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Szenenfoto aus "Kabale und Liebe" im Vestibül des Wiener Burgtheaters

Freche, spielfreudige Version eines (zerlegten) Klassikers

Sehr spielfreudig und -witzig zeigt sich die junge achtköpfige Crew aus Profis und Laien in einer der diesjährigen neuen Community-Produktionen, nicht nur aber durchaus auch speziell für junges Publikum: „Kabale und Liebe“ wird immer wieder in Vormittagsvorstellgen vor allem für Schul(klass)en gespielt.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Kabale und Liebe“ im Vestibül des Wiener Burgtheaters

Eine Liebe, die nicht sein darf

Friedrich Schillers Klassiker (ca. 250 Jahre alt) beinhaltet schon einen krassen Konflikt, in den junge Liebende gestürzt werden. Wie bei Romeo und Julia von William Shakespeare nochmals knapp 200 Jahre davor, dürfen die beiden Liebenden, hier Luise und Ferdinand, ihre Beziehung nicht (aus-)leben. Bei Shakespeare verhindern das die beiden verfeindeten Familien, bei Schiller ist es der Klassen- bzw. Standesunterschied.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Kabale und Liebe“ im Vestibül des Wiener Burgtheaters

Und damit ist das Thema als solches (leider) recht zeitlos. Noch immer setzen Erwachsene sowie herr-schende gesellschaftliche Normen mit ihren Zwängen den Gefühlen Liebender Grenzen / Mauern / Barrieren.

Die rasante, uroft wechselnde Szenerie dieser Inszenierung im Vestibül des Burgtheaters spielt aber nicht nur das Stück vielleicht einigermaßen modernisiert, aktualisiert. Obwohl der Plot im Wesentlichen szenische erzählt wird, hat die Regisseurin Ebru Tartıcı Borchers es mit dem Ensemble ziemlich zerlegt (neudeutsch dekonstruiert) – und einen Untertitel verpasst: „or the other way around“ (oder umgekehrt – Liebe und Kabale, letzteres übrigens ein alter Begriff für Intrige. Auf diese hinterfotzige Machenschaft, letztlich sogar Auslöser für den gewaltsamen Tod der beiden Liebenden, sei hier nicht eingegangen – kann gern nachgelesen, oder noch besser das Stück in dieser Version angesehen werden.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Kabale und Liebe“ im Vestibül des Wiener Burgtheaters

Ständiger Rollentausch

Paavo Peter Aichner, Elisabeth Ferstl, Silvana Filipović, Victor Petro, Sophie Maria Rabmer, Karl Jakob Schäfer, Amelie Schulz und Rosa Zant geben in der 1¾-stündigen Performance eine Art Einblick in die Entstehungsphase ihres gemeinsamen Schauspiels. Mit Unterbrechungen, Fragestellungen, was das soll. Was dis mit heute zu tun habe und nicht zuletzt Wünschen, in andere Rollen zu schlüpfen. So sind dann praktisch alle reihum einmal Ferdinand, dann wieder Luise, deren Vater, ihre Mutter – im Original immer nur Frau Miller ohne Vornamen -, oder Ferdinands Vater, seines Zeichens Präsident, dessen Sekretär Wurm sowie Lady Emilie Milford oder der Hofmarschall.

Manche Szenen spielen sie verdoppelt, drei- oder gar vierfach parallel als das Liebespaar in Variationen, anderes sprechen sie chorisch im (Groß-)Teil als Ensemble.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Kabale und Liebe“ im Vestibül des Wiener Burgtheaters

Humor

Obwohl das Stück um eine tragische sich nicht erfüllen dürfende Liebe kreist, lassen Schauspieler:innen in dieser Inszenierung ziemlich viel Raum und Zeit für humorvolle Passagen und damit entspannendes Lachen aus dem Publikum in der an sich angespannten Atmosphäre der Prügel von fast allen Seiten, die dieser Liebe in den Weg gelegt bzw. mit denen die Protagonist:innen geschlagen werden.

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Szenenfoto aus "No Pressure" Theaterclub 1 des Burgtheaters

Die Stille laaaange aushalten

Das musst du erst einmal aushalten: Die Performance beginnt und die Darsteller:innen stehen ruhig, fokussiert, aber ohne auch nur ein Wort, eine Bewegung – mit Ausnahme jener der Augen. Blicke. Auch die, zumindest die vom Rezensenten wahrgenommenen, starr, aber nicht ins Leere. Und auch nicht zu Boden, in die Luft oder wo auch immer hin, sondern auf Zuschauer:innen. Gefühlt eine „Ewigkeit“ beginnen Mira Buzanich, Lara Hauer, Leonie Hoffer, Theodor Machacek, Sophia Pilz, Iris Poulios, Elena Seitz, Sophia Seitz, Berenice Straessler und Gabriele Zugaj so ihre „performative Erkundung der Zeit“ mit dem Titel „No pressure“. Es waren die Präsentationen des Theaterclubs 1 im Vestibül des Wiener Burgtheaters beim Festival der vier Clubs, die monatelang entwickelt und geprobt hatten.

Eine derartige vom Setting her schon ziemlich druckvollen Situation – denn alle Augen des Publikums aus allen Richtungen beobachten die Jugendlichen – so meisterhaft über die Bühne zu bringen, Hut ab.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „No Pressure“ Theaterclub 1 des Burgtheaters

Stress vs. „faul“ sein

Stress, wenn die Zeit zu knapp wird – für die Vorbereitung auf Prüfungen oder so manch anderes auch im privaten Bereich. Schwierigkeiten, einfach einmal „nichts“ zu tun, ohne schlechtes Gewissen, ich müsst / sollte / könnte doch. Oder genau das schon zu schaffen. Relativität von Zeitempfinden – was ist lange, was verfliegt?

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „No Pressure“ Theaterclub 1 des Burgtheaters

In unterschiedlichsten, meist sehr rhythmischen, in manchen Szenen synchron choreografiert, dann wieder sehr individuell unterschiedlich machen die halbe Stunde dicht und abwechslungsreich. Mal schützen sich (fast) alle in einer Art Zelt aus großen Handtüchern, dann verwenden sie diese Requisiten einzeln. Und von allen unbeeinflussbar, fallen Wassertropfen eines an die Decke gezogenen nassen dieser Tücher auf den Tanzboden. Tropf, tropf, tropf – fast wie eine Sanduhr – allerdings der Schwerkraft geschuldet, nur in eine Richtung, der Raum lässt sich ja nicht auf den Kopf stellen 😉

Meist kommen die sehr jungen Performer:innen ohne Worte aus. Einige fallen doch – und die auch in verschiedenen Sprachen, die Teilnehmer:innen mitbringen – von der Begrüßung in Burgenland-Kroatisch über Italienisch, Französisch, Türkisch und Griechisch.

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Alex Teufelbauer, Marie Theissing, Himali Pathirana, Florian Jungwirth, Lotfullah Yusufi, Marlene Schenk-Mair, Ben Schidla, Patrick Werkner, Waltraud Matz

Echte (Erfolgs-)Lebensgeschichte bewegend und bewegt gespielt

Ein dichte, abwechslungsreiche, spannende Theaterstunde voller immer wieder krasser Wendepunkte samt sarkastisch-ironischen Momenten lebt darüber hinaus aber vor allem davon, dass es sich um eine echte Lebensgeschichte – und dies mit Happy End handelt. „Lotfullah und die Staatsbürgerschaft“ im Vestibül des Wiener Burgtheaters erzählt szenisch die Jahre in Österreich nach seiner Flucht. Als Kleinkind mussten die Eltern mit ihm das afghanische Ghazni verlassen, fanden Zuflucht in Pakistan, wo nach einigen Jahren das Leben auch nicht mehr erträglich war. Es war schon äußerst schwierig für die Familie, das Geld für die Flucht eines der ihren aufzutreiben. Tränenreich verabschiedet die Mutter den jugendlichen Sohn. Und rät ihm, auf der gefährlichen Fluchtroute im Schlaf immer doch auch irgendwie wach sein zu müssen (adir).

Lotfullah Yusufi, Himali Pathirana, Marlene Schenk-Mair, Marie Theissing
Lotfullah Yusufi, Himali Pathirana, Marlene Schenk-Mair, Marie Theissing

Schikanen, Waaaaarten…

Europa war das Ziel, irgendwann landete er zufällig in Österreich. Weder flossen hier Milch und Honig im sprichwörtlichen Sinn, noch wurden Menschen, die flüchten mussten, mit offenen Armen empfangen wie es in früheren Fluchtbewegungen – von Ungarn (1956), Tschechoslowakei (1968) bis zu den Jugoslawienkriegen (Anfang der 90er Jahre) noch eher der Fall war. Schikanen, Willkür trotz Rechtsstaat, Waaaaaarten auf Papiere, ein Flüchtlingscontainer hinter Drahtzaun, Abnahme des Ausweises durch die Behören, weil im Asylinterview nicht verstanden wurde, dass viele Afghan:innen schon lange vor der wieder völligen Machtübernahme durch die demokratiefeindlichen Taliban, von dort flüchten mussten – die einen in den Iran, andere nach Pakistan.

Florian Jungwirth, Ben Schidla, Alex Teufelbauer, Himali Pathirana, Marie Theissing, Patrick Werkner, Waltraud Matz, Marlene Schenk-Mair
Florian Jungwirth, Ben Schidla, Alex Teufelbauer, Himali Pathirana, Marie Theissing, Patrick Werkner, Waltraud Matz, Marlene Schenk-Mair

Ohne Ausweis bist du nichts

Monatelang staatenlos. „Wenn du keinen Ausweis hast, existierst du nicht“, fällt der treffende Satz. Der erinnert an Bert Brechts „Der Pass ist der edelste Teil von einem Menschen. Er kommt auch nicht auf so eine einfache Weise zustande wie ein Mensch. Ein Mensch kann überall zustande kommen, auf die leichtsinnigste Art und ohne gescheiten Grund, aber ein Pass niemals. Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird.“ (Flüchtlingsgespräche 1940/41).

Lotfullah Yusufi
Lotfullah Yusufi

Leben im Freien – im „Rosengarten“. Irgendwann dann doch wieder ein Ausweis, Flüchtlingsunterkunft weit ab im tiefsten Niederösterreich. Und dennoch nahm Lotfullah dreieinhalb-stündige tägliche Reisen in die HTL Mödling, aber auch nach Wien ins Burgtheater zu Proben für Projekte auf sich. Die Theaterprojekte boten ihm geborgenen Halt, auch wenn er manches nicht verstand, wie es im Stück heißt und nachvollziehbar zu erleben ist – für Außenstehende kaum verständliche Aufwärmübungen für die Stimme mit bedeutungslosen Lautkombinationen 😉

Patrick Werkner, Waltraud Matz, Himali Pathirana
Patrick Werkner, Waltraud Matz, Himali Pathirana

Bitterböser Humor

Der Humor kommt in dieser Stunde nicht zu kurz. Das Stück entstand in langem Hin und Her aus der neun Jahre währenden Zusammenarbeit von Anna Manzano, Marie Theissing, Lotfullah Yusufi und Magdalena Knor, anfangs als Spielclub im Burgtheater, später als freie Gruppe. Ergänzt und erweitert um Florian Jungwirth, Waltraud Matz, Himali Pathirana, Marlen Schenk-Mair, Ben Schidla und Patrick Werkhner sowie Alex Teufelbauer, der in den „Rosengarten“-Szenen in Lotfullahs Rolle schlüpft, entwickelte das Team rhythmisch choreografierte Szenen, die Begegnungen mit Bürokratie ebenso wie mit Helfer:innen knapp und rasch wechselnd, teilweise chorisch schildern.

Lotfullah Yusufi, Florian Jungwirth, Ben Schidla, Alex Teufelbauer, Himali Pathirana, Marie Theissing, Patrick Werkner, Waltraud Matz, Marlene Schenk-Mair
Lotfullah Yusufi, Florian Jungwirth, Ben Schidla, Alex Teufelbauer, Himali Pathirana, Marie Theissing, Patrick Werkner, Waltraud Matz, Marlene Schenk-Mair

„Kafkaesk“ ist aber real

Der Staatsbürgerchor mit fast höfischen Halskrausen, getrötete Bundeshymne, beamtliche Stempelzeremonien… – was für Theaterpublikum und -beschäftigte vielleicht „kafkaesk“ wirken mag, ist Alltag der meisten Geflüchteten seit Jahren. Kaum ein oder einer kennt es anders. Rascher Erwerb der deutschen Sprache, gut integriert, sozial engagiert – hilft alles (fast) nichts. Bewahrt nicht vor widersinnigen Entscheidungen, Ablehnungen, drohender Abschiebung…

Marie Theissing, Ben Schidla, Lotfullah Yusufi
Marie Theissing, Ben Schidla, Lotfullah Yusufi

Doch neben Zielstrebigkeit, Ausdauer, Energie und doch die einen oder anderen Menschen, die helfen, unterstützen, sich einfach menschlich zeigen, sind verantwortlich für ein Happy End. Die Energie Lotfullah Yusufis, der gemeinsam mit Regisseurin Anna Manzano sowie seinen Mitspieler:innen Marie Theissing und Magdalena Knor (auch Live-Musik) das Stück entwickelt hat, macht den Raum zeitweise fast zu klein für seine Power. Eine Art befreites Aufspielen, ist das Stück doch ein geglückter Sieg über alle Hindernisse und Schikanen.

Ben Schidla, Alex Teufelbauer, Marlene Schenk-Mair, Waltraud Matz
Ben Schidla, Alex Teufelbauer, Marlene Schenk-Mair, Waltraud Matz

Gewinn

Ohne es direkt anzusprechen, ergibt sich so „nebenbei“ die Lehre: Hätte Lotfullah Yusufi selbst aufgegeben und wäre er nicht bei seinem Einspruch gegen den ersten Abschiebebescheid unterstützt worden, gäbe es auch diesen bewegenden und doch Mut machenden Theaterabend nicht!

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Szenenfoto aus "Das Licht der Welt" im Burgtheater-Vestibül (Wien)

Wie für Klimaschutz kämpfen und miteinander umgehen

Vordergründig dreht sich „Das Licht der Welt“ von Raphaela Bardutzky, seit Kurzem im Vestibül des Wiener Burgtheaters (Regie: Maximilian Pellert), um Jugendliche, die sich aktionistisch, intensiv und mit vollem Körpereinsatz für Klimaschutz engagieren. Die Autorin griff für das Stück auf Recherchen rund um die mehrjährigen Besetzungen im deutschen vormaligen Braunkohle-Revier Lützerath bzw. Hambacher Forst zurück.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Das Licht der Welt“ im Burgtheater-Vestibül (Wien)

Die polizeiliche Räumung „Lützis“ im Vorjahr (ein Jahr nach der Uraufführung des Stücks beim Remmidemmi-Festival in Heidelberg) wird im Foyer des Vestibüls sozusagen vor Stückbeginn vorweggenommen. Ein „Polizist“ (Finn Seeger) herrscht die Wartenden an, die „Versammlung aufzulösen, zitiert Paragraphen – die nicht den echten entsprechen. Erst nach dem sehr offensichtlichen Auftakt, der sozusagen der theatralisch die Wartezeit aufs Stück überbrückt, geht’s auf in den kleinen Theatersaal.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Das Licht der Welt“ im Burgtheater-Vestibül (Wien)

Klimaschutz und Solidarität

Da steht zuerst einsam vor einem Vorhang und einem auf dem Boden liegenden gefällten Baumstamm (Bühne: Katharina Grof) „Rabe“ – alle Aktivist:innen tragen teils tierische Tarnnamen. Sie ist neu, hat vor, sich der Aktion anzuschließen, scheint sich (noch) nicht ganz sicher zu sein. Bei der Premiere wurde sie von Pauline Poldmaa gespielt. (Diese und zwei weitere Rollen sind alternierend besetzt.)

Von „Keks“ (Antonia Brandl bei der Premiere), Fuchur (Flora Menslin), Fox (Alice Bergoend, die durchgängig englisch spricht, die anderen switchen oft zwischen Deutsch und Englisch) und Gandalf (Marcos Fernandez am Premierenabend) erfährt und lernt sie technisches Rüstzeug fürs Baumhaus-Bauen, aber noch viel mehr die Regeln des Protest-Camps. Diese reichen von antirassistisch über alles Teilen bis zum etwas überraschenden drogenfrei. Sie sind vor allem gekennzeichnet von solidarischem Miteinander, aber auch von einer gewissen Kontroll-Tendenz sowie leicht esoterisch angehauchten Sinnsprüchen wie „Die Wahrheit liegt im Blumenkohl“.

Um kollektiven Regeln des Zusammenlebens geht’s in dem Stück hintergründig mindestens genauso wie um Umwelt- und Klimaschutz. Letzterer wird noch durch den Auftritt eines Schauspielers im Kostüm eines Eisbären (Kostüme: Emma Ursula Ludwig), dem Symbol fürs Wegschmelzen des Polar-Eises und bei vielen Klima-Aktionen im Einsatz, unterstrichen. Diskussionen wie politisch das Private ist gab’s übrigens schon vor einem halben Jahrhundert in der 68er-Bewegung, wo allerdings vieles – etwa Gleichberechtigung – mehr auf der verbalen Ebene hängen geblieben ist.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Das Licht der Welt“ im Burgtheater-Vestibül (Wien)

Spannungs-Element

„Natürlich“ braucht’s einen spannenden Knack- oder Kipp-Punkt. Und der ergibt sich weder aus der zu großen Erderwärmung noch aus dem Polizei-Einsatz, sondern daraus, dass „Rabe“ und der einzige Aktivist mit (s)einem Vornamen, Louis (Thaddeus Tirone) miteinander schlafen, bevor er weiterzieht. Sie wird schwanger.
Und so ergibt sich ein spannungsgeladenes Thema: In diese Welt einen neuen Menschen setzen, die/der Tonnen von CO2 verbraucht? Also, sicher nicht. Aber ist diese Erklärung wirklich die einzige. Was (nicht nur) Rabe – und ihre Mit-Besetzer:innen – echt nervt, ist das Wieder-Auftauchen von Louis und seine Ansprüche an das mögliche künftige Kind. Dieser Konflikt nimmt breiten Raum ein – personalisiert jedoch die beiden gegensätzlichen Standpunkte in die doch unter jungen Leuten breit diskutierte Frage, Kinder in diese Welt setzen oder nicht, die sich auch in etlichen Theaterstücken schon niedergeschlagen hat.

Eingebaut ins Stück sind Musiknummern – von Klassikern der Protestkultur bis zu Neuem vom jungen österreichischen Shooting-Star Oskar Haag).

Konfetti statt Klebe-Aktion

Übrigens: Am Tag nach der Premiere ließen Klima-Aktivist:innen der „Letzten Generation“ mit einer neuartigen Aktion aufhorchen: Bei einem Open-Air-Konzert von Andreas Gabalier im Tiroler Ischgl eroberten einige kurzzeitig die Bühne und streuten bunte Konfetti ins Publikum, wo andere kurz Plakate hochhalten konnten.

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Szenenfoto aus "Muttertier" im Vestibül des Wiener Burgtheaters

(Sprach-)spiele rund um möglichen Untergang von Mutterrolle

Ein schwerer Brocken: Drei Töchter rund um das Bett der sterbenskranken Mutter. Und doch sind die eineinhalb Stunden „Muttertier“ – die natürlich immer wieder vor dem Hintergrund von Ernst und Schwere spielen, von Verspieltheit getragen – schon von der rhythmisch-musikalischen Sprache der Autor:in Leonie Lorena Wyss mit so manchen Sprach- und Gedankenspielen und noch viel mehr vom verspielten Schauspiel von Laura Dittmann, Claudia Kainberger und Lara Sienczak (Regie: Mia Constantine).

Szenenfoto aus

Das Stück feierte Samstag (10. Februar 2024) die vielumjubelte Premiere in der kleinsten Spielstätte des Burgtheaters, im Vestibül. Der Text – unter dem Titel „Wie von Mutterhand“ -gewann im Vorjahr den renommierten Nachwuchsbewerb Retzhofer Dramapreis. Neben dem Geldpreis (5.000 €) ist der wahrscheinlich sogar noch größere Lohn die Uraufführung durch das Burgtheater.

Die Mutter, von der die Rede ist und um die sich viel dreht, ist nur in Worten, in Gedanken, im Spiel präsent. Das aber – na hallo. Das war für die seinerzeitigen Kinder, die nun am Krankenbett schon erwachsen sein dürften, nicht nur Honiglecken. Nett war sie schon irgendwie. Aber durchaus auch – naja anstrengend. Ist sie auch jetzt noch, wo sie auf Betreuung angewiesen ist.

Hallenbad und „Titanic“

In erster Linie erinnern sich die drei – zu Beginn als Klein (Laura Dittmann), Mittel (Lara Sienczak) und Groß (Claudia Kainberger) vorgestellt, erst irgendwann mittendrein fällt mehrmals der Name Rosa (für Klein) und der Begriff „Die Bestimmerin“ für Groß – an einen Ausflug in ein Hallenbad, noch viel mehr und öfter aber ans TV-Schauen und da an den Film „Titanic“. Natürlich fällt da mehrfach das vielleicht berühmteste Filmzitat „ich bin der König der Welt“ von Jack (Leonardo DiCaprio) aus dem Drama um den Untergang des unsinkbaren Schiffs. Nur den Jack, den fanden die drei eher lächerlich. Die Rose (Kate Winslet) aber, die wollten sie alle drei spielen. Balgen sich lustvoll darum, um zu beschließen, dann sind wir halt alle drei „die Königinnen der Welt“.

Witz im Ernst

Immer wieder tauchen sie in unterschiedlichste, teils körperliche Spiele ein, rufen heftige Lacher hervor, wenn sie sich beim „Film-Schauen“ Flips in den Mund stecken, mehr und immer mehr, wodurch ihre Worte immer unverständlicher werden – ohne sich wirklich was in den Mund zu schieben.

Den an sich sehr kleinen Bühnenraum im Vestibül lässt Johann Brigitte Schima (auch für Kostüme verantwortlich) durch vier an Bilderrahmen erinnernde sozusagen ineinander passender verschachtelter Rahmen, die damit verschiedene Ebenen eröffnen, überraschend groß wirken – mit viel Platz in der Mitte.

In die geschilderte „Rahmenhandlung“ bauen Autor:in und Spielerinnen diese in Rückblenden angesprochenen Erinnerungen an ihre Erziehung sowie die Beziehung zur Mutter und untereinander ein. Liefern in einer Szene aber auch die Muttersicht – sei es die der eigenen oder hat eine von ihnen selber schon ein Kind geboren? Und so ein Kind das ist dann immer da. Also auch kein Entkommen der Mutterrolle – um doch wieder die „andere“ Seite des Trios anzusprechen. …

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Szenenfoto aus Thomas und Tryggve

Freundschaft mit Hindernissen

Der eine ist schüchtern und schlau (Tryggve), der andere stark, schnell aber auch recht zurückhaltend (Thomas). Ersterer kommt (fast) immer zu spät – sogar am ersten Schultag. Da kommt nur die von seinem Freund angekündigte spannende, fantasievolle Ausrede nicht. Oder viel mehr erst seeehr viel später. Als Tryggve verspätet antanzt, ist nur mehr der Platz neben Zweiterem frei. Was dieser erst so gar nicht mag, grad, dass er nicht eine Mauer zum Nebenplatz baut. Thomas weiß, wie er seine Hefte, Stifte- und Jausenbox richtig auf dem Tisch platziert. Was Tryggve Anhaltspunkte gibt, es ihm nachzumachen. Irgendwie freunden sich die beiden dann doch an.

Und natürlich braucht’s in so einer Geschichte – noch dazu, wenn sie eine ¾ Stunde auf einer Theaterbühne spielt – einen Spannungsbogen, also muss es einen Knick, einen Bruch in der Freundschaft geben. Auch wenn es ebenso klarerweise zu einem glücklichen Ende – mit noch tieferer Freundschaft – kommt.

Szenenfoto aus Thomas und Tryggve
Szenenfoto aus Thomas und Tryggve

Dauerhit

„Thomas und Tryggve“ – das Stück spielt seit vier Jahren immer wieder einmal im Vestibül des Burgtheaters, ist aber auch mobil und kann in Schulen oder andernorts stattfinden – stammt von Tove Appelgren (einer Angehörigen der schwedischen Minderheit in Finnland). Es wurde unter anderem vom Residenztheater München inszeniert – und diese Version hat das Burgtheaterstudio (Leiterin Anja Sczilinski hat ihrerzeit in München Regie geführt) nach Wien mitgenommen. Mittlerweile spielt das dritte Schauspielduo die beiden Freunde – und alle anderen vorkommenden Personen.

Nun ist es Enrico Riethmüller, der nicht nur in die Rolle von Thomas spielt, sondern auch in die von Tryggves Mama, jene zweier verschiedener Lehrer und vor allem noch in die des fiesen Maki schlüpft, der alle, vor allem Tryggve mobbt. Mal reicht ein Kapperl, dann wieder ein anderes Kleidungsstück -und jeweils auch eine andere Sprach-Färbung.

Sein Bühnenpartner Anton Widauer ist nicht nur Tryggve, sondern auch Frieda, eine Mitschülerin zwischen der und Thomas es eine erste Verliebtheit gibt, Thomas‘  alkoholkranker Vater sowie der Opa, der seinem Kollegen Schlimmes aus seiner Schulzeit mit auf den Schulweg gibt. Obendrein schlüpfte dieser Schauspieler ein paar Stunden später am Tag vor Heilige Drei Könige noch in einem anderen Theater (Dschungel Wien) beim „Tapferen Schneiderlein“ in unterschiedlichste Rollen (Erzähler, Riese, Wildschwein, Einhorn).

Szenenfoto aus Thomas und Tryggve
Szenenfoto aus Thomas und Tryggve

Strumphosen

Eine wichtige Rolle spielen Strumpfhosen – die Wäscheleinen über der Spielfläche sind einigermaßen voll davon. Und Tryggves überstülpende fürsorgliche Mutter schaut drauf, dass ihr Sohn immer welche anhat. Den nervt zwar Mamas Getue, aber die Strumpfhosen findet er praktisch und angenehm. Sie sind aber der Vorwand, dass Thomas nix mehr mit dem von Maki angezettelten Ausgrenzen von „Strumpfi“ zu tun haben will.

Bis es zu einer Situation kommt, in der Handeln gefragt ist. Maki hat Frieda in ein enges, finsteres Kammerl gesperrt. „Da sollte doch geholfen werden!“ Ist jedoch gefährlich. Und dennoch. Aber nicht allein – und schon schließt sich der Bogen zum happy End.

Szenenfoto aus Thomas und Tryggve
Szenenfoto aus Thomas und Tryggve

Botschaft mit Humor

Das Duo wechselt nicht nur gekonnt und meist blitzschnell von einer in die anderen genannten Rollen. Das Stück ist neben den Kernaussagen zu Freundschaft und gegen Mobbing immer wieder mit Witz und Ironie gewürzt, sorgt für Lacher – und vor allem Mitgefühl. Wenn etwa Thomas‘ Vater völlig wurscht ist, dass sein Sohn gerade einen riesigen Pokal für seine sportlichen Leistungen mit nach Hause gebracht hat, Tryggves Mama ihren Sohn mit Spucke und Taschentuch im Gesicht säubern will, Maki wieder einmal Tryggve ärgert oder gar körperlich auf Frieda losgeht…

Das Ende feiern die beiden übrigens mit einem gemeinsamen Song, den sie aufgrund des kräftigen, langhanhaltendes Beifalls sozusagen als Zugabe wiederholen.

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Szenenfoto aus Thomas und Tryggve
Szenenfoto aus Thomas und Tryggve
Szenenfoto aus "Karpatenflecken" im Vestibül des Burgtheaters

Poetische Geschichtsstunde im Theater über eine „vergessene“ Minderheit

Das Stück „Karpatenflecken“ von Thomas Perle spielt derzeit im Vestibül des Burgtheaters. Letzte Woche durfte ich es mir in dem kleinen Saal, in dem 65 Menschen Platz haben und der im linken Flügel des bekannten Theaterhauses liegt, anschauen und habe festgestellt: Ich bin die Jüngste. Zieht es Menschen in meinem Alter nicht mehr ins Theater und wenn nicht, wäre das Stück nicht eine gute Möglichkeit, das ein wenig zu ändern? (Ausführliche Besprechung samt Info-Block wann & wo? in einem Link am Ende dieses Beitrages.)

„Karpatenflecken“ erzählt die Geschichte der „Karpatendeutschen“, einer Minderheit, die sich zwischen dem Mittelalter und dem 19. Jahrhundert entlang der Karpaten angesiedelt hat, also im Gebiet der Slowakei, Rumänien und der Ukraine. Aber was mir am meisten gefallen hat, ist die Art und Weise, wie die Geschichte erzählt wird. Es gibt drei Generationen – Oma, Mutter und Enkelin – die mit minimalen Requisiten und großen Gefühlen zeigen, wie das Leben als „Karpatendeutscher/e“ zu unterschiedlichen Zeiten, die – da es sich um drei nachfolgende Generationen handelt – gar nicht so weit auseinander sind, gewesen ist. Was auffällt ist, dass diese Minderheit in kurzer Zeit verschiedene politische Systeme, von Monarchie bis Diktatur, miterleben musste und das Ende des Eisernen Vorhanges für viele eine Chance geboten hat, nach Deutschland zu gehen.

Viel Düsternis

Viele Szenen im Stück haben eher düster auf mich gewirkt und eine unbehagliche Stimmung vermittelt, wie zum Beispiel, als die Schwester (dieselbe Schauspielerin, die auch die Mutter spielt) der Oma auf Besuch gekommen ist, und als Tisch eine Platte verwendet wird, die sich die Oma und die Tante auf die Knie legen. Auch eine Szene, wo die Oma und die Mutter in der Ecke sitzen und vor sich hinstarren oder sich in einer anderen ein Fernsehprogramm anschauen und dem Ende von Diktator Ceaușescu zujubeln, ist mir gut in Erinnerung geblieben. Genauso wie jene, in der die Oma davon erzählt, wie sie sich in einen rumänischen Offizier verliebt hat und wo ihre Mimik und Gestik auf einmal weicher werden.

Das Stück zeichnet sich auch wegen seiner poetischen Sprache aus, die einen ganz anderen und besonderen Effekt hat, da mit ihr Themen wie Flucht und Heimat beschrieben werden. In 60 Minuten bekommt man eine geschichtliche wie politische Aufklärung und intime Einblicke in eine „vergessenen Lebensrealität“.

Stefanie Kadlec, 18

Szenenfoto aus "Wutschweiger" im Vestibül des Wiener Burgtheaters

Schweiger und Schwätzerin sagen aus Protest nichts mehr

Das Bühnenbild erinnert mit seinen kleinen Fenster- und Türlöchern ein bisschen an ein überdimensionales Puppenhaus. Und das passt sehr gut zum Eingangsmonolog von Ebeneser. „Kleiner, kleiner, kleiner … Ich hasse das Wort ’kleiner’“, beginnt er.

Nicht etwa, weil ihn alle „Kleiner“ nennen würden. Nein, alles muss immer kleiner werden. Die Wohnung, in die sie umziehen müssen. Aber sagen dürfe er das außerdem nicht. Durch den Schlitz an der Wand fallen Briefkuverts. Die meisten bleiben ungeöffnet. Vater – und mittlerweile auch der Sohn – weiß: Unbezahlte Rechnungen und darauf folgende Mahnungen.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Wutschweiger“ im Vestibül des Wiener Burgtheaters

Im – oder besser vor dem – neuen Wohnblock trifft Ebenser auf Sammy. Die Top-Torfrau der Schule kennt Armut ebenfalls. Sie beide sind auch die einzigen der Klasse, die nicht mit auf die Skiwoche – in der Version im Burgtheater-Vestibül nach Südtirol – mitfahren können (Gag: Der Bus kurvt als kleines ferngesteuertes Fahrzeug auf der Bühne herum.) Die 593 € sind einfach in den Budgets beider Familien nicht drin.

Ausgegrenzt

Trotz starker Gegensätze – Sammy ist eine Vielrednerin, Ebeneser eher das Gegenteil – vereint sie das Schicksal, in ärmere Familien geboren worden zu sein. Und wegen ihrer Armut von den anderen in der Klasse und Schule ausgegrenzt zu werden. Da hilft Sammy selbst ihre fußballerische Spitzenleistung nicht viel.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Wutschweiger“ im Vestibül des Wiener Burgtheaters

Humor im Ernst

Um nicht nach der Skiwoche den nervenden Erzählungen und Fragen der anderen ausgesetzt zu sein, beschließen die beiden aus Protest das Reden einzustellen. „Wutschweiger“ heißt das Stück von Jan Sobrie und Raben Ruëll (Übersetzung aus dem Flämischen: Barbara Buri), das vom Burgtheater-Studio im Vestibül noch (mindestens) bis Mitte Jänner zu sehen ist.

Nils Hausotte und Lenya Marie Gramß, beides Schauspiel-Studierende am Max-Reinhardt-Seminar, verkörpern die beiden Protagonist:innen. Von der Gesellschaft an den Rand gedrängt, sind sie im Stück ja praktisch die einzigen, jedenfalls die Hauptpersonen. Die Annäherung in ihren unterschiedlich gezeichneten Persönlichkeiten, die gegenseitige Offenheit, ihre Solidarisierung und ihr – trotz Schwierigkeiten – durchgezogener Protest ist trotz des ernsten Themas immer wieder mit Humor und Witz aufgelockert. Und von den beiden mit viel Spielfreude umgesetzt.

Siebener-Reihe?

Einzig die altersmäßige Verortung bereitet – aber auch schon im Stück selbst – ein wenig Unstimmigkeiten. Die beiden Figuren – und die Schauspielerinnen – wirken wie junge Jugendliche, sind aber in der vierten Volksschulklasse angesiedelt – wo es übrigens kaum Skikurse gibt. Und auf der anderen Seite die Siebener-Reihe wie sie am ersten Tag nach dem Skikurs vorkommt in der Regel gut zwei Schuljahre zurückliegt.

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