Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… interviewte die junge Poetry-Slamerin Nadine Brunner vor der Landesmeisterschaft Wien / Niederösterreich.
„Langsam hebt sie nun ihr Werkzeug und schabt das Grau von ihrem Bild
Zerschlägt den Mantel der Normierung, bis Farbenglanz ihr Werk erfüllt
Nach und nach kommen die Farben in ihrer ganzen Pracht ans Licht
Ein strahlend bunter Regenbogen, der voller Kraft das Grau durchbricht…“
Aus dem Poetry-Slam-Beitrag „Mosaik“ für eine Jugend-am-Werk-Versammlung
Nadine Brunner trat vor wenigen Tagen beim 50-Jahr-Festakt des Österreichischen Behindertenrates auf – dazu gibt’s einen eigenen Beitrag, unten am Ende verlinkt. Am 29. Mai tritt sie bei „Wortwörtlich Wördern“ in St. Andrä Wördern bei den Landesmeisterschaften Wien und Niederösterreich an. Dazwischen gab sie KiJuKU.at dieses ausführliche Interview – per eMail.
KiJuKU: Wie sind Sie zum Poetry Slammen gekommen?
Nadine Brunner: Ich habe in meiner Gymnasialzeit mehrfach am Jugendredewettbewerb in der Kategorie „Sprachrohr“ teilgenommen, in der freie, kreative Texte und deren Performance auf der Bühne im Fokus standen. Bei meinem ersten Auftritt in diesem Rahmen hatte ich aber noch keine Ahnung, dass ich hier bereits mit Slam Poetry auftrete, ohne überhaupt zu wissen, was das ist.
Ich bin dann zufällig auf YouTube über Videos von Poetry Slam-Veranstaltungen gestolpert und somit zum Poetry Slam gelangt. In den folgenden zwei Jahren habe ich auch an zwei Poetry Slam-Workshops teilgenommen, um mich dem Hobby zu nähern, hab dann mit 16 an meinem ersten Slam im Rahmen eines solchen Workshops teilgenommen und meine Liebe für dieses Medium entdeckt.
Ich war in meinen ersten 4 Jahren im Gymnasium auch Teil der Theatergruppe meiner Schule und habe es geliebt, auf der Bühne zu stehen. Zeitgleich ist meine Hingabe zum kreativen Schreiben immer mehr gewachsen. Im Poetry Slam habe ich dann die perfekte Schnittstelle zwischen diesen beiden Leidenschaften gefunden: Ich stehe auf der Bühne und performe meine eigenen Texte.

Aufgrund meines Studiums und meiner Arbeit blieb in den letzten Jahren wenig Zeit für Auftritte und so bin ich 2019 nach einer Handvoll Auftritten und der Teilnahme an den U20-Landesmeisterschaften in meinem Jugendalter von der Poetry-Bildfläche verschwunden. Ich stehe erst seit Dezember 2025 wieder regelmäßig auf der Bühne. Zurückgelangt bin ich zum Poetry Slam deshalb, weil ich als Poetin für die Eröffnung der Preisverleihungs-Gala des Österreichischen Inklusionspreises 2025 angefragt wurde, da eine Slam-Moderatorin sich an mich und die Auftritte in meiner Jugend erinnert und mich empfohlen hat.
Für diesen Anlass habe ich meinen ersten Auftragstext geschrieben und bei der Gala habe ich dann gemerkt, wie sehr es mir fehlt, auf der Bühne zu stehen. Seither trete ich wieder regelmäßig auf und frage mich bei jedem Auftritt aufs Neue, wie ich es ausgehalten habe, Poetry Slam für ganze 6 Jahre aus meinem Leben zu streichen.
KiJuKU: Haben Sie schon „immer“ Texte geschrieben?
Nadine Brunner: Ja. Schon in der Volksschule habe ich Geschichten geschrieben. Das Schreiben hat mir eigentlich von dem Moment an Spaß gemacht, an dem ich es gelernt habe. Schon bevor ich schreiben konnte, habe ich mir Geschichten ausgedacht, konnte diese aber noch nicht festhalten. Begonnen hat mein Schreibprozess mit sehr kindlichen Geschichten, mit dem Wechsel von der Volksschule ins Gymnasium entstanden dann auch die ersten Gedichte und längeren, ausgereifteren Geschichten.
Oft habe ich stundenlang am Stück geschrieben und wenn ich nicht geschrieben habe, habe ich gelesen. Für Lyrik habe ich mich schon in der späten Kindheit begeistert und dann auch begonnen, eigene Gedichte zu schreiben. Aus der Leidenschaft für Lyrik, Reime und Rhythmus sind dann im Laufe meiner Jugend meine ersten Slam-Texte entstanden.
Und tauschen wir nun Stein durch Menschen, verändert sich ganz schnell der Blick
Dann sehen wir unsere Gesellschaft, statt Künstlerin und Mosaik
Wir sehen das Streben nach Normierung, das uns zu übermannen zielt
Doch dieses Streben übertüncht der Vielfalt schönes Farbenspiel
Nadine Brunner
Aus dem Poetry-Slam-Beitrag „Mosaik“ für eine Jugend-am-Werk-Versammlung
KiJuKU: Wie schreiben Sie – alle Ideen notieren oder erst lange im Kopf wälzen bevor sie Gedanken und Formulierungen festhalten?
Nadine Brunner: Ich habe viele Ideen, die oft aus dem Nichts kommen, aber ich notiere sie nicht immer gleich. Wenn eine Idee wirklich mehr als ein Hirngespinst ist, dann bleibt sie in meinem Gedächtnis und taucht immer wieder in meinen Gedanken auf. Manchmal sind aber auch konkrete Situationen Inspirationen für Texte. Ich beziehe Inspiration aus unzähligen Quellen und oft reicht eine Kleinigkeit, um einen Geistesblitz auszulösen, der dann vielleicht oder vielleicht auch nicht zu einem kompletten Text wird.
Manchmal schießt mir auch eine Formulierung, die mir gut gefällt, in die Gedanken, eine rhythmisch schöne Textzeile oder ein Reim. Wenn dem so ist, dann baue ich meine Texte drum herum. Die Idee ist aber immer schon vor der ersten Formulierung da.
Zusätzlich muss gesagt werden, dass der erste Entwurf eines Textes nie die Endversion ist. Ich lasse einen Text nach Fertigstellung des ersten Entwurfs gern ein paar Tage ruhen, um dann mit frischem Blick draufzuschauen und ihn zu überarbeiten. Darüber hinaus hole ich mir in meinem Freundeskreis Feedback zu den Erstentwürfen, da Außenstehende oft einen besseren Blick auf den Text haben als ich und dann manchmal Dinge merken, die mir nicht so leicht aufgefallen wären. Auch beim Schreiben von Auftragstexten ist es mir wichtig, mit den auftraggebenden Personen über den ersten Entwurf zu sprechen und Feedback einzuholen und einzuarbeiten.

KiJuKU: Mit Stift auf Papier, am Computer, am Handy? Oder reden und aufnehmen?
Nadine Brunner: Ich schreibe meine Texte am Computer. Das hat den Vorteil, dass ich Dinge schnell verändern kann. Darüber hinaus schreibe ich nicht chronologisch, sondern springe kreuz und quer durch meinen Text. Oft weiß ich, wo ich hinwill und habe dann einige Zeilen in der Mitte oder am Ende des Textes. Zwischen den einzelnen Versen sind dann vorerst noch Lücken, die ich nach und nach fülle und somit die unterschiedlichen Textfetzen zu einem Gesamtwerk zusammenführe.
Leider hat das Schreiben am Computer aber auch den Nachteil, dass ich den Computer nicht immer bei mir habe. Oft schlägt die Inspiration zu, wenn ich abends mit meinem Hund spazieren gehe. Dann tauchen Formulierungen wie aus dem Nichts auf und um konkrete Zeilen, oder Reime nicht zu verlieren, nehme ich sie dann direkt mit dem Handy auf und verschriftliche sie, sobald ich heimkomme.
KiJuKU: Wie wählen Sie Themen aus?
Nadine Brunner: Meistens kommen die Ideen intuitiv, bevor ich aktiv ein Thema wähle. Anders herum ist es nur dann, wenn ich Auftragstexte schreibe. Grundsätzlich habe ich aber natürlich meine Vorlieben für Themenbereiche. Die meisten meiner Texte behandeln ernste und emotionale Themen. Ich habe meinen Stil im lyrischen, gereimten, teilweise abstrakten Storytelling gefunden. Somit sind viele meiner Texte eher allegorisch veranlagt, aber immer so, dass für das Publikum leicht durchschaubar ist, welches (gesellschaftliche) Thema ich behandle.
Ich schreibe über das Handeln und den inneren Konflikt einer Person, die beruflich Träume fängt und zerstört, um ein totalitäres System aufrechtzuerhalten, die ihr Tun aber immer mehr anzweifelt, um Kritik an einem solchen Regime zu äußern, ohne dies auf ein in der Wirklichkeit existierendes, politisches Beispiel zu stützen. Ich schreibe über eine Künstlerin, die ein Mosaik aus grauen Steinen fertigt, weil dies die Tradition vorgibt, und die nach der Fertigstellung keine Freude an ihrem Werk hat, weil die Farben fehlen, um Vielfalt und Diversität zu behandeln.
Die meisten meiner Texte sind eine Flucht aus der Wirklichkeit, in der ernste Themen der Wirklichkeit aber trotzdem auf abstrakte Weise behandelt werden. Damit möchte ich genügend Distanz schaffen, um primär die Kunst genießen zu können, trotzdem aber zum Nach- und Weiterdenken anregen. Darüber hinaus habe ich aber auch einige Texte, die von der Ernsthaftigkeit loslösen und beim Zuhören einfach nur Freude bereiten und das Publikum auflockern sollen. Mir ist eine Mischung aus Spaß und Ernsthaftigkeit und ein möglichst breites Spektrum an Themen wichtig, sodass möglichst jede zuhörende Person in meiner Sammlung an Texten etwas findet, das ihr gefällt.
KiJuKU: Welche Themen sind Ihnen besonders wichtig? Wie und warum wurde Inklusion / Behinderung ein für Sie ein so wichtiges Thema, dass der österreichische Behindertenrat Sie als Künstlerin für die Jubiläumsveranstaltung engagiert hat?
Nadine Brunner: Ich beschäftige mich in meinen Texten oft mit sehr großen Themen, die jedem Menschen auf die eine oder andere Weise im Leben begegnen. Mir sind Themen der emotionalen Befindlichkeit wichtig (Selbstbild, Selbstzweifel, …) und darüber hinaus auch Themen der Inklusion (Norm, Vielfalt, Diversität, …).
Inklusion hat vor allem deshalb einen hohen Stellenwert für mich, weil ich selbst hochgradig sehbeeinträchtigt bin und mit einem Restsehvermögen von 5% lebe. Inklusion beeinflusst somit mein tagtägliches Leben. Mir ist aber sehr wichtig, dass ich nicht nur als die behinderte Künstlerin wahrgenommen werde. Meine Behinderung ist ein Teil von mir, den ich weder abstreiten noch verstecken kann oder möchte.

Ich trete bei jedem Poetry Slam, an dem ich teilnehme, zusammen mit meiner Blindenführhündin auf, die mich sicher auf die und nach dem Auftritt wieder von der Bühne bringt. Mir ist aber sehr wichtig, für meine Kunst geschätzt zu werden und, dass meine Texte für sich selber sprechen, auch wenn ich das Sprachrohr bin, durch das sie sprechen.
Ich bin Slam Poetin, weil das meine Leidenschaft ist und nicht trotz oder wegen meiner Beeinträchtigung. Trotz der Beeinträchtigung primär als Künstlerin gesehen zu werden, ist ein Wunsch, den mir die sehr inklusive, tolerante und offene Slam-Szene in Wien und Niederösterreich bislang ausnahmslos erfüllt hat.
Der Österreichische Behindertenrat hat nach meiner Performance bei der Preisverleihungs-Gala des Österreichischen Inklusionspreises Kontakt mit mir aufgenommen und um einen Text für die Jubiläumsfeier angefragt. Ich fühle mich nach wie vor sehr geehrt, diesen Auftrag erhalten zu haben.
KiJuKU: Wie bereiten Sie sich auf Auftritte vor?
Nadine Brunner: Ich lerne meine Texte auswendig und übe sie oft allein zu Hause oder trage sie Freunden vor. Dass ich ohne Textblatt auftrete, hat zweierlei Gründe: zum einen habe ich gerne beide Hände für die Performance frei, zum anderen fällt es mir aufgrund meiner Sehbeeinträchtigung aber auch sehr schwer, Texte abzulesen, da die Schrift sehr groß und nah sein muss und mich das auf der Bühne zu sehr einnehmen und ablenken würde. Die Performance-Elemente der Texte (Gestik, Mimik, Rhythmik, Stimmlage, Sprechlautstärke, …) kommen wie von selbst, wenn der Text einmal sitzt.
Denn wenn der Morgen graut und grau bleibt, das Grau die Vielfalt unterdrückt
Dann lassen wir mit all den Farben, den schönsten Teil von uns zurück
Dann wandern wir in eine Zukunft, die jedes Farbenspiel verschweigt
Ich wünsch mir eine Mosaik-Welt, die schillernd ihre Farben zeigt
Nadine Brunner
Aus dem Poetry-Slam-Beitrag „Mosaik“ für eine Jugend-am-Werk-Versammlung
KiJuKU: Wenn Sie vor Auftritten nervös sind, wie kriegen Sie die Aufregung in den Griff?
Nadine Brunner: Nervös bin ich nur dann, wenn ich einen Text erstmalig auf einer Bühne performe oder sehr lange nicht mehr dargeboten habe. Diese Nervosität hat aber kein hohes Ausmaß. Ich habe mir als Routine angewöhnt, den Text vor meinem Auftritt einmal in Ruhe in Gedanken durchzugehen, eine Art „Generalprobe im Kopf“ und ich habe immer eine Wasserflasche bei mir, um vor den Auftritten genügend zu trinken. Sobald ich auf der Bühne stehe, ist die Nervosität, sollte eine da gewesen sein, dann komplett weg und ich bin ganz in meinem Element.
KiJuKU: Und noch ein bisschen was zu Ihrer Person: War Deutsch Ihr Lieblingsfach oder was mochten Sie in der Schule besonders gern? Was vielleicht auch weniger?
Nadine Brunner: Deutsch war lange Zeit mein Lieblingsfach. Das hat sich dann geändert, als sich der Unterricht in der Oberstufe auf Textsorten mit sehr strikten Regeln und Rahmenbedingungen fokussiert hat. Zwar fiel mir das Schreiben dieser Texte auch leicht, aber ich hatte viel weniger Freude daran, weil ich meiner Kreativität nicht mehr so viel freien Lauf lassen konnte wie beim Schreiben von Märchen, Fabeln, Kurzgeschichten und Ähnlichen. Von jeher mochte ich auch Mathematik sehr – so sehr, dass ich heute Mathematik auf Lehramt studiere. Andere MINT-Fächer mag ich dafür weniger, Physik, Chemie, Biologie und Informatik haben mir in der Schule wenig Freude bereitet.
KiJuKU: Was sind Ihre liebsten Freizeitbeschäftigungen?
Nadine Brunner: Ich bin ein sehr kreativer Mensch, gleichzeitig aber auch zu strategischem und logischem Denken zu begeistern und das äußert sich auch in meiner Freizeit. Neben dem kreativen Schreiben spiele ich gerne Pen&Paper-Rollenspiele, besuche Escape Rooms und habe Freude an Gesellschaftsspielen. Darüber hinaus bin ich auch gerne draußen und gehe mit meiner Hündin wandern oder schwimmen. Dadurch bietet mir meine Freizeit einen schönen Ausgleich zu meinem Studien- und Berufsleben.
Sofern das für Sie in Ordnung ist, würde ich noch die Jubiläumsfeier des Österreichischen Behindertenrates sowie die Regionalmeisterschaft am 29.5. abwarten und ihnen dann Fotos zukommen lassen. Aktuell habe ich leider kaum Fotos von Auftritten, da bei den meisten Slams keine gemacht wurden.
Poetry_Slam –> Wortwoertlich_Woerdern
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