„Eines Tages in Österreich, als ich 4 Jahre alt war, ging ich mit meinem Vater spazieren. Mein Vater war eine besondere Art von Anwalt- er verteidigte Leute, die in Schwierigkeiten waren, aber es sich nicht leisten konnten, viel zu bezahlen. Es war 1933, Hitler war gerade der „Führer“ von Deutschland geworden. Wir waren gerade auf dem Heimweg, als ein Mann, der meinem Vater Geld schuldete, uns anhielt und schrie: „Einen Drecksjuden bezahle ich nicht!“, und dann spuckt der meinen Vater an und lief davon.“
So beschreibt Hedi Schnabl Argent, die heuer 97 Jahre wird, ihre früheste Erinnerung an die Anfeindung die sie als jüdisches Mädchen im niederösterreichischen Schwechat miterleben musste. Vor wenigen Wochen ist ihre Lebensgeschichte auf Deutsch erschienen: „Der Tag, an dem sich die Musik veränderte – Wie ich als Kind vor dem Nazi-Regime fliehen musste“.
Hedi ist Einzelkind, aber mit einem Cousin, den alle „Bubi“ nennen fast wie mit einem Bruder oft beisammen. Und die eingangs geschilderte Szene ist nicht die einzige. Zwei Jahre später an ihrem ersten Schultag wird sie selbst beschimpft. Und was noch härter ist, niemand will mit ihr spielen, „weil ich Jüdin bin… ich mag den Unterricht, aber ich gehe nicht gerne in die Schule.“
Die Autorin ihrer eigenen, echten Geschichte nennt aber auch einen wichtigen Lichtblick. Gerti kam auf sie zu und lud sie ein, gemeinsam zu spielen. Auf die Frage, warum sie sich anders verhalte als alle in der Umgebung zitiert Hedi Schnabl Argent ihre Freundin – bis heute übrigens: „Meine Mutter hat mir gesagt, dass es keine Rolle spielt, was man ist, solange man ein guter Mensch ist.“ Und Gerti lässt sich auch nicht davon abbringen, als nun andere Kinder auch mit ihr nicht spielen und sie als „dreckige Judenfreundin beschimpfen“.
In einfach zu lesenden, aber – selbst beim Wissen um den mörderischen Holocaust, in dem sechs Millionen Jüdinnen und Juden ermordet wurden – nur schwer zu verdauen sind, beschreibt Hedi Schnabl Argent auch außergewöhnlich schöne Tage wie ihren achten Geburtstag und die drei Geschenke, Weihnachten samt Besuchen bei nicht-jüdischen Nachbarn, die zu den wenigen Menschen gehören, die sie nicht anfeinden.
Aber auch jenen Tag, der dem Buch den Titel gab: den 13. März 1938, als Hitlerdeutschland Österreich einverleibte („Anschluss“), was von sehr, sehr vielen Menschen bejubelt wurde. Zum letzten Mal lief im Radio die damalige österreichische Bundeshymne. „Doch nach der Hälfte der schönen Haydn-Melodie wird das Tempo schneller: Sie ist nun die deutsche Hymne.“
Und damit war klar, früher oder später muss die Familie das Land verlassen, wenn sie überleben will. „Von heute auf morgen sind wir Flüchtlinge. Wir gehen nicht auf die Straße. Wir haben kein Zuhause mehr und bleiben, wo immer uns jemand eine Woche, einen Monat oder auch nur ein Wochenende lang Unterkunft gewähren kann…“
Die Familie kann – nach einer vorübergehenden Verhaftung ihres Vaters – doch noch rechtzeitig gemeinsam nach England flüchten. „Wir fragen uns, werden wir uns immer wie Außenseiter fühlen? Werden wir immer Flüchtlinge bleiben?“
Und fast natürlich gelingt es dem jungen Mädchen schneller als den Eltern sich in der neuen Heimat zurecht zu finden – ihr Buch ist vor drei Jahren auch im Original auf Englisch erschienen.
Das Buch lebt von den authentischen Erlebnissen des sehr jungen und später jugendlichen Mädchens in nachvollziehbar verfassten Episoden – und nicht zuletzt den echten Fotos von ihr selbst, aber zum Beispiel auch von der kleinen Puppe Susi, die sie als einziges als Ebenbild der großen Susi-Puppe mit auf die Flucht nehmen konnte. Sogar ihre Enkelkinder haben damit noch gespielt. „Jetzt ist sie alt und zerbrechlich und wohnt zu ihrem Schutz sorgfältig eingepackt in Seidenpapier, in einer Schachtel im National Holocaust Museum in Nottinghamshire.“ (ungefähr in der Mitte Englands).
Hedi Schnabl Argent baut in die rund 60 Seiten immer wieder trotz der tragischen Geschichte ihrer Kindheit hoffnungsvolle Momente ein – Freundin Gerti oder die Nachbarn sind hier erwähnt, aber im Buch finden sich noch mehr. Und sie spannt den Bogen von der Verfolgung von Jüd:innen durch Nazis und andere Antisemit:innen zu Menschen, die auch heute flüchten müssen, um zu überleben.
In einer Art Vorwort schreibt sie unter anderem ebenfalls in einfachen Sätzen diese großen Gedanken: „Dass wir alle anders sind, ist großartig, aber kurioserweise sind wir gleichzeitig auch alle gleich, weil wir alle Menschen sind. Egal woher wir kommen, welche Haut-, Haar- oder Augenfarbe wir haben, ob wir Behinderungen haben oder nicht, an was wir glauben oder nicht, welche Sprache wir sprechen, wir sind alle Menschen und Teil der einzigen Menschheit, die es gibt.
Meine Geschichte handelt davon, was passiert, wenn wir Menschen, die anders sind, so behandeln, als ob sie keine Menschen wären.“
Spannend ist übrigens auch das Nachwort des Herausgebers Nikolaus Franz, der die Entstehungsgeschichte dieses Buches ausgehend von einem Dokumentarfilmprojekt „Schwechat im Krieg“ schildert.
Eine Wand aus 25 Übersiedlungskartons in den Farben zwischen grau bis grünlich steht am Beginn einsam im Hintergrund der Bühne auf dem weißen Tanzboden. Die Performerin mit Headset neben dem Techno-Musik-Pult. Es steht die Eröffnung des sechstens Festivals für experimentelle Zirkuskunst On The Edge (Am Rande) an. „Zirkus? Ja. Aber nicht so wie du denkst“, lautet das Motto des Festivals.
Und das bestätigt sich gleich einmal. Die Performerin ist nicht im knappen Glitzerkleidchen und es folgen keine hals- und beinbrecherischen Sprünge. Am Beginn steht noch nicht einmal die Geschichte selber, die in dieser ¾ Stunde mit Worten, Bewegungen und eingeblendeten Fotos bzw. Video-Ausschnitten erzählt wird. Verena Schneider startet mit der Erzählung des Making of von „Go fishing“, mit der das diesjährige, bereits sechste Festival eröffnet wurde.
Das Festival und sein künstlerischer Leiter Arne Mannott wollten eine Eigenproduktion und das mit einem gesellschaftspolitischen Hintergrund. Die Zirkuskünstlerin Irene Bento aus der einst berühmten Dynastie des Lorch-Zirkusses, ihr Leben, ihr Überleben offen versteckt im Zirkus Althoff sollten Inhalt der Performance sein.
Schon vor 30 Jahren wurde der Fernsehfilm des WDR (Westdeutscher Rundfunk) „Zuflucht im Zirkus – Die Artistin und ihr Retter“ (Drehbuch: Ingeborg Prior, Regie: Micha Terjung, Kamera: Gerald Schlaffke ausgestrahlt, Prior veröffentliche zwei Jahre danach ds gedruckte Buch „Der Clown und die Zirkusreiterin“ über Irene Bento aus der Dynastie des eins weltberühmten Zirkus Lorch. Und dennoch scheint die Geschichte (wieder) in Vergessenheit geraten zu sein, nicht einmal im Wiener Circus- und Clownmuseum findet sich dazu etwas.
Schon 1930 musste der aufgrund des zunehmenden Antisemitismus in Deutschland als Unternehmen aufgeben, die Artist:innen wurden von anderen Zirkussen engagiert. In ihrem Heimatort Eschollbrücken, einem kleinen Ort nahe von Pfungstadt, wo der Zirkus Lorch sein Winterquartier hatte, erlebte Irene als Schulmädchen am eignen Leib die stärker werdenden Anfeindungen als Jüdin. Nach und nach wollte niemand mehr aus ihrer Klasse etwas mit ihr zu tun haben.
Und es wurde ärger, die Faschisten verhafteten am 7. März 1943 einen Teil der Familie, darunter Irenes geliebte Großmutter Sessi, verfrachteten sie ins Konzentrationslager Auschwitz wo die Oma, die Onkeln Arthur, Eugen und Rudolph ermordet wurden.
Irene selbst hatte das Glück im Zirkus Althoff aufgenommen zu werden, mit ihr auch ihre Schwester Gerda und noch zwei Verwandte. Die Althoffs entschieden sich bewusst, die Zirkuskünstler:innen, die ihnen auch viel für die Programme ihrer Shows brachte, aufzunehmen und damit ihnen das Leben zu retten. Da die Nazis ständig in jedem der Orte der Zirkustouren nach Jüd:innen suchten, mussten die Bentos – aber auch die Althoffs als deren Beschützer:innen – immer zittern. Drohte Gefahr, so klopfte der Zirkusboss meist himself am Zirkuswagen der Bentos an mit den Worten: „Ihr müsst wieder mal fischen gehen“, erinnert sich Irene Bento in der erwähnten TV-Dokumentation.
Und daraus formten Arne Mannott vom Festival und als Ideengeber und dramaturgischer Begleiter des neuen Zirkusstücks, Dorothea Zeyringer als künstlerische Leiteirn des projekts und Regisseurin den Titel „Go fishing“, offenbar nachdem schon das Festival einen englischen Titel hat – und auch international gedacht und angelegt ist, heuer sogar mit einem Symposium und Vernetzungstreffen unter dem Titel „I wanna circus with you“.
Zeyringer fuhr nach Eschollbrücken, wo sie vor allem von Renate Dreesen, die mit dem Arbeitskreis ehemalige Synagoge Pfungstadt 2002 die erste Ausstellung über diese Geschichte in der einstigen und nunmehrigen wieder Heimatstadt der Bentos organisiert hatte, aus der in der Folge auch eine Dauer-Schau im örtlichen Museum wurde. Wobei Irene, wie sie in dem Film sagt, kaum mehr in die Stadt gegangen ist, weil sie Angst hatte, vielen Menschen ins Gesicht zu sagen, was und wie sie ihr als Kind mit der Ausgrenzung und dem Hass weh getan haben. Einen besonders krassen Fall musste sie einige Jahre später bei der Geburt ihres ersten Kindes – noch in der Nazizeit – erleben. Als der Arzt erfuhr, dass sie Jüdin ist, behandelte er sie medizinisch dermaßen arg, dass sie später nie wieder als Artistin auftreten konnte.
Wie das Team zu den Informationen gekommen ist, wie die beiden schon Genannten gemeinsam mit der Performerin Verena Schneider und Gammon, dem Musiker und Gestalter der Videos gemeinsam den Abend entwickelten ist im ersten Teil vor und mit den Karton-Boxen zu hören, sehen und erleben. Die „Mauer“ wird unter anderem zur rettenden Trennwand im Zirkuswagen, hinter der sie sich versteckten, wenn’s ganz eng wurde, die einzelnen Elemente zu Archiv-Boxen, aus denen die Performerin symbolisch ganz wenige Teile hervorholt. Ihre Gänge dazwischen vollführt sie oft im Handstand auf und rund um die Kartons, mitunter mit Überschlägen und anderen akrobatischen Nummern. Zu guter Letzt formt sie aus allen 25 Kartons das Manegenrund. Das noch dazu als gemeinsamer Kreis auch für den Zusammenhalt stehen könnte.
„Go fishing“ erzählte aber nicht nur mit kleinen, wichtigen Mosaiksteinchen die Geschichte, sondern spricht dezidiert, aber nicht platt und aufgesetzt das Thema Solidarität – auch in der Gegenwart an. Und gegen Ende tanzt Verena Schneider durch die neue Manege in einem gemeinsamen artistischen Duett mit der gedachten Irene Bento, die neben Kunststücken auf Pferden auch Seiltänzerin, Akrobatin in Menschenpyramiden, einfach vielseitige Artistin war. Die Musik schwebt wie eine weitere unsichtbare Artistin – nicht nur über der beschriebenen Szene, sondern als fast ständiges Moment, das die Atmosphäre des gerade erzählten untermalt, verstärkt, weitere Assoziationen dazu eröffnet.
Zum Nachgespräch am Eröffnungsabend war unter anderem die schon genannte Renate Dreesen nach Wien angereist, die ihre Arbeit vor allem als Beitrag gegen Antisemitismus und Rassismus versteht. Ebenfalls zur Gesprächsrunde mit Regisseurin und Performerin angereist war einer der Enkel Irene Bentos, Davids Storms, der viele Erinnerungen an seine Oma einbringen konnte.
Sie sitzt in der letzten Reihe mit hellbraunem Mantel, Kopftuch, dunkler Sonnenbrille und Koffer. Klar, sie wird die Protagonistin auf der Bühne sein. Auf dieser steht im Zentrum ein Metallgestänge aus Rohren mit einer Anmutung eines möglichen Kleiderständers. Heißt das Stück von und mit Cordula Nossek doch „Das Kleid“.
Aber bis es so weit ist, wird es zunächst sehr dunkel – schrille alte Lokomotiv-Geräusche ertönen fast bis zur Unerträglichkeit. Wobei sich letztere nicht nur durch die Lautstärke ergibt. Für jene, die den kurzen Text zum Inhalt dieses „Theaters zum Erinnern“ gelesen haben, tun sich mit Zug-Zischen und quietschenden Gleisen natürlich gleich andere Assoziationen auf.
„Im Mittelpunkt steht Hedwig, die Ehefrau des Lagerkommandanten Rudolf Höß, die im KZ Auschwitz-Birkenau die sogenannte „Obere Nähstube“ leitete. Aus den Hinterlassenschaften von Millionen Deportierter lässt sie Haute Couture für hochrangige NS-Funktionäre und deren Ehefrauen anfertigen“, lauten die ersten Sätze der Inhaltsangabe. Also Züge in die Vernichtung – in deren Geräusche sich schon das Weinen von Kindern mischt!
Danach schreitet die eingangs beschriebene Schauspielerin auf der Bühne (Gernot Ebenlechner; Kostüm: Tehilla Gitterle) – in der Rolle der Hedwig Höß. Zunächst als Mutter einiger Kinder. Die holt sie in Gestalt von Kindergewand an Kleiderbügeln zwischen auf dem Boden liegenden Stoffen hervor, hängt sie am Rohrgestänge auf und verleiht ihnen ihre eigene jeweils gefärbte Stimme in Dialogen bzw. Greinen beim jüngsten. Wobei Dialoge? Strenge teutsche Erziehung ist’s eher.
Im weiteren Verlauf (Regie: Martin Müller – MÖP Figurentheater) verwandelt sich das gärtnerische „Paradies“ wie Höß die Villa samt Natur drumherum auf dem Areal des Vernichtungslagers Auschwitz für sich empfindet und nennt eben vor allem in die Schneiderei. Hochrangige Gästinnen empfängt sie, um ihnen Gediegenes nähen zu lassen – von weiblichen Häftlingen, die meisten Jüdinnen. Was so manche der Nazibonzen-Damen wiederum irritiert, sie wollen unter keinen Umständen von Judenhänden berührt werden! Da muss dann eine politische nicht-jüdische Gefangene ran…
Die Spielerin, auch Leiterin des Dachtheaters sowie der bekannten internationalen Puppentheater Tage Mistelbach Cordula Nossek schlüpft stimmlich auch in die Rollen der „Kundinnen“ ebenso wie in einige der Schneiderinnen – mit unterschiedlichen Dialekten und Sprachfärbungen.
Die Story von der Schneiderei im KZ baut – so absurd das vielleicht klingen mag – auf einer wahren Geschichte auf. Die gab es wirklich. Cordula Nossek – Vater Jude und einziger Überlebender seiner Familie, Mutter protestantisch und in deren familiären weiteren Umfeld gab es einen Nazi – beschäftigte sich zeitlebens mit der Geschichte, setzte sich damit auseinander, recherchierte viel. Aber lange fand sie nicht den Dreh- und Angelpunkt für eine theatrale Verarbeitung.
Eines Tages stieß sie – übrigens gelernte Schneiderin – auf „Das rote Band der Hoffnung“ von Lucy Adlington über die Auschwitz-Schneiderei. Und das Folgebuch „The Dressmakers of Auschwitz“. Auf Ersteres rund um den wahren Kern eine eher fiktive Geschichte, hatten sich bei der Autorin überlebende Schneiderinnen gemeldet – worauf sie das historisch authentischere Buch schrieb. Das war’s dann für Nossek …
… noch lange nicht. Drei Jahre Recherche, Arbeit an Text und Szenen – und nun die erste kleine Spielserie in Mödling, im MöP, dem Figuren- bzw. Puppentheater an der Hauptstraße dieser niederösterreichischen Stadt am Rande von Wien, im Rahmen des Industrievietel-Festivals..
Das 1½ Stunden Stück ist heftig, zeigt einerseits, wie sich Nutznießer:innen des diktatorischen Systems in diesem recht gemütlich und privilegiert einrichteten. Andererseits auch die Menschenverachtung. Und zum Dritten aber auch noch das was Hannah Arendt die „Banalität des Bösen“ genannt hat.
In so manchen „kleinen“ spielerischen und nicht zuletzt auch requistenmäßigen Andeutungen lässt das Stück immer wieder kalte Schauer über den Rücken laufen. In der Blumenerde der von Hedwig Höß geliebten Erdbeeren scheint auch Asche mit vermischt zu sein. Aus der Rohrleitung des Kleiderständers steigt Rauch auf…
Die Schneiderei – aus Stoffen der Kleidung der Ermordeten feinstes Gewand für führende Angehörige derer, die sich als „Herren“menschen aufspielten, zu nähen – ist eine der fast schon skurrilen Auswüchse der rassistischen Herrschaft, die andere zu Unter- oder nicht einmal Menschen erklärte. Fast schon so wie der Tiergarten, den Gefangene im Konzentrationslager Buchenwald zur Belustigung der Nazibonzen bauen mussten. Der allerdings an Sonntagen auch von den Bürger:innen der nahegelegenen Stadt Weimar besucht wurde. Die aber angeblich nichts davon bemerkt haben wollen, dass hinter dem Zaun Menschen eingesperrt, ermordet und deren Leichen verbrannt worden waren. (Verarbeitet im Theaterstück „Was das Nashorn sah, als es auf die andere Seite des Zauns schaute“ von Jens Raschke.)
Mechanismen, die leider nicht so historisch eingrenzbar waren – das Auseinanderdividieren in sich besser Fühlende und Abqualifizieren, diskriminieren, ausgrenzen anderer, denen weniger Wert zugemessen wird, ist auch heute so unbekannt ja nicht.
Das Stück baut trotz aller heftiger Momente auch Elemente der Hoffnung ein – Widerstand der Schneiderinnen. Und gibt sechs Überlebenden von ihnen auch Namen und Gesichter – die einzigen Fotos zu an Kleiderhacken hängenden Gewändern: Marta Fuchs, Hunya Volkmann, Marilou Colombain, Bracha & Katka Berkovic und Irene Reichenberg. Nossek lässt sie da sagen: „Wir hätten schon lange aussagen sollen. Aber es ist niemals zu spät.“
Und im Ausfaden spielt sie den Text von Paul Celans „Todesfuge“ ein, in dem es unter anderem heißt „der Tod ist ein Meister aus Deutschland“.
Stückbesprechung über den Zoo beim KZ Buchenwald <- damals noch im Kinder-KURIER
Während Jüdinnen und Jugend schon früh die Verfolgung an ihnen zu dokumentieren begannen und darauf nach dem Holocaust Forschungen aufbauen konnten, war die systematische Vernichtung von Romn:ja und Sinti:zze seeeeehr lange ein Tabu. Kein Thema. Kaum Unterlagen dazu. Wissen über die Volksgruppe hinaus noch weniger. Ja nach 1945 wurde die Verfolgung unter anderen Vorzeichen beispielsweise in Österreich sogar gesetzlich weiter geführt, wenngleich nicht tödlich.
Vor diesem Hintergrund diskutierten am Internationalen Roma-Tag 2024 – weitere Berichte am Ende dieses Beitrages verlinkt – unter der Leitung von Mirjam Karoly, Politologin und Ende des Vorjahres Leiterin der Kontaktstelle für Roma- und Sinti-Fragen beim OSZE Büro für Demokratische Institutionen und Menschenrechte, Anja Reuss (Historikerin, spezialisiert auf NS-Geschichte und Genozid-Forschung, seit zwei Jahren im Antiziganismus-Büro; Berlin), Mirjam Zadoff (Historikerin und Direktorin des Dokumentationszentrums, München) sowie der bekannte Schriftsteller und Historiker aus Wien, Doron Rabinovici.
Trotz der unterschiedlichen Ausgangslagen dieser beiden Gruppen von Opfern (nicht erst) des Faschismus und vielleicht da und dort einer Art Opfer-Konkurrenz, brachten die Teilnehmer:innen etliche Beispiele für genau das Gegenteil: Opfer-Solidarität. So verwies Zadoff auf das im Vorjahr erschienene Werk von Ari Joskowicz „Rain of Ash“. In diesem heißt es unter anderem: „Juden und Roma starben gemeinsam durch die Hand der selben Mördern, oft auf genau den selben Plätzen. Doch die Welt anerkennt ihre Zerstörung nicht gleichermaßen. In den Jahren und Jahrzehnten nach dem Krieg erregte die jüdische Erfahrung des Völkermords zunehmend die Aufmerksamkeit von Rechtsexperten, Wissenschaftlern, Pädagogen, Kuratoren und Politikern, während der Völkermord an den europäischen Roma weitgehend ignoriert wurde.“ Rain of Ash ist die unerzählte Geschichte, wie Roma sich an jüdische Institutionen, Finanzierungsquellen und professionelle Netzwerke wandten, um Anerkennung und Entschädigung für ihr Kriegsleid zu erhalten.
Doron Rabinovici merkte an, dass die Jüdin Selma Steinmetz, als eine der ersten Mitarbeiter:innen des Dokumentationsarchivs des Widerstandes (DÖW) immer wieder Ende der 60er-Jahre des vorigen Jahrhunderts zu Recherchereisen ins Burgenland gefahren ist, um in den Gemeinden und Orten nach Spuren bzw. Zeug:innen der Verfolgung von Roma und Sinti durch die Nazis zu forschen.
Am Rande des Besuchs bei Proben zu „Anne Frank“, einem musikalischen Theater rund um das berühmte Tagebuch der Jugendlichen, das zu Weltliteratur wurde, führte Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… mit Norbert Holoubek, der das Libretto dafür schrieb und Regie führt, folgendes Gespräch.
KiJuKU: Wie kam’s zur Idee, daraus ein Musical zu machen?
Norbert Holoubek: Der Komponist Raffaele Paglione, ein Freund unseres künstlerischen Leiters Norberto Bertassi schon aus Jugendtagen, kam mit der Idee zu Anne Frank ein Musiktheaterstück zu machen. Er hat schon Konzeptionssongs geschrieben und musikalische Ideen dazu gehabt.
KiJuKU: Und dann – wie wurde daraus ein Stück?
Norbert Holoubek: Für mich als Autor war das am Anfang kein aufgelegtes Thema. Dann hab ich mich intensiv mit Anne Frank, natürlich ihrem Tagebuch, aber auch anderen Büchern und Filmen darum herum beschäftigt. Und was mich besonders interessiert: Ich mag immer gern wissen, wie sich Sachen entwickeln, wie sie passieren. Ich wollte jedenfalls ein bisschen weg vom der Brutalität, sondern verstehen und zeigen, wie alles entstanden ist. Welche Sätze damals gefallen sind, die man vielleicht auch heute hört – und das sind erschreckend viele. Was ich nicht wollte, sind Nazis auf der Bühne darzustellen, der Jubelsong der Frauen über Hitlers Wahlsieg im Jänner 1933, den du gerade gesehen hast, ist der einzige. Der erste Teil endet dann damit, dass die Familie in Amsterdam ins Versteck muss.
KiJuKU: Ihr zeigt auch die – teils ausgedachte – Vorgeschichte?
Norbert Holubek: Im ersten Teil zeigen wir auch die jüdische Hochzeit ihrer Eltern. Ich wollte – obwohl das im Tagebuch praktisch nicht vorkommt und die Franks zwar ein bisschen jüdische Kultur gelebt haben, aber offenbar nicht die Gläubigsten waren – ein bisschen jüdische Kultur reinbringen. Und viel Fröhliches, Strahlendes. Im ersten Akt ist es richtig ein Musical, im zweiten Akt, der sich auf das Tagebuch bezieht – also Kammeroper wäre jetzt zu groß gesagt, aber da haben wir keine Shownummerns, ich würde es da Schauspiel mit Musik nennen.
Und die Tagebucheinträge zeigen eine Anne, die durchaus – abseits der eingesperrten Umstände – durchaus heutig ist: Erfrischend, natürlich, gar nicht Opfer. Es bewegten sie Themen, die jedes pubertierende Kind/Mädchen haben: Ich muss mich gegen meine Eltern wehren, ich muss mich verlieben, ich find Burschen blöd, aber so ganz blöd dann doch auch wieder nicht. Meine beste Freundin ist die Coolste, meine Schwester mag ich manchmal, dann wieder gar nicht. Das sind ja auch ganz heutige Themen.
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