Die allgegenwärtigen Augen starten nicht erst im Bühnenraum, sondern schon im Foyer des Theaters. „Big Brother ist watching you“ (Großer Bruder beobachtet dich), der aus George Orwells dystopischem Roman „1984“ (1948 veröffentlicht) verfolgt dich sogar bis aufs Klo des Theaters Arche (Wien-Mariahilf; 6. Bezirk). Mit aufgeklebten Augenbildern ebenso wie dem einen oder anderen Spruch – bis hin zu „2 + 2 = 5“, das im Roman eine zentrale Figur beim Schachspiel in den Staub des Tisches schreibt.
Jugendliche der 7 D des Polyästhetik-Zweiges des BORG (Bundes OberstufenRealGymnasiums) in der Hegelgasse 12 (Innere Stadt; 1. Bezirk) spielten hier eine von besagtem Roman stark inspirierte Neufassung: „2062“ (ebenfalls Zahlendreher und obendrein zufällig selber Jahresabstand 36 Jahre), geschrieben von Daphne Anders. Knapp mehr als eine Stunde lassen die Schüler:innen in der Inszenierung des Theater-Co-Leiters (seit einigen Schuljahren gibt es diese Kooperation; Dramaturgie, Choreo und Musik von Lehrpersonen) in diese vor allem Verinnerlichung der Überwachung, des Bewusstseins, ja nicht gegen den Strom schwimmen zu dürfen, alles zur Zufriedenheit der Obrigkeit zu tun, erschreckend lebendig werden.
Winston Smith ist Mitarbeiter des MiniWa – Ministeriums für Wahrheit. Seine und die Aufgabe aller Archivar:innen: Alles je Veröffentlichte ständig an die vorgegebenen Richtlinien der Herrschenden anzupassen, damit keine abweichenden Nachrichten mehr verfügbar sind. Doch langsam behagt ihm das nicht ganz, er beginnt heimlich eigene Tagebuchnotizen zu verfassen. Wie bei sämtlichen der wenigen Einzel- Protagonist:innen schlüpften bei den Vorstellungen abwechselnd Schüler:innen in diese Rolle (Stephan Arlt / Elena Murauer).
Die Mehrheit der Jugendlichen erfüllten in diesem Stück die Aufgabe des unheimlich starken Chores (Thembe Aboulez-Schmid, Helene Hof, Lisa Katschnig, Hannah Koloseus, Viola Kretschmer, Pixie Kronenfels, Sophie Lelenta, Marlen Minichbauer, Tobias Müller, Emma Panić, Julian Ressler, Luise Schaffer, Lilia Schmid, Hannah Stockinger). Ob als Marschkolonnen – mit dem „wachsamen“ offenen Auge auf der Kappe -, oder als extrem bedrohlich stark auf Abwechler:innen zukommende, ohne diese zu berühren aber mehr als einschnürende Stumm-Macher:innen, machten sie mehr Angst als direkte Drohungen von Vorgesetzten Winstons.
Dieser starke Chor manifestiert sozusagen szenisch, dass Diktaturen und Wahrheit-Unterdrückungen über längere Zeit nur dann funktionieren, wenn es ausreichend Mitläufer:innen gibt, die das Herrschaftssystem stützen.
Ob „2062“, „1984“ oder so manch andere Dystopie, die Wirklichkeit scheint fast alle Schreckens-Szenarien zu überholen: In autoritären Regimes à la Putins Russland darf der Krieg gegen das Nachbarland Ukraine nicht einmal so genannt werden, sondern muss „Spezial-Operation“ heißen. Und sogar gewählte Präsidenten (da reicht meist un-gegendert), setzen sich über Gesetze, Verträge… hinweg, diskreditieren seriös recherchierende Medien als Fake News, bauen eigene „Wahrheiten“ auf (Donald Trump nennt seine eigene Plattform Truth Social!), verspottet Journalistinnen (da vor allem Frauen), aber auch sich nicht unterwerfende Politiker:innen…
Und seit mehr als einem Vierteljahrhundert (Start 1999) werden in mehr als fünf Dutzend Ländern TV- bzw. mittlerweile Streaming-Shows „Big Brother“ ausgestrahlt, wo sich Menschen zum Gaudium des Publikums, freiwillig eingesperrt von Kameras dauernd verfolgen lassen…
„Zusammenhalt beginnt mit einem Lächeln“, meinte unter anderem Qianxan Han (AHS Maria Regina) beim Speech Off, dem neu konzipierten Regionalfinale des mehrsprachigen Redebewerbs Sag’s Multi im ORF-Zentrum am Küniglberg (Wien). Die besten der 384 Jugendlichen, die ihre Reden per Video im Herbst eingereicht hatten, halten seit Mitte Februar – bis Mitte März – in den ORF-Landesstudio live und analog (digital gestreamt) ihre Reden vor den Jurys. Die Jüngeren (7. und 8. Schulstufe) in der Kategorie YoungStars, die älteren (9. bis 13. Schulstufe) eben der Speech Masters. An jedem der Tage werden Sieger:innen gekürt – mehr Wettbewerb als bisher. Die Landessieger:innen (neuen Bundesländer plus Südtirol) der Älteren halten dann beim Abschluss-Finale im Wiener Rathaus (17. April) eine neue Rede; eine Jury wählt die beste aus.
Hier nun der vierte und letzte Teil – die anderen sind am Ende des Beitrages verlinkt – über die 30 Reden der Speech Masters aus Wiener Schulen, bewusst heue 821. Februar) veröffentlicht, dem internationalen Tag der Muttersprachen – dazu ein eigener, ebenfalls unten verlinkter Beitrag.
Und damit zurück zu Qianxan Han, die Chinesisch (Mandarin) und – wie alle anderen – auch Deutsch sprach (Bewerbsregel). Das erwähnte Lächeln sei Basis für den Aufbau von Vertrauen, so die Schülerin. Zusammenhalt sieht sie übrigens wie in einem schönen Bild in vielen bunten Farben, der Vielfalt. Denn Unterschiede sollten nicht Grund für den Bau von Mauern zwischen einander sein, sondern für Fenster die es ermöglichen raus-, aber auch rein zu schauen, sich kennen zu lernen… „Denn Zusammenhalt in Vielfalt ist die Hoffnung, dass aus dem DU und Ich ein WIR wird.“
Es sei Zeit, „uns selbst wieder zu finden“, denn alle seien mehr als ihre Likes, geposteten gefilterten Fotos, appellierte Liran Shabtai (Vienna European School) auf Hebräisch und natürlich Deutsch (Bewerbsregel, siehe oben, die ab nun nicht mehr in jedem Abschnitt extra erwähnt wird) an die live anwesenden vor allem Jugendlichen und jene, die via Live-Stream zuschauten – und nicht zuletzt auch sich selbst.
Die Selbstdarstellung in den Netzwerken hätte dazu geführt, nur Bilder von sich zu „verkaufen“. Vergessen werde zu lachen, zu fühlen… Doch jede und jeder habe die Wahl, weiterhin nur zu scrollen oder echt zu leben mit allen Fehlern, Unsicherheiten, Narben. Sie, die es liebe, auf der Bühne zu stehen (vor allem als Tänzerin), rief abschließend auf, es sei Zeit, „Masken fallen zu lassen“.
„Fairness nicht gefunden, Fehler 404“ konstatierte Viola Kaltenberger (Hertha Firnberg Schulen für Wirtschaft und Tourismus, Französisch), wenn – wie es oft passiert, Sprachen in wertvolle und weniger wertvolle auseinanderdividiert würden / werden. Während Englisch, Französisch, Spanisch auch – öffentlich verwendet – vielfach geschätzt werden, heißt es bei Türkisch, Arabisch oder Somali nicht selten „die sprechen ja zu Hause kein Deutsch“.
Damit werden Menschen dieser Sprachen strukturell diskriminiert, ausgegrenzt, ausgeschlossen. Jede Sprache und jede Kultur ist aber gleich viel wert und Vielfalt nicht nur dann super, wenn sie bequem ist, sondern nur echt, wenn alle Stimmen zu hören sind. Und wenn nicht nur davon geredet, sondern erst wenn sie gelebt wird. Sonst bleibe am Bildschirm: Fehler 404.
„Wer Hoffnung sät, erntet Licht!“, so optimistisch und tatbereit beendete Enesa Qorri (GRG 21; Albanisch) ihre Rede. In der hatte sie zuvor die von außen auf ihre, die junge, Generation aufgebürdeten Erwartungshaltungen einer- und die großen Krisen, der sie und ihre Altersgenoss:innen ausgesetzt sehen, andererseits aufgezählt: Sorgen über die Zukunft, Klimawandel, Druck, perfekt sein zu müssen oder wenigstens sollen, „das Gefühl, nie genug zu sein.
Gleichzeitig aber sei dies eine Generation, die viele Fragen und vieles in Frage stelle und sich eine Welt wünsche, in der Menschlichkeit mehr zähle als Leistung.
Schlagzeilen über Kriege und Kämpfe, dann wieder Tanzvideos – solche und andere werden tagtäglich wild durcheinandergemixt in Timelines sozialer Netzwerke gespült, schilderte Kumru-Xezal Merey (VBS – Vienna Business School, private Handelsakademie – Floridsdorf; Englisch) eingangs. Das trage mit dazu bei, mentale Gesundheit zu beeinträchtigen.
Sie versuchte in ihrem Speech-Masters-Beitrag einen Weg aus der Misere aufzuzeigen: Aufhören, einander zu beschuldigen; anfangen an einem Strang zu ziehen; miteinander kreativ sein, statt übereinander zu urteilen. Immerhin werde heute viel über mentale Gesundheit geredet, etwas, worüber früher geschwiegen wurde.
Sie rief letztlich zu einem Austausch für einen Prioritäten-Wechsel in Richtung mit- statt gegeneinander auf: Ex-Change!
Und an die Erwachsenen gerichtet, meinte sie: „Wir sind das Ergebnis eurer Fehler und Erfolge! Aber, wir werden nicht so sehr gehört, wie es sein sollte!“
Auch wenn sie und andere Mädchen und junge Frauen hier und heute ihre Reden halten und dies vor etwas mehr als 100 Jahren hier – und heute in vielen anderen Ländern noch nicht möglich (gewesen) wäre, sei es nicht genug, sich auf Erreichtem auszuruhen. Darüber sprach Hana Cunaku (GRG 21; Albanisch).
Gleichberechtigung sei auch bei uns oft nur auf dem Papier gegeben. Exemplarisch schilderte sie drei Mädchen, allesamt in Österreich geboren, aufgewachsen, hier lebend und Schulen besuchend und doch würden sie nicht gleichwertig wie viele andere behandelt: (Nach-)Name, Hautfarbe oder Kopftuch würden nicht selten „ausreichen“, um verletzende Kommentare abzukriegen, die seelische Wunden hinterlassen. „Niemand sollte sich an Ungerechtigkeit gewöhnen müssen! Gerechtigkeit muss man leben, jeden Tag im Unterricht, auf der Straße… Ich wünsche mir ein Österreich, ein Land, das nicht fragt, woher kommst du, sondern wohin willst du?!“
Und weil sie Realität menschlicher Gesellschaften mit einem bunten statt eintönigem Gemälde verglich, hatte sie ein – von ihrem Vater gemaltes – Bild einer farbenfrohen Landschaft mit zum Redepult genommen.
Sie liebe bulgarische Volkstänze gleichermaßen wie Kaiserschmarren – mit diesem plastischen Wortbild stieg Viktoria Boucheva (AHS Maria Regina; Bulgarisch) in ihre Rede. Sie besuche zwei Schulen, neben dem österreichischen Gymnasium am Wochenende noch die bulgarische, wo sie Sprache und vieles über die Kultur des Herkunftslandes ihrer Eltern lerne. „Was manchmal anstrengend, aber meistens wunderschön ist.“
Was sie nerve: Wenn sie in ihrer Tracht zu Auftritten in der U-Bahn fahre und manche Menschen heimlich Fotos machen, andere die Kleidung angreifen – alles ohne zu fragen oder sich zu interessieren; dann fühle sie sich „wie etwas Fremdes, obwohl ich hier geboren bin, hier lebe und träume“.
Vielfalt bedeute doch, sich eben nicht entscheiden zu müssen für die eine oder andere Seiten, sondern beides leben zu dürfen, ohne sich schämen zu müssen. Sie wünsche sich mehr Schulprojekte, in denen wir gegenseitig voneinander lernen, statt übereinander zu reden, nicht um zu vergleichen, sondern um zu teilen. Unterschiede sollen uns nicht voneinander trennen, sondern verbinden, denn nur gemeinsam sind wir wirklich stark.
Irgendwo anders auf der Welt gibt es – nicht nur – ein 15-jähriges Mädchen, das nichts zu essen hat, hungrig aufwacht und ebenso abends schlafen gehen muss, während sie und ihresgleichen sich hier sorgen, was es zu Mittag gebe oder der Unterricht auch spannend werden würde. Mit diesem plastischen Bild von Ungerechtigkeit begann Victoria Peña (AHS Wien West; Spanisch) ihren Beitrag, einen der letzten am Wien-Tag der Speech Masters wie nun die ältere Kategorie bei Sag’s Multi reloaded heißt.
Diese Ungerechtigkeit widerspreche dem Grundsatz, dass alle Menschen frei und gleich an Würde und Rechten geboren werden, wie sie die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte gleich in Artikel 1 festhält.
Und weil es so ist, heiße das aber, bereits in kleinstem Rahmen sich für Menschen einzusetzen, wenn sie unfair behandelt werden. Nur durch Hinsehen und aufzeigen können Veränderungen angestoßen werden. Und wenn sich viele, möglichst alle zusammentun und mithelfen, dann kann auch Großes verändert werden!
Gerechtigkeit wählte auch Asya Sen (HTL Rennweg; Türkisch) als Inhalt ihrer Rede. Und dennoch wird 2026 noch immer von Frauen- und Männerberuf gesprochen, wird Frauen vorgeschrieben, wie sie sein sollen. Sie selbst habe – gemeinsam mit ihrer Mutter – wie zwei Polizisten ein arabisches Ehepaar aufforderten, die Ausweise zu zeigen und die Frau anherrschten, sie möge ihr Tuch abnehmen, um ihre Identität überprüfen zu können. Erst die Mutter der Sag’s-Multi-Rednerin habe die Polizisten dann aufgefordert, diese Frau nicht öffentlich zu entblößen.
Das Kopftuchverbot werde verkauft als gleiche Chance für alle, doch das Verbot sei nichts anderes wie auf der anderen Seite der Zwang zur Verschleierung. In beiden Fällen werden Frauen zu Objekten degradiert und nicht wie denkende Subjekte behandelt. „Eine Frau ist kein Projekt, sondern ein Mensch mit Verstand und Würde!“
Für den Themenbereich „Online. Offline. Echt?“ hatte sich Katharina Meizer vom privaten ORG (OberstufenRealGymnasium) Vienna European School entschieden. Die Grenzen verschwinden zwischen beiden Welten begann sie ihren Englisch-Deutschen Beitrag beim mehrsprachigen Redebewerb Sag’s Multi im Wiener ORF-Zentrum. Und wies darauf hin, dass – und das schon lange – Menschen sich auch im „echten“ Leben verstellen (können).
In beiden Welten, in der digitalen vielleicht noch mehr, weil dort Filter eingesetzt werden, gehe es zu sehr ums Äußere, wie Körper ausschauen. Und dabei die Seele ignoriert werde. Dies sei ein Element des ständigen Drucks.
Ihr Rat als Gegenmittel: Selbstliebe und Echt-Sein und zwar dies nicht nur zu zeigen, sondern auch zu spüren bzw. spüren zu lassen. „Echt sein ist wichtiger als perfekt zu sein!“
Monatelange Wartezeit auf einen Kassen-Therapieplatz rechnet Sarah Schermaier (VBS – Vienna Business School, private Handelsakademie, Schönborngasse) in Sekunden um. So begann sie Englisch und setzte Deutsch fort über den Mangel an psychotherapeutischer und psychologischer Versorgung für Jugendliche zu sprechen, immer wieder zwischen beiden Sprachen wechselnd – ein Charakteristikum von Sag’s Multi.
Krass die Zahl, die sie für einige Momente raten ließ, um die Antwort gleich zu geben: Den 1,1 Millionen Schüler:innen in 5936 Schulen stehen ganze 190 Schulpsycholog:innen „zur Verfügung“. Ihr selbst konnten die Eltern private, teure Psychotherapie bezahlen, weshalb es ihr heute wieder gut gehe. Und genau deswegen wollte sie dieses Thema offen ansprechen, weil es auch noch immer schambehaftet sei.
Zu einer sehr außergewöhnlichen Form griff Olivia Kampmüller (AHS Wien West, in Penzing, 14. Bezirk). Auf Schwedisch – und selbstverständlich Deutsch (Wettbewerbsregel, die ab nun auch in diesem Beitrag nicht mehr jedes Mal erwähnt wird) – führte sie ein Gespräch mit ihrem möglichen künftigen Kind.
Sie fühle sich angesichts der Krisen diese Welt, nicht zuletzt der Sorge, ob die Klimaziele erreichbar wären, hilflos. Und je mehr sie die Welt verstehe, desto eher halte sie es für egoistisch, ein süßes Baby in diese zu setzen. Noch dazu wo Millionen von Kindern in totaler Armut aufwachsen.
Aber sie versprach diesem – vielleicht nie geborenen – Kind, weiterhin für eine bessere Zukunft dieser Welt zu kämpfen.
Ihre Hände verwendete Kaya Lehmann (AHS Maria Regina) als zwei Waagschalen. Damit illustrierte sie optisch eindrucksvoll die noch immer vorhandenen Ungerechtigkeiten zwischen Frauen und Männern – von Löhnen und Gehältern bis zur unbezahlten Care-Arbeit in Haushalt, Kinderbetreuung und Pflege meist älterer Angehöriger.
Auf die Idee zu dieser (Englisch-Deutschen) Rede sei ihr gekommen, als sie zum ersten Mal vom Equal Pay Day gehört habe, der Tag bis zu dem Frauen, wenn ihre Arbeits-Einkommen mit dem von Männern verglichen werden, sozusagen gratis gearbeitet haben.
Wie könne es sein, dass im 21. Jahrhundert diese längst bekannte Tatsache noch immer bestehe?! Auf Worte müssten endlich Taten folgen – einerseits gesamtgesellschaftlich, andererseits aber auch in Partnerschaften.
Wie so manch andere Teilnehmer:innen des mehrsprachigen Redebewerbs Sag’s Multi bringt auch die beim Wiener Speech-Masters angetretene Amira Zaina Celina Talab (RG /WRG Real- bzw. Wirtschaftliches RealGymnasium Feldgasse, Wien-Josefstadt, 8. Bezirk) schon verschiedene kulturelle und sprachliche Schätze mit. Sie, die Englisch als Erstsprache für ihren Beitrag wählte, nannte syrische, kroatische, slowenische und österreichische Wurzeln. Ihr Thema: On- und offline und die Frage nach der Echtheit, dem Echt-Sein.
Vor allem durch Social Media würden sich Lügen oft schneller verbreiten als ein Waldbrand. Es trage jedoch jede und jeder selber auch Verantwortung, nicht alles zu glauben, Nachrichten, Meldungen usw. zu überprüfen, auch wenn es zeitintensiv sein möge.
Die gute Nachricht, sagte sie: Du bist nicht alleine auf der Suche nach der Wahrheit. Wir können lernen, Lügen zu durchschauen, denn Wahrheit ist wertvoller als Gold!
Aufgewachsen in Washington D. C. (Hauptstadt der USA) mit einem US-amerikanischen Vater und einer irischen Mutter, nun in Wien lebend, fühle sie sich im Herzen als Europäerin, so Nerys McInterney Lankford (Lycée français de Vienne). Sie musste sich, wie viele andere, für eine ihrer Sprachen neben Deutsch entscheiden und wählte Englisch, obwohl es genauso gut Französisch (siehe ihre Schule) oder aber auch Spanisch sein hätte können.
Gerechtigkeit machte sie zu ihrem Thema – gerade in den USA, wo sie lebte als George Floyd, der im Todeskampf dem auf ihm knieenden Polizisten vielfach zurief, dass er nicht mehr atmen könne, ziehe sich diese Diskriminierung Schwarzer Menschen lange hindurch. Sie erinnerte an Rosa Parks und Martin Luthe King. In Nordirland sei immerhin nach jahrzehntelangen erbitterten tödlichen Kämpfen 1998 ein Friedensabkommen erreicht worden – Feinde fanden Frieden, statt gegenseitige Rache weiter zu verüben.
Nun lebe sie in Wien, aber auch das sei „wahre Gerechtigkeit oft leise“. Ihre Wege zu mehr Gerechtigkeit: Menschen, die hören, sehen, empathisch sind, den Mut haben, Stimmen hörbar zu machen, auch wenn ringsum Schweigen herrscht.
Aus der selben Schule wie seine Vorrednerin kommt Renátus Kollar. Er sprach Slowakisch zum Thema Zukunft Europas und verknüpfte dies mit der Frage zur Suche nach der Wahrheit. Sogenannte soziale Netzwerke würden nicht nur psychische Gesundheit von Menschen stören, sondern auch die Gesundheit der Demokratie beeinträchtigen. Denn diese beruhe auf Wahrheit.
Vor drei Jahren sei er die 60 Kilometer aus der slowakischen Hauptstadt Bratislava nach Wien gezogen, um hier die französische Schule zu besuchen. Eine kurze geografische Distanz der beiden Städte seines Herzens, aber eine ganze Welt liegt zwischen ihnen.
Kollar erinnerte an die Ermordung des Aufdecker-Journalisten Ján Kuciak und seiner Verlobten Martina Kušnírová vor fast genau acht Jahren (21. Februar 2018) „auf dem Altar der Wahrheit“.
Er habe aber selber dann im Lockdown in historischen Online-Rollenspielen erlebt, wie schnell sich rassistische, antisemitische Lügen verbreiten können. Deshalb sei es umso wichtiger, dass – nicht zuletzt über Initiativen wie Lie Detectors – schon früh in Sachen Fake News, Verdrehungen der Wahrheit …. Sensibilisiert werde.
Denn die Freiheit stirbt im Schweigen derer die aufhören zu denken, nicht im Lärm der Kriege.
Bezug auf die aktuell in Italien stattfindenden Winterspielen nahem Amelie Kröpfl (AHS Wien West, Englisch) mit dem zweiten Olympischen Motto (neben Dabei sein ist alles): Höher, schneller, weiter.
Der ständige Wettkampf, das dauernde Vergleichen, sei aber ein harmlos klingender Virus, der den Zusammenhalt gefährde. Und dazu führe, dass eine fiktive Andrea ständig das Gefühl habe „nicht gut genug zu sein“ und Ängste entwickle, dass andere auch diese Meinung teilten.
Daher brauche das Schulsystem dringend ein Update. Und zwar jetzt! Feedbacksystem statt Noten mit dem Ziel, niemandem das Gefühl zu geben, schlecht zu sein: Menschen, nicht Konkurrent:innen!
Leider setzt übrigens auch der neue Modus von Sag’s Multi reloaded mehr auf den Wettbewerb
Nicht zuletzt Elon Musk habe mit Algorithmen mit dazu beigetragen, dass Fake News spannender geworden sind als reale, echte, wahr Informationen, meinte Fabian Christ (HTL Rennweg, Englisch). Der 16-Jährige, der schon vor zwei Jahren eine Agentur gegründet hat, um für Kund:innen Videos zu gestalten, rief auf, erst Dinge zu lesen und zu checken, Quellen zu prüfen, bevor jemand sie teilt. Denn Fake News zerstören Vertrauen.
Natürlich sei es schwierig und nicht selten auch anstrengend, Meldungen auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen, Quellen zu checken, rauszufinden, was ist Wahrheit und was Lüge. Aber dafür brauche es – mehr! – Medienkompetenz-Unterricht und das möglichst früh, forderte Haya Al-Taie (GRG 10, Arabisch). Dazu zähle übrigens auch unterscheiden zu lernen, was von künstlicher Intelligenz erstellt wurde und was nicht.
Am Ende liegt es an uns allen, unterscheiden zu lernen zwischen Wahrheit und Lüge, denn die Wahrheit ist etwas Seltenes, Wertvolles.
Wird fortgesetzt mit weiteren Beiträgen über die Wiener Speech-Masters-Reden.
Auf einem Kasten mit etlichen Klappfenster liegt ein großes Schachbrett. Auf dem Feld nur mehr die beiden Könige, dazu noch bei Weiß ein Pferd / Springer, ein Läufer und drei Bauern; Schwarz verfügt nur mehr neben dem König über einen Bauern. Im Hintergrund steht mit Kreide geschrieben: „Matt in 8“.
Neben dem Kasten steht noch ein Sessel mit kleinem, handelsüblichem Schachbrett.
So präsentiert sich die Bühne – auf einem geknüpften Teppich – für das Stück „Der kleine Diktator“ mit Untertitel „Chef werden – eine Anleitung“ der vor allem auf Objekt- und Figurentheater spezialisierten Gruppe „Die Kurbel“. Derzeit gastiert sie mit dem Stück bei „Junge Theater Wien“, tourt aber gern auf Anfrage auch durch Schulen und andere Orte.
Am Anfang Schnarchgeräusche aus dem Hintergrund, die Figuren beginnen scheinbar zu sprechen und versetzen und in eine Schulstunde. Der Läufer jammert, die Hausübung nicht gemacht zu haben, das Pferd wiehert, irgendwer ruft warnend „er kommt“. Der Schachlehrer taucht auf, und versucht nach der Lösung für Lektion 421 zu fragen – der Ausgangsposition die zu Schachmatt in acht Zügen führen soll. Im Schnelldurchlauf erklärt er’s einmal, zwei Mal, drei Mal samt „vergifteten“ Zügen, die scheinbar harmlos wirken, aber dann…
Figuren wandern irgendwie magisch über Felder und lehnen sich gegen den Lehrer auf. „Ich mag nicht mehr hier stehen“, bewegt sich der Turm wie von Geisterhand von seiner auf die gegenüberliegende Grundlinie – inzwischen hat der „Lehrer“ (Schau- und Figurenspieler Fabricio Ferrari) alle weißen Figuren in die Ausgangsposition gestellt, der Bauer vor dem Turm hat sich selber entfernt. Aus einem der Klapp-Fenster taucht der Kopf eines zweiten Spielers auf (David Fuchs), was auch die Magie der Figurenbewegungen erklärt. Und an den legendären „Schachtürken“ erinnert – einen angeblichen mechanischen Schachroboter aus 1769, in dem aber ein menschlicher Schachspieler versteckt war.
Der Widerpart aus dem Kasten lässt die Figuren sagen, dass sie nicht tun müssen, was der Schachlehrer anordnet, sie hätten die Wahl, das sei eben Demokratie. Was der Lehrer zunächst mit dem Wortspiel Wahl = Qual beantwortet, um hernach dem König den Kopf abzubeißen, ihm einen Luftballonkopf zu verpassen und diesem aufgeblasenen Kopf auch die Luft auslässt.
Mit der Demokratie hat’s der Herr Lehrer nicht so, aber die alte Monarchie habe auch ausgedient. Er selbst wolle sich gern wählen lassen – zum Chef. Und zwar zu einem unumschränkten – womit wir beim Titel des Stücks „Der kleine Diktator“ und seinem Untertitel wären.
Und – ohne es im Stück anzusprechen – bei einer der Inspirationen für das Stück, neben der anderen von Charlie Chaplins „großem Diktator“: Das Buch der italienischen Autorin Michela Murgia „Faschist werden – Eine Anleitung“ (Übersetzung ins Deutsche: Julika Brandestini, Verlag Klaus Wagenbauch, Berlin).
Ihre acht Schritte absoluter, unumschränkter Chef zu werden – klingt ja viel moderner als Diktator – verwandelt „Die Kurbel“, die als Figurentheater rasch Schach als DAS Machtspiel gefunden hatte, in acht Züge
1. Feindbilder: In diesem Fall wird eine übergroße Playmobilfigur aufs Feld gestellt. Erstens bunt, zweitens Arme und Beine – also anders. Schuld an allem.
2. Angst bei den eigenen Figuren gegenüber diesem Angehörigen der „anderen“ schüren
3. … ach nein, alles soll hier sicher nicht gespoilert werden, das Stück ist spannend zu erleben, auch wie die beiden auf der Bühne im immer stärker werden Wechsel- und Kontraspiel der eine die acht Züge entwickelt, der andere doch versucht dagegen zu halten.
Angeteasert werden sollen hier nur lediglich zwei der weiteren Schritte / Züge: Popolismus – bewusst mit diesem einen anderen Buchstaben gespielt und dem einander nicht zuhören – das beide meisterhaft bis hin zum Schrei-Duell exerzieren. So manches kommt einem da aus dem Gruselkabinett der aktuellen (Welt-)Politik mehr als bekannt vor.
Wobei das Stück viel öfter und leichter die satirisch überhöhte Darstellung bricht als das Buch, das durchaus dazu verleiten könnte, auf diese Ideologie auch reinzukippen.
Verraten möchte ich dennoch, dass Fabricio Ferrari am Ende aus seiner Rolle aus- und in sein Leben einsteigt. Dabei schildert er berührend, wie er als Kind in Uruguay (Südamerika) südlich von Brasilien, östlich von Argentinien, in den 13 Jahren Militärdiktatur aufgewachsen ist. Wie er riesengroße Angst der Menschen aber auch beginnenden und schließlich erfolgreichen Widerstand der Donnerstags-Protestaktionen erlebte, die letztlich zum Sturz der Diktatur und Rückkehr zur Demokratie führten.
Konzept, Dramaturgie und der immer wieder auch gruselig-humorvoll Text stammen von Lisa Fuchs, Regie und Gestaltung von Erik Etschel; Figuren-, Kostüm- und Bühnenbau haben neben Fabricio Ferrari, der ja auch spielt, Emanuela Semlitsch und Sofie Pint vorgenommen – Schachfiguren aus Pappmaschee und die übergroße Playmobilfigur aus dem 3D-Drucker.
Ausgehend von dem angeblichen, so manche meinen eher inszenierten, Putschversuch Mitte Juli 2016 in der Türkei, beschreibt Ece Temelkuran in „Wenn dein Land nicht mehr dein Land ist oder Sieben Schritte in die Diktatur“ die Entwicklung ihrer Heimat in ein autoritäres System unter Recep Tayyip Erdoğan.
„Die Verwandlung des Populistenführers von einer Witzfigur in einen furchteinflößenden Autokraten vollzieht sich meiner Erkenntnis nach in sieben Schritten, mit denen er die gesamte Gesellschaft seines Landes von Grund auf korrumpiert“, schreibt die Autorin. Und warnte damals schon, Trump war erstmals Präsident (2017-2021), Großbritannien hatte mehrheitlich für den Austritt aus der EU gestimmt, dass ähnliche Szenarien auch „dem Westen“ nicht erspart bleiben würden. „Ob Sie es glauben oder nicht – das was in der Türkei passiert ist, blüht Ihnen erst noch. Dieser politische Irrsinn ist ein globales Phänomen…“ – und das wurde vor sieben Jahren veröffentlicht.
Gründen Sie eine Bewegung / Zersetzen Sie das Vernunftprinzip und terrorisieren Sie die Sprache / Schaffen Sie das Schamgefühl ab: Im postfaktischen Zeitalter ist unmoralisches Verhalten gefragt / Demontieren Sie die rechtlichen und politischen Grundlagen / Entwerfen Sie Bürger nach Ihrem Geschmack / Sollen sie über das Grauen lachen! / Erschaffen Sie sich Ihr eigenes Land – heißen die einzelnen Schritte / Kapitel ihres Buches – Details unten in der Info-Box.
„So entsteht ein neuer Zeitgeist, ein historischer Trend, der die Banalität des Bösen (Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen von Hannah Arendt, Anm. der Redaktion) in das Böse der Banalität verwandelt.“
Baldachin, Girlanden, Luftballons, einige davon in Herzform, ein Plakat, natürlich in Herzform – alles vorbereitet zur Hochzeit von „Leyla & Joel“ im Foyer des Theaters Spielraum in der Wiener Kaiserstraße.
Häääää? Sollte da nicht das Stück „Spiegel“ der jungen britischen Dramatikerin Sam Holcroft seine deutschsprachige Erstaufführung feiern?! Und das ist doch mit ganz anderen Sätzen angekündigt: „In einer Welt, in der alles unter Kontrolle steht, ist auch die Wahrheit eine Lüge. Und eine Lüge kann die Wahrheit sein…“
Gut gegen Ende des Textes steht schon etwas von „Und eine Hochzeit gefeiert. Oder nicht?“
An der Theaterkassa wird neben dem Ticket auch eine Einladung zu dieser Hochzeit ausgegeben, samt dringendem Hinweis, die sei sogar wichtiger als die Eintrittskarte. Echt jetzt?
Wer die Einladung umdreht, kann dann unter anderem lesen: „Hiermit erkläre ich unter Eid, dass ich die Gesetze meiner Nation unterstützen und gegen alle Feinde im In- und Ausland verteidigen werde; dass ich ihr wahren Glauben und Treue erweisen werde…“ bis hin zur Verpflichtung, nach entsprechender Aufforderung, Waffen zu tragen und sich aufzuopfern…“ Das wiederum hat schon mehr mit der Ankündigung des hochpolitischen Stückes zu tun.
Die Hochzeit ist, so viel darf schon verraten werden, Teil des Stückes und seiner Inszenierung. Dazu zählen auch die Kopien eines Bescheides, die an vielen Stellen an den Wänden hängen: Die Aufführung des angesetzten Theaterstückes wurde untersagt – vom „Amt für bürgerliche Ordnung“. Dieses ABO hätte „das Stück geprüft und eine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und des sozialen Friedens festgestellt, die Grenzen der künstlerischen Freiheit würden überschritten“.
Jene, die die Rückseite der erwähnten Hochzeitseinladung sowie den genannten Bescheid gelesen haben sollten, nahmen an, das ist wohl Teil der Inszenierung. Die anderen offenbar auch. Das „Verbot“ und der patriotische Schwur stellen die direkte Verbindung zum Kern des Stückes her; die Hochzeit hat eine spezielle Funktion, aber die sei hier ebenso wenig gespoilert wie eine verblüffende Wende gegen Ende der knapp mehr als 2¼ kurzweiligen, bitterbösen und doch immer wieder auch humorvollen Stunden mit Gruselfaktor. Letzterer liegt vor allem an der Außenwelt, der Realität auf der echten Welt mit illiberalen Demokratien, sogenannten alternativen Fakten.
Was mit der Hochzeit von Leyla & Joel mit einem Standesbeamten startet, wechselt in die Achterbahnfahrt rund um den ersten Theatertext des jungen Adem Nariman (Paul Graf, der auch den Bräutigam spielt). Eigentlich ist er Automechaniker, aber ein ausgezeichneter, exakter Beobachter und Zuhörer. Aus allem, was er in seiner kleinen Wohnung mit extrem dünnen Wänden im 9. Stockwerk hört, verpackt er in diesen seinen ersten Stücktext. Und wie in diesem – nicht verorteten – Land erforderlich, reicht er es beim Kulturministerium ein.
Und hat Glück – oder auch nicht, wer weiß?!
Nicht irgendein Unterläufel, sondern der in der Hierarchie weit oben angesiedelte Ministeriumsdirektor Čelik, stets ohne Vornamen, kriegt es auf den Schreibtisch (Paul Wiborny, der auch in die Rolle des Standesbeamten schlüpft). Er lädt den Autor in sein Büro, um den Text zu besprechen.
Adem habe Talent, aber alles, was er da beschreibe, sei so negativ und voller Kraftausdrücke. Das Land brauche Positives, Aufbauendes.
Es sei doch einfach die Wahrheit und nichts anderes als diese, verteidigt der Verfasser seinen Text.
„Vielleicht. Aber du sprichst hier nur von einer oberflächlichen Wahrheit, reiner Realitätstreue… Kunst sagt einem nicht nur, was ist, sondern auch, was sein könnte. Und das ist, fürchte ich, das grundlegende Problem deines Stückes…“, so der Ober-Zensor.
Der Automechaniker hätte zwar das Werkzeug zum Schreiben, aber er müsste es halt richtig einsetzen. „Ein Spiegel ist kein Gemälde“, wird er später sagen. Aber er, der oberste Kulturbeamte, der immer wieder durchklingen lässt, eigentlich auch kompetenter zu sein als die Ministerin, sei ja ein Förderer junger, neuer Talente in allen Sparten der Kunst und Kultur und nicht so ein Abkanzler wie die unterrangigen Beamt:innen. Und so ermunterte Čelik seinen Gast, ein neues Stück zu schreiben – unter den von ihm genannten Eckpfeilern und ließ ihm von seiner neuen Mitarbeiterin Mei (Anna Zöch, auch als Braut im Einsatz) als Leitfaden eine Broschüre überreichen. Deutlich zu sehen deren Titel: 1984.
(Nicht nur) mit diesem Detail schlägt die Inszenierung von Co-Prinzipal des Theaters, Gerhard Werdeker, eine Brücke zur vorjährigen Aufführung des Dystopie-Klassikers von George Orwell (dabei führte Co-Direktorin Nicole Metzger Regie, die dieses Mal für die Dramaturgie verantwortlich zeichnet).
Doch was liefert Adem beim nächsten Mal? Ein wortgetreues Protokoll des ersten Treffens!
Habe er ihn etwa aufgenommen? Nein, er merke sich heben alles.
Aber was wolle er damit, gar den Ministeriumsdirektor auf die Schaufel nehmen?
Gerade diese Szene, aber auch das ganze Stück, so schreibt die Autorin Samantha Holcroft in einer Danksagung zu ihrem Stück, sei inspiriert vom Dramatiker und Filmemacher Lucien Bourjeily. Ihn sowie weitere libanesische und syrische Schriftsteller habe sie 2014 bei einem einwöchigen Schreibworkshop getroffen. „Bourjeily war von der libanesischen Zensur derart frustriert, dass er eine Satire schrieb, die innerhalb der
Zensurbehörde spielt – mit dem Titel „Will It Pass Or Not?“ Dann reichte er das Stück wahrhaft heroisch und dreist beim Ministerium zur Genehmigung ein. Es wurde (natürlich) sofort verboten, Luciens Reisepass anschließend beschlagnahmt.“ Wobei ihr Adem im „Spiegel“ nicht Lucien ist und Holcroft ihr Stück (2023 veröffentlicht) in einem fiktiven Land ansiedelt, mit dem tragischerweise immer mehr Staaten Ähnlichkeiten annehmen.
Zurück zum „Spiegel“: In seiner Kunstfreundlichkeit organisiert Čelik einen Workshop mit dem schreibenden Automechaniker und dem mittlerweile gefeierten Theaterautor Bax (Adrian Stowasser, switcht wenn’s hochzeitlich zugeht in den Trauzeugen). Auch den habe er gefördert und auf den rechten Weg gebracht, das Richtige zu schreiben…
Und da geht’s dann richtig rund. Im nächsten Schreibauftrag sollte Adem als Teilnehmer einer berühmten Schlacht von Kelline seine Erfahrungen in ein Stück verarbeiten. Bei diesem kleinen Workshop schlüpfen Čelik, Adem, Bax und Mei, bisher an den Rand gedrängte dienende Beamtin, nun aufblühend in ihrem soldatischen Element, in die Rollen von Bax‘ Erfolgsstück „Hauptmann Fikris Sichel.“
Durchgespielt, erlaubt sich Adem deutlich kundzutun, dass es sich so genau nicht zugetragen hat, ja nicht einmal möglich gewesen wäre…
Ab da kippt die Stimmung. Der Ober-Kulturbeamte sieht keine Chance mehr, den jungen Neo-Autor au Linie zu bringen. Wie sich das weiterentwickelt? Das Stück und die Inszenierung sowie das Schauspiel leben schon auch von den immer wieder überraschenden Wendungen…
Wie bei Orwells Klassiker geht es bei Holcroft zentral um die Frage von Wahrheit vs. Zurechtbiegen derselben. Allerdings legt die Autorin ihrem Protagonisten Čelik immer wieder auch durchaus schlaue Sätze in den Mund, Gedanken, die durchaus etwas für sich haben und nicht nur verwerflich scheinen.
Wobei sie Bax doch sagen lässt, dass der mehrmals als Vertreter der dumpfen, harten Zensoren genannte Garmsh wenigsten ehrlich sei. „Er schlägt die Leute. Du… verführst sie. Er reißt etwas aus den Skripten heraus. Du reißt etwas aus den Leuten heraus – Nein, nein, das stimmt nicht – du bringst uns dazu, etwas aus uns herauszureißen… was du tust, ist … viel heimtückischer“, hält er Čelik vor.
Neben der Auseinandersetzung um Wahrheit, Kunstfreiheit, Machtstrategien – brutal oder subtil – spielt auch eine weitere Handlungsebene eine Rolle: Mei, obwohl Sachbearbeiterin wird von Čelik eher als Sekretärin behandelt. Selbst als er ihr Theaterbesuche ermöglicht, lässt er mehr als nur durchblicken, dass er sich dabei mehr erwarte. Und als sie gar Adem privat besucht, ist auch sie auf seiner Abschussliste.
Der den Feinsinnigen Gebende trägt übrigens immer Handschuhe (Kostüme wie fast immer im Spielraum: Anna Pollack), was transportiert, dass er sich ja nicht die Hände schmutzig machen will.
Als Zeichen der „Sauberkeit“ sind alle Bühnenelement in weiß gehalten, genial der wandelbare große Schrank, als „Fotobox“ für die Hochzeitsbilder, als Teil des kleinen Wohnraums von Adem einer- und auf der anderen Seite des ebenso mickrigen Verschlags von Bax, als der auf dem absteigenden Ast ist… Für die Bühne zeichnen J-D und Samuel Schwarzmann verantwortlich, die beide auch kurze Schauspielauftritte haben. Wobei Samuel Schwarzmann eine weitere Brücke zur „1984“-Inszenierung vor einem Jahr darstellt. Da er bei einigen Terminen im November anderweitig im Einsatz ist, übernimmt mit Dana Proetsch ebenfalls eine Schauspielerin aus dem Spielraum-Orwell-Klassiker die beiden kleinen Rollen.
Alles beginnt mit einem Referat über Hai. Das Ungewöhnliche daran: Es wird von einem Gewöhnlichen Putzerfisch gehalten. Und so geht es weiter, in 20 Kapiteln kommen rund 200 Tiere vor, immer spricht ein Tier über ein anderes. Naja, nicht immer. In einem Fall stimmt der deutschsprachige Untertitel „Was Tiere über sich erzählen“ – der Schneeleopard spricht nur über sich.
Aber ansonsten lässt Bibi Dumon Tak (aus dem Niederländischen übersetzt von Meike Blatnik) immer Vögel, Fische, Körten, Würmer, Schlangen und andere weder menschliche noch pflanzliche Lebewesen über eine Tierart sprechen. Halt, nicht ganz, der Brüllaffe erzählt eine teils abenteuerliche Geschichte über ein Einhorn. Da ent„spinnt“ sich eine heftige Diskussion. Alles nur ausgedacht. „Wenn man ein Referat hält, müssen die Fakten stimmen“, meint der Schwertschnabel-Kolibri. Der Brüllaffe hält dagegen, dass doch alle ganz gebannt zugehört hätten und der Seestern sogar begonnen habe, an manchen Stellen dazu zu reimen. Dennoch „Fake News“ ruft der kurzzeitige Dichter.
Erst als die schlaue Eule auf den Plan tritt, gibt der Brüllaffe zu: „Also gut, ich habe alles erfunden. Aber das war doch eine gute Geschichte? Findet ihr nicht?“
Im Gegensatz zum Brüllaffen, der im Brustton der Überzeugung die Fantasiegeschichte erzählt, taucht in Kapitel 7 ein Tier auf, das sehr, sehr schüchtern mehr als eine Seite braucht, um sich selbst vorzustellen. Hätte er aus dem Schneckenhaus, das er unter Wasser bewohnt, sprechen können, wär’s ihm – so der Einsiedlerkrebs – viel leicht gefallen, über den Fisch zu referieren…
Die Autorin hat aber nicht nur viel Wissenswertes über viele Tiere in die mehr als 100 Seiten dessen Text durch viele spannende Zeichnungen von Annemarie van Haeringen aufgelockert ist, von „Regenwurm und Anakonda“ eingebaut. Neben der schon erwähnten Diskussion rund um Fake News und Faktentreue, oder dem schüchternen Referenten gibt’s nicht zuletzt eine sich über mehrere Kapitel ziehende um Mobbing noch dazu auf der Basis von Gerüchten.
Als das „Gila-Monster“, auch Gila-Krustenechse genannt, in Kapitel 17 zu sprechen anhebt, wird es sofort mehrfach unterbrochen und zum Verschwinden aufgefordert: „Du bist gefährlich.“ Da hilft es der Echse nicht, auch auf andere gefährliche Tiere zu verweisen, die schon ihre Referate halten durften. Aber der Atem dieser Echse sei tödlich, hätten alle gehört. „Aber ihr lebt doch noch? Ich habe jetzt ein paar Mal ein- und ausgeatmet…“ Über mehrere Seiten geht das so hin und her, bis die Gila-Krötenechse abhaut.
Einige Seiten weiter tut es den anderen Tieren leid, wie sie das angebliche todbringende Monster behandelt haben, sie schämen sich auch, dass sie nach den ersten Gerüchten einfach alle mitgemacht und diese Echse vertrieben haben. Die darf nun ihr Referat halten – über den „Blauen Drachen“.
Erste Reaktion: Wieder eine Fantasiegeschichte wie das Einhorn des Brüllaffen?
Nein, eine real existierende Nacktschnecke im Meer.
Und so wie diese kommen neben bekannten ganz schön viele Tiere in diesem Buch vor, von denen du vielleicht zuvor noch nie gelesen oder gehört hast.
Apropos hören: Fast das ganze Buch gibt es als inszenierte Lesung – Sprecher:innen David Nathan, Cathlen Gawlich, Julian Greis, Vanida Karun, Jodie Ahlborn, Matti Krause – als Hörbuch (2 CD). Statt Illustrationen sind dafür immer wieder Musikstücke eingebaut.
Auf jedem der Publikums-Sessel liegt ein Smartphone mit Klettband, um es an einem Unterarm zu fixieren. Bei „Bubble Jam“, mit dem Rimini Protokoll (die erstmals etwas für Jugendliche entwickelten) & Grips Theater aus Berlin beim aktuell (bis 23. März 2025) laufenden Slup-Festival in Wien gastierte, handelt es sich um ein interaktives Spiel. Und nein, es geht nicht darum, über Szenen, die von Schauspieler:innen dargestellt werden, abzustimmen. Zuschauer:innen werden zu Mitspieler:innen.
Das Spielfeld auf Bühne 3 – dieses Mal im Dschungel Wien (MuseumsQuartier) wirkt wie eine überdimensionale Platine. Bald nach Beginn und den ersten Eingaben und Fragen von den Sitzplätzen aus, sollen / müssen / dürfen die rund fünf Dutzend Mitwirkenden ernsthafte und weniger seriöse Fragen in Quizes beantworten. Die reichen von Fakten über digitale Welt – u.a. zur überraschenden Antwort auf die Frage nach der sprachlichen Herkunft von Algorithmus * – bis zu Persönlichem. Bei Letzterem sind sowohl Verhalten im digitalen als auch im analogen Leben gefragt.
Plötzlich geht’s um das Auftauchen von Nacktfotos. Irgendwer hat solche weitergeschickt. Nur eine Story oder was Echtes? Kennt das oder anderes jemand aus dem realen digitalen Leben? Jugendliche beginnen Cyber-Mobbing- und andere teils ziemlich heftige Erfahrungen von Mitschüler:innen mit dem gesamten Publikum zu teilen.
Wie umgehen damit – und wie mit dem „Spendieren“ von Daten? Aus einem Nebenraum taucht der Supervisor des Spiels auf, und führt vor, was er alles schon über die Mitspieler:innen in Erfahrung gebracht hat, was sie alles nur über dieses Spiel preis gegeben haben… Mit heftigen Reaktionen, Diskussionen, Widerständen bis hin zur massiven Forderung, die gesammelten Daten zu löschen.
Ein spannender, spielerischer Zugang in den kritischen Umgang mit Datensammlung, eigner Weitergabe von Fotos, Fake News sowie dem (eigenen) Verhalten in der (Online-)Welt insgesamt. Wäre nicht schlecht gewesen, mit der Initiative Safer Internet zu kooperieren, um gleich weiterführendes Informationsmaterial zu teilen und auf einschlägige Workshops hinzuweisen.
*„Das Wort Algorithmus ist eine Abwandlung oder Verballhornung des Namens des persischen Rechenmeisters und Astronomen Abu Dschaʿfar Muhammad ibn Musa al-Chwārizmī, dessen Namensbestandteil (Nisba) al-Chwarizmi „der Choresmier“ bedeutet und auf die Herkunft des Trägers aus Choresmien verweist. Er baute auf die Arbeit des aus dem 7. Jahrhundert stammenden indischen Mathematikers Brahmagupta. Die ursprüngliche Bedeutung war das Einhalten der arithmetischen Regeln unter Verwendung der indisch-arabischen Ziffern. (wikipedia)
„Meine Fotos“, hauchte sie. „Mein Leben!“ So fertig reagierte Libby auf den Vorschlag ihrer Lehrerin für dieses Experiment: Eine Woche ohne Handys. Alle smarten Mobiltelefone wurden in eine Kiste gesperrt und alle sollten Tagebuch – auf Papier – darüber führen. Rosa, die Erzählerin schildert wie ihre Freundin, mit der sie in einer Arbeitsgruppe ist, sich das so überhaupt nicht vorstellen konnte. Auch die Lehrerin und die Familien sollten / wollten mitmachen.
Dieses Setting wählte Autor Thomas Feibel, der sich seit Jahrzehnten mit Medienkonsum von Kindern und Jugendlichen auseinandersetzt, für sein Buch „Hilfe! Eine Woche ohne Handy“. Der dritte im Bunde der Arbeitsgruppe, Malik, konnte sich gar nicht vorstellen, ohne Spiele auf seinem mobilen Gerät auskommen zu können. „Weckt mich einfach, wenn es vorbei ist“, stöhnte er.
Doch er blieb wach, zeichnete und suchte Sticker für das Tagebuch, Rosa, die Erzählerin, schreib und Libby machte Fotos mit einer Sofortbildkamera. Zur Verstärkung holte sich das Trio Rosas Kater Dix. Der konnte sprechen und über die Kette der Klospülung im Gartenhaus lud er die drei Kinder ein, mit ihm Zeitreisen zu unternehmen.
Über diesen „Trick“ verrät der Autor in recht einfacher Sprache und mit sehr vielen Zeichnungen (Josephine Wolff) geschichtliche Bögen – von Rauchzeichen bis zur SMS, vom Telegrafen bis zur Videotelefonie, aber auch Zusammenhänge zwischen Computern und Handys, die Wichtigkeit von Spielen fürs Lernen und nicht zuletzt Infos und Tipps in Sachen Fake News und Achtung vor Gefahren im Internet.
Am Ende – natürlich kriegen alle ihre Handys wieder und präsentieren ihre Projekt-Tagebücher – gibt’s noch Erklär-Seiten von Dix zu wichtigen Begriffen rund um Internet und Smartphones.
Auch wenn viele den Roman mit seinen (je nach Verlag) rund 300 Seiten gar nicht kennen, so ist sowohl der Titel mit der Jahreszahl „1984“ als auch die andauernde, allgegenwärtige Überwachung, die im Spruch „Big Brother is watching you“ zum geflügelten Wort für genau diese Tatsache geworden.
Der aus dem bewussten Zahlendreher 1948 von George Orwell fertiggestellte (ein jahr später erschienene) dystopische Roman nimmt aber nicht nur die vollkommene Überwachung aufs Korn. Innere und äußere Partei samt ihrer Gedankenpolizei bürsten alles auf Gleichklang. Und dafür müssen Tausende Mitarbeiter:innen frühere Meldungen in allen verfügbaren Medien umschreiben. Begriffe werden in ihr Gegenteil verkehrt: Krieg = Frieden, Freiheit = Sklaverei… Solche Parolen flimmern als Einblendungen über die Rückwand des Theaters Spielraum in der Wiener Kaiserstraße (Video: Robert G. Neumayr).
Dieses kleine, feine, engagierte Theater – Motto: „Wir nehmen Texte beim Wort“ – spielt derzeit eine kompakte, komprimierte 1½ -stündige Version (Regie & Stückfassung: Nicole Metzger, Co-Leiterin des Theaters im ehemaligen Erika-Kino). Viele Nebenstränge aus dem Roman, ja sogar der so wie der „Große Bruder“ immer nur via virtueller Erscheinung auf Monitoren im Roman vorkommende Gegenspieler Emmanuel Goldstein, bleibt außen vor.
Das präzise, oft fast entpersönlichte Schauspiel des Ensembles als auf Konformität gestrickte Bürger:innen Ozeaniens in „1984“, lässt immer wieder auch kalte Schauer über den Rücken laufen. Am Krassesten vielleicht dort, wo Gewalt via „Fernwirkung“ gespielt wird. Winston Smith (Samuel Schwarzmann) und Julia (Julia Handle), die Gefühle füreinander entwickeln und beginnen kritische Gedanken gegenüber dem Big-Brother-Regime zu entwickeln, werden von O’Brien von der äußeren Partei (Peter Pausz) zuerst um den Finger gewickelt und dann als Feinde ge-outet und „entsprechend“ behandelt. Wenn Pausz an einem Ende der Bühne lautstark und gewaltig auf den Boden tritt und am anderen Ende der Bühne die Abtrünnigen zusammenzucken, dann reißt’s dich im Publikum vielleicht sogar noch stärker, als würde er direkt auf sie vermeintlich einprügeln.
Dana Proetsch switcht von der Rolle Parsons, der von seiner 7-jährigen Tochter verraten wird, weil er im Schlaf etwas gegen Big Brother von sich gegeben hat in die von Charrington, in dessen laden Winston ein Tagebuch kauft.
Gabriel N. Walther spielt Syme, der den Job am „Neusprech“ liebt. Zu dieser zählen nicht nur die oben schon erwähnten Umdeutungen. Die (neue) Sprache soll ständig weniger werden. Wozu brauche es „schlecht“ – „un-gut“ reiche. Synonyme werden ebenfalls aussortiert, sogar für mögliche Steigerungen reichten plus bzw. doppelplus vor dem jeweiligen Adjektiv.
Eine schmale, hohe Pyramide auf der Bühne bzw. entsprechende mit weißen Klebebändern auf dem schwarzen Boden markierte Drei-Ecke symbolisieren das Londoner Informations-Ministerium, dem die BBC unterstellt war und das George Orwell angeblich als Vorbild für sein Wahrheitsministerium vor Augen hatte (Bühne: Raoul Rettberg). Haus-Ausstatterin Anna Pollack hat sich für die fünf Schauspieler:innen T-Shirts mit einem riesigen Bar-Code – aber kleinen menschlichen Figuren statt der Zahlen unter den Strichen einfallen lassen – und ein Mittelding aus Rock und Hose für darunter.
Die Theater-Spielraum-Fassung konzentriert sich auf die auch heute nicht minder wichtige und wahrscheinlich noch viel präsentere Verdrehung von Wahrheit(en), aktuell „Fake News“ genannt – in beiden Bedeutungen: Als wirkliche Falsch-Nachrichten wie sie bei Orwell von den Mitarbeiter:innen des Ministeriums für Wahrheit produziert werden, aber auch als Schimpfwort. Zu Letzterem griff der damalige US-Präsident Donald Trump, der seinerseits viel mit Lügen arbeitet, immer wieder gegenüber seriösen Medien. Kaum begannen sie Fragen zu stellen, schleuderte er ihnen „Fake News“ entgegen.
Was Orwell als massive Kritik an Überwachung verstand – und die Leser:innen ebenso, hat sich längst weitgehend umgedreht. Seit einem ¼-Jahrhundert begeben sich Menschen freiwillig in Container, auf Inseln, in den Dschungel, in Häuser, um sich rund um die Uhr von TV-Kameras beobachten zu lassen. Die Fernseh-Show „Big Brother“ wurde 1999 erstmals in den Niederlanden ausgestrahlt.
Nicht nur das. Wir (fast) alle unterwerfen uns mit dem Rausrücken unserer Daten an die Großkonzerne, die sie als Gegengeschäft zu vermeintlichen gratis-Suchmaschinen und Social Media in Zahlung nehmen, praktisch der Rundum-Überwachung unserer Aktivitäten, Einkäufe…
Diese Überlegungen gehen den Zuschauer:innen beim und nach dem Besuch sicher ebenso durch den Kopf wie das Grübeln bei so manchen Nachrichten, ob die nun echt oder nicht, sozusagen Fakt oder Fake sind. Und „Neusprech“ ist so fern ja nicht, wenn Kündigungen „Freisetzungen“, Schrumpfen der Wirtschaft „Minuswachstum“, Deportationen „Außer-Landes-Bringung“ genannt werden…
Der sicher witzige Titel wird erst ziemlich weit hinten aufgelöst. „Angriff der Killer-Unterhosen“ heißt dieses Comic-Buch, das sich um Fake News dreht.
„Fake News“ sind sozusagen in aller Munde, dauernd ist die Rede davon. Auch wenn es Falsch-Nachrichten schon immer gegeben hat, durch Internet und vor allem Social Media-Apps verbreiten sie sich heute so schnell und weit wie nie zuvor.
Nicht alles was falsch ist, fällt darunter – es können wie in allen anderen Bereichen auch bei und in Medien Fehler passieren. Darum geht es weniger. Aber was tun? Was ist wahr und was ist (bewusst) falsch?
Antworten darauf gibt es nicht wirklich so leicht. Je ausgereifter die Technik, umso schwieriger das Erkennen. Diese nicht ganz 100 Seiten, die Elise Gravel geschrieben und gezeichnet hat (Übersetzung aus dem Englischen: Ingrid Ickler) schildert einige Methoden und Beweggründe von bewusst in die Welt gesetzten Falsch-Nachrichten.
Dass Unterhosen töten, würde wohl niemand glauben. Aber – und ausnahmsweise wird hier auf dieser Seit ein einer Buchbesprechung schon viel gespoilert… Mit diesem Beispiel zeigt Elise Gravel in Wort und Bild eine Methode wie eine Meldung zu einer Falschnachricht werden kann. Die Schlagzeile (Große Überschrift auf einer Startseite – egal ob in einer gedruckten oder einer Online-Zeitung -, die sie sich ausgedacht hat: „Frau von eigener Unterhose getötet“.
Aber in der Meldung darunter wird beschrieben: Diese Frau ist im Badezimmer auf der auf dem Boden liegenden Unterhose ausgerutscht, mit dem Kopf unglücklich auf ihre Badewanne gefallen und so tödlich verletzt worden.
Sogenannte Zuspitzung, Übertreibung, Verkürzung ist aber nur eine Möglichkeit, wie es zu falschen Nachrichten kommt. In diesem Buch mit vielen – immer erfundenen – Beispielen zeigt die Autorin und Illustratorin in Personalunion, unterschiedliche Methoden und auch Absichten auf, die hinter Fake News stecken.
Das letzte Kapitel mit immerhin fast 30 der 88 Seiten widmet Gravel zehn Werkzeugen, wie du falsche von echten Nachrichten (leichter) unterscheiden kannst. Das eingangs zitierte Beispiel, das auch dem Buch letztlich den Titel gab, ist „Schritt 8: Lese nicht nur die Schlagzeilen“.
Übrigens: Elise Gravel weist aber auch darauf hin, dass es – ähnlich wie Comedians – auch im Medienbereich ähnliches gibt: Satire-Seiten, die bewusst Dinge überspitzen, um humorvoll auf Missstände aufmerksam zu machen.
Weltbekannt – nur niemals in New York und ähnlichen Destinationen gewesen, dafür geht sie in Oed, Hintertuxing und Vordereich weg wie die warmen Semmeln. Sie – ist ein Ge-, Ge-, Ge-, Geheimtipp. Schon die Startnummer von „Jo Eh!“ beim Kultursommer im Wilhelmsdorfer Park in Wien-Meidling spielt mit einer kräftigen Portion Selbstironie.
Sie, das sind „Frau Eveline & die letzten Kavaliere“. Wobei von letzteren auch nur mehr einer übrig geblieben ist. Dafür gesellt sich mit Stephanie Hacker eine Tastenvirtuosin am Piano, fallweise Akkordeon samt Gesang zum allerletzten Kavalier Eric Amelin (vor allem Kontrabass, hin und wieder auch Gesang sowie Koffer). Und dann ist da natürlich Star des Abends: „Kammersängerin Eveline“ alias Susanne Leitner. Ihr Hauptinstrument ist die Stimme – singend und erzählend -, dazu bespielt sie fallweise noch Akkordeon, Melodica und eine Strom-Ukulele.
Die Bandbreite der Lieder – meist mit Wiener Dialekteinschlag – ist groß. Sie reicht vom eingangs besagten „Geheimtipp“ über „unsterbliche Viren“, Parasiten und ihr Zusammenleben mit den entsprechenden Wirt:innen bis zu den risikolosesten Liebesliedern der Welt: Nämlich Wienerische. Denn da ist nur der Gesang von „dadat oder warat“, also alles läuft nur im Konjunktiv ab, pardon würde ablaufen – unter Umständen 😉
Dazu kommen noch bitterböse gesellschaftspolitische Nummern, pardon „voller sagenumwobenen goldenem Wienerherzen“. In einem heißt’s unter anderem: „Es haßt a ned Lüge, es haßt sicha ned Lüge… alternative Woaheid muasd sogn…“ Und natürlich auch nicht Propaganda, sondern Message Control.
In einem anderen kauten einige der zentralen Textzeilen: „I hob ka Lösung, i hob ka Lösung für nix, aber Sündenböcke hab ich hier zuhauf….“
Mehr als die Hälfte der befragten 400 Jugendlichen würde gerne etwas am eigenen Aussehen ändern, mehr als 100 der 11- bis 17-Jährigen in dieser Studie (Dezember 2023) hat sogar schon einmal über eine Schönheitsoperation nachgedacht. Großen Einfluss auf das eigene Selbstbild, das sie zu Veränderungswünschen veranlasst, haben vor allem Influencer:innen und generell Social-Media-Plattformen im Internet. Dies sind die zusammengefassten Ergebnisse der aktuellen Jugend-Medien-Studie mit stets wechselnden Schwerpunkt-Themen. Anlass ist der alljährliche Safer Internet Day am ersten Februar-Dienstag, dieses Mal bereits der 21., Thema in diesem Jahr: „Schönheitsideale im Internet“. Präsentiert wurden die Umfrage-Ergebnisse am Vortag, dem 5. Februar 2024, vom Österreichischen Institut für angewandte Telekommunikation (ÖIAT) und der ISPA – Internet Service Providers Austria gemeinsam mit der Jugendstaatssekretärin in der Bundesregierung, Claudia Plakolm.
Vertiefend zur Online-Umfrage unter den schon genannten 400 Jugendlichen (durchgeführt vom Institut für Jugendkulturforschung und Kulturvermittlung; Studienleitung: Natali Gferer) kamen 56 weitere Jugendliche (zwischen 13 und 19 Jahren) in vier Fokusgruppen intensiver und detaillierter im Gespräch mit saferinternet.at zu Wort. Die Ergebnisse zeigen, dass der Druck auf Jugendliche, unrealistischen Körperbildern zu entsprechen, hoch ist. Gleichzeitig wird die wichtige Rolle der Eltern und anderer Bezugspersonen beim Umgang mit Schönheitsidealen deutlich.
Der Druck, von außen vorgegebenen Idealvorstellungen zu entsprechen, ist nicht neu, gibt es doch schon seit „ewig“ die Formulierung, jemand ist „bildschön“ oder „bildhübsch“. Auch nicht, dass solch ein Druck über Bilder in Medien erfolgt – erinnert sei an (retuschierte) Fotos in Zeitschriften. Im Zeitalter von Social Media, in denen Jugendliche täglich oft mehrere Stunden verbringen, ist er allerdings allgegenwärtiger geworden.
Wobei die Studie nicht nur sozusagen Abgründe zeigt, immerhin sind mehr als zwei Drittel (rund 70 Prozent) der Befragten mit ihrem Aussehen zumindest „eher zufrieden“. Das eigene Aussehen ist übrigens sowohl für Mädchen als auch Burschen von großer Bedeutung – sowohl offline als auch online. So posten 61 Prozent aller Befragten Fotos bzw. Videos, auf denen sie selbst zu sehen sind, und legen dabei großen Wert auf ihr äußeres Erscheinungsbild. Wichtig ist es ihnen vor allem, schön (68 %), gestylt (64 %) und schlank (54 %) auszusehen. Sich sexy darzustellen, ist für 34 Prozent von Bedeutung, wobei Burschen (40 %) darauf deutlich mehr Wert legen als Mädchen (27%). Hier zeigt sich, dass der Fokus auf das eigene Aussehen entgegen der weitverbreiteten Annahme längst kein reines Mädchenthema mehr ist. Um möglichst gut auszusehen, nutzen die Jugendlichen Licht, Posen und/ oder Handywinkel (54 %) und bearbeiten die Fotos und Videos, zum Beispiel mit Filtern (41 %).
Soziale Netzwerke wirken sich auf die Selbstwahrnehmung aus und beeinflussen, ob man sich selbst schön findet oder nicht – dieser Meinung sind zwei Drittel der Jugendlichen (65 %). Insbesondere Mädchen (76 %) und Befragte ab 15 Jahren (78 %) stimmen dieser Aussage zu.
Vergleiche mit anderen spielen eine große Rolle – und diesen sind Jugendliche gerade im Internet stark ausgesetzt. Fast drei Viertel (71 %) der Jugendlichen bestätigen, dass die in sozialen Netzwerken konsumierten Bilder dazu führen, dass man sich mit anderen Personen vergleicht. Mehr als ein Viertel (27 %) betont die negativen Folgen und gibt an, sich nach dem Scrollen durch die diversen Social-Media-Feeds schlecht zu fühlen. Vor allem Influencerinnen und Influencer aus den Bereichen Beauty und Fitness haben einen Einfluss auf Kinder und Jugendliche, meinen drei Viertel der Befragten (74 %). Rund die Hälfte (53 %) gibt an, aufgrund entsprechender Bilder schon einmal etwas am eigenen Aussehen geändert zu haben. Ebenso viele Jugendliche haben bereits Produkte gekauft, die von Influencerinnen und Influencern empfohlen wurden. 28 Prozent haben sogar schon einmal über eine Schönheitsoperation nachgedacht.
Im Internet haben Jugendliche nicht nur mit unrealistischen Schönheitsidealen zu kämpfen, sondern müssen auch befürchten, Beleidigungen bezüglich ihres Aussehens ausgesetzt zu sein. Fast ¾ (74 Prozent) haben eine solche Situation schon einmal beobachtet. Vor allem Mädchen (84 %) berichten von abwertenden Äußerungen im Internet und in sozialen Netzwerken. Vielleicht spielen auch deshalb Avatare in der digitalen Welt eine zunehmend wichtigere Rolle. Immerhin gibt fast ein Drittel (30 %) an, ein solcher Avatar sollte möglichst gut aussehen.
Jugendliche nennen unterschiedliche Strategien, um sich von Schönheitsidealen im Internet nicht negativ beeinflussen zu lassen. Dazu zählt zum einen die Beschäftigung mit der Selbstwahrnehmung: Als hilfreich wird empfunden, an der Selbstakzeptanz zu arbeiten (67 %), aktiv zu versuchen, sich nicht unter Druck setzen zu lassen (60 %) und zu hinterfragen, warum die konsumierten Inhalte einen selbst stressen oder Druck erzeugen (55 %).
Von den Jugendlichen in den Fokusgruppen wurde als weitere Möglichkeit ein „Reality Check“ genannt – also „rausgehen und schauen, wie die Leute wirklich sind“. Dadurch werde einem die Diskrepanz zwischen der verzerrten Online-Darstellung von Menschen und deren tatsächlichem Aussehen bewusst.
Als weitere Strategie nennen die Jugendlichen einen bewussten Umgang mit sozialen Netzwerken. Dazu zählt vor allem, weniger Zeit in sozialen Netzwerken zu verbringen (63%), Social-Media-Pausen einzulegen (60 %) und gezielt solchen Influencer:innen oder Inhalten zu folgen, die einem gut tun (60%).
Auch gegenseitige Unterstützung wird als relevant empfunden: Sich im Freundeskreis immer wieder Komplimente zum Aussehen zu machen finden 59 Prozent hilfreich, während 38 Prozent dafür plädieren, sich gemeinsam über stressige Inhalte lustig zu machen und darüber zu lachen.
Auch wenn sich die Jugendlichen dieser Strategien bewusst sind, können sie diese in der Praxis zum Teil nur schwer umsetzen. Während beispielsweise 63 Prozent der Jugendlichen in der Umfrage angeben, dass weniger Zeit in sozialen Netzwerken eine gute Vorgehensweise wäre, zeigte sich im Rahmen der Fokusgruppen, dass sie sich der Sogwirkung von Online-Angeboten oft nur schwer entziehen können.
Um Jugendliche bei einem kritischen Umgang mit Schönheitsidealen im Internet und bei der Entwicklung eines gesunden körperbezogenen Selbstbildes zu unterstützen, sind neben Pädagog:innen und Onlineplattformen vor allem Eltern gefordert. 57 Prozent der Befragten sind dieser Ansicht.
„Eltern spielen eine Schlüsselrolle dabei, Jugendliche im Umgang mit Schönheitsidealen im Internet zu unterstützen und ein gesundes, körperbezogenes Selbstbild zu fördern“, erklärt Barbara Buchegger, pädagogische Leiterin von Saferinternet.at. „Die Jugendlichen selbst sehen die Familie als entscheidenden Ort der Aufklärung und betonen, dass der Umgang mit diesen Idealen primär von den Eltern erlernt werden sollte.“
Allerdings verfügen die Eltern oft selbst nicht über ausreichend Medienkompetenz. Sie benötigen nach Meinung der Jugendlichen ebenfalls Unterstützung, damit sie ihre Kinder bei der kompetenten Mediennutzung begleiten können. Den Schulen fällt dabei die Schlüsselrolle zu, auch die Eltern zu erreichen und ihnen Aufklärungsmaterial anzubieten. Gleichzeitig wird die Schule von 47 Prozent auch als wichtiger Ort gesehen, um die Jugendlichen direkt anzusprechen. Möglichkeiten, den Umgang mit Schönheitsidealen im Unterricht zu thematisieren, sehen die Jugendlichen viele. Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema anzuregen und die Medienkompetenz junger Menschen zu fördern, ist demnach eine entscheidende Aufgabe von Lehrer:innen.
Aber auch die Plattformbetreiber sind gefordert, ein möglichst vielfältiges Angebot für die Nutzer:innen zu schaffen. Die Befragten sehen aber auch hier Verbesserungspotential: Fast zwei Drittel (63 Prozent) wünschen sich, dass bearbeitete Bilder gekennzeichnet werden.
„Die Plattformbetreiber sind sich bewusst, dass unrealistische Schönheitsideale in sozialen Netzwerken die Selbstwahrnehmung von Jugendlichen negativ beeinflussen können. Sie bemühen sich daher laufend, das Nutzungserlebnis für jeden einzelnen positiv zu beeinflussen, zum Beispiel durch die Möglichkeit, persönliche Präferenzen für Inhalte zu treffen. Gleichzeitig sind alle gefordert, zu Bewusstseinsbildung und einer verantwortungsvollen Nutzung beizutragen“, so Stefan Ebenberger, ISPA-Generalsekretär.
„Es braucht mehr Realität statt Fake-Fotos in den sozialen Medien, um das Selbstbewusstsein junger Menschen zu stärken. Ob Pickel, Cellulite oder Speck an den Hüften – alle sind gefordert, ehrlicher mit dem eigenen Aussehen umzugehen“, meinte Jugendstaatssekretärin Claudia Plakolm. Aktuell strömen nicht nur bearbeitete Bilder das Internet, sondern auch von Künstlicher Intelligenz hergestellte Fotos auch junger Menschen. „KI-Bilder von Menschen, die nicht einmal existieren, halte ich für eine Gefahr, wenn wir über Schönheitsideale junger Menschen reden“, so Plakolm. Sie werde sich daher für eine EU-weite Kennzeichnungspflicht von KI-Fotos von Fake-Menschen in sozialen Medien starkmachen, versprach die Politikerin.
Um Jugendliche bei allen Herausforderungen rund um das körperbezogene Selbstbild zu unterstützen, bietet Saferinternet.at zahlreiche Maßnahmen und Informationsmaterialien an. Im Rahmen von Workshops und Elternabenden, mithilfe einer FAQ-Sammlung zum Thema Selbstdarstellung, diversen Unterrichtsmaterialien und vielem mehr erhalten Interessierte konkrete Hilfestellung und Anregungen auch zu diesem Thema – neben vielen anderen im Umgang mit und im Internet und zwar das ganze Jahr, verstärkt aber im Februar rund um den Safer Internet Day (SID) Auch die neue ISPA-Broschüre „Schönheitsideale im Internet: Tipps für selbstbewussten Umgang mit Schönheitsidealen in virtuellen Welten“ informiert über das Thema und unterstützt mit Tipps für einen selbstbestimmten Umgang mit körperlichen Idealvorstellungen im Internet und auf sozialen Medien.
saferinternet -> aktionsmonat-2024
ispa -> Broschüre Schönheitsideale… -PDF zum Download
„Leonie, lebst du lieber zu Hause oder im Dschungel?“, fragt Löwe Simba. Diese Leonie ist ihre Gegenüber in der Nachrichtensendung, und eine Stoff-Fledermaus. Zwei der Teilnehmerinnen des Theater-Workshops „Nachrichtensendungen von Kindern für Erwachsene“ verleihen ihren Kuscheltieren die Stimmen.
Fast ein Dutzend Kinder, darunter Mara, Elvira, Liam, Max, Helena, Maximilian, Lolek, Maximilian suchen sich nach Aufwärmspielen ihre eigenen Themen aus und bereiten sich auf Interviews vor einer Kamera vor. In der großen Runde schlagen sie mit Monika und Celine, die den Workshop leiten, viel mehr Themen vor, als sie je bearbeiten können – wie auch in jeder Redaktion viel mehr an Nachrichten einlangen als verarbeitet und veröffentlicht werden können.
Dann geht’s eben darum, was ist möglich, wer kann – und in dem Fall jedenfalls will – was bearbeiten. Die beiden hier zu Beginn zitierten Reporterinnen fanden zueinander, weil sich beide für Kuscheltiere interessierten. Meist im Liegen oder wenigstens im gemütlichen Sitzen auf dem Tanzboden von Bühne 3 im Dschungel Wien, dem Theaterhaus für junges Publikum im MuseusmQuartier schreiben sie mit bunten Stiften ihre Fragen auf, die Löwe und Fledermaus, in die sich beide hineinversetzen, aneinander haben.
Helena stellt in der Sendung „Zwergi Silbi“ vor, eine von ihr, gemeinsam mit einer Freundin selbst gebasteltes Nadelbaum-Pockerl neben einer – mittlerweile leergebrannten Kerzenhalterung vor. Ein weitere Solo-Reporter widmet sich dem Thema Sport, vor allem Ballspielarten. Klima ist das Thema eines weiteren Nachrichtenduos und Süßigkeiten das von zwei anderen Reportern. Wobei sie mehrmals in die Kamera sagen: Eltern sollten ihren Kindern vor allem Süßes geben, damit sie ihre Ruhe haben.
Ein Trio hat sich das Thema Comic ausgesucht. Einer der beiden Max ist da wahrer Experte. Er faltet gleich einmal das Papier, auf dem sie ihre Ideen für die Nachrichten sammeln zu einem kleinen Comic-Heft. Was brauchen derartige Bücher. „Jedenfalls eine Handlung“ steht sofort fest. Nach und nach fällt allen drei ein, welche weiteren Elementen erforderlich sind. Nicht zuletzt fügt der federführende Max noch einige Zeichnung im Comic-Stil seinem kleinen Heftchen hinzu.
Am ersten von drei Workshoptagen – im Rahmen des wienXtra-Winterferienspiels – kamen die Gestalter:innen der Kindernachrichten allerdings in heftigen Stress – die Aufwärmspiele hatten zu viel Zeit in Anspruch genommen.
Apropos Nachrichten: Bevor die Kinder ihre eigenen Themen sammeln, wollten die Workshopleiterinnen wissen, welche Nachrichten die Kinder kennen und welche Eigenschaften sie damit verbinden. Das erste was fiel war „schlimme“, auch mehrfach genannt wurde „kompliziert“ später noch gesteigert durch „sehr, sehr, sehr“. Dabei blieb’s dann doch nicht, es fielen viele Themen – und auch gute, fröhliche, lustige, interessante neben nervigen (weil zu oft wiederholt), aber auch falsche (Fake News) sind den Workshop-Teilnehmer:innen schon untergekommen.
„Simma bald da?“, tönt’s in einer Sprechblase aus dem Kleinbus der Familie Köpenick. Und das ist nicht der einzige Satz, der die lange Urlaubsfahrt charakterisiert. „Ick muss Pipi!“, deutet darauf hin, dass die Familie aus einer Gegend Deutschlands anreist. Und sie landet irgendwo in den Bergen wo gejodelt wird – und dem Dialekt nach irgendwo in Österreich liegen könnte: „Da drüben san Fremde.“
Ein Missverständnis in der gemeinsamen deutschen Sprache wächst sich zur zentralen Geschichte des Bilderbuchs „Monsteraffen gibt es nicht!“ aus. Leonora Leitl lässt ihre Figuren – die Urlauber:innen und die Einheimischen – in Wort und Bildern in Angst und Schrecken versetzen. „Voi soark soll’s sein“, das kleine Äffchen, das die mitgebracht haben. Dabei hatte Vaddi doch nur gefragt: „Ham se mal ‚n Käffchen für uns?“
Einmal als Wort in die kleine Welt gesetzt, wird das Äffchen immer größer und wilder, Menschen und Tiere meinen sich, fürchten zu müssen. „Die wilde Nachricht rollt weiter über die Gipfel. In der Burgruine Schreckenstein mit ihren dicken Mauern findet sie besonders schaurigen Widerhall“, schreibt die Autorin und Illustratorin in Personalunion und lässt in Bildern die Gespenster der Ruine zittern.
Ein paar Seiten weiter ist das Äffchen schon „ein wüster Monsteraffe mit Krallen so spitz wie Stricknadeln. Ein Pratzenschlag und du blutest wie nix. Ur-arg!“ Alarmistische Radiomeldungen, Hubschraubereinsatz zur Suche nach dem Monster, „nur der Adler Horst, der versteht die Welt nicht mehr“, denn durch seine Höhenflüge hat er den Überblick und obwohl sonst zurückhaltend teilt er den Menschen mit: „Leute! Das ist gequirlter Blödsinn! Ein Monsteraffe auf unsern Bergen?? Der Heimat von Gämsen, Steinböcken und Murmeltieren? Denkt doch mal ein bisschen nach! Was für ein Schwachsinn!“
Damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende, aber Spannung soll ja wohl ncoh bleiben in dieser leicht fasslichen und bunt fast im Stil von Kinderzeichnungen bebilderten Geschichte über eine Art wie Fake News sich verbreiten (können).
Schon die Gebrüder Grimm hätten den „wunderlich gezeichneten Fisch“ erwähnt, die Hommingberger Gepardenforelle. Neben ihrem Muster, das an die Raubkatze erinnert, könne diese doppelt so schnell wie andere Bachforellen gegen den Strom schwimmen. Außerdem sei ihr Fleisch besonders zart.
In seriöser, informativer Aufmachung findet sich eine Website zu diesem Fisch. Natürlich ist deine wahrscheinliche Vermutung schon nach dem Untertitel dieses Beitrages richtig: Es gibt diesen Fisch nicht, auch der angebliche Ort ist eine Erfindung. Das kannst du nicht nur in der neuesten Broschüre „Wahr oder falsch im Internet?“ der Initiative SaferInternet.at – kostenloser Download -, sondern auch bei Recherche im Internet selbst finden. Zwar führen die ersten Treffer bei Suchmaschinen zur besagten Homepage, doch schon einige Einträge weiter unten erklärt wikipedia, dass die extra für einen Wettbewerb einer Computerzeitschrift erfunden und gestaltet worden ist, und das schon vor fast 20 Jahren (2005).
Die Borschüre ist Teil eines umfangreichen Pakets an Materialien mit sehr brauchbaren praktischen Übungsbeispielen der genannten Initiative. Die ist Teil eines weltweiten Netzwerkes, das (nicht nur) Kinder und Jugendliche fit für sorgsamen, bewussten, kritischen Umgang mit Internet und nicht zuletzt Social Media machen möchte. Als (medialen) Höhepunkt von/für Informationskampagnen findet seit 20 Jahren der internationale Safer Internet Day – heuer in mehr als 150 Ländern – statt. Dessen Motto: Together for a better Internet, also gemeinsam für ein besseres Internet.
Nicht nur, aber auch weil in Österreich dieser erste Februar-Dienstag meist in die Semesterferien einiger Bundesländer fällt, ruft die österreichische Initiative seit einigen Jahren gleich das ganze Monat für zusätzliche Projekte in Schulen und Jugendeinrichtungen dazu aus, u.a. mit „Schnitzeljagden“ rund um Falschnachrichten, die nicht nur auf Fehler zurückgehen, sondern bewusst in die digitale Welt gesetzt wurden/werden, also Fake News. Daneben gibt es auch noch Schnitzeljagden zu Cyber-Mobbing und sozialen Netzwerken, ein Online-, sowie etliche Kahoot-Quizze und einen zu Sicherheit im virtuellen Raum.
Für die Teilnahme winken überdies Preise für Schulen und Jugendeinrichtungen – siehe Info-Box.
Auch ISPA – Internet Service Providers Austria – hat eine knappe, übersichtliche Broschüre zu „Fakt oder Fake?“ (ebenfalls kostenlos zum Download) sowie ein Bilderbuch „Online Zoo“ für jüngere Kinder – und natürlich ihre Eltern – sogar in 13 verschiedenen Sprachen.
Selbst Websiten klassischer Medien werden von 11- bis 17-Jährigen nur halb so viel herangezogen wie Soziale Netzwerke (39 zu 80 Prozent der befragten 400 Jugendlichen in einer Studie zum Safer Internet Day 2023. Knapp hinter den Sozialen Netzwerken rangiert YouTube mit genannten 75 % an zweiter Stelle. Noch vor den genannten Websites holen sich die Jugendlichen – neben der Umfrage unter den 400 jungen Menschen arbeitete die Studie noch mit einigen Fokusgruppen intensiver – ihre Informationen von Influencer:innen (63 %) und Streamingplattformen (59 Prozent) sowie im Fernsehen (am TV-Gerät).
Gleichauf mit den Homepages von Medienhäusern suchen/holen sich 11- bis 17-Jährige ihre Nachrichten und Wissenswertes von Wikipedia, knapp gefolgt von Radio (37 %), Podcast (24%), Gratis- (18%) sowie Tageszeitungen (17%) Bei Letzteren waren es fünf Jahre zuvor noch ein Viertel (25 Prozent), während die Nutzung als Informationsquelle bei Social Media von 59 auf 80 Prozent und bei YouTube von gar 27 auf 75 % in die Höhe geschnellt ist.
Die Häufigkeit der Nutzung geht aber auch mit einer gehörigen Portion (gesunder) Skepsis einher. Gefragt nach der Glaubwürdigkeit, geben die Befragten bei Sozialen Netzwerken 8, Influencer:innen p und YouTube 10 Prozent an, während sie Wkiipedia zu einem Viertel (25%), Radio, TV sowie den Webseiten klassischer Medien zu einem Fünftel (21 bzw. 20 bzw. 19 %) vertrauen.
Fast die Hälfte der Jugendlichen antwortete auf die Frage „Wie oft passiert es dir, dass du dir nicht sicher bist, ob Informationen, die du im Internet findest richtig/wahr sind?“ mit oft 8 ca. ein Drittel/34 %) bzw. sehr oft (15 Prozent), weitere rund 40 Prozent nannten: „manchmal“, für „nie blieb kein Zehntel der 11- bis 17-Jährigen.
Das Überprüfen von Falschinformationen habe jeweils rund ein Drittel der Jugendlichen in der Schule bzw. von Eltern erlernt. Als Überprüfungsmittel gaben mehr als die Hälfte (54 %) den Vergleich mehrerer Quellen an; ein Fünftel (22 %) kennen Fakten-Checker, die Hälfte davon (insgesamt 12 Prozent) nutzen sie. Fast sechs von zehn der Befragten (58%) gaben an: „würde gern mehr darüber wissen, wie man Informationen überprüft“.
Saferinternet.at -> Studie zu Jugendliche und Mediennutzung
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