká“, sagen die Mütter untereinander, während sie sich Luft zufächeln und die Ordner schwenken, in denen sie Dokumente und Geburtsurkunden ihrer Kinder aufbewahren. Jiká bedeutet Gesundheit und ist Teil der Botschaften, die die Familien mitnehmen, wenn sie zu den Brigaden kommen.
Harleth spielt unbeschwert, während ihre Mutter sie in die Luft hebt. Wie in Harleth werden in der Impfeinheit täglich zwischen 15 und 20 Kinder betreut, obwohl gelegentlich ein Jugendlicher ohne vollständigen Impfplan angetroffen wird. „Und ohne Impfungen gibt es keine Jiká“, sagen die Mütter untereinander, während sie sich Luft zufächeln und die Ordner schwenken, in denen sie Dokumente und Geburtsurkunden ihrer Kinder aufbewahren. Jiká bedeutet Gesundheit und ist Teil der Botschaften, die die Familien mitnehmen, wenn sie zu den Brigaden kommen.

Rückgänge bei Vermittlung von Kompetenzen

Schulschließungen zwischen drei und zwölf Monaten zwangen viele Kinder zum Fernunterricht, was zu Lernverlusten führte. Der Bericht schätzt, dass Kinder im Durchschnitt sieben Monate bis ein Jahr hinter dem Lernstand zurückliegen, den sie eigentlich erreicht haben sollten. Besonders stark betroffen sind Kinder aus benachteiligten Familien. Der Bericht warnt, dass viele Länder erhebliche Rückgänge bei den schulischen Kompetenzen von Kindern verzeichneten – insbesondere bei grundlegenden Fähigkeiten wie Lesen und Mathematik.

„Bereits vor der Pandemie hatten Kinder in vielen Bereichen Schwierigkeiten und keinen ausreichenden Zugang zu Unterstützungsangeboten – selbst in wohlhabenden Ländern“, sagte Bo Viktor Nylund, Direktor von Unicef Innocenti. „Angesichts zunehmender wirtschaftlicher Unsicherheit müssen Länder die Bildung, Gesundheit und das Wohlergehen von Kindern priorisieren – zum Schutz ihrer Zukunftschancen und Lebenszufriedenheit, aber auch zur Sicherung der wirtschaftlichen Stabilität unserer Gesellschaften.“

Bis zu zwei Drittel lese- und rechenschwach

In den 43 untersuchten Ländern wurden rund acht Millionen 15-Jährige – etwa die Hälfte dieser Altersgruppe – als funktional nicht lese- und rechenschwach eingestuft, das heißt, sie konnten keinen einfachen Text verstehen. Das ist ein Anstieg um vier Prozent seit 2018. Dies wirft Fragen zu ihren langfristigen Perspektiven auf. Die höchsten Anteile fanden sich in Bulgarien, Kolumbien, Costa Rica, Zypern und Mexiko, wo mehr als zwei Drittel der 15-Jährigen in diese Kategorie fielen.

Unzufrieden mit dem eigenen psychischen Leben

Der Bericht äußert zudem Bedenken hinsichtlich der psychischen Gesundheit. Die Lebenszufriedenheit von Kindern hat sich in diesem Zeitraum deutlich verschlechtert – in 14 von 32 Ländern mit verfügbaren Daten nahm sie erheblich ab. Japan war das einzige Land mit einer deutlichen Verbesserung in diesem Bereich.

In Bezug auf die körperliche Gesundheit zeigt der Bericht, dass der Anteil übergewichtiger Kinder in 14 der 43 Länder mit verfügbaren Daten erheblich zugenommen hat – ein Trend, der sich bereits seit Langem abzeichnet.

Österreich: Handlungsbedarf bei mentaler Gesundheit und Bildung

Österreich belegt Platz 12 von 39 untersuchten Ländern in Bezug auf das Wohlergehen von Kindern. Relativ gut schneidet das Land bei den Kompetenzen der Kinder ab (Platz 7), während im Bereich der mentalen (Platz 16) und körperlichen Gesundheit (Platz 20) Aufholbedarf besteht.

Die Lebenszufriedenheit von Jugendlichen ist seit 2018 deutlich gesunken – nur noch 71% geben an, mit ihrem Leben zufrieden zu sein. Gleichzeitig berichten mehr als 21% der 15-Jährigen über häufiges Mobbing in der Schule. Ein weiteres Alarmsignal: Nur 71% der Jugendlichen sagen, dass ihre Eltern regelmäßig mit ihnen sprechen – ein vergleichsweise niedriger Wert im internationalen Vergleich. Positiv ist der Rückgang der jugendlichen Suizidrate auf 5,03 pro 100.000 (von 6,12), doch auch hier konnten andere Länder deutlich bessere Erfolge erzielen.

Im Bereich der körperlichen Gesundheit bleibt die hohe Übergewichtsrate von 28,5% bei Kindern ein ungelöstes Problem. Zwar ist die Kindersterblichkeit leicht gesunken (0,76 pro 1.000) und damit im Vergleich zu vielen anderen Ländern gering (der Medianwert der Report Card liegt bei 0,79), doch auch hier besteht weiteres Verbesserungspotenzial.

Leichtes Freundschaften-Knüpfen

Besonders kritisch ist die wachsende Chancenungleichheit im Bildungssystem: Der Leistungsabstand zwischen sozioökonomisch benachteiligten und privilegierten Kindern in Mathematik hat sich seit 2018 um 13 Punkte vergrößert. Zudem fühlen sich nur 68,5% der Kinder sicher genug, um zu beurteilen, ob eine Website vertrauenswürdig ist – ein Hinweis auf mangelnde digitale Kompetenzen. Immerhin: 80,2 % der Jugendlichen sagen, sie knüpfen leicht Freundschaften – ein positiver sozialer Faktor.

„Der Report zeigt deutlichen Handlungsbedarf in Österreich – es braucht etwa dringend die Stärkung digitaler Skills, die Erhöhung der Chancengerechtigkeit im Bildungssystem und Maßnahmen zur Stärkung der mentalen Gesundheit sowie gegen Mobbing. Positive diesbezügliche Ansätze im Regierungsprogramm gilt es nun umzusetzen und dabei Kinder und Jugendliche einzubeziehen. Es geht um nichts Geringeres als Gesundheit, Wohlbefinden und grundlegende Kompetenzen unserer Jugend“, so Christoph Jünger, Geschäftsführer von Unicef Österreich.

Weltkindertagsfest (September 2023) unter dem Motto „Jedes Kind braucht Zukunft“. Ein Mädchen malt mit Kreide auf der Straße am UNICEF-Stand.
Weltkindertagsfest (September 2023) unter dem Motto „Jedes Kind braucht Zukunft“. Ein Mädchen malt mit Kreide auf der Straße am UNICEF-Stand.

Forderungen für eine gute Kindheit

Insgesamt zeigt der Bericht, dass selbst Länder mit hohem Einkommen zunehmend Schwierigkeiten haben, Kindern die Bedingungen für eine gute Kindheit und eine positive Zukunft zu bieten. Mit Blick auf die Auswirkungen der Pandemie auf Kinder warnt der Bericht, dass hart erkämpfte Fortschritte beim Kindeswohl in wohlhabenden Ländern immer anfälliger für globale Ereignisse und Krisen – wie etwa den Klimawandel – werden.

Der Bericht fordert Regierungen und Akteure zum Handeln in mehreren Politikbereichen auf, um dem Rückgang des Kindeswohls entgegenzuwirken, unter anderem durch:

„Nach der Pandemie setzen die vorliegenden Daten einen beunruhigenden Maßstab für das Kindeswohl – insbesondere bei benachteiligten Kindern“, sagte Bo Viktor Nylund. „Das Ausmaß der Herausforderungen, denen Kinder gegenüberstehen, erfordert einen zusammenhängenden, ganzheitlichen und kindzentrierten Ansatz, der ihre Bedürfnisse in jeder Lebensphase berücksichtigt.“

Schüler:innen des Bernoulli-Gymnasiums

Mehr kleinere Tests statt Schularbeiten, mehr (Indoor-)Spielplätze, billigere Preise…

„Wir würden gern auch öffentliche Schulen haben, in denen wir eine Lehrberuf erlernen und Matura machen könnten“, berichten Schüler:innen des Bernoulli-Gymnasiums in der Donaustadt Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… bevor das jüngste Kinder- und Jugendparlament im großen Festsaal des Wiener Rathauses beginnt. „In ein paar Privatschulen gibt’s das, wieso aber in keinem öffentlichen Gymnasium?“, wundern sich die Jugendlichen einer vierten Klasse dieser AHS nahe dem Donauzentrum im 22. Bezirk. Die von ihnen auf Frage des Journalisten genannten Wunschberufe: Gärtnerei, Tischlerei, jedenfalls was Handwerkliches, einige würden gern etwas im Medizin-nahen Bereich erlernen und ein oder zwei auch im IT-Sektor.

Weiters hatten sich diese Jugendliche überlegt: „Mehr kleinere Tests zu bestimmten Themen statt der großen Schularbeiten; statt Noten nur bestanden oder nicht bestanden; Kennenlerntage am Anfang des Schuljahres, um die Klassengemeinschaft zu stärken und mindestens fünf Ausflüge pro Schuljahr.“

300 junge Abgeordnete

Mittwochvormittag diskutierten rund 300 Kinder und Jugendliche (235 Kinder, 60 Jugendliche) des aktuellen Wiener Kinder- und Jugendparlaments in mehreren Arbeitsgruppen ihnen wichtige Themen und Forderungen. Und diese werden in die neue, die mittlerweile zweite, Kinder- und Jugendstrategie 2025 bis 2030 der Stadt Wien einfließen. Das versprachen neun Stadt- und Gemeinderät:innen, die mit den jungen Delegierten gegen Ende der Arbeitsgruppen diskutierten und verkündete nicht zuletzt der (noch?) Wiener Vizebürgermeister und für Kinder, Jugend, Integration, Bildung zuständige Stadtrat (Christoph Wiederkehr, der in Medien heftig als neuer Bildungsminister gehandelt wird).

„Eure Ideen sind nicht nur wichtig, sie sind entscheidend! Ihr seid die Architekt*innen, Drehbuchautor*innen und Komponist*innen dieser Stadt. Heute geht es darum, eure Stimme zu erheben, um Wien zur kinder- und jugendfreundlichsten Stadt der Welt zu machen. Gemeinsam gestalten wir eine Zukunft, in der eure Visionen gehört werden und echte Veränderungen passieren. Denn Wien braucht euch – eure Kreativität, euren Mut und eure Entschlossenheit“, so der genannte Stadt-, vielleicht künftig Bundes-Politiker.

Öffis bis nach Niederösterreich

Zurück zu jungen Delegierten mit denen KiJuKU.at gesprochen hat: Aus dem Gymnasium Geringer Gasse (Simmering, 11. Bezirk) sowie der VBS Schönborngasse (private Handelsakademie im 8. Bezirk, Josefstadt) berichteten die vier Schülerinnen Warisha, Anna, Shivani und Nepheli, die sich für verschiedene Arbeitskreise mit Kolleg:innen schulübergreifend vorbereitet hatten:

Für die Themen Klima und Natur wollen wir mehr autofreie Zonen in der Stadt, den Ausbau von Öffis auch über die Stadtgrenze hinaus nach Niederösterreich wie es u.a. die geplante Straßenbahnlinie 72 war, die bis nach Schwechat fahren sollte. Außerdem sollen Klimaförderungen ausgebaut und nicht eingeschränkt, aber sozial gerechter gemacht werden. Und Öffis sollen nur grünen Strom, also aus erneuerbaren Energien verwenden.

Blick auf Kinderdelegierte auf den roten Sesseln im Festsaal des Wiener Rathauses
Blick auf Kinderdelegierte auf den roten Sesseln im Festsaal des Wiener Rathauses

Frauenrechte

Ganz wichtig und engagiert sprachen alle vier, auch die für andere Arbeitsgruppen, über Frauenrechte. Von Gratis-Hygieneartikeln in den Schulen bis zu mehr Forschung wie sich Medikamente und medizinische Behandlung auf Frauen auswirken. Für mehr Sicherheit für Frauen in der Stadt soll es mehr öffentliche Beleuchtung geben und vielleicht in den Öffis auch eigene Safe Spaces.

Poltische Bildung und Ethik-Unterricht

Politisch Bildung sollte ein eigenes Fach sein, war die Forderung an die Arbeitsgruppe Bildung – wo andere dem widersprachen und meinten, die Belastung für Schüler:innen wäre ohnehin schon genug, da würde ein weiteres eigenes Fach den Stress nur erhöhen. Eine andere Forderung dieses Quartetts in Sachen Bildung: Ethik als verpflichtendes Unterrichtsfach schon in der Unterstufe und dafür Religion als unverbindliche Übung – um das Gemeinsame in den Vordergrund zu stellen.

Gesundes statt Süßgetränke

Gesundheit war das Thema der Kinder der Offenen Volksschule Wagramer Straße, die sich für die Eröffnungsrunde aller Delegierten in den ersten beiden Reihen der mittleren Stuhlreihen platziert hatten. „Statt Süßgetränken sollte es Automatin mit gesunden Sachen geben, zum Beispiel Obst“, vertrauen diese Kinder dem Reporter an.

Mehr Grün, Spielplätze, billigere Lebensmittel

Groß und breit ist die Palette der Forderungen und Themen von Jugendlichen der Mittelschule Gundäckergasse (Favoriten, 10. Bezirk): Mehr Grün und mehr Spielplätze, Gleichberechtigung, keine Kinderarbeit und Preise für Lebensmittel sollen billiger werden.

Mehr Indoor-Spielplätze für Schlechtwetter, Spielplätze auch für ältere Kinder waren noch weitere Wünsche, die in der Eröffnungsrunde im vollbesetzten großen Festsaal des Wiener Rathauses erhoben worden sind.

Gruppenfoto einer Klasse im großen Festsaal
Gruppenfoto einer Klasse im großen Festsaal

Beteiligungsprozess

Seit einigen Jahren bringen junge Stadtbewohner:innen in regelmäßigen wienweiten Kinder- und Jugendparlamenten, aber auch in Bezirken, ihre Ideen ein – so manches davon fließt in die Arbeit der Abteilungen der Stadt Wien auch ein. Die Diskussionsergebnisse vom Mittwoch werden am 10. April im selben großen Festsaal des Wiener Rathauses vorgestellt und wie schon erwähnt Teil der nächsten Kinder- und Jugendstrategie der Stadt.

Die Teilnehmer:innen des aktuellen Wiener Kinder- und Jugendparlaments haben sich im Herbst online für die Teilnahme am Parlament angemeldet, bereiteten sich seit Dezember in zwei Sitzungen intensiv auf ihre Themen vor. Die Kinder des Kinderparlaments – Vertreter:innen von einem Kindergarten und jeweils einer Klasse bis zur 8. Schulstufe – entwickelten ihre Anliegen in jeweils drei Workshops an ihren Schulen und im Kindergarten.

Grundlage für die Themenschwerpunkte waren die Ergebnisse einer von Wienxtra beauftragten Kinder- und Jugendstudie aus dem Vorjahr.

Beim Abschlusstermin im Wiener Rathaus am 10. April 2025 werden die gesammelten, verschriftlichten Themen an die Stadtregierung übergeben und sollen in weiterer Folge in die neue Kinder- und Jugendstrategie der Stadt Wien für die Jahre 2025-2030 integriert werden.  Dieser Prozess wird von der Koordinationsstelle Junges Wien (Wienxtra und Stadt Wien) geleitet. „Mit dem Kinder- und Jugendparlament schaffen wir eine Plattform, die jungen Menschen eine echte Stimme gibt. Ihre Anliegen werden gehört und fließen direkt in die Stadtpolitik ein“, so Benjamin Schmid, Leiter der Koordinationsstelle Junges Wien bei Wienxtra.

Zusammenfassende Forderungen vom aktuellen Treffen

Um die Vielfalt der Themen aus allen Lebensbereichen der jungen Generation zu berücksichtigen, waren für die Ausschüsse Vertreter:innen aller Geschäftsgruppen der Stadtregierung anwesend und hier die Zusammenfassung aus der Rathaus-Medien-Aussendung
* Arbeit und Wirtschaft – Stadtrat Peter Hanke/ Gemeinderätin Katharina Weninger
Senkung der Lebenserhaltungskosten, bessere Bezahlung für Zivildienstleistende, sichere Arbeitsplätze für Jugendliche und vieles mehr (uvm.)
* Demokratie, Teilhabe und Inklusion – Gemeinderätin Nina Abrahamczik
Erleichterter Zugang zur Staatsbürgerschaft, Wahlen für alle, verstärkte politische Inklusion uvm.
* Frauen, LGBTQI+, Gleichberechtigung – Stadträtin Kathrin Gaál
Präventionsarbeit gegen Gewalt, Gutscheine für Menstruationsprodukte, Frauen und Behindertenquoten in Betrieben uvm.
* Gesundheit und Soziales – Stadtrat Peter Hacker
Zukunft des Gesundheitssystems sichern, einfacherer Zugang zu psychischer Hilfe, kostenlose Verpflegung für Jugendliche und bezahltes Mittagessen für Lehrlinge uvm.
* Klima, Natur und Umwelt – Stadtrat Jürgen Czernohorszky
Sozial gerechte Klimaförderungen, bessere Mülltrennung in Wohnanlagen, Erhalt der Donauinsel als frei zugänglichen Naturraum uvm.
* Öffentlicher Raum und Mobilität – Gemeinderat Jörg Neumayer
Mehr autofreie Zonen, Ausbau von Fahrradwegen, mehr Grünflächen für Sport, Ausbau von Spielstraßen uvm.
* Bildung und Schule – Gemeinderätin Dolores Bakos
Mehr Demokratiebildung an Schulen, ein eigenes Schulfach für Berufsorientierung, Stärkenförderung an Schulen, Maßnahmen gegen Leistungsdruck uvm.
* Freizeit und Kultur – Gemeinderätin Marina Hanke
Mehr Sicherheit im Internet, Ausbau von Treffpunkten für Jugendliche und Spielplatz-Angebote, zugängliche und bezahlbare Sportmöglichkeiten uvm.
* Gemeinschaft und Sicherheit – Gemeinderätin Dolores Bakos
Maßnahmen gegen Rassismus und Mobbing, bessere Beleuchtung öffentlicher Plätze für mehr Sicherheit.

kijuku_heinz

junges.wien

Die Cholera-Epidemie in mehreren Ländern im östlichen und südlichen Afrika hielt auch 2024 an. Alistina und ihr Sohn Emmanuel holen sich deswegen in Sambia ihre Präventivimpfung gegen Cholera ab.

Fast jedes fünfte Kind auf der Welt lebt in einer Konfliktregion

Fast jedes Kinder auf der Welt lebt in einer der Konfliktregionen. Dies ergeben jüngste vom Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, Unicef, veröffentlichte Daten. 473 Millionen Kinder und Jugendliche (Kinder im Sinne der UNO-Kinderrechtskonvention zählen bis 18 Jahre) sind von kriegerischen Auseinandersetzungen in ihrer Heimat betroffen – bei nicht ganz 2,5 Milliarden Kindern und Jugendlichen weltweit.

Der Krieg in der Ukraine jährt sich bald zum dritten Mal. Kinder in Frontgebieten mussten wegen Tausender Luftangriffswarnungen bis zu 5.000 Stunden – das entspricht fast 7 Monaten – im Untergrund Schutz suchen. Die Arbeit von UNICEF in der Ukraine konzentriert sich darauf, Kindern Zugang zu medizinischer Versorgung, Impfungen, Ernährungshilfe, Schutz, Bildung, sauberem Wasser und sanitären Einrichtungen, sozialem Schutz sowie psychischer Gesundheit und psychosozialer Unterstützung zu gewähren.
Der Krieg in der Ukraine jährt sich bald zum dritten Mal. Kinder in Frontgebieten mussten wegen Tausender Luftangriffswarnungen bis zu 5.000 Stunden – das entspricht fast 7 Monaten – im Untergrund Schutz suchen. Die Arbeit von UNICEF in der Ukraine konzentriert sich darauf, Kindern Zugang zu medizinischer Versorgung, Impfungen, Ernährungshilfe, Schutz, Bildung, sauberem Wasser und sanitären Einrichtungen, sozialem Schutz sowie psychischer Gesundheit und psychosozialer Unterstützung zu gewähren.

Negativ-Rekord seit dem 2. Weltkrieg nicht

„In fast jeder Hinsicht war 2024 eines der schlimmsten Jahre für Kinder in Konfliktsituationen in der 78-jährigen Geschichte von UNICEF – sowohl was die Zahl der betroffenen Kinder als auch die Auswirkungen auf ihr Leben betrifft“, sagte UNICEF-Exekutivdirektorin Catherine Russell laut einer ORF-Meldung. Diese 19 Prozent sind ungefähr eine Verdoppelung gegenüber den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts. „Die Zahl der Konflikte ist laut Global Peace Index die höchste seit dem Zweiten Weltkrieg“, heißt es laut der schon zitierten ORF-Nachricht.

Im April jährte sich der Krieg im Sudan erstmalig, mittlerweile ist der Sudan Schauplatz der größten Kindervertreibungskrise der Welt. UNICEF ist und bleibt vor Ort und in den Nachbarländern, um die geflüchteten Kinder und ihre Familien versorgen zu können. Zusätzlich versucht UNICEF so vielen Kindern wie möglich weiterhin Zugang zu Bildung zu ermöglichen.
Im April jährte sich der Krieg im Sudan erstmalig, mittlerweile ist der Sudan Schauplatz der größten Kindervertreibungskrise der Welt. UNICEF ist und bleibt vor Ort und in den Nachbarländern, um die geflüchteten Kinder und ihre Familien versorgen zu können. Zusätzlich versucht UNICEF so vielen Kindern wie möglich weiterhin Zugang zu Bildung zu ermöglichen.

Nicht aufgeben, helfen!

Dennoch gebe es – der Homepage von Unicef-Österreich zufolge „auch Positives zu vermelden. Bis inklusive Juni 2024 konnte UNICEF unter anderem

Mehr dazu ist auf der Homepage von Unicef-Österreich im Jahresrückblick zu finden, dem auch die hier veröffentlichten Fotos entnommen sind – Link dazu ganz am Ende des Beitrages.

kijuku_heinz

unicef.at -> das-jahr-2024-in-bildern

Sediqa Saeedi bei ihrer Rede im Festsaal des Wiener Rathauses

„Kann mich glücklich schätzen, dass ich hier in Österreich in die Schule gehen darf“

ﻣﻦ اﻣﺮوز اﯾﻨﺠﺎ ھﺴﺘﻢ ﺗﺎ در ﻣﻮرد ﻣﻮﺿﻮع ﺣﻘﻮق ﺑﺸﺮ ﺻﺤﺒﺖ ﮐﻨﻢ. ﻣﻦ ﻣﯽ ﺧﻮاھﻢ اﻣﺮوز اﯾﻨﺠﺎ ﻧﮫ ﻓﻘﻂ ﺑﺮای

ﺧﻮدم، ﺑﻠﮑﮫ ﺑﮫ ﻧﻤﺎﯾﻨﺪﮔﯽ از دوﺳﺘﺎﻧﻢ در اﻓﻐﺎﻧﺴﺘﺎن ﮐﮫ ﺻﺪاﯾﯽ ﻧﺪارﻧﺪ و اﺟﺎزه ﺣﻀﻮر در اﯾﻨﺠﺎ را ﻧﺪارﻧﺪ، .ﺻﺤﺒﺖ ﮐﻨﻢ

Sehr geehrte Damen und Herren!
Ich darf heute hier über das Thema Menschenleben – Menschenrechte – Menschenpflichten sprechen. Ich möchte heute hier nicht nur für mich sprechen, sondern stellvertretend für meine Freundinnen in Afghanistan, die keine Stimme haben und hier nicht stehen dürfen.
Ich bin Sediqa Saeedi. Ich bin 15 Jahre alt und vor drei Jahren aus Afghanistan nach Österreich gekommen. Ich gehe in die vierte Klasse der MSI Feuerbachstrasse.

مدت سھ سال میشود کھ در اتریش آمدم و کلاس چھارم Msi Feuerbachstraße ھستم

اصلاً حقوق بشر چیست؟ وظایف انسان چیست؟

Als ich mit meiner Vorbereitung für die Rede begonnen habe, habe ich mich gefragt? Was bedeutet das überhaupt Menschenrechte? Und was sind Menschenplichten? Ich habe dazu mit Freundinnen und MitschülerInnen gesprochen. Zuerst in Österreich.
Meine MitschülerInnen haben gesagt: Weiß ich nicht, was das ist? Ich kenne das nicht. Und dann habe ich meinen Freundinnen in Afghanistan geschrieben. Und die haben das sofort gewusst: Menschenrecht bedeutet, dass wir die gleichen Rechte wie Männer haben, dass wir in Freiheit, in Sicherheit und in Frieden leben dürfen, und dass wir zur Schule gehen dürfen.
Wissen wir und schätzen wir erst dann, was Menschenrechte sind, wenn sie uns weggenommen werden?

ماده 1 اعلامیھ جھانی حقوق بشر بیان می کند کھ ھمھ افراد بشر آزاد بھ دنیا می آیند و از نظر حیثیت و

.حقوق برابر ھستند

.ماده 3 می گوید ھر کس حق حیات، آزادی و امنیت شخصی دارد

.و ماده 26 می گوید کھ ھر کس حق دارد از آموزش و پرورش برخوردار شود

.یعنی دوستان من و بسیاری دخترای دیگھ در افغانستان ھمھ این حقوق را از دست داده اند

Sediqa Saeedi bei ihrer Rede im Festsaal des Wiener Rathauses
Sediqa Saeedi bei ihrer Rede im Festsaal des Wiener Rathauses

Ich bin in Herat, Afghanistan aufgewachsen. Ich wusste damals noch nicht, was Menschenrechte sind. Ich habe mit meiner Freundin Naz in der gleichen Straße gewohnt, nur 5 Minuten voneinander entfernt. Es war nicht sicher in die Schule zu gehen, aber wir sind trotzdem jeden Tag gegangen. Obwohl wir Angst vor Bomben und Angriffen hatten. Meine Freundin Naz war die beste in der Klasse, heute darf sie nicht mehr in die Schule gehen.

Am Nachmittag sind wir mit dem Fahrrad in unserer kleinen Straße gefahren. Meine Freundin darf heute nicht mehr Fahrrad fahren und nur verhüllt und in Begleitung eines Mannes auf die Straße. Was glauben Sie? Wie fühlt sie sich jetzt? Was wird aus ihr und ihren Träumen? Das Recht auf Freiheit, Frieden, Sicherheit und gleiche Rechte unabhängig von Herkunft und Religion ist in der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte festgelegt.

دوستم نازی ھم سن و سال من ورزشکار بود، ژیمناستیک می کرد. او دیگر اجازه این کار را ندارد. او در

مدرسھ خیلی خوب بود و می خواست مثل من دکتر شود، اما دیگر امکان پذیر نیست. این من را بسیار ناراحت

ﻣﯽ ﮐﻨﺪ، اﻣﺎ ﺑﮫ ھﻤﯿﻦ دﻟﯿﻞ اﺳﺖ ﮐﮫ ﻣﻦ اﻣﺮوز اﯾﻨﺠﺎ ﺻﺤﺒﺖ ﻣﯽ ﮐﻨﻢ ﺗﺎ ﻧﺸﺎن دھﻢ ﮐﮫ داﻧﺴﺘﻦ ﺣﻘﻮق ﺑﺸﺮ و .

. ﻣﺒﺎرزه ﺑﺮای آﻧﮭﺎ ﭼﻘﺪر ﻣﮭﻢ اﺳﺖ .

Sediqa Saeedi bei ihrer Rede im Festsaal des Wiener Rathauses
Sediqa Saeedi bei ihrer Rede im Festsaal des Wiener Rathauses

Menschenrechte zu leben bedeutet, dass wir in Respekt und Solidarität miteinander leben. So bin ich aufgewachsen. Es war in meiner Familie immer wichtig respektvoll und freundlich mit anderen zu sein. Zu helfen, wenn andere in Not sind. Egal wer sie sind, ob reich oder arm. Das hat mich geprägt. Nur wenn es anderen gut geht, dann geht es uns auch gut.

Wenn wir Menschenrechte, sowie in Freiheit und Sicherheit leben möchten, haben wir nicht dann auch die Pflicht die Rechte anderer zu wahren und zu respektieren?

ھفتاد و پنج سال پیش در دسامبر گذشتھ، مجمع عمومی سازمان ملل متحد اعلامیھ جھانی حقوق بشر را

تصویب کرد. این یک پروژه بزرگ صلح بود کھ پس از جنایات جنگ جھانی دوم ایجاد شد. امروزه دیگر در
سیاری از کشورھا حقوق بشر رعایت نمی شود، جنگ ھا بیشتر و دموکراسی ھا کمتر است. اما حتی در

اروپا کھ خود را خوش شانس می دانیم کھ رفاه، دموکراسی و حقوق بشر داریم، اینھا تضمین نمی شود. روز

.بھ روز صداھای بیشتری شنیده می شود کھ می گویند حقوق برابر امکان پذیر نیست

Artikel 29 der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte legt fest, dass
– jeder Pflichten gegenüber der Gemeinschaft hat,
–  jeder die Anerkennung und Achtung der Rechte und Freiheiten Anderer zu sichern hat und
– für das allgemeine Wohl in einer demokratischen Gesellschaft beizutragen hat.

Wenn wir unsere Menschenrechte und -pflichten vergessen, ist dann nicht auch unsere Demokratie, unser Frieden und unser Wohlstand hier in Österreich gefährdet?

Als ich meinen Mitschülerinnen erklärt habe, was Menschenrechte sind, haben sie gesagt, „ja, wir möchten das Recht haben, nicht in die Schule gehen zu müssen. Ich will nicht in die Schule gehen, ich habe keinen Bock.“

Sediqa Saeedi bei ihrer Rede im Festsaal des Wiener Rathauses
Sediqa Saeedi bei ihrer Rede im Festsaal des Wiener Rathauses

ھمھ ما وظیفھ داریم برای حقوق بشر مبارزه کنیم و صدای خود را بلند کنیم. ما ھمچنین وظیفھ داریم برای

دفاع از حقوق و آزادی دیگران دفاع کنیم. این بدان معنا نیست کھ ما باید با سلاح بجنگیم. اما حق آموزش و

حق یادگیری ارزش حقوق بشر شاید بتواند بھ صلح و رفاه بیشتر کمک کند. و نھ اینکھ مردم فقط زمانی از آن

.شوند کھ آن را از دست داده باشند اگاه

Ich wachse in zwei Welten auf, ich kann mich glücklich schätzen, dass ich hier in Österreich sein kann, in Frieden, in Sicherheit und in die Schule gehen darf. Ich habe den Vergleich mit Afghanistan und weiß, dass es nicht selbstverständlich ist.

Wenn ich höre, dass Kinder hier nicht zur Schule gehen wollen, macht mich das traurig, besonders wenn ich an die Mädchen in Afghanistan denke, für die das ein Traum wäre in die Schule zu gehen. Artikel 26 der Menschenrechtserklärung legt das Recht auf Bildung fest. Aber er sagt auch, dass die Achtung vor den Menschenrechten gestärkt werden muss.

Lernen wir hier in Österreich in der Schule genug, über die Bedeutung von Menschenrechten und unsere Pflichten für diese einzutreten? Ich glaube nicht.

Sediqa Saeedi bei ihrer Rede im Festsaal des Wiener Rathauses
Sediqa Saeedi bei ihrer Rede im Festsaal des Wiener Rathauses

من از اصالتم اینکه امروز می توانم حق انسانی خود را برای تحصیل و آزادی زندگی کنم سپاسگزارم. امیدوارم در

مورد حقوق بشر و مسئولیت های انسانی بیشتر بیاموزیم و با صدای بلند صحبت کنیم که کدام حقوق در همزیستی

!ما مهم است. امیدوارم امروز بتوانم سهم مهمی در این امر داشته باشم. و خیلی ها را به فکر وادار کنم!

Ich bin „Sag‘s Multi“ sehr dankbar für diese Möglichkeit, heute hier zu stehen und über Menschenrechte zu reden. Ich habe am Anfang gesagt, dass ich heute stellvertretend für viele Mädchen aus Afghanistan spreche. Ich bitte alle die hier heute zuhören, über unsere Menschenrechte und unsere Pflichten nachzudenken, zu diskutieren und nachzulesen, wie wir diese besser schützen können. Und ich appelliere an alle, die die Macht haben etwas zu verändern, Menschenrechtsbildung in Kindergärten, Schulen und Arbeitsstätten zu stärken.

Danke für ihre Aufmerksamkeit!

Rebels of Change Jugendforum 2023 im Kulturareal Brotfabrik

Zukunft ist jetzt – Nachhaltigkeit unterschätzt

Es ist 2023 und die Zukunft ist jetzt
Noch immer wird Nachhaltigkeit unterschätzt
Mit kritischen Stimmen stellen wir fest
Unsere Forderungen brauchen ein Manifest
Wir junge Rebell:innen haben vieles zu sagen
Es liegt der Kurs der Entwicklungsziele im Argen
Unser Jugendforum fördert zu Tage

Wir befinden uns in einer kritischen Lage

Das sind acht von 156 – gereimten – Zeilen, die rund zwei Dutzend Jugendliche Anfang Oktober am Ende eins zweitägigen intensiven Gedankenaustausches und künstlerischer Workshops in Gruppenarbeiten in ihrem „poetischen Manifest“ formuliert haben. „Rebels of Change“ nennt sich das Jugend-Forum, zu dem die entwicklungspolitische NGO (Nicht-Regierungs-Organisation) „Südwind“ immer wieder Jugendliche selbst einlädt, um deren eigene Standpunkte zu erarbeiten und vorzustellen.

Zwei Dutzend Jugendliche und junge Erwachsene setzten sich ein Wochenende lang intensiv vor allem mit sechs der 17 von der UNO gemeinsam beschlossenen Nachhaltigskeitsziele (Sustainable Development Goals – SDG) auseinander, die sie zu Beginn selbst ausgewählt haben. Diese sechs SDG-Ziele (Link zum Wikipedia-Artikel über alle 17 SDG-Ziele am Ende des Beitrages) waren:
1 – Keine Armut
3 – Gesundheit und Wohlergehen
4 – Hochwertige Bildung
5 – Geschlechter-Gleichheit
12 – nachhaltige/r Konsum und Produktion
13 – Maßnahmen zum Klimaschutz

Rebels of Change Jugendforum 2023 im Kulturareal Brotfabrik
Foto aus dem Skulpturen-Workshop

Kreativ umsetzen

Für ihr zum Abschluss entstandenes Manifest schreiben sie zunächst zu diesen auf, wie sie den derzeitigen Zustand – in der Welt, aber nicht zuletzt in Österreich sehen, um daraus in der Folge Forderungen abzuleiten und letztlich die Stichworte und Sätze zu reimen.

Davor hatten sie an den beiden Tagen schon ihre Gedanken – aufgeteilt – in drei künstlerischen Workshops erarbeitet und zum Ausdruck gebracht: Schauspiel (mit Joschka Köck vom Theater der Unterdrückten), Comic-Illustration (Esma Bošnjaković – Sturdelworte) und Bildhauerei (Osama Zatar), die in den vergangenen Monaten auch mit Jugendlichen für das Festival „DWG – Demokratie, was geht?“ gearbeitet hatten.

Über den zuletzt genannten Workshop erzählt Nicola im Interview mit Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr…:
Nicola: Ich habe mich dem Bildhauerei Workshop gewidmet. Das war mir am weitesten entfernt und das habe ich als Möglichkeit gesehen, einmal hineinzuschnuppern.

KiJuKU: Wie habt ihr diese Hände im Workshop gemacht?
Nicola: Erstmal haben wir unsere Hand in ein Gefäß gegeben, wo wir eine silikonartige Substanz eingefüllt haben. 10 Minuten dauert es bis sie trocknet und dann ist ein Abdruck von unserer Hand in diesem Silikon entstanden. Diesen haben wir dann mit Gips gefüllt und das getrocknete Silikon aufgeschnitten. Unser Ziel war es, viele dieser Forderungen, die wir an die Politik haben, kreativ darzustellen. Mir war das Recht auf Bildung sehr wichtig. Deswegen habe ich eine Hand gemacht, die einen Stift haltet als Symbol für die Schulbildung.

Was an den Spruch der jüngsten Friedens-Nobelpreisträgerin (mit 17 im Jahr 2014) aller Zeiten Malala Yousafzai erinnert: „Ein Kind, ein Lehrer, ein Stift und ein Buch können die Welt verändern.“

Zum ausführlichen Interview mit Nicola geht es hier unten.

Skulpturen

Zu den einzelnen Skulpturen formulierten die neuen Bildhauer:innen ihre Forderungen, zur Bildung etwa: „Wir fordern kreativere Menschen im Bildungswesen. Wir fordern eine Erneuerung des Bildungswesens, sodass es sinnvoll an heutige Bedürfnisse angepasst ist.

Hier nun die anderen Skulpturen – sowie jene Forderungen für die sie stehen:

Eine kämpferisch erhobene Faust, die die Erde hält steht für „Wir fordern, dass Klimaschutz gesetzlich verankert wird!“

Die Hand einer wohlhabenden Person (symbolisiert durch Ringe) hält die meisten Münzen in der Hand, die anderen Hände strecken sich danach aus und haben selbst zu wenig. Das steht für die Forderung nach Vermögensumverteilung.

Eine Männerhand, die einen Frauenmund zuhält und eine Frauenhand, die versucht die Männerhand wegzuziehen ist die dreidimensionale kreative Umsetzung der Forderung nach „mehr Frauenrechten“ sowie nach „Geschlechtsidentität und sexueller Orientierung ohne Vorurteile“.

Schließlich steht eine aufrechte Hand auf einer Eisscholle und hält eine Sanduhr. Damit drücken die Teilnehmer:innen – stellvertretend für alle Forderungen – aus: Die Zeit läuft ab, wir müssen jetzt handeln!

Einige der Comics

Für Comics-Zeichnen hatte sich unter anderem Aeron entschieden, der dazu folgendes meinte:
KiJuKU: Was nimmst du jetzt von den zwei Tagen mit?
Aeron: Dass man Forderungen auch kreativ verarbeiten kann und dass es da Möglichkeiten gibt, an die ich vorher gar nicht gedacht habe. Ich habe mich für Comics entschieden. Es muss nichts Aufwendiges sein, es reichen so simple Sachen, wie ein Strichmanderl.
Das ausführliche Interview mit Aeron gibt es hier unten

Zehn Forderungen für eine nachhaltigere Zukunft

1. Wir fordern mehr Frauenrechte und eine konsequente Umsetzung der Rechte und Sanktionen bei deren Verletzungen!
2. Wir fordern eine Erneuerung des Bildungswesens, sodass es an die heutigen Bedürfnisse sinnvoll angepasst ist!
3. Wir fordern eine Vermögensumverteilung!
4. Wir fordern, dass Klimaschutz gesetzlich verankert wird!
5. Wir fordern kreativere Menschen im Bildungswesen!
6. Wir fordern, dass Geschlechtsidentitäten und sexuellen Orientierungen ohne Vorurteile begegnet wird, sowie einen leichteren Zugang zu medizinischen Möglichkeiten der Geschlechtsänderung und eine Erleichterung von Namensänderungen!
7. Wir fordern zugängliche, nachhaltige Menstruationsprodukte und Verhütungsmittel für alle!
8. Wir fordern eine strengere Bekämpfung von Kinderarbeit und Sklaverei!
9. Wir fordern, dass es keine Massentierhaltung mehr gibt!
10. Wir fordern strengere Tierschutzgesetze!

Zum Poetischen Manifest geht es hier unten

Das Poetische Manifest des
Das Poetische Manifest des „Rebel of Change“ Jugendforums Anfang Oktober 2023

Follow@kiJuKUheinz

Wikipedia-Artikel über die 17 Nachhaltigskeitsziele, SDG

"Die unmöglichen Möchlichmacher:innen" aus der Brückenschule (Wien-Liesing)

Unmögliche Möglichmacher:innen

Dutzende Initiativen, Vereine, Organisationen, Schulen sowie kommerzielle Anbieter präsentierten ihre Angebote nach der Verleihung des Staatspreises innovative Schulen auf drei Stockwerken in der Aula der Akademie der Wissenschaften in der Wiener Innenstadt. Mehrere Stunden waren die Messestände in Betrieb, stellten Mitarbeiter:innen vor, welche Angebote – von naturwissenschaftlichen Experimenten, klima- und umweltrelevanten Projekten bzw. Spielen über landwirtschaftliche Pflanz-projekte, Zusatz-Qualifikationen bis zur Bearbeitung psychischer und psychologischer (mental health) es jedenfalls gibt. Es waren sicher bei Weitem nicht alle.

Manche zeigen allerdings auf, was Schulen selber zukaufen sollen/können/müssen, auch wenn beispielsweise gerade naturwissenschaftliche Experimente auch Teil des „normalen“ Unterrichts sein könnten/sollten/müssten. Wobei es für Wiener Pflichtschulen seit Kurzem unter dem Titel „Wiener Bildungs-Chancen“ die Möglichkeit gibt, kostenpflichtige Angebote gratis wahrzunehmen – die Stadt Wien bezahlt dafür in Summe vier Millionen Euro – siehe hier.

Neben den engagierten, (Spiel-)Freude versprühenden jugendlichen angehenden Elementarpädagog:innen aus der BAfEP Strebersdorf – die kommen im Artikel über die Preisverleihung vor, weil diese Bildungsanstalt einen der zehn Preise gewonnen hat – stachen dem durch die Ausstellung wandernden Journalisten die Jugendlichen der „Brückenschule“ ins Auge. Die über eine Brücke verbundene aus zwei Gebäuden bestehende Schule in Wien Liesing präsentierte eine bunten Stand mit unter anderem einer „sozial genialen Box“. Berfin, Omar, Anais, Melissa, Nicole, Suhejla, Elif, Hamed, Leonie, Hassan, Nina, Marcel, Shaidullah, Nikodem und Dokka hatten gemeinsam dieses Set aus einer Art gestapelten Werkzeugboxen erarbeitet. Nach langem Tüfteln, basteln und gestalten finden sich in diesen Boxen Elemente für Spiele für soziales Lernen. „Zum Beispiel haben wir eine kleine Box mit Steinen. Die haben wir zuerst gesammelt und dann mit Symbolen bemalt, die Gefühle ausdrücken können. So haben auch Schülerinnen und Schüler, die noch nicht so gut Deutsch können oder sich noch schwertun, über Gefühle zu reden, die Möglichkeit zu zeigen, wie es ihnen gerade geht“, schildern Berfin und Anais ein wichtiges Element des genannten Holzkisterls.

Sozusagen ein Einstieg, um davon ausgehend über Gefühle zu reden. Das ist aber nur eine Basis, von der ausgehend dann mögliche Konflikte besprochen, bearbeitet und Streits geschlichtet werden (können).

Die genannten sind rund zwei Drittel ihrer – jetzt vierten („wir haben das aber im vorigen Schuljahr entwickelt“) Klasse, „wir haben das alles freiwillig gemacht – als eigener Verein und wir nennen uns „Die unmöglichen Möglichmacher:innen“

Follow@kiJuKUheinz

Roukaya (rechts) ist 15 Jahre alt. Gemeinsam mit einer Freundin muss sie in Gomozo (Niger) Wasser holen und in Kanistern nach Hause transportieren.

Wenn Tag für Tag nur Wasser holen am Programm steht

„Wir verpassen Schulstunden, weil wir Wasser holen müssen. Manchmal kommen wir zu spät zum Unterricht und der Lehrer schimpft mit uns. Wenn wir am Nachmittag vom Wasserholen kommen, sind wir oft zu erschöpft, um die Hausaufgaben zu machen. Während der heißen Jahreszeit ist der Bedarf an Wasser größer. Es gibt also Tage, an denen es schwierig wird, überhaupt in die Schule zu gehen.“ Diesen zusammengefassten Erlebnisbericht der 15-jährigen Roukaya aus dem Niger (von vor einigen Wochen, wobei sich nach dem aktuellen Putsch daran sicher nichts, jedenfalls nicht zum Besseren, verändert) stellte die Österreich-Sektion des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen (Unicef) der Information zu einer neuen Kampagne voran.

Fast ein Viertel der Weltbevölkerung (1,8 Milliarden Menschen) lebt in Haushalten ohne eigene Wasserversorgung, rund 771 Millionen Menschen (im Vergleich: Mehr als ganz Europa, also EU plus Großbritannien, Schweiz, die Nachfolgeländer Jugoslawiens, Albanien, Ukraine, Russland, Moldau …) haben gar keine Grundversorgung mit Trinkwasser. Das hat vor allem für Millionen Kinder, insbesondere Mädchen und junge Frauen, dramatische Auswirkungen auch auf ihre (Nicht-)Bildung.

Hier (im Jemen) schleppt ein Esel die vollen Wasserkanister
Hier (im Jemen) schleppt ein Esel die vollen Wasserkanister

Mehrmals täglich 20-Liter-Kanister weit schleppen

Damit diese Kinder an Wasser gelangen, das sie und ihre Familien zum Überleben brauchen, müssen sie täglich enorme Lasten tragen. Im schlimmsten Fall bedeutet das für die Kinder, dass sie keine Zeit mehr haben, in die Schule zu gehen, weil sie stundenlang unterwegs sind, um Wasser von weit entlegenen Wasserstellen zu holen. Im Durchschnitt müssen sie dabei eine Last von 20 Litern in Wasserbehältern schleppen und das oft mehrmals pro Tag. Das Tragen dieser schweren Lasten auf langen Wegstrecken kann zu gesundheitlichen Problemen und Verletzungen führen und stellt für die Kinder auch eine schwere psychische Belastung dar. Meistens müssen Mädchen und junge Frauen Wasser holen, sie verpassen daher eher den Schulunterricht als ihre männlichen gleichaltrigen Kollegen und auch der Weg ist für sie oft viel gefährlicher. Dadurch wird die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern weiter verstärkt. Frauen und Mädchen tragen die Hauptlast der Wasserkrise.

Hier schleppt ausnahmsweie einmal ein Bub (im Niger) zwei schwere, volle Wasserkanister
Hier schleppt ausnahmsweie einmal ein Bub (im Niger) zwei schwere, volle Wasserkanister

Klimawandel und bewaffnete Konflikte verschärfen Wasserkrise

Der Klimawandel verschärft diese Problematik zusätzlich, da extreme Wetterereignisse die Qualität und Menge des Wassers weltweit bedrohen und Millionen Kinderleben gefährden. Extreme Wetterereignisse wie Tropenstürme verschmutzen oft das Trinkwasser und bieten einen Nährboden für die Ausbreitung lebensgefährlicher Krankheiten wie Cholera. Gleichzeitig leben etwa 160 Millionen Kinder in Dürregebieten.

Wasser muss nicht nur sauber sein, sondern es muss „sicher“ sein. Unicef spricht dann von „sicherem“ Wasser, wenn es für Menschen in der Nähe ihres Zuhauses zugänglich, bei Bedarf verfügbar und sauber ist, also frei von Verunreinigungen.

In Konflikten und Krisen (aktuell ist Niger in den Blickpunkt gerückt) haben Kinder doppelt so häufig keinen Zugang zu Wasser. Länder wie Syrien, die Ukraine und aktuell der Sudan leiden besonders unter der Zerstörung der Infrastruktur. Beschädigte Wasserleitungen und Kläranlagen machen es fast unmöglich, sauberes und sicheres Wasser zu erhalten. Die Menschen sind von der Wasserversorgung abgeschnitten – mit allen Folgen für Gesundheit und Hygiene. Unicef arbeitet gemeinsam mit lokalen Partnern daran, Menschen auch an Kriegs- und Konfliktschauplätzen mit Wasser zu versorgen. Durch Wassertransporte, Reinigungstabletten und der Reparatur von Wassersystemen.

Mädchen und Mutter bei Wasserstelle in Sambia
Mädchen und Mutter bei Wasserstelle in Sambia

Promis für #walk4water

Die UNICEF Österreich Ehrenbeauftragten, darunter Ivona Dadić, Valerie Huber, Helge Payer und Yury Revich, unterstützen die Aktion #walk4water und gehen mit Beispiel voran, wie man einfach unterstützen kann. Sie rufen dazu auf, gemeinsam Kindern weltweit Zugang zu sauberem Wasser zu ermöglichen, indem jede und jeder eine eigene Spendenaktion über die Unicef.at-Site erstellt, Freund:innen und Familien einlädt dafür zu spenden – unter dem Motto: Jeder Schritt zählt: Laufen oder wandern Sie alleine, gemeinsam, als Gemeinde oder als Unternehmen und posten Sie Ihren Erfolg mit dem Hashtag #walk4water auf Social Media – Link zur Aktion am Ende des Beitrages.

Tag für Tag nichts als Wasser holen?

Neben der oben schon zitierte Roukaya, die Tag für Tag – und da gibt’s auch keine Wochenende – um fünf Uhr in der Früh aufstehen muss, um Wasser zu holen, findet sich – – hier unten auch verlinkt – das Video über einen Tag im Leben der 13-jährigen Aysha aus dem äthiopischen Afar.

In den drei Minuten siehst du, wie sie um 6.30 Uhr aufbricht mit einem spindeldürren, definitv unterernährten Kamel, dem sie Kanister umhängt. Rund vier Stunden später landet sie nach mühsamem Fußweg in Schlapfen – das Kamel würde sie sicher nicht tragen können – bei einer dürftigen Wasserstelle landet, wo sie erst einmal sich selbst das Gesicht abkühlt und reinigt, Wäsche säubert und die Kanister anfüllt. Und dann steht ihr noch der Rückweg in sengender Hitze bevor…

Wie weit gehst du für Wasser? Und wie viele Minuten?
Sollten anderen Kindern nicht stundenlanger, kilometerweiter Weg erspart werden?

Follow@kiJuKUheinz

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen

unicef -> walk4water

Aktion der BundesJugendVertretung gegen Kinderarmut im Dezember 2021

Kinderarmut abschaffen: 285 € für jedes Kind + bis zu 587 Euro

285 Euro für jedes Kind plus – je nach Einkommen aber allerhöchstens noch 587 € – und Kinderarmut wäre in Österreich (fast) gänzlich beseitigt. Das sind die jüngsten, aktualisierten, Zahlen zum Thema Kindergrundsicherung, die Volkshilfe und Europäisches Zentrum für Sozialpolitik und -forschung (EZfS) am Dienstag in einem Mediengespräch im Kindermuseum Zoom vorstellten.

Mehr als ein Fünftel der rund eineinhalb Millionen Kinder und Jugendliche – genau 353.000 – lebten im Vorjahr in einer von Armut – und damit oft Ausgrenzung – bedrohten Familie. 40.000 Kinder mussten sogar in Familien verbringen, die ihre Wohnung nicht heizen konnten.

Kein Hilfs-Dschungel

Seit Jahren gibt es daher die Forderung nach einer Kindergrundsicherung. Mit dieser soll kein Kind in Österreich mehr in Armut aufwachsen. Und sie sollte automatisch – je nach Einkommensgrenzen berechnet – auf dem Familienkonto landen. Damit würden alle anderen Unterstützungen ersetzt, also statt Familienbeihilfe, -bonus, Mehrkinder-Zuschlag, Altersstaffelung, Schulstartgeld… Also auch zu beantragende Hilfen fielen weg – womit sich Familien ersparen in die Rolle von nicht selten auch demütigenden Bittsteller:innen zu schlüpfen. Als einziger Zusatzbetrag soll aber natürlich der Zuschlag für Kinder mit Behinderungen im Rahmen der Familienbeihilfe bleiben.

Über die 285 Euro für jedes Kind kommen aus den von den Forscher:innen berechneten Kosten für Miete, Energie, Nahrung, Gesundheit, Bildung (u.a. Nachmittagsbetreuung) auch solche für kulturelle und soziale Teilhabe hinzu. Daraus ergeben sich durchschnittlich 872 Euro pro Kind.

Hanna Lichtenberger, Forschungsteam Kinderarmut abschaffen der Volkshilfe Österreich
Hanna Lichtenberger, Forschungsteam Kinderarmut abschaffen der Volkshilfe Österreich

Zwischen 25.000 und 40.000 Jahreseinkommen

Jene Familien, deren Haushaltseinkommen unter 25.000 € jährlich liegen bekämen den vollen Betrag – also die 285 Euro plus die oben schon angeführten 587 Euro. Als rechnerische Überlegung dazu legten für die Volkshilfe Hanna Lichtenberger und Erich Fenninger sowie für das European Centre for Social Welfare Policy and Research Michael Fuchs und Felix Wohlgemuth dar: Die Schwelle zur Armutsgefährdung für Alleinlebende liegt – laut EU-SILC (Community Statistics on Income and Living Conditions/ Gemeinschaftsstatistiken zu Einkommen und Lebensbedingungen) bei 16.452 Euro, für zwei Erwachsene bei 24.678 €.

Als Obergrenze berechneten die Wissenschafter:innen ein Jahreseinkommen von 40.000 Euro. Bis dahin würde als das Plus aus der Kindergrundsicherung zu den 285 Euro für alle gegen Null sinken.

Kosten: Plus 2,2 Milliarden €

Ach ja, und was kostet das: Darum drückten sich die beiden Organisationen nicht herum. In Summe 4,6 Milliarden Euro, allerdings müssen bei der Berechnung ja bisher bezahlte Familienunterstützungen abgezogen werden, netto bleiben 2,2 Milliarden Euro. Dafür gäbe es praktisch keine armen Kinder und Jugendlichen mehr – den Berechnungen zufolge blieben doch 2,8 % an der Armutsgrenze übrig, was auf KiJuKU-Nachfrage auch ein rein statistischer Ausreißer sein könnte. Damit aber gäbe es weniger kranke (u.a. aus kalten Wohnungen, schlechter Ernährung, sozial-psychische Folgen von Ausgrenzung), möglicherweise auch weniger Schulabbrecher:innen und andere Folgewirkungen von Armut und Ausgrenzung. Zudem würde ein Gutteil des zusätzlichen Familieneinkommens sofort wieder in den Wirtschaftskreislauf fließen.

Erich Fenninger, Direktor der Volkshilfe Österreich
Erich Fenninger, Direktor der Volkshilfe Österreich

Optimistisch

Auf eine mögliche Umsetzung angesprochen, zeigte sich Volkshilfe-Direktor Fenninger fast optimistisch: Die Grünen seine dafür, alle drei Bewerber:innen um den SPÖ-Vorsitz, die NEOS zeigen sich der Forderung gegenüber offen – in der Vorwoche verkündete der Wiener Bildungsstadtrat Christoph Wiederkehr im eigenen Wirkungsbereich eine deutliche Entlastung bei Essens- und Besuchs-Beiträgen in Schulen, Kindergärten und Horten an. „Und viele aus der Wirtschaft signalisieren auch eine Zustimmung zu unseren Forderungen, weil dadurch auch viel mehr Jugendliche fit fürs Leben würden.“

Follow@kiJuKUheinz

Volkshilfe -> Kinderarmut abschaffen

Europäisches Zentrum für Sozialpolitik und -forschung

Bild aus dem Film: Darstellerinnen von Schülerinnen der Schwarzwaldschule

Filmische Würdigung für geniale Pionierin

Mehr als 100 Jahre nach ihrem Wirken – von dem immerhin viele vor allem Schülerinnen ihr Leben lang zehrten und profitierten – wird sie schön langsam halbwegs entsprechend gewürdigt. Sie – das ist Eugenie Schwarzwald, geborene Nussbaum. Revolutionäre Reformpädagogin würde sie vielleicht am ehesten aufs Knappste zusammengefasst charakterisieren. Aber auch frühe Feministin, Sozialreformerin, open minded für moderne Kunst, eine große Vernetzerin und – obwohl wohlhabend und Organisatorin von Salons in einem Palais nahe der Innenstadt – soziale Barrieren überwindend. Am kommenden Montag (5. Dezember 2022, Details siehe Info-Block am Ende dieses Beitrages) widmet der kulturMontag dieser „Pionierin der Moderne“ ein filmisches Porträt von Regisseurin Alex Wieser.

Und mit der Wiedereröffnung des – generalüberholten – Parlaments im Stammsitz an der Ringstraße wird der Saal VIII (römische 8) umbenannt in Eugenie-Schwarzwald-Saal.

Foto vom Set: Crew vor einer Schul-Szene
Foto vom Set: Crew vor einer Schul-Szene

Nur in Zürich durften Frauen studieren

Es sind – Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… konnte den Film für Medien und andere Interessierte diese Woche bei einer Preview im Dachgeschoss der Wiener Urania vorab sehen. Es sind 52 dichte, einfühlsame, viele der Grundzüge ihres Wirkens und einige ihrer Persönlichkeit schildernde Minuten. In der Nähe von Czernowitz (heute Czerniwzi, in der Ukraine, damals Teil der Österreichisch-Ungarischen Monarchie, Galizien) geboren (1872), zog es sie nach der Schule nach Zürich – dort durften Frauen schon studieren – die einzige Stadt im deutschsprachigen Raum um die Wende vom 19. Zum 20. Jahrhundert.

Eine andere Schule muss her

Ab 1900 lebte sie – nach der Heirat mit Hermann Schwarzwald in Wien. Nicht zuletzt die eigene Erfahrung, nur weil Angehörige des weiblichen Geschlechts nicht einfach überall studieren zu können, spornte sie an, es der nächsten Generation zu erleichtern. Außerdem wollte sie Kindern und Jugendlichen eine ganz andere Art der Schule bieten: Kein stures Auswendiglernen, indoktriniert werden, sondern selbstständig denken, arbeiten und dabei Freude und Spaß am Lernen haben.

Die von ihr gegründeten Schwarzwaldschulen funktionierten nach diesen Prinzipien. Auch wenn sie sie nicht einmal formal leiten durfte, weil ihr in der Schweiz erworbener Universitätsabschluss in Österreich nicht anerkannt worden ist. Weshalb ihr Umfeld sie oft nicht bei ihrem Namen nannte, sondern nur „fraudoktor“ (oft zusammengeschrieben).

Original-Bildmaterial, Interviews mit Fachleuten

Die wenigen vorhandenen Fotos, Dokumente und Briefe aus dieser Zeit baute die Regisseurin in ihren Film ebenso ein, wie sie mehrere Fachleute, die sich seit einiger Zeit, manche sogar schon sehr lange mit Leben und Wirken Schwarzwalds beschäftigen, unter anderem die Autorin Bettina Bàlaka („Über Eugenie Schwarzwald“ im Mandelbaum Verlag mit fünf Texten der Pionierin selbst). Nicht fehlen darf natürlich der Historiker Robert Streibel, der schon vor rund 20 Jahren ein erstes Symposium über die nun filmisch Portraitierte organisierte.

Erzogen zur Selbstbewusstheit

„Danach hab ich allerdings wütende Anruf von älteren Frauen bekommen“, erzählt er im gemeinsamen Interview mit der Regisseurin in deren Produktionsstudio Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… „Wie ich dazu komme, so ein Symposium zu machen und sie alle nicht einzuladen, wo sie doch ehemalige Schülerinnen der Schwarzwaldschule waren. Da hab ich eine Folge der Erziehung zu selbstbewussten Frauen erlebt“, freut er sich über die Resolutheit der ehemaligen Schülerinnen der „fraudoktor“. Zur Entschuldigung und Rechtfertigung: „Wir hatten nicht alle, vor allem nicht veränderte Nachnamen nach Heirat.“

Bild aus dem Film: Darstellerin der Eugenie Schwarzwald an einer alten Schreibmaschine
Bild aus dem Film: Darstellerin der Eugenie Schwarzwald an einer alten Schreibmaschine

Promis der Zeit lehrten, andere wurden Promis

Einige ehemalige berühmte Schülerinnen präsentiert der Film, etwa die Schauspielerinnen Helene Weigel und Elisabeth Neumann-Viertel. Eugenie Schwarzwald sammelte aber auch junge Künstler für ihre schulischen Projekte, etwa einen gewissen Oskar Kokoschka als Zeichenlehrer. Was der Schulbehörde so gar nicht gefiel, passte nicht ins Schema. Da half auch das Argument der Schulleiterin nichts, dass es sich bei ihm um ein eben noch nicht erkanntes Genie handle. Der überlieferte Satz „Genies sind im Lehrplan nicht vorgesehen“, kommt auch im Film vor. Musiklehrer war übrigens Arnold Schönberg.

Ein anderer bekannter Mann kommt immer wieder auch im Universum der Eugenie Schwarzwald vor, der Architekt Adolf Loos, der für sie Schulen (um-)baute. Allerdings später – nicht nur – das Vertrauen einiger Schülerinnen missbrauchte und wegen der sexuellen Ausbeutung sogar vor Gericht kam. Auch das spart der Film nicht aus.

Bild aus dem Film: Darstellerin der Eugenie Schwarzwald mit Oskar-Kokoschka-Darsteller vor den Darstellerinnen der Schulklasse
Bild aus dem Film: Darstellerin der Eugenie Schwarzwald mit Oskar-Kokoschka-Darsteller vor den Darstellerinnen der Schulklasse

Trickreich aber gut zu Bewegtbildern

Am meisten bedauert die Regisseurin, dass „wir so viel weglassen mussten, weil es nicht in die 52 Minuten hineingepasst hat. Das war oft nicht leicht. Was können wird schneiden, ohne dass der Film, ohne dass die Persönlichkeit Schwarzwalds darunter leidet.“

Was sie aber keinesfalls machen wollte: „Nur ein paar alte Bilder und dazwischen die Interviews“. Und so inszenierte sie – dezent – mit Laiendarsteller:innen einige Schauspielsequenzen, unter anderem mit Schülerinnen im Schulmuseum Michelstetten (Asparn an der Zaya, Niederösterreich). Alle szenischen, bewegten Bilder kommen aber ohne Dialoge aus – sie untermalen den dazu passenden thematischen Off-Text.

Um den Film kompakt, dennoch der Vielseitigkeit dieser Frau gerecht werdend zu gestalten, „haben wir uns – abgesehen von einigen genannten und in Szenen gesetzten Lebensstationen – auf die Wiener Periode 1910 bis 1912 konzentriert. Das war die spannendste zeit, jene, in der am meisten im Bereich ihrer Schulen passiert ist.“ Und da war schon die erste Schnittversion mehr als doppelt so lang (120 Minuten).“

Anlass, neu zu recherchieren

Mit der Regisseurin hat Pia Padlewski das Drehbuch geschrieben. Und sie war es, die DEN Eugenie-Schwarzwald-Experten in Österreich schlechthin ständig kontaktierte. Robert Streibel: „Sie hat immer angerufen und nach Details gefragt, ich konnte leider nicht immer sofort Auskunft geben, hab dann ein schlechtes Gewissen gehabt. Aber es war oft auch Anlass, selber noch einmal nachzuforschen. So bin ich unter anderem draufgekommen, dass die berühmte Schriftstellerin Vicki Baum doch nicht Schülerin in der Schwarzwald Schule war. Das hab ich früher auch von anderen übernommen.“

Treffen der Ex-Schülerinnen

Streibel organisierte übrigens als Wiedergutmachung für die ehemaligen Schwarzwaldschülerinnen durch zehn Jahre hindurch zwei Mal jährlich Treffen in der Wiener Urania und eine Dauerausstellung über Eugenie Schwarzwald in der Volkshochschule Hietzing, die er seit Jahrzehnten leitet.

Er hat auch zwei Bücher herausgegeben: „Das Vermächtnis der Eugenie – gesammelte Feuilletons“ und „Die fröhliche Schule“ von Karin Michaëlis (eine Übersetzung aus dem Dänischen). Die Autorin war Zeit- und Augenzeugin sowie Freundin von Schwarzwald und beschreibt sehr ausführlich die reformpädagogische Schule. Die auch heute noch recht revolutionär wäre!

Historiker Robert Streibel und Regisseurin Alex Wieser am Schnittplatz als noch letzte Hand angelegt wurde, bevor der Film endgültig fertig gestellt wurde
Historiker Robert Streibel und Regisseurin Alex Wieser am Schnittplatz als noch letzte Hand angelegt wurde, bevor der Film endgültig fertig gestellt wurde

Vieles wäre heute noch hochmodern

Nicht nur, dass diese Pionierin lange Zeit in Vergessenheit geraten ist – auch heute wären die Grundsätze ihrer Schulen noch revolutionär und es wäre nicht unwahrscheinlich, dass sie im herrschenden Schulsystem noch immer anecken würden.

Follow@kiJuKUheinz