Ein Kinderbett, eine Wand, ein großes Fenster mit Wolken. Unter der Decke bewegt sich was, Hannes wird wach – und beginnt zu träumen. Der Blick auf die Wolken lässt ihn ein Segelschiff erblicken und er wird flugs zum Kapitän mit gelber Segeljacke, rotem Hut und später gelben Gummistiefeln. Von Reisen über die Weltmeere erzählt und singt Lena Matthews-Noske, die den Kindergartenbuben Hannes seit Kurzem im Linzer Theater des Kindes spielt.
Da kommt die Mutter mit Zahnbürste im Mund und treibt den Sohn an. Er solle endlich weitertun, sie seien schon spät dran und so weiter. Kennt wohl jedes Kind. Keine Zeit zum (Tag-)träumen – oder Trödeln wie dies Erwachsene meist bezeichnen.
Im Kindergarten ist dann beim Blick aus dem Fenster starker Regen zu beobachten. Was die Pädagogin veranlasst, Kinder – auch im Publikum – zu fragen, wie Regen entsteht. Um gleich danach anhand gezeichneter Bilder dieses Naturphänomen zu erklären.
Den Hannes aber, der sich schon vorher schwertut mit ruhig sitzen, regt das Nass von oben an, sich eine Regenfrau auszumalen. Und diese zu basteln – aus Knetmasse, Papier und was er gerade in seiner Materialkiste für das „Kleid aus Wasser“ findet. Doch irgendetwas scheint ihm noch zu fehlen. Grübel, grübel…
Der Zwischenruf „Haare“ eines Kindes bei jener Vorstellung in den Osterferien, die Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… besuchte, wird „überhört“. Möglicherweise kannte das Kind die Vorlage für das Stück – das Bilderbuch „Hannes und sein Bumpam“ von Mira Lobe und Susi Weigel – Buchbesprechung am Ende des Beitraes verlinkt. So wie dort, schneidet sich Hannes Haare ab – im Stück trickst die Schauspielerin mit einer künstlichen, ins eigene Haar geklemmten, Strähne, um die Regenfrau zu vollenden. Sie hat’s gebraucht und er hat eh so viele davon.
Die Folge aber ist die gleiche wie im Buch: Die Kindergärtnerin nimmt Hannes die Schere weg – hier allerdings mit einem Schuss selbstbezichtigender Reflexion. „Langsam wird‘ ich zu alt für diesen Job“, sinniert Margarethe (im Buch Grete und dort noch längst überholt, aber schon vor 65 Jahren geschrieben, als „Tante“ tituliert). Weil sie nicht aufgepasst habe, konnte das passieren und Hannes‘ Mutter werde sicher schimpfen. Was sie dann übrigens nicht wirklich tut, nur meint, fürs Haareschneiden gäb’s eben Friseure.
Natürlich findet Hannes es unfair, dass ihm die Schere weggenommen wird, aber er kommt – in der Stückversion – selber auf die Alternative. So reißt er eben drauflos, um die Bilder zu kriegen, die er sonst aus Papier geschnitten hätte. Unter anderem erschafft er Bumpam – hier als Menschen in weißem Frack und so manch buntem Accessoire. Im Buch ist es ein Tier – ein Mix aus Hund und Katz und irgendwas…
In der Nacht taucht dieser Bumpam auf und lädt Hannes zu einer Reise ein. Die führt nicht mit dem Wolken-Segelschiff übers Meer, sondern in das „gerissene“ Land – alle und alles – Landschaft und Tiere sind aus Papier gerissen: Ein Elefant mit Giraffenhals, ein Kaninchen mit Tigeraugen, ein kletternder Wal. Hannes und Bumpam leben sich und ihre Fantasie aus. Samt Gesang und Tanz. Im „gerissenen“ Land aus Papier ist eben alles möglich.
Diesen Bumpam verkörpert Simone Neumayr, die noch Mutter, Elementarpädagogin und die Regenfrau spielt. Mitunter muss sie dabei in Sekundenschnelle von einer in die andere Rolle – samt dazugehöriger Kostüme schlüpfen – und verwandelt sich jedes Mal glaubhaft wunderbar – hin„reißend“ sozusagen.
Guruboo, den Feuerschnauber aus dem Buch, vor dem Ziegelmauer-Fleckentiere flüchten, machen Caroline Richards, die auch Regie führte und Chili Tomasson, der für die Musik verantwortlich zeichnet, in ihrer Bühnenversion zum feuerspeienden Drachen im „gerissenen Land“. Da dort alles aus Papier ist herrscht höchste Gefahr. Alarm.
Was könnte helfen? Nun, was sich Hannes und Bumpam dafür ausdenken und spielen – das wird hier sicher nicht gespoilert. Verraten wird nur, dass der große Bumpam da ganz schön ängstlich zittert, während der sonst zögerliche, verträumte Hannes mutig die überraschende Initiative ergreift…
Die Bühne, die das spielfreudige Loblied auf (Tag-)Träumen und Fantasie, unterstützt, wurde von Ragna Heiny gestaltet, nur das Pferd als Wächter des Reiß-Landes hat glatte Konturen. Hannes-Darstellerin Lena Matthews-Noske entwickelte sich übrigens während der Proben zur ergänzenden Reiß-Meisterin und steuerte so manche der Papierfiguren für die Szenen im Kindergarten bei. Das gab ihre Kollegin – Bühnen-Mutter, -Elementarpädagogin, Regenfrau und gerissener -Spielgefährte Bumpam – Simone Neumayr nach der Vorstellung preis, wo Kinder Fragen stellen und die Bühne inspizieren können.
Er spielt und singt im seit dem Feiertag (8. Dezember 2025) im Wiener Raimund Theater nicht nur den „kleinen Stanislaus“ im Musical „Die drei Stanisläuse“, das die Kinderfreunde heuer – wie jedes Jahr ein anderes – rund 6000 Kindern schenken. Simon Malleczek hat auch zwei Auftritt mit verschiedenen Saxofonen. Und er ist erst 17, also nur wenige Jahre älter als sein Publikum. Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… führte kurz nach der umjubelten Premiere und vor einer zweiten Vorstellung am Nachmittag ein kurzes Interview mit dem Newcomer.
KiJuKU: Seit wann machen Sie Musik und Schauspiel?
Simon Malleczek: Eigentlich schon immer.
KiJuKU: Was heißt immer?
Simon Malleczek: Ich hab mit drei angefangen mit Geige, ich hab Fagott gespielt, ich spiel Saxofon, was ich heute auch spielen durfte. Ich hab im Kindergarten zu singen angefangen.
KiJuKU: Wie kommt man mit drei auf die Idee, Geige zu spielen?
Simon Malleczek: Das ist eine sehr gute Frage. Angeblich – ich hab keine Erinnerung daran, aber so wurde es mir immer wieder erzählt – sobald ich stehen konnte, stand ich vor der Übertragung des Neujahrskonzerts, hab mich auf Bücher gestellt und versucht das zu dirigieren. Das heißt die Begeisterung für Musik war irgendwie schon immer da.
KiJuKU: Ist nicht Geige gerade zum Beginnen schwierig?
Simon Malleczek: Es gibt auch schon kleine Geigen.
KiJuKU: Aber bei einer Flöte oder einem Tasteninstrument ist es schon leichter, bald einmal Töne zu spielen, was bei Geigen ja nicht so einfach ist?
Simon Malleczek: Ich war auch nicht besonders gut, aber die Schwierigkeit hat das gefördert, ich wollt einfach Töne rauskriegen.
KiJuKU: Und dann haben sie Musikschulen besucht?
Simon Malleczek: Ja, zuerst mit Fagott und dann mit Saxofon.
KiJuKU: Jetzt gehen Sie noch in die Schule, oder?
Simon Malleczek: Nein, ich bin nicht mehr in der Schule, ich hab in der 7. Klasse abgebrochen, ich hab schon so viele Projekte gespielt, dass ich gesagt hab, ich hör mit der Schule auf.
KiJuKU: Sie wechseln in eine Schauspiel-, Musik oder kombinierte Ausbildung?
Simon Malleczek: Genau, das Ziel ist eine professionelle Ausbildung, vorerst Schauspiel.
KiJuKU: Wie sind Sie zum Kinderfreund-Musical gekommen?
Simon Malleczek: Das war ganz witzig, ich kenn die Stella Kranner, die die jüngste Veronika spielt, schon ganz lang. Die hat mich angerufen: Ich hab ein Casting für dich! Dann war ich auf einer Konzertreise in Vorarlberg und hab ein WhatsApp-Nachricht bekommen: Heute 12.30 Uhr eCasting, geht klar? Dann bin ich von der prob weg ins Hotel gegangen, hab das eCasting gemacht und wurde genommen.
KiJuKU: Was haben Sie im eCasting gemacht – schon Texte aus den Stanisläusen?
Simon Malleczek: Nein, zwei Lieder gesungen, einen Monolog aus meinem Repertoire, ich glaub es war auch was aus dem Phantom der Oper dabei, aber ich weiß es nicht mehr.
KiJuKU: Kannten Sie die Stanisläuse-Geschichten?
Simon Malleczek: Ich bin voll mit diesen Büchern aufgewachsen, zuerst vorgelesen, dann selber gelesen. Und ich war jedes Jahr beim Kinderfreunde-Weihnachts-Musical. Ich hab im Dezember Geburtstag, war jedes Jahr – meistens genau an meinem Geburtstag mit meinen Freunden in der Vorstellung, nachher sind wir zum Christkindlmarkt gegangen. Das ist jetzt so ein kleiner Kreis, der sich gerade schließt, dass ich da mitspielen darf. Heuer ist leider an meinem Geburtstag keine Vorstellung.
Gespielt wird bis 20. Dezember – Infos im unten verlinkten Beitrag, in dem das Musical besprochen wird.
„… und natürlich den drei Veronikas!“ – schon in der mehrfach wiederholten Ansage im sich füllenden Raimund Theater ertönt eine Ergänzung zum Titel des Musicals „Die drei Stanisläuse“, das am Feiertagsvormittag seine umjubelte Uraufführung erlebte (Details in der Info-Box ganz am Ende des Beitrages). Einige der sechs Bilderbücher – geschrieben von Vera Ferra-Mikura und illustriert von Romulus Candea zwischen 1962 und 1995 – werden immer und immer wieder neu aufgelegt – Buchbesprechungen auf KiJuKU.at am Ende des Beitrages verlinkt.
Wie die Protagonist:innen aus drei Generationen greifen offenbar heutige Großeltern zu den Büchern aus ihrer Kindheit, um sie ihren Enkelkindern vorzulesen oder zu schenken. Schon die Einleitung oben deutet den wesentlichen Unterschied zwischen den Büchern und dem Musical an – nicht nur die schwungvolle, ins Ohr gehende Musik: Geschrieben und in Bildern sind Bub, Vater und Großvater die aktiven, die abenteuerlustigen, die Entdecker, die drei Generationen Veronikas sind eher die Randfiguren und treten in althergebrachten Rollen mit überholten Aufgaben in Erscheinung.
Auf der Bühne singen und spielen sie gleichberechtigt, lassen sich nicht alles gefallen. Stella Kranner als die Jüngste, das Kind Veronika, gibt ihrem Bruder, dem jüngsten Stanislaus (Simon Malleczek) schon recht früh zu verstehen, das mit der „kleinen Schwester“ könne er sich abschminken, sei sie doch größer als er. Und wenn Georg Hasenzagl als mittlerer Stanislau neben dem Wäschekorb auf unschuldig singt „ich hab ja nichts gemacht“, kontert ihm Anna Knott (die auch gemeinsam mit Janine Hickl für die Choreo zuständig ist) als Ehefrau und damit mittlere Veronika: „ja eben, das ist ja das Problem“, denn im Haushalt mit anpacken wäre ja wohl angesagt.
Was noch in einem der Songs mit teilweise Ohrwurm-Potenzial verstärkt und unterstrichen wird, wenn es heißt, dass die Welt nur ändern kann, der sich selber ändern kann. Andere Texte besingen vor allem das, was auch die Autorin der Bücher so toll in Szenen verpackt hat: Fantasie schafft Abenteuer. „Es braucht nicht viel, nur Fantasie und jedes Spiel wird schön wie nie: Wir stellen’s uns vor!“ kommt in mehreren Liedern vor – mit dem Versuch das Publikum gerade in den letzten Satz miteinstimmen zu lassen.
Die schon genannten vier Darsteller:innen – und dazu noch Elena Schreiber und Martin Petraschka als das älteste eh klar Veronika und Stanislaus-Paar – schlüpfen aber auch noch in andere Rollen. So geben die drei Frauen auch Feen, die die Stanisläuse – und das auch schon im sechsten Buch, in dem die Veronikas es auf den Titel geschafft haben – dazu bringen, Küche zu putzen und Kekse zu backen. Die drei Männer treten als diebische Mäusefänger auf.
Die Bühnenfassung hat – wie schon im Vorjahr bei „Die Omama im Apfelbaum“ nach Mira Lobe und Susi Weigel – Stephan Lack geschrieben, für Regie und künstlerische Leitung zeichnet wieder Caroline Richards verantwortlich. Die Songs komponiert und die Live-Musik geleitet hat erneut Michael Hecht, der auch Bass spielt; an den Keyboards Ed Reardon und Benjamin Alan Kubaczek und das Schlagzeug bedient wieder Lukas Schlintl. Wobei zusätzlich zu den vier Musikern der Jüngste auf der Bühne Simon Malleczek (17 – Interview in einem eigenen Beitrag) neben Schauspiel und Gesang in zwei Szenen Saxofon bzw. Sopransaxofon spielt.
Das vor allem dank – teils überraschender (Malereien!) Videoeinspielungen – wandelbare Bühnenbild stammt von Alois Ellmauer bzw. Videoproduktion: Alexander Trinkl, Lisa Punz. Da die Schauspieler:innen, die gleichzeitig auch Sänger:innen sind – eben Musical – natürlich nicht Kinder / Eltern bzw. Großeltern sind, hilft auch die generationenmäßig unterschiedliche Kleidung mit, niemanden durcheinander zu bringen (Kostüme: Natalie Pedetti Prack).
Die Kinderfreunde schenken seit fast 40 Jahren in der Vorweihnachtszeit Tausenden Kindern ein Musical, seit langem im Raimund Theater. Bis vor zwei Jahren war es fast immer ein eigens dafür geschriebenes Stück Musiktheater. Im Vorjahr wurden Konzept und Leading-Team – Bühnenfassung, Regie, Musik – verändert, seither werden Bilderbücher aus dem zu den Kinderfreunden zählenden Verlag Jungbrunnen dramatisiert. War es im Vorjahr „Die Omama im Apfelbaum“ vom Duo Mira Lobe und Susi Weigel, so bildeten heuer die sechs Bücher über die drei Generationen Stanisläuse – und in der Musicalversion viel stärker als in den Büchern die drei Veronikas, ebenfalls Großmutter – Mutter -Kind – die Grundlage für das vorweihnachtliche für Kinder kostenlose Musiktheater.
Übrigens: Dem Verlag wurde erst in der Vorwoche der Bruno-Kreisky-Preis (nach dem Bundeskanzler von 1970 bis 1983) des Karl-Renner-Instituts überreicht. In der Begründung heißt es unter anderem: „Jungbrunnen überzeugt durch seinen Mut, auch schwierige und kontroverse Themen wie Inklusion, Diversität und Nachhaltigkeit in seinen Publikationen aufzugreifen, ohne dabei die Magie kindlicher und jugendlicher Erzählwelten zu verlieren. Der Verlag setzt konsequent auf hochwertige Illustrationen, innovative Ansätze und literarische Qualität und erreicht so Generationen von Jugendlichen, die durch die Bücher nicht nur unterhalten, sondern auch zum Nachdenken angeregt werden… Die Jury würdigt den Verlag Jungbrunnen für sein nachhaltiges Engagement, kulturelle und politische Bildung zu fördern. Er ermöglicht durch seine unermüdliche Arbeit Kinder- und Jugendliteratur auf höchstem Niveau. Der Verlag ist ein Leuchtturm für die Bedeutung von Literatur als Werkzeug politischer Bildung, demokratischen Bewusstseins und gesellschaftlichen Zusammenhalts.“
Warum dann ausgerechnet Bücher für das aktuelle Musical ausgesucht wurden, die zwar Fantasie fördern, aber ein überholtes Frauenbild – auch schon in den Entstehungszeiten; 5. Buch 1974, 6. Buch 1995 – verbreiten? Na gut, immerhin hat die Musicalversion den einen oder anderen kleineren Ansatz neuerer Sichtweisen aus diesen Büchern vergrößert bzw. hinzugefügt – siehe oben.
Ätsch, ausgetrickst. Bis der Hase sich totläuft, narren ihn Igel und Igelfrau mit ihren „ich bin schon da!“-Rufen. Wobei der Igel und seine Frau dies nicht aus Bösartigkeit tun, hat der Hase die Gattung der Stacheltiere zuvor aufs Übelste verspottet. Nein, so soll’s auf keinen Fall im Theater des Kindes zugehen, wenn die bekannte Fabel, die Eingang in die berühmte Sammlung der Gebrüder Grimm gefunden hatte, auf die Bühne kommen soll; wurde doch schon vor ziemlich genau einem Jahr auch das Bilderbuch „Wenn zwei sich streiten“ dramatisiert, um Konkurrenzkampf mit Augenzwinkern zu inszenieren – es wird in dieser Saison wieder aufgenommen; Link zur Stückbesprechung gleich hier unten.
Und so freut sich zwar Igel Igor (Christian Lemperle), dass er das Wettrennen gegen den viel Schnelleren Hasen Harry (Katharina Schraml) gewonnen hat, weil am Ziel Igelin Inge aus dem Gebüsch hüpft – diese übrigens als Schattenfigur. Als solche ist sie in einer früheren Szene auch mit Igor als solch Laser-ge-cuttete Figur samt den drei Igelkindern Ilvy, Ida und Ivo an anderer Stelle der Bühne (Harald Bodingbauer) in Erscheinung getreten.
Zurück zum „Wettlauf“: Igor kriegt aber mit, wie niedergeschlagen sein Konkurrent ist – und daraufhin ein ziemlich schlechtes Gewissen. Ängstlich aber doch, gesteht er den Trick. Und siehe da, der Hase triumphiert nicht, zeigt sich „nur“ erleichtert.
Beide erkunden in der Folge gemeinsam, was sie gut können und was genau nicht, im Schmatzen sind sie Weltmeister, im Jonglieren Nieten… Eine wunderbare Freundschaft der beiden beginnt – alle haben gewonnen, „Neu-Deutsch“ würde das wohl „win-win“ heißen (Regie: Sarah Gaderer).
Das seit mehr als 50 Jahren bestehende Linzer Theater machte der Autorin Nora Dirisamer, an die sie – wieder einmal – den Auftrag vergab, keine Vorgaben, wobei schon klar war – siehe Einleitung. Einerseits mögen doch schon sehr junge Kinder Wettbewerbe, beginnt diese im Gespräch nach der Premiere mit Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr…, aber andererseits sollte es natürlich eine Wende geben. Der Hase ist so schnell, weil er ein Fluchttier – und damit auch ängstlich ist. Und der Igel hat Angst, zuzugeben, dass er – gemeinsam mit der Igelin – getrickst hat.
Sich zu entschuldigen, um Verzeihung zu bitten, einen Fehler zuzugeben bedeutet (fast) immer große Überwindung. Nicht zuletzt auch aus der Angst vor der (möglichen) Reaktion. Dies rücken Autorin, Inszenierung und das Schauspiel der beiden Protagonist:innen ziemlich unaufgeregt ins Zentrum des Geschehens, aber „nur“ als Ausgangspunkt für die neu-gewonnene Freundschaft.
Schon bevor es zur Begegnung und zum „Wettrennen“ kommt, dreht Katharina Schraml als Hase Laufrunden nicht nur auf der Bühne, sondern zwischen den Publikumsreihen die Stufen hinauf, ins Theaterfoyer und wieder zurück. Und mit diversen Stangen und Bällen spielt sie noch so manch andere Sportart – vom Gewichtheben bis zum Kugelstoßen. Christian Lemperle als Igor Igel sollte eigentlich Nahrung für die Igelfamilie – als wie oben schon erwähnt Schattenfiguren – holen, trifft aber eben auf Harry, der ihn wegen seiner Kleinheit auslacht und böse Sprüche über ihn und seinesgleichen loslässt. Was erst den Plan des Tricks beim Wettlauf reifen lässt.
20.000 Besucher:innen in 232 Vorstellungen – dies ist die zahlenmäßige Bilanz des Linzer Theater des Kindes für die vergangene Saison 2024/25, womit die Bühne in der Langgasse auf eine Gesamtauslastung von 97 % gekommen ist, wie unlängst bei der Vorstellung des Programms der neuen Saison der künstlerische Leiter, Andreas Baumgartner stolz bekanntgab.
„Sherlock Holmes“ lockte in 54 Vorstellungen 6.611 Besucher:innen an, gefolgt von „Moby Dick“ (3.765 / 46 Vorstellungen und „Der Maulwurf und die Sterne“ (1.930 / 23). Insgesamt standen elf verschiedene Stücke auf dem Spielplan – zehn davon Ur- bzw. Erstaufführungen.
Link zur Stückbesprechung der Premiere hier unten
Manche Geschenke lassen sich nicht verpacken; das Ensemble des Theater des Kindes macht sich mit dieser Stückentwicklung auf eine Reise, in der Geschichten, Bräuche und persönliche Erfahrungen um Weihnachten ein wesentlicher Teil sein werden.
Stückentwicklung von Lena Matthews-Noske / Simone Neumayr / Katharina Schraml / Andreas Baumgartner / Harald Bodingbauer / Christian Lemperle; zu sehen ab 28. November 2025.
Eine traumhafte Freundschaft; Uraufführung nach dem Buch von Mira Lobe
Hannes kann gut tagträumen. Wenn er aus dem Fenster im Kindergarten auf die Hausmauer schaut, sieht er viele Tiere, die Wolke am Himmel ist ein Segelschiff und der Regen, der kommt von der Regenfrau. Genau diese will er basteln – und dafür braucht er Haare, darum schneidet er sich einfach eine seiner schwarzen Locken ab! Da wird ihm die Schere weggenommen. Und als die Kinder mit Buntpapier basteln, muss Hannes das Papier reißen, statt zu schneiden. Er rupft und zupft und plötzlich kommt ein Tier dabei heraus: der Bumpam! …
Regie: Caroline Richards; Dramaturgie: Peter Woy; Schauspiel: Lena Matthews-Noske, Simone Neumayr; ab 6. März 2026
Link zur Stückbesprechung von Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… hier unten
Link zur KiJuKU-Stückbesprechung hier unten
Ausgehend von einer Besprechung des Bilderbuchs von Linda Wolfsgruber und Gino Alberti, Vorausgeschichte Link hier unten
Zur Stückbesprechung von KiJuKU geht es hier unten
Link zur Stückbesprechung von KiJuKU.at hier unten
Nach dem Buch von Herman Melville
Stückfassung, Regie und Bühne: Mechthild Harnischmacher; Schauspiel: Lena Matthews-Noske, Simone Neumayr, Katharina Schraml; Kostüme: Hisu Park; Musik: David Baldessari; Choreografie: Izabela Soldaty; Dramaturgie: Peter Woy Lichtdesign: Natascha Woldrich; Regieassistenz und Requisiten: Felix Gfällner
Ab 7 Jahren; eine Stunde; ab Herbst 2025
Link zur Stückbesprechung von Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… hier unten
„Das Kurzvideo Handy Stopp zeigt einen fiktiven Werbespot und handelt von einem Gadget, das Nutzer*innen bei übermäßigem Handygebrauch auf die Finger klopft, um ihren Medienkonsum zu reduzieren“, begründete die Jury die Vergabe der Auszeichnung in der Kategorie Young Creatives (U12) im Rahmen von „U19 – create your world“ beim renommierten Prix Ars Electronica; über alle anderen 22 Projekte, die einen Hauptpreis (U 10, U 12, U 14, U19), Auszeichnungen oder Anerkennungen gewonnen haben, berichtet Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… in den nächsten Tagen.
13 Schüler:innen der 2 D des Bundesgymnasiums Seekirchen (Salzburg) – Natascha Amerhauser, Stefanie Berger, Emily Bertolatti Barcala , Samuel Brioso Nolasco, Leon Brunthaler, Leonhard Deifel, Leonie Dürager, Emma Gärtner, Daniela Geworgyan, Mia Gomez Ortner, Pia Greilinger, Lukas Haberlandner und Hannah Haubenhofer – hatten in „Digitaler Grundbildung“ über die Gefahren im Internet, die richtige Handynutzung und gutes Verhalten online diskutiert und nicht nur das. Sie setzten ihre Diskussionen in ein Projekt um, ein Video, das ein Gerät bewirbt, das sie Handy-Stopp nannten.
Dabei handelt es sich um eine Art durchsichtiger Schutz-Box für das Samrtphone, aber mit einer kleinen drehbaren Kunststoff-Hand, die zu rotieren und schlagen beginnt, sollte das Gerät zu lange in Verwendung sein. Das Teil bauten sie auch wirklich und war in der U19-Ausstellung in der großen kreativen Schau mit interaktiven Stationen in der sogenannten Post City beim Linzer Bahnhof – in einer Vitrine – zu sehen
Und obwohl gleichsam „schwarze“ Pädagogik mit Schlagen wirkt das rund ¾-minütige Video dazu alles andere als altbacken oder mit erhobenem Zeigefinger. Der Werbespot wirkt recht selbstironisch und doch nehmen sie ihre eigene Handynutzung auf die Schaufel.
Apropos Handy und Auszeit. In der Ausstellung traf KiJuKU zufällig den technischen Leiter des Linzer Theaters des Kindes, Franz „Flieger“ Stögner. Ganz entspannt eröffnete er: „Das war jetzt mein schönstes Monat, ich war eine Woche im Norden – Norwegen und Finnland und das praktisch ganz ohne Handy, obwohl ich sonst ein Nachrichten-Junkie bin. Ich hab’s nur aufgedreht, wenn ich ein Zugticket kaufen wollte oder um eine Busverbindung zu checken. Aber sonst nichts.
Frage des neugierigen, fast ungläubigen Journalisten: „Und ist es dir nicht abgegangen?“
„Flieger“: „Die ersten ein zwei Tage hatte ich schon ein bissl Entzugserscheinungen, aber dann einfach herrlich. Sogar zwei Wochen nachdem ich wieder zu Hause war, hat’s mich nicht so gejuckt. Und immer noch lass ich auf Ö1 beim Mittagsjournal die ersten fünf Minuten mit Katastrophenmeldungen aus aller Welt aus.“
Wer waren nun mal Valentina Tereschkowa, Ida Pfeiffer oder gar Felicity Aston und Jeanne Baret? Auch wenn mittlerweile das erste Viertel des 21. Jahrhunderts vorbei ist, werden Frauen und ihre Leistungen – in den meisten Ländern – nicht als gleichwertig wahrgenommen. Das Linzer Theater des Kindes – mit Premiere beim aktuellen, dem 13., Schäxpir-Festival – stellt in „Die Ersten“ die genannten vier Frauen – stellvertretend für viele ihrer Geschlechtsgenossinnen – dem Publikum auf spannende in unterschiedlichen Szenen vor.
Simone Neumayr schlüpft in dieser guten Stunde in die Rollen der doch nicht unbekannten Kosmonautin und damit ersten Frau im Weltall, der doch einigermaßen bekannten Reise-Schriftstellerin, der ersten Frau, die allein die Antarktis durchquerte und jener Naturforscherin, die aber kaum bekannt ist und als erste Frau an Bord eines französischen Schiffes 1766 die Welt umsegelte – als Mann verkleidet, anders wäre ihr das nicht möglich gewesen.
Bevor sie mit wenigen Handgriffen, einem Seil sowie einem großen weißen Stoff Segelschiff, Eiswüste, aus einer Metallkiste eine Weltraumkapsel (Bühne: Michaela Mandel) erschafft und zentrale Lebensstationen der vier Pionierinnen in Worten und Schauspiel erzählt, taucht sie als Suchende auf. Mit Schmetterlingsnetz, breitkrempigem Tropenhut und einer Art Geigerzähler taucht sie aus dem „Bauch“ des Theaters auf den der Blick dank des ausnahmsweise weggezogenen schwarzen Vorhangs freigegeben wird, auf. Leicht verwirrt blickt sie sich um.
Perdita Polaris, so ihr Name, ist Sammlerin von Geschichten, vor allem über Menschen, die forschen, entdecken… und selber vergessen wurden, verloren gegangen oder weniger bekannt sind. (Perdita kommt übrigens aus dem Italienischen und steht für Verlust, leck, undicht…). Doch ihre bisherige Sammlung besteht praktisch nur aus Forschenden mit Bart 😉
Und damit stößt sie auf ein Bildnis von einem jungen Menschen mit Schnauzbart, wird stutzig, das Gesicht zeige doch eine Frau. Und damit führt sie das Publikum in die Geschichte der Jeanne Baret, die nicht nur, verkleidet mit dem Vornamen Jean, als Assisteint(in) und Freundin des Naturforschers Philibert Commerson auf den Schiffen Boudeuse und Étoile als erste bekannt gewordene Frau die Welt umsegelte. Die Botanikerin erforschte zahlreiche Pflanzen. Erst rund 250 Jahre später wurden ihre Leistungen anerkannt – einige französische Städte benannten Straßen nach ihr, 2012 und 2023 wurden Pflanzen(gattungen) nach ihr benannt und im Vorjahr anlässlich der Eröffnung der Olympischen Spiele in Paris wurde für sie – sowie für neun andere Frauen aus der französischen Geschichte – eine Statue aufgestellt.
Die vielleicht bekannteste – wenn auch nicht unbedingt dem Namen nach – ist die erste Frau im Weltall. Valentina Tereschkowa, Textilarbeiterin, die sich im Abendstudium zur Technikerin weiterbildete, begeisterte Fallschirmspringerin war, umkreiste 1963 an Bord der Raumkapsel Wostok 6 drei Tage lang die Erde.
Ihre Popularität in der Sowjetunion und bald danach darüber hinaus als Pionierin setzte sie danach viele Jahr(zehnt)e für Gleichberechtigung von Frauen ein. Schlug sich später auf die Seite Waldimir Putins, beantragte in der Duma (dem russischen Parlament) eine Verfassungsänderung, damit er länger als die auf zwei Amtsperioden begrenzte Zeit herrschen könne, unterstützte den Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine.
Letzteres thematisiert das Stück und lässt die Protagonistin fast ratlos zurück: „alles so kompliziert!“ – einerseits Pionierin, andererseits den Krieg verherrlichen?! Wobei sich noch angeboten hätte zu erwähnen, dass sie zu den Gründer:innen der Junarmija gehörte, einer Organisation, in der Kinder und Jugendliche auf Soldat:innen gedrillt werden.
Aber Perdita Polaris ist ja forschende Geschichten-Sammlerin – da gehört eben auch nicht so Feines in ihre kleinen Büchlein, die sie in einer hölzernen Umhängekiste trägt, und so tut, als würde sie all die erzählten Erkenntnisse per Knopfdruck dort hinein befördern (Kostüme: Anna Katharina Jaritz).
Ida Pfeffers (1797 – 1858) späte – auch festgehaltenen Weltreise-Erlebnisse (rund ¼ Million Kilometer auf Meeren und mehr als 30.000 km an Land auf vier Kontinenten) und Erkenntnisse hat sie in den längst auch bekannten 13 Reisetagebüchern (in sieben Sprachen übersetzt) veröffentlicht, es gibt auch ein tolles Bilderbuch über sie – Link zu einer Buchbesprechung unten am Ende des Beitrages.
Dass forschendes Reisen nicht immer ein Vergnügen ist, nicht selten gerade das Gegenteil – an die Grenzen und darüber hinaus gehen, kann lebensbedrohlich werden und sein. Das schildert die Schauspielerin als Felicity Aston, die 2012 als erste Frau im Alleingang die Antarktis durchquerte. Schnaufen, schleppenden Schrittes, an der Kippe zum Umkippen… – weshalb sie Aston auf die ihr gestellte Frage, ob sie noch einmal so eine Expedition wagen würde, antworten lässt: Sofort, aber nicht alleine. Menschen seien dafür geschaffen, miteinander zu agieren.
Und damit wendet sich die Schauspielerin an die eine und den anderen im Publikum – vielleicht würde Perdita Polaris ja einmal deren oder dessen Geschichte sammeln.
Was ein schöner Schluss (gewesen) wäre. Aber nein, der Regisseur Henry Mason, vertraute offenbar nicht ganz auf diesen spannenden Bogen der Geschichtensammlerin und ihrer vier Pionierinnen – Untertitel „Von den Frauen, die die Welt entdeckten“ – er erfand eine Rahmenstory: Anfangs ertönt aus dem Off eine Stimme (die von Harald Bodingbauer, Assistent der künstlerischen Leitung des Theaters des Kindes): Bedauerlicherweise könne heute nicht gespielt werden, die Schauspieler:innen fehlen… und Perdita Polaris muss zu Beginn sagen, dass sie gar nicht wisse, wo sie sich hier befinde… Dieses doch seltsame Intro – alle wissen ja schon vorher zu welchem Stück sie gekommen sind – muss natürlich noch zu einem Kreis geschlossen werden; worauf viele gar nicht mehr hören.
Compliance-Hinweise: Das Festival Schäxpir hat Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… für vier Tage dieses Theaterfestivals für junges Publikum nach Linz eingeladen.
Vor einem stilisierten Baum und zwei vieleckigen Kisten mit je einem kleinen Loch treffen die beiden aufeinander: Tiger und Löwe. Bevor sie ins Spiel der Bilderbuch-Geschichte „Wenn sich zwei streiten“ eintauchen, lockern die beiden Schauspielerinnen ihr (junges) Publikum mit ein paar kleinen Schmähs auf. In gespielter Konkurrenz wollen sie die Zuschauer:innen begrüßen – „lauter nette Menschen“ – „kannst du doch gar nicht wissen, du kennst sie ja gar nicht“…
Um Konkurrenzkampf dreht sich die Story, die auf dem gleichnamigen Bilderbuch von Britta Sabbag (Text) und Igor Lange (Illustration) aufbaut. Tiger und Löwe meinen, jeweils der Stärkste, Größte und so weiter im Tierreich zu sein. Und das müsse nun sozusagen ausgefochten werden, um klarzustellen, wer es tatsächlich ist.
Das Theater des Kindes in Linz hat auf der Basis des Buches eine Bühnenversion erarbeitet. Regisseur Harald Bodingbauer hat eine Stückfassung getextet, die sich sehr nahe am Original bewegt. Das teils tänzerische (Choreografie: Jasmin Shahali) Spiel der beiden Akteurinnen bringt aber noch eine zusätzliche Ebene ins Geschehen. Immer wieder brechen sie die Bewerbe um die Vormachtstellung mit mindestens einem Schuss (Selbst-)Ironie. Die beginnt schon damit, dass beide zunächst ihre Schwänze (Kostüme: Elke Gattinger) gar nicht am Popo haben, sondern erst aus den Kisten holen müssen und dann zunächst sogar vertauschen.
Ob Stärke, Sprungkraft, Balancierkunst – mal legt Lena Matthews-Noske als Tiger vor und Katharina Schraml als Löwe muss und wird ausgleichen, dann wieder muss Tiger versuchen, die gleiche Leistung zu erbringen wie Löwe. Übrigens ist es für Schraml nicht ihr erster Löwe, einen solchen spielte sie auch schon in „Konferenz der Tiere – ihre helle gelockte Haarpracht prädestiniert sie schon rein optisch dafür.
Bei der Premiere Freitagvormittag (18. Oktober 2024) begannen die meisten Kinder sich wie bei einem sportlichen Wettkampf auf eine Seite zu schlagen und eine der beiden Raubkatzen anzufeuern – welche, das sei hier nicht verraten, um nicht eventuell einen Nachahmungseffekt für spätere Vorstellungen auszulösen. Aber trotz dessen beklatschten (fast) alle stets die jeweilige Akteurin, wenn sie ihre Herausforderung bewältigte.
Je länger das Kräfte- und Stärkemessen dauert, umso öfter kommt es – natürlich nicht zufällig – vor, dass Tiger und Löwe (mitunter scheinbar unfreiwillig) einander helfen. Und natürlich kommen sie auf kein wirkliches Ergebnis: Immer gleich stark, schnell, geschickt… Aber statt eines Unentschiedens kommt’s zu einer riesigen kleinen Überraschung. Nein, gespoilert wird hier wie auch schon bei der Buchbesprechung (Link unten) nicht; lass dich überraschen 😉
Eines sei aber schon verraten: Die mit wenigen Mitteln auskommende und doch so weite Welten eröffnende Bühne wurde von Franz Flieger Stögner erdacht und gebaut. Er sorgte dieses Mal aber auch gleich noch für die Musik. Seine Überlegung dazu zitiert das Programmheft des Theaters des Kindes so: „Mein erster Gedanke war, Löwe und Tiger mit heißen afrikanischen und indischen Rhythmen zu manifestieren. Aber auch ruhigere Töne aus den beiden Kulturkreisen werden ihren Platz finden. Ich finde es sehr interessant, Kindern diese ethnographischen Musikstile näher zu bringen und ihren musikalischen Horizont abseits des Mainstreams zu erweitern.“ Über die Musik hinaus schuf er allerdings noch eine Geräuschkulisse, die Dschungel, Wind aber auch die Wettkampf-Atmosphäre akustisch erahnen lässt. Für die passenden Lichtstimmungen sorgt Natascha Woldrich.
Leuchtende Sterne, aber Kinder-Hochbett statt Maulwurfshügel? Wer das Bilderbuch „Der Maulwurf und die Sterne“ (Britta Teckentrup – Link zu einer Besprechung des Bilderbuchs am Ende dieses Beitrags) kennt, das die Vorlage fürs jüngste Stück im Linzer Theater des Kindes, ist vielleicht aufs erste verwirrt. Ohne allzu viel zu spoilern, der Beginn kann verraten werden. Am Hochbett oben liegt tatsächlich ein Kind – also nicht wirklich, sondern ein Schauspieler, der in die Rolle eines Kindes schlüpft. Aus dem Off kommt die Stimme seiner „Mutter“, die schon einige Geschichten vorgelesen hat, jetzt aber wäre endlich Schlafenszeit. Nur noch eine…
… nein, dies hier entwickelt sich nicht zu einer Variante von „Valerie und die Gute-Nacht-Schaukel“, das übrigens derzeit im selben Theater auf dem Spielplan steht. Sondern wirklich nur noch eine einzige Geschichte – und zwar die Titelgebende. Und dazu „verwandelt“ sich das Kind in den Titelhelden Maulwurf. So wie auch all die anderen Tiere, die in der Geschichte vorkommen und im Bilderbuch namenlos bleiben, hat ihm die Stück-Autorin Nora Dirisamer benamst – ihn Mo.
Christian Lemperle bleibt der einzige Schauspieler auf der Bühne – die anderen Tiere des Waldes kommen – ebenso wie die Mutter – als voraufgezeichnete eingespielte Stimmen vor. Bei den Namen tobte sich Dirisamer mit Wortspielen ebenso fantasievoll aus wie beim Text vor allem mit gereimten Zeilen; im Buch ganz wenige Sätze, hier ziemlich – aber nicht zu – viele. High-Light an Namens-Wortspielen: Reh-bekka (Simone Neumayr, die u.a. die Mutter spricht) und ihr Kind Reh-Ne (David Baldessari, der auch noch Elli Eichkätzchen sowie (Stern-)Schnuppi und eine der vielen Ameisen die Stimme leiht).
Aus pragmatischen Gründen hatte sich Regisseur und Theaterleiter Andreas Baumgartner von Anfang an für ein Maulwurf-Solo entschieden, wie er nach der Premiere Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… anvertraute. „Wir hatten schon lange kein Solo-Stück für die Allerjüngsten (ab 3 Jahren). Außerdem ist im Buch ja der Maulwurf die zentrale Figur.“
Die Stückversion, die den durchgängig poetischen Touch des Bilderbuchs – der dort vor allem auch in den Bildern zum Ausdruck kommt – aufnimmt, gesteht den anderen Tieren aber mehr Eigenleben zu – nicht nur durch die Namen, sondern auch durch die Auftritte als Figuren unterschiedlichster Art (Bühne Michaela Mandel; Kostüme: Anna Katharina Jaritz). Und so wird noch viel deutlicher, wieso Maulwurfs in Erfüllung gegangener Wunsch, alle Sterne für sich allein in seinem Bau zu haben, für andere bei Weitem nicht nur enttäuschend, sondern teils unbedingt notwendig ist.
Für Tiere, die in der Nacht aktiv sind, bedeuten Sterne viel mehr als eine nette nächtliche Beleuchtung! Und so lernt Mo hier noch viel stärker, weshalb sein Sternenklau alles andere als toll war. Ohne dass das Stück auch nur im Geringsten an einem erhobenen pädagogischen Zeigefinger anstößt.
Dirisamer hat ins Stück als Running Gag noch viiiiele Ameisen als Putztrupp des Waldes hieingeschrieben, die sich immer wieder zu Wort melden – materialisiert durch die verschiedenen Schauspieler:innen des Theaters, die ihnen ihre Stimmen – neben den schon genannten, leihen: Katharina Schraml (Flora Fledermaus / eine weitere Ameise / Sissi Waldspitzmaus, Harald Bodingbauer (Sigi Siebenschläfer / Ameisenchef), Peter Woy: Sir William Waldkauz / noch eine Ameise und nicht zuletzt Andreas Baumgartner, der neben einer Ameise noch Werner Wildschwein seine Stimme im oberösterreichischen Dialekt gibt: Letzteres übrigens einfach zwei üppige plüschige Schlapfen, in die Maulwurf Mo hin und wieder, wenn Werner an der Reihe ist, schlüpft.
Musik (David Wagner) und natürlich nicht zuletzt das Lichtdesgin (Natascha Woldrich) runden den Zauber dieser Geschichte mit Botschaft zu einem wunderbaren Theater-Vor- bzw. -Nachmittag ab.
„Ich will fort, ich will weg!“/ sagt die kleine Schneck.“ Und nicht nur irgendwohin, das könnte sie ja selber kriechend tun. Der Wunsch ist riesengroß – und bald zu lesen: „Wer nimmt mich mit um die Welt?“ Ruck zuck geht der Wunsch in Erfüllung, schwimmt doch glatt ein Wal vorbei und die Schnecke darf auf seiner Schwanzflosse Platz nehmen. Und los geht’s.
Das spielt sich in den ersten Minuten des Stücks „Die Schnecke und der Buckelwal“ im Linzer Theater des Kindes ab – und auf den ersten Seiten des gleichnamigen Bilderbuchs (Beltz Verlag). Von dort stammt der gereimte Text – was das Theater durchaus anmerken könnte.
Die Bilder, die das Team – neben den beiden Schauspielerinnen Simone Neumayr (Wal) und Katharina Schraml (Schnecke) noch Regisseur Andras Baumgartner und Ausstatter Harald Bodingbauer – entwickelte sind allerdings ganz andere. Zeichnete Axel Scheffer für das Buch mit Julia Donaldson (Übersetzung aus dem Englischen: Mirjam Pressler) sehr realistische, naturnahe Bilder, so deuten die Theaterleute vieles nur an. Klar, ein großer Wal passt nicht nur nicht in den Theaterraum, sondern bräuchert halt Meerwasser und davon ganz schön viel.
Das allein war’s aber gar nicht. Die Bühne bietet mit einem hölzernen Steg und einer Art Mast mit herabhängendem Segeltuch bewusst nur einen Hauch der Bilder – die werden durch Schauspiel und Text vor allem in den Köpfen der jungen Zuschauer:innen erzeugt. Und so reisen sie mit zu (noch) ewigem Eis und Schnee, um Pinguinen zu begegnen, die die beiden Schauspielerinnen, die eben hin und wieder aus ihren Rollen als Wal und Schnecke aussteigen – nein, nicht selber spielen: Schwimmflossen mit unterschiedlich gefüllten Fersen verwandeln sich sozusagen in ihren Händen zu watschelnden Frackträger:innen 😉
Mit Hilfe des aufgespannten Segeltuches, Verdunkelung (Lichtkonzept: Franz Flieger Stögner) und kleiner Figuren zaubern die beiden Spielerinnen in einer Schattentheater-Szene so manches, das sich unter Wasser abspielt.
Natürlich darf eine, vielleicht die zentrale Szene aus dem Buch auch im Stück nicht fehlen. Der Wal verirrt sich, strandet am Sand – und ist damit in Lebensgefahr. So schnell sie kann kriecht die Schnecke, um Hilfe zu holen. Dabei landet sie in der vielleicht witzigsten Szenerie, der Schule knapp am Meeresufer – mit munteren, frechen Kindern aus bunten Federbällen und einer Lehrerin (Tennisschläger mit bunter Brille im Netz. Nicht nur die, sondern auch die Feuerwehr rückt an, um den Wal mit Wasser zu überschütten und anzuspritzen und ihn zurück ins Meer zu bugsieren – natürlich mit der Schnecke als Mitreisender.
Es ist eben niemand zu klein, um nicht auch ganz Großen helfen zu können!
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