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Ein viereckiges, einige Zentimeter erhöhtes Podest auf der großen Bühne, viel (Theater-)Rauch und ein Weiß-Clown, der – naja, zumindest recht traurig dreinschaut. Und das liegt nicht nur an der Schminke. Er, Kevin Bianco, verkörpert Niedergeschlagenheit in all seinen Bewegungen, in seiner Mimik. Mit einem kleinen Schuss Bemühung, andere vielleicht mit dem einen oder anderen Anflug von gespielter Tollpatschigkeit erheitern zu wollen.
Und dann wird er aus der ersten Publikumsreihe recht unfreundlich angeherrscht: „Das ist mein Zimmer!“ Und er solle sich von dannen machen. Klar, es ist nicht wirklich wer aus dem Publikum, sondern eine Schauspielerin, Gesa Bering. Und auch bald offensichtlich, er wird es nicht tun und die beiden – nun ist sie bereits auf dieser Bühne und gleich auf dem Podest – kommen aus diesem anfänglichen Gegensatz miteinander ins Gespräch. Erst stark contra gebend und dann doch immer versöhnlicher werdend.
Was sich hier offenbar in einem Krankenhaus abspielt, setzt einerseits auf gedankliche Verbindungen zu den seit Jahrzehnten bekannten Humor-Doktor:innen in Spitälern. Weltweit – ausgehend vom US-amerikanischen Arzt, Profi-Clown und „Sozial-Aktivisten“ Patch Adams – setzen mittlerweile meist gut ausgebildete Clown:innen in Krankenhäusern auf „Lachen als (beste) Medizin“, die professionelle ärztliche Behandlungen nicht er-, sondern unterstützen.
Das ist aber – trotz der doch dominierenden Figur des hier (bewusst) recht traurigen Clowns – nur die eine Seite. Viel tiefer gehend, wenngleich natürlich stark damit verwandt, dreht sich das Spiel von Kind und Clown um – vor allem in und nach der Corona-Zeit, stärker in den Blickpunkt gerückte – Mental Health (psychische Gesundheit). Und subtil, ohne es groß auszustellen, wird auch angespielt, dass sich gerade Jungs und Männer noch immer eher schwertun, Gefühle zuzulassen oder gar darüber zu reden – „nein, ich bin nicht traurig“ manifestiert der Clown recht lange.
Schon der Titel dieser ebenfalls „nur“ ¼-stündigen Performance, die ja lediglich, wie fünf andere ein Stück-Entwurf im Rahmen des Wettbewerbs Magma (2026, dritte Ausgabe) war: „Uns geht’s gut – ein Fiebertraum“ von einem Kollektiv, das sich „The dark comedy united“ nennt. Und damit schon die Doppeldeutigkeit mitschwingen lässt (Text: Text: Mario Wurmitzer; Regie: Ira Süssenbach). Und so „nebenbei“ vielleicht auch die Oberflächlichkeit formelhafter Begrüßungen demaskiert. Wird doch in Begegnungen immer mehr statt „wie geht’s?“ – wo übrigens auch meist keine Antwort erwartet oder gar erwünscht wird – durch „Geht’s gut?!“ ersetzt.
Die beiden jedoch reden tatsächlich miteinander, öffnen sich jeweils und lassen damit auch Hoffnungs(träume) zu.
Wird fortgesetzt mit weiteren Beiträgen über die anderen bei Magma 2026 präsentierten Stück-Entwürfe.
Allzu viel darf und soll natürlich nicht verraten werden, lebt das abendliche Halloween-Special doch auch von Überraschungen, natürlich mit Gruselfaktor. Zwei Tagen nach der Premiere von „Circus Archetypus“, einer durchaus auch mit Ängsten – aus dem Unbewussten – spielenden Figuren-Theater-Performance mit Live-Musik im Schubert Theater (Wien-Alsergrund, 9. Bezirk), Stückbesprechung unten am Ende des Beitrages verlinkt, lädt das Circus- und Clownmuseum in der Leopoldstadt (2. Bezirk) beim Praterstern zur lust- und humorvollen Bearbeitung von „Coulrophobia“ ein. So heißt nicht nur das an drei Abenden laufende Programm zu Halloween (Details in der Info-Box am Ende). Das ist auch der Fachbegriff für die Angst vor Clowns, dazu etwas später.
Clownerie und Zauberkunst packen die Brüder Swatosch und ihre Söhne in Nummern, die einen mitunter ordentlich reißen, wie Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… bei einem Probenbesuch am Vorabend der diesjährigen Premiere erleben durfte. Kopf in Kiste, Messer von links und rechts und noch dazu von oben durch … Natürlich, so viel darf wohl gespoilert werden, ohne Schrammen. „Aber angenehm ist’s nicht“, so Liam Fool, alias Andreas Swatosch zum Probenbesucher.
Wieder mit im Programm sehr aktiv der Jüngste der Fools Brothers, Ju Fool oder vielmehr Julian Swatosch. Der Elfjährige hat im Sommer Jonglieren gelernt, auch schon mit Keulen, was er immer wieder so zwischendurch und nebenbei übend vorzeigt. Er verleiht der tiefen, englischsprachigen Ansage mit der Warnung vor dem Grusel aus dem Off Mimik, Gestik und Körperhaltung im Scheinwerferlicht. Die aufgenommene Stimme gehört übrigens dem als „Anarcho-Clown“ international bekannt gewordenen Jango Edwards, der vor zwei Jahren verstorben ist und im Jahr davor hier im Circus- und Clownmuseum seinen letzten öffentlichen Auftritt hatte. Bei diesem Hatte Julian, damals acht Jahre, die ganz junge Version Jangos verkörpert. „Ju Fool“, der auch schon ein eigenes Programm hat, zeichnet sich aber auch bei der probe durch ständiges Mitdenken mit Tipps aus. Und meldet sich sofort, als die Frage auftaucht, wer bringt bei der Kerzennummer den Tisch auf die Bühne, „dann spiel ich auch den Assistenten“.
Im zweiten Teil des Abends nach der Pause wird unter anderem zu einer „Therapie“ gegen die Titel-gebende Angst vor Clownerie geladen. Coulrophobia wird meist darauf zurückgeführt, dass durch die starke Schminke die wahren Gesichtszüge nicht erkennbar sind, und damit nicht gedeutet werden kann, was die Clownin / der Clown im Schilde führt. Und, das muss wohl auch zugegeben werden, es gibt natürlich wie in jedem Beruf so auch in diesem solche, die ihre Kunst nicht besonders gut können und dies dann oft mit übertriebener Lautstärke und billigen Tricks zu überspielen versuchen. Was wirklich Angst erzeugen kann.
Die „Therapie“ im Circus- und Clownmuseum erhebt natürlich keinen wirklich therapeutischen Anspruch, sondern arbeitet eben mit clownesken Mitteln, die zum Lachen bringen.
Kunterbuntes, lustiges, teils ausgelassenes Treiben samt hin und wieder Musik, Gesang und Tanz herrschte Samstagabend (6. September 2025) zwischen Karlskirche und dem Teich davor mit seinem derzeit dort auf dem Wasser schwebenden großen luftgefüllten – zeitweise begehbaren – Oktopus (Klanginstallation im Rahmen des Johann-Strauss-Jahres von God’s Entertainment): Clown:innen hatten zu einer Kundgebung aufgerufen.
„Es geht uns darum, ein schwereloses, aber starkes Gegengewicht zum aktuellen Weltgeschehen zu bilden“, hatte das Team des Theaters Olé Menschen eingeladen, „der Welt ihr bezauberndstes Lächeln zu schenken“. Manifestiert wurden diese Gedanken unter anderem in kleinen und größeren handbemalten Schrifttafeln. „Ein Lächeln für Dich…“ und auf der Rückseite „und viele Luftballons“ stand auf einem sehr großen Plakat. Luftballons wurden viele aufgeblasen, manche auch in Herzform. Immer wieder schwebten auch Seifenblasen durch die Lüfte.
„Kann bitte wer zurücklächeln? Danke“ samt gemaltem Herzerl, Blume und Smilie zierte eine andere große Tafel auf braunem Karton. Apropos Smilie – der weltbekannte Song „Smile“, zunächst wortlos als Schlusslied in Charlie Chaplins berühmtem Film „Moderne Zeiten“ und später (Mitte der 50er Jahre) von John Turner und Geoffrey Parsons mit dem ebenfalls berühmt gewordenen Text versehen, wurde in verschiedenen Versionen, unter anderem einer mit österreichischem Text gesungen, wo es unter anderem heißt: „Lach… Jammern macht des leben doppelt schwer…“.
Clownin Zilly trug auch eine Tafel mit direkt politischer Botschaft: „Frieden für alle“.
Im Laufe der einstündigen Kundgebung, die auch viel Aufmerksamkeit bei vorübergehenden oder -radelnden Tourist:innen erregte und sicher viele Fotos und Videos weltweit ergeben wird, gab es auch drei Reden, nicht nur von Clown:innen.
„Meiner Meinung nach gibt es unglaublich viele schlimme Sachen in unserer Welt und natürlich auch schöne“, begann Anna, eine Zwölfjährige ihre Gedanken ins Mikrofon zu sagen. „Gute Menschen wie meine Großeltern (die diese Kundgebung federführend organisiert hatten), aber auch schlechte. Was ich zum Beispiel schlimm finde, ist, dass es so viele Menschen auf der Welt gibt, die sich nur um sich selbst kümmern und nie an die Flüchtlinge, an Menschen, die nichts zu essen haben oder denen’s einfach psychisch nicht gut geht, denken. Es gibt Leute, die so viel Geld haben, um nicht nur ihnen ein gutes Leben zu finanzieren, sondern auch noch so vielen anderen Menschen. Leider kann man es nicht ändern, aber statt an diese schlimmen Sachen zu denken, einfach mal lachen. Das hat noch niemandem geschadet!“
Charlotte Zorell, eine junge Schauspielerin (u.a. in der vorigen Saison in einer Hauptrolle im Theater der Jugend) hielt eine sehr starke inhaltsreiche Rede, die sie so begann: „Wir sind hier, weil wir uns an einer gemeinsamen Schwelle befinden. Das spüren wir. Die Zukunft scheint in der Schwebe. Taumeln wir in weitere Katastrophen. Oder gehen wir in eine gerechtere Zukunft.“ Die ganze Rede stellte sie Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… zur Verfügung und wird hier – in einem eigenen, unten verlinkten Beitrag – veröffentlicht.
Dennoch sei auch gleich hier noch zitiert: „Clowns legen die Maske der Perfektion ab und setzen sich eine Nase der Zärtlichkeit auf. Wir wollen eine clowneske Welt… Wir wollen Verantwortung, füreinander, Empathie und Liebe. Eine Utopie wird nicht bestehen, solange wir sie nicht behutsam zusammenbasteln. Es ist eine Utopie der
Fürsorge – jenseits von Besitz- und Machtverhältnissen, hin zu gegenseitiger Sorge, Verbundenheit und kollektiver Heilung.“
Postkarten mit dem Spruch „Immer wenn wir lachen, stirbt ein Problem“ brachten eine Grundhaltung dieser Kundgebung zum Ausdruck – mehr in den rund 120 Fotos, und demnächst auch in einigen Videos.
Eine der Redner:innen der lustvollen, fröhlichen, bunten, widerständigen, Lächeln schenkenden Kundgebung von Clowns und Clowninnen am Samstag (6. September 2025) zwischen Karlskirche und Teich (am Rande der Innenstadt von Wien) war die junge Schauspielerin Charlotte Zorell. Sie stellte ihre Rede Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… zur Verfügung, um sie hier veröffentlichen zu dürfen.
„Wir sind hier, weil wir uns an einer gemeinsamen Schwelle befinden. Das spüren wir. Die Zukunft scheint in der Schwebe. Taumeln wir in weitere Katastrophen. Oder gehen wir in eine gerechtere Zukunft. Übertauchen wir den Globalen Faschismus und fangen nochmal von vorne an.
Wir alle verweilen also hier im Widerstand. Und unser Widerstand ist der Humor. Ein Humor, der nicht nach unten tritt. Ein Humor, der Gemeinschaft denkt. Ein Humor, der Kindlichkeit denkt, mit all ihren Facetten: Offenheit, Neugier, Zärtlichkeit, Ehrlichkeit. Wir wollen eine Gesellschaft der radikalen Zärtlichkeit!
Gegen Kriege. Gegen Femizide. Gegen Faschismus.
Clowns legen die Maske der Perfektion ab und setzen sich eine Nase der Zärtlichkeit auf. Wir wollen eine clowneske Welt. Vergesst nicht, dass Selbsthass ein wirksames Mittel der Unterdrückung ist. Und Clowns hassen nicht. Sie sind manchmal wütend. Und wütend dürfen sie sein.
Konzentrieren wir uns auf die Schäden, die für uns alle entstehen: Kapitalismus, Patriarchat und weiße Vorherrschaft knechten uns ALLE. Wir müssen also weiterhin über den größten Störfaktor reden: den Kapitalismus. Ja, scheiße, das ist langweilig, ich weiß. Wir müssen über Männer sprechen, scheiße, das ist langweilig. Aber auch super, weil die liefern ständig neues Material, über das es sich reden lässt!
Sprecht miteinander! Sprecht mit Mädchen über Consent, Einverständnis, über die ihnen einverleibte Scham, über Mut und Wut, sprecht aber vor allem mit Jungs und jungen Männern, über Einverständnis, über Sanftheit, Empathie, Verletzlichkeit, über Fürsorge.
Führt Gespräche. Über Polizeigewalt zum Beispiel. Wie viel die Polizei von der sanften Clownerie lernen könnte! Wir wollen clowneskere Polizist*innen!
Heute geht es um Freund*innenschaft. Oft wird behauptet, Theater wäre wie eine Familie. Dabei stimmt das gar nicht. Gutes (Clown-)Theater ist für mich mehr als das, es ist wie die stärkste aller sozialen zwischenmenschlichen Beziehungen: die der Freund*innenschaft.
Wir wollen Verantwortung, füreinander, Empathie und Liebe. Eine Utopie wird nicht bestehen, solange wir sie nicht behutsam zusammenbasteln. Es ist eine Utopie der Fürsorge – jenseits von Besitz- und Machtverhältnissen, hin zu gegenseitiger Sorge, Verbundenheit und kollektiver Heilung.
Mir bleibt zu sagen: ich weiß, dass Menschen besonders gefährlich wirken, weil sie gut darin sind, Koalitionen einzugehen, Gruppen zu bilden. Lassen wir uns nicht kollektiv vereinzeln. Gehen wir auch unsere Bündnisse ein. Und tanzen alle miteinander. Zum Beispiel zum Lieblings-Dancesong meiner Mama: „Sex Bomb“. Wir wollen nur noch Sex Bombs und keine realen Bomben mehr. Mama, danke, dass du immer so tanzt, dass alle mittanzen wollen! Dankeschön!“
Charlotte Zorell
„Wurst, Obst, Stirbst“ – schon der Titel der Fortsetzung von „Ein bescheidener Vorschlag“ mit dem das Herminentheater den Nestroypreis für die beste Off-Theater-Produktion 2022 gewonnen hatte, greift in die Kiste des schrägen Humors. Sagen Sie sich einmal den neuen Stücktitel (halblaut) vor 😉
Der Mut zur Hässlichkeit mit der die Figuren geschminkt und kostümiert (Eva-Maria Mayer) sind, der bei einem Erstbesuch vielleicht noch anfänglich Bedenken im Kopf entstehen lässt – „wäre das Body-Shaming über solche Charaktere zu lachen?“ – verfliegt bald. Die Typ:innen nehmen sich selbst und (hin und wieder) das Publikum auf die Schaufel. Und „entblößen“ vielleicht in ihrem bitterbösen-satirischen Schauspiel die eine oder andere dunkle Seite auch von Zuschauer:innen. Etwa wenn’s um die Verfrachtung der alten Frau Scherer (wunderbar schräg Ambra Berger) ins Pflegeheim geht und diese im Glauben lassen, es wäre nur ein kurzer Urlaub.
Eingebaut in komisch-schreckliche Szenen im Altersheim, sind „natürlich“ wieder solche der Polit-Satire: Der Bürgermeister (bitterbös Ida Golda, die auch Scherers Tochter spielt) ist Spritzwein-Fan und die Landeshauptfrau (Peter Bocek, auch Scherers Sohn und Arzt im Pflegeheim) ist keine Freundin von Gendern, weswegen sie lieber ein -mann am Ende ihres Titels trägt. Ach, natürlich brauchen sie ein nettes Foto mit Insaßinnen des Altersheimes für die Medien. Da ist es allen Beteiligten egal, dass die eine nur eine Aufblaspuppe, die von Pflegerin Lacrimosa mit östlichem Akzent (Anja Štruc) gehalten wird und die andere schon tot ist – „wurscht, ob’st stirbst“ sozusagen. Beim Gruppenfoto darf der schmierige Heim-Leiter (Kristóf Szimán) nicht fehlen.
Traten die Bouffons im Vorgänger-Stück immer wieder aus ihren genannten Rollen raus und verwandelten sich in Schauspieler:innen kürzest parodierter Shakespeare-Szenen, so nehmen sie sich dieses Mal russische Klassiker vor – „ja darf man das jetzt überhaupt?!“ Und so steht unter anderem „Krieg und Krieg“ von Leo Toystory (ausgehend von Lew Tolstois berühmten Roman „Krieg und Frieden“) auf dem Spielplan des Quintetts.
Mitunter gelingt der Versuch einen fulminanten Erfolg zu wiederholen nicht genau so gut wie beim ersten Mal – das muss, jedenfalls nach dem Besuch der zweiten Vorstellung drei Tage nach der Premiere – hier festgestellt werden. Menschen, die das Vorgängerstück nicht gesehen haben, waren dennoch ebenso sehr überzeugt wie eine offenbar eingefleischte Fangemeinde.
Noch bis Ende Mai (29.) ist das Stück vorläufig im TAG (Theater an der Gumpendorfer Straße, Wien-Mariahilf) zu erleben – Detailas siehe Info-Box am Ende des Beitrages.
Die Revolution – ein Trauerspiel in vorgeblich lustiger Maske. (Traurige) Clowns spielen seit Kurzem im Wiener Burgtheater Georg Büchners „Dantons Tod“ – angereichert um Heiner-Müller-Zitate (Regie Johan Simons). Das Drama des Schriftstellers und Mediziners (1813 bis 1837), der selber wegen revolutionärer Flugblätter aus Deutschland ins französische Straßburg flüchten musste, konzentriert sich auf eine kurze Phase (24. März bis 5. April 1794).
Danton (Nicholas Ofczarek), der an der zum Terror ausgearteten Revolution mit massenhaftem Köpfe-Rollen zweifelt und dies kritisiert, steht auf der Abschussliste seines Gegners Robespierre (Michael Maertens), des „Blut-Messias“. Der sich als der wahre Revolutionär und seinen vormals Verbündeten nun als „Verräter“ sieht. Wobei auch der – das ist nicht mehr Teil von Büchners Drama – dreieinhalb Monate später selbst guillotiniert wird. Eine Ahnung davon spricht Danton jedoch schon an. Der berühmte Sager von „Die Revolution frisst ihre Kinder“.
Apropos „Fressen“- das Volk, in dessen Namen die Revolutionäre einst begonnen hatten, scheint ihnen ziemlich gleichgültig geworden zu sein. Während das Volk dringend nach Brot verlangt, bekommt es stattdessen Hinrichtungs-Spektakel serviert.
Die – auch heute noch – hehren Ziele, die sich in der Losung „Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit“ manifestiert haben, wurden von den Revolutionären zwar heftig, ausführlich, grundsätzlich diskutiert, aber praktisch immer mehr missachtet.
Das Volk vertritt in dem Fall ein Einzelner, ein Regie- und Dramaturgie-Trick, der Anleihe nimmt, dass Büchner als einen aus dem Volk auch einen Souffleur nennt: Aus einem diesfalls relativ groß und glänzend gestalteten Souffleur-Kasten windet sich immer wieder ein – ebenfalls als (Weiß-)Clown geschminkter Schauspieler (Ole Lagerpusch) und konfrontiert die (anderen) handelnden Figuren mit den Nöten jener, in deren Namen die anderen ihre Kämpfe austragen. Gegen Ende lässt er sich aus der Soufflage-Box Teile eines Fahrrades reichen, die nie zu einem ganzen fahrbaren Untersatz werden und damit die Revolution auch nicht weiterbringen.
Alles spielt sich auf der großen Bühne, die eine kalte Atmosphäre aus einem Mix an Arena, Sporthalle und Manege ausstrahlt (Bühne und Video: Nadja Sofie Eller). Einige wenige Klappsessel an der halbrunden hölzern wirkenden Wand im Hintergrund, vorne spielen sich die Debatten, Dialoge, Konfrontationen ab – verbale Schlagabtäusche, durch die clowneske Schminke und Kostüme (Greta Goiris) – verfremdet aber durch das Spiel aller Schauspieler:innen nie auch nur ansatzweise ins Lächerliche gezogen. Wenngleich auch die Parallelen zwischen Politik und Theater, öffentlicher Darstellung wie auf einer Bühne, Masken hinter denen die wahren Gesichter verborgen werden usw. spielerisch und verbal thematisiert werden.
Welche Freiheit, was ist Gleichheit – das fechten die Kontrahenten Danton und Robespierre mit ihren Adjutanten Camille Desmoulins (Felix Rech), Jean-François Lacroix (Johannes Zirner), Pierre Philippeau (Maximilian Pulst) einer und Louis-Antoine-Léon de St. Just de Richebourg (Jan Bülow) andererseits aus – selten übrigens direkt, meist in Abwesenheit des/der anderen. Da das Ende feststeht, ergibt sich die Dynamik – wenngleich es insbesondere zu Beginn der zweiten Stunde (ohne Pause) Längen gibt – aus den Grundsatzdiskussionen. Und gegen Ende krass symbolisch als sich die Bühne zu drehen beginnt und die Dantonisten beim Voranschreiten gegen die Drehrichtung somit praktisch nicht vom Fleck kommen.
Georg Büchner hat für sein Stück, das zu seinen Lebzeiten (er wurde nur 23 ½ Jahre alt) nur zensuriert veröffentlicht wurde, viel Originalmaterial übersetzt verwendet – was die männlichen Haupt-Protagonisten betrifft. Die Frauenfiguren kamen bei ihm nur am Rande vor, teils auch historisch verfälscht; so folgte Julie nicht ihrem Mann Georg Danton freiwillig in den Tod, sondern überlebte ihn um Jahrzehnte. In der Burgtheater-Inszenierung haben Julie Danton (Annamária Láng), Lucile Desmoulins (Marie-Luise Stockinger) und Marion (Andrea Wenzl) zwar teils starke, aber doch nur wenige, kurze Auftritte. „Brüderlichkeit“ bleibt eine solche, wird nicht zu Geschwisterlichkeit ausgeweitet. Obwohl es da sogar historische Anknüpfungspunkte gegeben hätte, wie die feministische Philosophin und Autorin Eva von Redecker in einem Gespräch mit dem Dramaturgen Sebastian Huber für das Programmheft anmerkt: „Im Sommer 1793, also ein halbes Jahr bevor das Stück spielt, wurde in Paris ein aufsehenerregender Streit darüber geführt, ob und wie die Revolution auf die Frauen ausgeweitet werden soll. Das ist die Geschichte des republikanischen Frauenvereins unter der Schauspielerin und Frauenrechtlerin Claire Lacombe…“
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