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Szenenfoto aus der Generalprobe von „Kampfbaukasten in 4K“

(Virtuell) Krieg spielen und echte familiäre Kämpfe

Triggerwarnung vorweg. Die sechste und in der Reihenfolge – nicht nur hier, sondern auch am vergangenen Wochenende als sich die jeweils rund 174-stündign Stückentwürfe in der dritten Ausgabe des Theater-Nachwuchsbewerbs im Dschungel Wien – gemeinsam mit dem Drama Forum (Graz) präsentierten: Erst ab 12 Jahren und mit kriegerischen Kampf-Szenen. Letztere nicht als Schauspiel, sondern in einem Set von Legofiguren als Video projiziert: „Kampfbaukasten in 4K“ (Text: Laura Bernhardt; Regie und Sound: Lori Brückner).

Constanze Winkler verkriecht sich als zockender sehr junger Bub, angegeben wird weniger als die 12, die als untere Altersgrenze fürs zuschauen gilt, in einer Art Zelt (Bühne und Kostüm: Julie Fritsch, Stefanie Edlhofer), in dem gleichsam Video gekämpft wird. Mit einschlägigen Sounds und Wortfetzen.

Szenenfoto aus der Generalprobe von „Kampfbaukasten in 4K“
Szenenfoto aus der Generalprobe von „Kampfbaukasten in 4K“

Paradoxe Verhältnisse zwischen virtuell und real

Als reale Gegenspieler:innen treten Merle Zurawski als Mutter, Jakob merkle als älterer Bruder sowie Alexandru Weinberger-Bara als Vater in Erscheinung. Alle drei mit Ganzkopf-Masken, die jede Mimik verbergen. Was einerseits noch präziseres Spiel erfordert. Aber andererseits auch von vornherein eine extreme noch dazu paradox erscheinende Distanz aufbaut. Da die Schauspielerin, die einen Jungen darstellt, der eigentlich in der virtuellen Welt unterwegs ist und dort die in der Realität angesiedelten Figuren, engste Verwandte, die durch die Masken eher künstlich wirken.

Szenenfoto aus der Generalprobe von „Kampfbaukasten in 4K“
Szenenfoto aus der Generalprobe von „Kampfbaukasten in 4K“

Wahre Brutalität

Der Kampf des Gamers in der scheinbar digitalen, jedenfalls via Film übertragenen Schlachtenwelt setzt sich in der realen Welt vor allem als Fight mit dem älteren Bruder, dessen (Geld-)Forderungen und Sagern aus seinen aufgesaugten Manosphere-Influencer-„Weisheiten“ fort. In dieser Familie herrscht eine Atmosphäre nicht nur ausgesprochener Feindseligkeiten, die im Raum schwebenden „unsichtbaren“ sind die viel brutaleren.

Szenenfoto aus der Generalprobe von „Kampfbaukasten in 4K“
Szenenfoto aus der Generalprobe von „Kampfbaukasten in 4K“

Historischer Bezug?

Doch irgendwie fragwürdig wirkt der mehrfache Bezug der Lego-Maxerl-Videoschlacht auf Stalingrad. Das mögen vielleicht auch schon Jugendliche dieses Alters das eine oder andere Mal, insbesondere im Zusammenhang mit World War II Videospielen gehört haben. Die historische Einordnung dieser Entscheidungsschlacht zwischen der Wehrmacht Nazideutschlands gegen die Armee der Sowjetunion im zweiten Weltkrieg fehlt jedoch meist. Von den Faschisten als die Eroberung des bolschewistischen Feindes gedacht, wurde dieses Gemetzel zum Wendepunkt. Die Rote Armee gewann und so begann – später im Bündnis mit alliierten Kräften aus dem Westen (USA, Großbritannien und dem befreiten Frankreich) – die Niederringung der Nazi-Herrschaft und die Befreiung weiter Teile Europas von der faschistischen Diktatur. Und das in irgendeiner Form einzubauen wird schwierig, Stalingrad ist noch immer eine Art Mythos. Und wäre wohl verzichtbar, Krieg ohne ihn zu verorten als Produzent menschlichen Leids, würd’s auch tun. Noch dazu, wo derzeit allgegenwärtig eine neue Aufrüstungsspirale in Gang gesetzt wurde und wird.

Red Hand Day

Übrigens, am 12. Februar ist – seit mehr als 20 Jahren – der Red Hand Day, der internationale Gedenktag an das Schicksal von Kindersoldat:innen. Rote Handabdrücke werden auf Transparenten, Plakate usw. als Aktion gemalt, gedruckt, gezeigt, um diesen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen zu stoppen.

Die Forderungen

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Hier geht’s zu den ersten fünf Folgen

Im Folgenden Besprechungen von Stücken, die aus früheren Magma-Einreichungen entstanden sind

Szenenfoto aus der Generalprobe für "Kairos"

Achtjährige will Zeit, um sich zu ent-falten

Trümmer einer riesigen Uhr kugeln verstreut auf der Bühne herum (Ausstattung: Killian Chyba, Hanna Masznyik, Marina Schütze). Dieser, der hier besprochene fünfte, ¼-stündige Stückentwurf für den Theater-Nachwuchsbewerb Magma in seiner dritten Auflage, dreht sich also um Zeit. In „Kairos“ (Text und Co-Regie: Hannah Zauner; Co-Regie und Dramatrugie: Lukas Schöppl) spielt Caroline Szivak die achtjährige Tilda, die einerseits nach und nach Ziffern und andere Teile der (Kuckucks-)Uhr (wieder) zusammenbaut, die sie unachtsam zerschlagen hat. Und andererseits und noch viel mehr macht sie sich Gedanken über Zeit – ausgesprochen und szenisch dargestellt.

Szenenfoto aus der Generalprobe für
Szenenfoto aus der Generalprobe für „Kairos“

Zeit-los

Es ist fast ein – Achtung Wortspiel – zeitloses Thema. Schon DER Klassiker „Momo“ Michael Endes Roman ist vor mehr als einem halben Jahrhundert (1973) erschienen, dutzendfach auf Bühnen dramatisiert und mehrfach – zuletzt im Vorjahr in den Kinos – verfilmt worden, dreht sich genau darum. Das Mädchen Momo, aber auch der alte Straßenkehrer Beppo, schätzen den Moment, den Augenblick, während die Gegenspieler, die grauen Herren, Zeitdiebe sind.

Hier philosophiert Tilda, was alle kennen, warum in einem Fall Zeit uuuuurlangsam und bei anderen Gelegenheiten rasend schnell vergeht, wenngleich vielleicht ein bisschen zu viel auf Klischeebilder zurückgegriffen wird. Schule ist – zum Glück – längst nicht für alle insbesondere jüngere (Volksschule-)Kinder ein Feindbild, bei dem sich Stunden wie Strudelteig ziehen.

Szenenfoto aus der Generalprobe für
Szenenfoto aus der Generalprobe für „Kairos“

Kuckuck und Uhroma

Der Kuckuck aus der zerlegten Uhr tritt – in Person von Stanislaus Dick ebenso in Erscheinung wie die Uhroma, deren Uhr es war/ist (Achtung aufs bewusst gesetzt, leider auf der Bühne zu wenig hörbare, h) in Gestalt von Evgenia Stavropoulou-Trska. Sie hat zunächst nur andeutungsweise Auftritte im Hintergrund, im Uhrenrund wird sie zur Zeigerin.

Szenenfoto aus der Generalprobe für
Szenenfoto aus der Generalprobe für „Kairos“

Zeitbegriffe

Für die Musik sorgt Philipp Pettauer – auch als Art Chronos, eines zweiten (alt-)griechischen Wortes für Zeit und zwar jenes, das der messbaren, also der Uhrzeit entspricht, während Kairos für den idealen Zeitpunkt steht, an dem Entscheidungen zu treffen wären / sind. Aiṓn (Äon) als dritte Zeit-Bezeichnung aus der antiken Sprache, der in diesem Stückentwurf (noch?) nicht vorkommt, steht für Zeitalter oder auch Lebenszeit.

In der Begegnung des Trios spielen stoffliche und wörtliche Falten – oft als Symbol für zunehmendes Alter – noch eine gewisse Rolle – und auch da wieder mit Wortspielen, denn die Achtjährige pocht auf schon möglichste viele davon, schließlich wolle sie sich ent-falten können.

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Wird fortgesetzt mit einem weiteren Beitrag über den sechsten bei Magma 2026 präsentierten Stück-Entwurf.

Hier geht’s zu den ersten vier Folgen

Im Folgenden Besprechungen von Stücken, die aus früheren Magma-Einreichungen entstanden sind

Szenenfoto aus der Generaplrobe zu "Uns geht’s gut – ein Fiebertraum"

Das Mädchen und der (traurige) Clown

Ein viereckiges, einige Zentimeter erhöhtes Podest auf der großen Bühne, viel (Theater-)Rauch und ein Weiß-Clown, der – naja, zumindest recht traurig dreinschaut. Und das liegt nicht nur an der Schminke. Er, Kevin Bianco, verkörpert Niedergeschlagenheit in all seinen Bewegungen, in seiner Mimik. Mit einem kleinen Schuss Bemühung, andere vielleicht mit dem einen oder anderen Anflug von gespielter Tollpatschigkeit erheitern zu wollen.

Und dann wird er aus der ersten Publikumsreihe recht unfreundlich angeherrscht: „Das ist mein Zimmer!“ Und er solle sich von dannen machen. Klar, es ist nicht wirklich wer aus dem Publikum, sondern eine Schauspielerin, Gesa Bering. Und auch bald offensichtlich, er wird es nicht tun und die beiden – nun ist sie bereits auf dieser Bühne und gleich auf dem Podest – kommen aus diesem anfänglichen Gegensatz miteinander ins Gespräch. Erst stark contra gebend und dann doch immer versöhnlicher werdend.

„Ärzt:innen des Lachens“

Was sich hier offenbar in einem Krankenhaus abspielt, setzt einerseits auf gedankliche Verbindungen zu den seit Jahrzehnten bekannten Humor-Doktor:innen in Spitälern. Weltweit – ausgehend vom US-amerikanischen Arzt, Profi-Clown und „Sozial-Aktivisten“ Patch Adams – setzen mittlerweile meist gut ausgebildete Clown:innen in Krankenhäusern auf „Lachen als (beste) Medizin“, die professionelle ärztliche Behandlungen nicht er-, sondern unterstützen.

Das ist aber – trotz der doch dominierenden Figur des hier (bewusst) recht traurigen Clowns – nur die eine Seite. Viel tiefer gehend, wenngleich natürlich stark damit verwandt, dreht sich das Spiel von Kind und Clown um – vor allem in und nach der Corona-Zeit, stärker in den Blickpunkt gerückte – Mental Health (psychische Gesundheit). Und subtil, ohne es groß auszustellen, wird auch angespielt, dass sich gerade Jungs und Männer noch immer eher schwertun, Gefühle zuzulassen oder gar darüber zu reden – „nein, ich bin nicht traurig“ manifestiert der Clown recht lange.

„Frage“ ohne Antwort-option

Schon der Titel dieser ebenfalls „nur“ ¼-stündigen Performance, die ja lediglich, wie fünf andere ein Stück-Entwurf im Rahmen des Wettbewerbs Magma (2026, dritte Ausgabe) war: „Uns geht’s gut – ein Fiebertraum“ von einem Kollektiv, das sich „The dark comedy united“ nennt. Und damit schon die Doppeldeutigkeit mitschwingen lässt (Text: Text: Mario Wurmitzer; Regie: Ira Süssenbach). Und so „nebenbei“ vielleicht auch die Oberflächlichkeit formelhafter Begrüßungen demaskiert. Wird doch in Begegnungen immer mehr statt „wie geht’s?“ – wo übrigens auch meist keine Antwort erwartet oder gar erwünscht wird – durch „Geht’s gut?!“ ersetzt.

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Die beiden jedoch reden tatsächlich miteinander, öffnen sich jeweils und lassen damit auch Hoffnungs(träume) zu.

Wird fortgesetzt mit weiteren Beiträgen über die anderen bei Magma 2026 präsentierten Stück-Entwürfe.

Hier geht’s zu den ersten drei Folgen

Im Folgenden Besprechungen von Stücken, die aus früheren Magma-Einreichungen entstanden sind

Szenenfoto aus der Generalprobe zu "Dings – all unsere kleinen Dinge"

Weg mit Kinderkram! Oder ist er doch mehr?

Ein Dreieckszelt aus Patchwork-Stoff trägt die Buchstaben des Namens der Protagonistin. ANNI. Das I ist durchge-ixt und daneben ein E. Denn Schluss mit der verniedlichten Form.

„Morgen wird ich 11!“ und so müssen auch die bisherigen – auch sehr geliebten – Spielsachen weg. In einen großen braunen Karton. Oder sie werden von Fanny Holzer, die dieses Mädchen verkörpert, in hohem Bogen durch die Luft geschleudert. Alles sozusagen babysch in „Dings – all unsere kleinen Dinge“, einem der sechs jeweils rund ¼-stündigen Stück-Skizzen für die dritte Runde von Magma, dem Nachwuchspreis von Dschungel Wien (Theaterhaus für junges Publikum im MuseumsQuartier) und Drama Forum (Graz); zwei Präsentationen wurden hier schon vorgestellt – Links am Ende des Beitrages, die anderen drei folgen in weiteren Beiträgen der Reihe nach.

DIY-Marie

So, nun wieder zu „Dings“ bzw. Anne, wie sie nun genannt werden will. Und für die Party auf einschlägige Live-Hack-Videos einer angesagten Influencerin, der DIY-Marie, schaut, um sich vorzubereiten. Auch die richtigen Posen für Selfies zu üben…

Und natürlich geht nicht alles glatt. Dramatik, Spannung braucht’s. Auch und nicht zuletzt im Theater (Text: Nadja Lotz; Regie: Anja Jemc). Und so wehrt sich die jahrzehntelang abgeschnuddelte, mit Bussis, Speichel und Rotz getränkte allerallerliebste Stoffpuppe gegen ihr Ausmisten. Und damit natürlich Annes Innerstes. Oder sind es noch die tiefsten Gefühle von Anni?

Szenenfoto aus der Generalprobe zu
Szenenfoto aus der Generalprobe zu „Dings – all unsere kleinen Dinge“

Kann das weg oder muss es bleiben?!

Jedenfalls erwacht diese Puppe, die bisher immer nur sagte und machte, was Anni wollte, im Widerstand gegen Anne zum leben – in Gestalt der Schauspielerin Alina Kesselbacher in einem mit unzähligen Kuschel- und anderen Figuren übersäten Kostüm (Bühne und Kostüm: Lena Hirschenberger). Die Anni sei viel eigenständiger gewesen, so „Dings“: Du hingegen, liebe Anne, machst nur, was dir diese Typen aus den Social Media raten, vorschreiben… – wird indirekt ein Aspekt der aktuellen Debatte um Altersgrenzen beim Zugang zu Plattformen angespielt. Und noch viel mehr das Hin- und Her-Gefühl von (Jung-)Pubertierenden, aber generell von Trennungen – von Menschen, aber nicht zuletzt auch von Dingen.

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Wird fortgesetzt mit weiteren Beiträgen über die anderen bei Magma 2026 präsentierten Stück-Entwürfe.

Hier geht’s zu den Folgen 1 und 2

Im Folgenden Besprechungen von Stücken, die aus früheren Magma-Einreichungen entstanden sind

Szenenfoto aus der Generalprobe für "Augustine Feuerfluss"

Wenn die Innenwelt tanzend nach außen drängt

Magma – der Begriff für so heiß gewordenes Gestein im Erdinneren, dass es zäh fließt, in Vulkanen an die Oberfläche drängt und dort als Lava rausrinnen kann – ist auch der Titel des nunmehr zum dritten Mal von Dschungel Wien und Drama Forum (Graz) ausgeschriebenen Theater-Nachwuchsbewerbs. Nach mehreren Jahren „Try Out“ – ohne der Grazer Institution – spielten am ersten Februar-Samstag 2026 fünf neue zusammengestellte Kollektive viertelstündige Ausschnitte möglicher künftiger Stücke für Kinder und eines für Jugendliche (ab 12 Jahren) vor. „Brachland“ (ab 6 Jahren) wurde hier im ersten Teil besprochen, nun folgt die Kritiken zu einer weiteren Präsentatio, wie schon oben im Untertitel erwähnt: „Augustine Feuerfluss“; selbstverständlich folgen auch die restlichen vier – in weiteren Beiträgen.

Nummer 3

Magma, sozusagen zum Dritten, spielt in „Augustine Feuerfluss“ als laaaaange rote Stoffbahn eine so große Rolle, dass sie Teil des potenziellen Stücktitels wurde, eben Feuerfluss (Text: Katharina Cromme; Regie: Alexandru Weinberger-Bara; Bühne und Kostüm: Veronika Müller-Hauszer; Sound: Alex Huber). Paula Belická spielt das Mädchen Augusta Augustine – „die Eltern konnten sich nicht einigen, so hab ich beide Namen“. Wobei sie – neu in eine Klasse kommend – kaum wer so oder in der anderen Vollversion, sondern eher in Abkürzungen nennt. Wenn überhaupt. Eher ist sie entweder außen vor. Oder sehr innen drin. Zurückgezogen in einer senkrecht von der Decke hängenden Röhre aus verschiedenen Stoffschichten. Und dann verwandelt – in einen Elch. Der hat Angst vor einem Wolf.

Szenenfoto aus der Generalprobe für
Szenenfoto aus der Generalprobe für „Augustine Feuerfluss“

„Vorstellen“

Sie, als Kind, hat diese Angst nicht. Allerdings kann Lehrerin Kleinlich ihr schon Angst einjagen. Auch aufgrund von Missverständnissen, die sich aus durchaus wohlgemeinten Sätzen ergeben. Sie möge sich den anderen Kindern der Klasse vorstellen. Und stellte sich einige Schritte nach vor. Oder schließt die Augen, um sich etwas vorzustellen – Vulkane.

Nähren sich Augusta Augustines Ängste aber auch aus ihrem Innersten, sozusagen aus Magma, das siedend heiß nach außen dringen will und als Lava es dann tatsächlich tut – siehe Beginn dieses Abschnitts. Da tanzt die Performerin wild mit der roten Stoffbahn und bringt diese selber zum Pirouetten und spiralförmigen Tänzen.

Szenenfoto aus der Generalprobe für
Szenenfoto aus der Generalprobe für „Augustine Feuerfluss“

Noch unklar

Passagenweise wirkt die Performance sehr lehrstundenhaft – Hörner vs. Geweih, Vulkan-Erklärungen – und erschließt sich dramaturgisch erst aus dem kurzen Nachgespräche, dass die Solo-Figur eine Autistin darstellen soll, um Neurodiversität vs. Normalität zu thematisieren.

Wird fortgesetzt mit weiteren Beiträgen über die anderen bei Magma 2026 präsentierten Stück-Entwürfe.

Hier geht’s zu Folge 1 über Magma 2026

IIm Folgenden Besprechungen von Stücken, die aus früheren Magma-Einreichungen entstanden sind

Breites Absperrband vor Bühne 2 im Dschungel Wien, Teil der Performance "Brachland"

Lost Place oder (wieder) gewonnener Raum?

Ein Baustellen-Absperrband verschließt an diesem ersten Februar-Samstagnachmittag des Jahres 2026 den Zugang zu Bühne 2 des Theaterhauses für junges Publikum im Wiener MuseumsQuartier. Die Überbreite des rot-weiß-gestreiften Bandes einer- sowie die Ankündigung der drei folgenden Performances, die mit „geheime Hintereingänge“ beginnt andererseits geben Hinweise: Das könnte Teil der Inszenierung sein.

Ist es auch. Vor dem „Hintereingang“ neben der Garderobe steht eine Lautsprecherbox. Eine Person mit Mikro öffnet die Glastür und bitte das Publikum ihr zu folgen. Zwischen Regalen, Boxen, Technik- und anderem Zeugs geht’s mehrmals ums Eck in den kleineren der beiden mit Tribünen ausgestatteten Säle im Dschungel Wien. Die Tribüne ist ebenfalls baustellen-band-gesperrt.

Wozu Theater?

Stattdessen urviel Theaterrauch, ein riesiges aufgeblasenes Ding, das wie eine überdimensionale Sitzpolster-Landschaft ausschaut, aber alles andere als einladend wirkt. Auch so gedacht ist – also nicht zum Sitzen. Einige schwarze Klebelinien auf dem Boden, die an verkohlte Äste erinnern. Kristin Jackson Lerch ergreift die Stimme, rezitiert Gedichtzeilen, wird später auch singen und sich erinnern, hier Star gewesen zu sein. Das Teil ist ein altes, verfallendes, von der Natur Stück für Stück zurückerobertes Theater. „Brachland“ heißt die Performance.

Der Lost Place – aus Sicht vieler Menschen – ist Heimstatt für eine wie aus dem Nichts und schrill auftauchende Fledermaus (Antonia Meier). Ihr droht der Verlust ihrer Unterkunft, denn das Haus soll abgerissen werden. Wer braucht heute noch Theater? Wofür soll das gut sein? Fragen, die auch angespielt werden.

Mensch gegen oder mit Natur

Aber mehr noch das Verhältnis zwischen – von Menschen errichteten Bauwerken und Natur. Verdrängung einer-, Rückeroberung andererseits. Und in dieser zweitgenannten Phase das Dazwischen von Brache. Für viele nichts anderes als mögliches, erforderliches Bauland, für andere Möglichkeit für Zwischennutzungen, oftmals künstlerischer Natur samt der Chance, über den Umgang von Menschheit mit dem Planeten in vielfältiger auch performativer Form nachzudenken. Vor fast zwei Jahren gab’s in Wien ein eigenes Festival dazu: Brachiale mit einem extrem gedehnten groß geschriebenen H als langem Freiraum (siehe Fotos des Buchcovers oben; Logo übrigens: Michael Bigus) auf und rund um den „Zukunftshof“ in Rothneusiedl, samt nachfolgendem Sammelband mit Beiträgen aus unterschiedlichsten Perspektiven – Link zur Website unten am Ende des Beitrages.

Ach ja, aus dem einstigen Bühnenstar wird nun ein Schwammerl, ein Pilz mit Verbindungen zum großen Myzel, dem größer und mächtiger werdenden Aufblas-Ding.

Besetzung?!

Das Publikum darf, nein muss, übrigens nicht nur auch Schleichwegen in den Theatersaal. „Brachland“ (Text vom gesamten Team gemeinsam; Regie: Anaïs-Manon Mazić; Bühne und Kostüm: David Degasper, Alma Rothacker; Sound: Jan Aimé Fräulin) hat die ¼ Stunde so angelegt, dass Zuschauer:innen an manchen Stellen auch zu Mitwirkenden – ob Rhythmuserzeugend sogenannte Schädlinge bekämpfend, oder eben das alte Theater besetzende Aktivist:innen – werden.

So nebenbei wirkt „Brachland“ wie ein kleiner Schlenker zur beschlossenen, dank zentraler Budgetknappheiten der Republik verschobener Übersiedlung des Hauses der Geschichte Österreich aus den mehr als beengten Räumlichkeiten in der Neuen Hofburg ins ein wenig zu erweiternde MuseumsQuartier. Dem neuen HdGÖ werden Teile der jetzigen Dschungel-Wien-Räumlichkeiten (u.a. Bühne 3) weichen und verlegt werden.

Magma

Die oben erwähnte Viertelstunde war kein Fehler. „Brachland“ ist (noch?) kein fertiges Stück, sondern ein Entwurf, ein Teil eines Projekts, das sich – wie fünf andere – an diesem Tag in Aktion vorstellte. Dies ist die dritte Ausgabe des Nachwuchsbewerbs „Magma“, der den vorherigen „Try Out“ ablöste. Wie auch bei letzterem übernimmt der Dschungel Wien, der ihn – beim neuen gemeinsam mit dem Drama Forum aus Graz – die ausgewählte Stück-Skizze zu einem nachmittag-füllenden Stück weiterzuentwickeln und in der kommenden Saison auf den Spielplan zu setzen.

Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… wird nach und nach auch die anderen fünf Magma 2026-Teilnehmer:innen präsentieren; übrigens gelang es bisher auch einigen der – meist neu zusammengekommenen – Kollektive, ihre Ideen über andere Förderschienen ebenfalls umzusetzen und aufzuführen, auch wenn sie diesen Nachwuchsbewerb nicht gewonnen haben.

kijuku_heinz

Wird fortgesetzt mit weiteren Beiträgen über die anderen bei Magma 2026 präsentierten Stück-Entwürfe.

Im Folgenden Besprechungen von Stücken, die aus früheren Magma-Einreichungen entstanden sind

Szenenfoto aus "Brennendes Haus"

„Das hast du mir nie erzählt“

Ein großes schiefes Holzbrett dominiert die Bühne – Rutsche, einfach Symbol für schiefe Ebene oder für in der Versenkung Verschwindendes, im Verborgen Gehaltenes, versunkenes Dach einer Holzhütte.

Um niemals Gesagtes, nicht einmal Erahntes dreht sich das ca. ½-stündige, immer wieder beklemmende Stück „Brennendes Haus“. Mit einer kurzen Entwurfs-Version des T4extes von Anaïs Clerc gewann das Team einen der Nachwuchspreise beim Bewerb in der vorigen Saison zum Thema „Stadtplan oder Wanderkarte“.

Bedrückend die Atmosphäre in einem Setting, das ein Haus auf dem Lande suggeriert. Namenlose drei Protagonist:innen, nur Die Kleinste (Marie Nadja Haller), Der Mittlere (Skye MacDonald) und Der Größte (Alexander Gerlini) genannt. Letztere schleppt sich zu Beginn mit einer elendslangen Stoffbahn (Kostüme: Tanja Maderner) auf die Bühne rund um das Brett. Nicht nur er, sondern alle drei werden sich darin einhüllen.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Brennendes Haus“

Das (Kinder-)Bild

Wo ein rechteckiger Lichtfleck an die Wand projiziert ein Fenster simuliert, taucht später ein Bild auf – abstrakt, an eine frühe Kinderzeichnung erinnerndes Gemälde, das unschwer ein brennendes Haus erkennen lässt. Angefertigt von der Kleinsten in ihrer Kindheit. Sie hat den Hof verlassen, ist in die Stadt gezogen, um Schauspielerin zu werden. Wo sie beim Vorsprechen mit klischeebeladenen Vorurteilen gegen das „Landei“ konfrontiert wird. Und sie zur fragenden Feststellung veranlasst, ob sie dann nicht gleich mit dem Traktor anfahren hätte können oder sollen.

Sie kommt auf Heimatbesuch, weil der Größte gestorben ist. Hier empfängt sie, wovor sie eigentlich geflüchtet ist: Drückendes Schweigen, von erst nur spärlich tröpfelnden Worten und Sätzen, die oft aber mehr nichts als etwas sagen. Samt einer vorwurfsvollen Atmosphäre, warum sie denn weggegangen sei: „Das ist nicht die Zukunft, die wir uns für dich ausgedacht haben.“ Ihre offene Antwort: „Eine von euch zu sein, das wäre nicht mehr ich!“

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Brennendes Haus“

Eigelb

Der Mittlere – schon lange in der Doppelrolle als Vater einer- und Sohn andererseits – scheint, ebenfalls ambivalent, nicht verstehen zu wollen, warum die Tochter nicht die Traditionen fortsetzt. Recht spät wird klar, dass auch er einen anderen Lebensentwurf im Sinn hatte. Übrigens ebenfalls künstlerisch, er wäre gern Maler geworden. Doch da hatte der Größte nur lapidar postuliert, Eigelb sei nicht zum Malen, sondern zum Kochen und Essen da.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Brennendes Haus“

Wein statt weinen

Und doch ist die Sache nicht so linear. Denn nach und nach wird aus der rückblickenden Erzählung klar, dass der Leberschaden, an dem er verschieden ist, darauf beruht, dass er nicht reden konnte / wollte, weil er sonst weinen hätte müssen und so zum Wein griff. Und das, weil er als Kind schon am Hof fast sklavenartig schuften musste – und außerdem der Dorfpfarrer gegenüber dem kleinen Buben sexuell gewalttätig geworden war. „Traubenwelt“ wird die Trunksucht des Alten genannt – und klingt beim ersten Mal fast wie „Traumwelt“.

Amelie von Godin, die auch die Bühne gestaltete, inszeniert brennendes Haus beklemmend-berührend. Vieles schwebt zwischen den Zeilen, verdeutlicht die Sprachlosigkeit dadurch, dass noch mehr als gesprochen wird, durch Angetipptes gesagt wird. Und obendrein in den Köpfen des Publikums vielleicht mit dem einen oder anderen aus dem eigenen oder anderen bekannten familiären Leben verbinden könnte.

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Szenenfoto aus "Brennendes Haus"

Nachwuchspreise für „Brennendes Haus“ und „Die Düntzer Rhapsodie“

„Wie viele Perspektivwechsel, Stimmungswechsel, Themenwechsel, Rhythmuswechsel passen in eine zwanzigminütige Aufführung? Willkommen zur Familienaufstellung im Brennenden Haus: Ein Esstisch, ein Bild an der Wand und drei Menschen. Wie die Möbel scheinen sie zwischen eichenbraun, mehlbeige und staubgrau zu changieren. Text und Spielweise wirken zu Beginn fast modellhaft distanziert. Nach und nach stellt sich alles als viel konkreter und persönlicher heraus als zunächst angenommen“, so beginnt die Begründung der Jury im 16. Nachwuchsbewerb des Theaters Drachengasse (Wien) mit der sie ihre Entscheidung für „Brennendes Haus“ gefällt hat.

„Überraschung als Prinzip“

Julia Engelmayer, Leitende Dramaturgin Landestheater NÖ, Johanna Figl, Kuratorin der Stadt Wien, und Tobias Herzberg, Künstlerische Leitung Schauspielhaus Wien setzen ihre Begründung für die Kurzversion des genannten Stücks von Kristin Buddenberg, Anaïs Clerc, Alexander Gerlini, Amelie von Godin, Marie Nadja Haller und Skye MacDonald wie folgt fort: „Bei aller Verdichtung ist Raum für Verschwiegenes und Unaussprechliches zwischen den Figuren, die verhärtet und zugleich zärtlich miteinander umgehen. So stringent die Dramaturgie zunächst wirkt, so klug spielt sie mit der Wahrnehmung des Publikums. Die Überraschung als Prinzip: So klarsichtig die Argumentation einer Figur auch sein mag, so emotional wird kurz darauf das Spiel. So ernsthaft ein Moment sich hochschraubt, so komisch setzt die Regie den nächsten Bruch. Auf diese Weise entsteht nicht nur ein Ausschnitt, sondern ein ganzer Kosmos dreier Generationen – über das, was sie trennt und was sie verbindet. Unterhaltend, verstörend, abstrakt und konkret, dass es ein Vergnügen ist, dabei zuzusehen.“

Genau deswegen wollen die Juror:innen mehr davon, nämlich ein abendfüllendes Stück – der Preis beim Nachwuchsbewerb ist die Weiterentwicklung eines solchen – mehr davon sehen.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Die Düntzer Rhapsodie“

Publikumspreis

Jeden Abend an dem die vier 20-Minuten-Fassungen neu enstehender Stücke zu sehen waren, durfte auch das Publikum abstimmen. Und die meisten stimmen vielen auf „Die Düntzer Rhapsodie“ von Barbara Angermaier, Bianca Braunesberger, Marika Rainer, Kasija Vrbanac Strelkin, Ivan Strelkin.

Ausgabe 17: „Automaten mit Fell“

„Ob Fell, Federn, Schuppen, ob Schnauze, Schnabel, Sackkiefer, ob herrschaftliche Menagerie oder Tierhortung: Nicht erst seit der Corona-Pandemie nimmt die Haustierpopulation stetig zu. …“ so startet der Text für die Ausschreibung des 17. Nachwuchsbewerbs des Theaters Drachengasse in der Wiener Innenstadt. Das Motto lautet Automaten mit Fell“ – und diese erklärenden Sätzen sind durchaus vonnöten, ich hätte beispielsweise bei diesem Thema eher daran gedacht, wie Roboter sozusagen haustierisch verpackt werden könnten 😉

„Haustiere zwischen Statussymbol, repräsentativem Ziergegenstand und schnell verfügbarem Trostautomat zur emotionalen Wiederherstellung des vereinzelten spätkapitalistischen Subjekts“ – spannt das Theater den inhaltlichen Bogen auf, zu dem es Stück-Skizzen und Entwürfe für zehn Vorstellungen von 20-Minuten-Versionen beim nächsten Festival – 12. bis 31. Mai 2025 – zeigen will.

Einreichungen sind bis einschließlich 4. November 2024 zu richten an:
newcomer@drachengasse.at
oder per Post an
Theater Drachengasse, 1010 Wien, Fleischmarkt 22, Kennwort: Newcomer

Follow@kiJuKUheinz

Szenenfoto aus "Die Düntzer Rhapsodie"

Orte wo du nicht sein willst, was du aber dennoch mitnimmst

Blockflöte spielend marschiert Barbara Angermaier auf die Bühne, ihre Kollegin Marika Rainer zieht hinter ihr einen bunten, zeltartigen, mit Lichterketten und Kuschelfiguren übersäten Handwagen hinter sich. So symbolisieren die beiden ihr Dorf, das fiktive Düntz mit seinen 733 Einwohner:innen – im Jahre 1995. Das heißt jetzt dann – zumindest für länger um eine weniger. Denn alle sind gekommen, um Martha zu verabschieden, die mit dem Bus in die große Stadt fährt – um dort zu bleiben. Traurig vor allem für die 16-jährige Claudia. Ihr ist – wie teils auch ihrer Schwester Daniela – das Dorf nicht nur zu eng. Und in der Stadt gäbe es doch „alles – Menschenrechte und sogar Internet“. Wobei, letzteres naja – 1997 waren erst sechs Millionen Computer weltweit mit diesem verbunden.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Die Düntzer Rhapsodie“

Wie auch immer, „Die Düntzer Rhapsodie“ (Text, Choreografie: Bianca Anne Braunesberger; Text, Regie: Ivan Strelkin; Bühnenbild: Kasija Vrbanac Strelkin) ist eines von vier 20-Minuten-Stück-Entwürfen beim 16. Nachwuchsbewerb des Theaters Drachengasse (Wien). „Stadtplan oder Wanderkarte“ lautet das Motto zu dem 210 Theatermacher:innen zwischen 19 und 47 Jahren 66 Projekte eingereicht hatten. Das Theater wählte vier aus, die nun – bis 1. Juni 2024 – ihre Szenen (jeweils rund 20 Minuten) spielen. Eine Jury wählt am Ende eines der vier aus, das – dotiert mit 10.000 € daraus ein abendfüllendes Stück weiter entwickeln kann, das in der nächsten Saison eine Aufführungsserie hat – same procedure as every year.

Die „Rhapsodie“, die an dem 4-Stücke-Abend erst als zweites an der Reihe ist, steht hier nur zu Beginn, weil sie das Thema Gegensätze oder/und Gemeinsamkeiten von Stadt und Land am plakativsten darstellt. Wie und was weiter mit Claudia und Martha passiert – lass dich überraschen, wenn du den Abend „Stadtplan oder Wanderkarte“ besuchst.

10 Plätze, die du wirklich nicht besuchen willst…

… stellt die Produktion „Drained“, die den Abend eröffnet, als Spruch über ihr Stück, in dem auf einem Rasenteppich mit einigen Löchern – etwa für zwei weiße Plastiksessel und ein ebensolches Tischerl sowie einem alten Röhren-Fernsehgerät Clemens Maria Riegler, Katharina Rose und Pia Zimmermann (Text: Hannah K Bründl, Regie: Anne Mulleners) rund um das (Über-)Leben zwischen Vergangenheit und fast aussichtsloser Zukunft philosophieren und spielen. Ausgangspunkt: Ansiedlung von Arbeiter:innen für das AKW Manhattan-Projekt rund um einen Flusslauf in Washington State (USA). Mittlerweile Tristesse gespeist von Arbeitslosigkeit, Armut und Zudröhnen durch Drogen. Kann es da noch Leben, zwischenmenschliche Begegnungen geben?

Nicht nur ein abstraktes Bild…

… von einem brennenden Haus hängt an der Wand. Dessen Titel ergibt sich erst im Spiel aus der (Nicht-)Begegnung und den nicht geführten Gesprächen zwischen der weggezogenen Tochter mit Vater und dem Großvater (Marie Nadja Haller, Skye MacDonald, Alexander Gerlini; Text: Anaïs Clerc; Regie: Amelie von Godin) der die Patschen streckt. Poetische Halbsätze fiktiver Dialoge – oder solcher, die sich die eine oder andere Seite gewünscht hätte. Was aber trägt sie – trotz Weggehens in die weite Welt – aus der Enge des „brennenden Hauses“ (weiter) in sich?

Auch da brennt’s

Schon der Titel des vierten Stücks deutet ebenfalls auf Feuer hin: „Zünzle“. Flammen züngeln, Rauch, viel Rauch – und das durch einen langen, großen Schlauch, der von der Schauspielerin Marie Cécile Nest zunächst wie ein breiter Armreifen hin und her getragen wird, bevor er ausgerollt zur riesigen Riesenschlange wird (Text, Dramaturgie, Regie: Kaija Knauer; Dramaturgie, Regie: Ilario Raschèr; Ausstattung: Leonard Schulz).

Spielort: Ein Wald – mit Aufzählung der unterschiedlichsten Bäume – und immer wieder dazwischen schwebend der Metapher vom Stammbaum. Und so brennen nicht nur Bäume, sondern flammt auch Wut auf. Und „Zünzle“ lässt das Bild entstehen, dass im Dickicht mit Hilfe von Feuer eine Lichtung gebrannt werden könnte…

Der Bewerb

Zum 16. Mal hatte das Theater Drachengasse (Wiener Innenstadt) Künstler:innen zum Nachwuchsbewerb eingeladen. Das vorgegebene Motto lautete „Stadtplan oder Wanderkarte“ und es ging um die Auseinandersetzung mit Gegensätzen bzw. Gemeinsamkeiten von Stadt und Land.
210 Theatermacher:innen (fast zwei Drittel Frauen – 65%, 34 % Männer, 2% divers; Durchschnittsalter 29 Jahre – von 19 bis 47 Jahre) reichten bis 6. November 2023 66 Projekte ein. Das Theater wählte vier aus, die derzeit – bis 1. Juni 2024 – an einem Abend jeweils rund 20 Minuten zeigen. Eine Jury – Julia Engelmayer, Johanna Figl, Tobias Herzberg – vergibt am Ende einen Preis. Die 10.000 € dienen dazu aus der Kurzversion ein abendfüllendes Stück entwickeln zu können. Das Publikum kann jeden Abend über sein favorisiertes Stück abstimmen – das Projekt mit den meisten Stimmen bekommt den mit 1000 Euro dotierten Publikumspreis.

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Grafische Bilder zum 16. Nachwuchsbewerb des Theaters Drachengasse (Wien)
Grafische Bilder zum 16. Nachwuchsbewerb des Theaters Drachengasse (Wien)
Szenenfoto aus "Auf der Palme"

Was brodelt unter der Oberfläche…

Wuuuut – Lust an dieser. Sie auszuspielen, auszurasten, auszuzucken, mit dem Kopf durch die Wand oder aus der Haut fahren zu wollen, die Wände hochzugehen … kurz und gut „Auf der Palme“ nannte das siebenköpfige Kollektiv – Bianca Bauer, Flora Besenbäck, Janina Lenauer, Nadine Mathis, Naima Rabinowich, Jana Resetarits, Viviane Tanzmeister – die lustvolle, mitreißende Viertelstunde im Dschungel Wien.

Die Performance war eine von fünf sozusagen Stück-Entwürfen, die gegen Ende der (Wiener9 Semesterferien im Theaterhaus für junges Publikum im Wiener Museums-Quartier zu erleben waren. Drei der Kurzversionen waren für ein Kinder- (und Familien-), zwei für ein jugendliches Publikum gedacht.

Suche nach Neuem

Auf der Suche nach neuen Stücken für Kinder bzw. Jugendliche hat der Dschungel Wien das vorige Format für Nachwuchskünstler:innen verändert. Nach mehreren Jahren „Try Out!“, bei dem bestehende Gruppen Kurzversionen vorspielten und eine professionelle Jury auswählte, was zu nachmittags- oder abendfüllenden Stücken werden soll, startete unter der neuen künstlerischen Leitung (Anna Horn) „Magma“, inspiriert von dem vulkanischen Begriff heißen schmelzenden Gesteins, das an die Oberfläche dringen kann und sich dort wieder verfestigt, beginnt die Entwicklung neuer Stücke nun schon früher. In Kooperation mit dem Drama Forum (Graz) werden Autor:innen, Schauspieler:innen, Performer:innen zu realen, analogen Treffen eingeladen. Dort bilden sich aufgrund der vorgebrachten Ideen und Konzepte Produktionsgruppen, die – unterstützt von Mentor:innen eben ¼-stündige Szenen jeweils künftig möglicher Stücke erarbeiten.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Auf der Palme“

Auf die Palme gebracht…

„Auf der Palme“ war eines von drei sozusagen „Teasern“ für mögliche Stücke für Kinder, angegeben ab 6 Jahren, eher aber schon für Vorschulkinder und ihre Familien geeignet – Lust und Recht auf Wut – sozusagen der sprichwörtliche Vulkanausbruch -, aber auch Umgang mit ihr und Übergang vom Aus- und Abreagieren zu Entspannung. Und schöne gespielte Szenen aus Wortbildern rund um Wut. Apropos Spannung – diese Gruppe platziert auf der Bühne eine „Insel“ mit Palme, die von hinter dem Publikum von diesem mit erhobenen Armen Reihe für Reihe nach unten weitergereicht wird. Die Palme selbst hängt da noch schlaff nach unten und wird von einer der sieben Performerinnen – alle im MA48-orangen Monturen – mit einem lautstarken Kompressor mit Luft befüllt. So laut, dass die auf der Insel entspannende „Urlauberin“ wütend wird 😉

Ober und unter Wasser

Eine völlig neue Sprache bringt Stefanie Altenhofer in „Donaustadt“ ins Spiel: Gurgelisch. Als „Donauweibchen“, Figur einer Sage und Statue im Wiener Stadtpark verbindet sie die Welt über und unter Wasser. Letztere, auf deren Spuren sich die junge Forscherin Frieda Fischer (Sarah Zelt), die für ihre Leidenschaft sogar die Schule verlässt, spielt sich in auf der Bühne platzierten kleinen Modellen ab, die per Handykamera auf die große Wand projiziert werden. Die im Programm angekündigte „feministische Neuschreibung einer Donausage“ ist allerdings offenkundig erst für die Weiterentwicklung gedacht (Text: Natalie Campbell; Modelle für die Unterwasserwelten und Kostüme: Petra Schnakenberg.

Neue Regeln für die 64 Felder?

Weiße Linien ergeben 64 Felder – genau Schach. Die weißen Felder sind jeweils von kleinen weißen Quadraten in der Mitte dieser Felder des Spielbretts gekennzeichnet. Vier Figuren stehen – und warten auf ihren Einsatz. Aller gehören zum Team Schwarz: Dame (Pooneh Mojtaba, die auch für die Bühne verantwortlich zeichnet), Turm (Marie-Theres Auer; Text), Läufer (Ivan Strelkin; Regie) und Pferd bzw. Springer:in (Rebekka Pichler; Choreografie). Und dann steht da auf Feld e8 ein mit schwarzem Samt verhülltes Ding. Lange Zeit unbeachtet, zeihen die genannten Figuren ihrer Wege. Der Läufer beklagt, dass er nie weg kommt von seinen diagonal zu ziehenden Feldern. Er ist derjenige auf den schwarzen Feldern, kann also nie auf ein weißes. Irgendwann bemerken die Vier, dass es da auch noch die – als Figuren wirklich stehenden Bauern gibt, aber dass der König fehlt, drehen das scheinbar verhüllte Ding um: Thron, Korne, aber kein König. Und so krönen sie sich reihum zur herrschenden Figur, beginnen die Sinnhaftigkeit der – bestehenden – Regeln zu diskutieren…

Komische Bewegungen und Geräusche…

Da hängen zwei in senkrecht zu Art Kuschelsitzen baumelnden Hängematten. Zögernd kommt ein Dialog zustande – „wie war Mathe?“. Und irgendwie lassen die beiden Schauspieler:innen von Anfang an aber mitschwingen – es geht doch um mehr. Rika (Selina Rudlof) übernimmt den aktiveren Part, Tom (Marko Jovanović) ist der Verschlossenere, der sich in dem Tuch fast verkriecht. Langsam spricht Rika an, worum’s wirklich geht – um Videos, die sie anderntags am Handy angeschaut haben. Mit so „komischen Geräuschen und Bewegungen“… In „Zunder“ spielen die beiden – an der Schwelle zwischen Kind und Jugendlichen die Verwirrtheit an, die es auslöst wenn sie zum ersten Mal (online) Pornos sehen. Und dass sie eigentlich, obwohl Rikas Mama das sagt, damit mit niemandem wirklich darüber reden können. Und schaffen es, trotz der peinlichen und sprachlosen Momente, die sie miterleben lassen, so manche Passage mit Humor und Witz einzubauen. (Text: Rachel Müller; Regie: Manuel Horak; Bühne/Kostüme: Sophie Eidenberger; Requisite: Fabian Tobias Huster).

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Eurydike & Persephone“

In der Unterwelt und in Social Media

Eurydike, von einer Schlange gebissen, landet in der Unterwelt. Tot sein will sie (Nora Wahl) noch lange nicht. Und da trifft sie auf Jasmin Weißmann als Persephone (oft auf Kore oder Kora genannt) mit Pfeil und Bogen. Sie, die oft weniger bekannte Göttin des Totenreiches – Hades hatte sich in sie verliebt und sie von Zeus sozusagen zugesagt bekommen. Wer fragt schon eine Frau, selbst wenn sie Göttin ist – übrigens Tochter von Zeus und dessen Schwester Demeter und vom eigenen Vater geschwängert.

„Eurydike & Persephone“ lässt die Männer eher außen vor, nur Orpheus kommt via eingespielter TikTok-Videos (Marco Jovanović) kurz vor. Im Zentrum steht die Begegnung der beiden Frauen – beide unfreiwillig hier. Doch während Eurydike mit ihrem Schicksal hadert, hat sich Persephone damit abgefunden. Gelingt es Ersterer die Zwangsverheiratete Mit-Herrscherin über die Unterwelt (Regie und Konzept: Sophie Berghäuser; Text und ebenfalls Konzept: Sebastian Galyga) zum Widerstand zu bewegen? Das deutet sich in der ¼ Stunde an – wäre dann aber gegebenenfalls Aufgabe für die Weiterentwicklung. Und – so die Ankündigung – würde wohl noch die in Social Media inszenierte Trauer Orpheus ein ausbaufähiges Thema sein.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Eurydike & Persephone“

Live-Feedback

Nach jeder dieser Performances hatte das Publikum die Möglichkeit für kurzes Live-Feedback, was eher zögerlich genutzt wurde. Dschungel Wien und Drama Forum (Graz) boten aber mehrfach an, auch nachträgliche Rückmeldungen liebend gern entgegenzunehmen. Diese Rückmeldungen sollen mit die Basis für die Auswahl sein, welche der – in diesem Fall – fünf Projekte zu Vollversionen weiterentwickelt werden sollen.

Dramatiker:innen-Börse

Übrigens: Das Internationale Theaterfestival für ein junges Publikum im Westen Österreichs, in Vorarlberg „Luaga & Losna“ (Übersetzung: schauen und hören) lädt zum 28. Mal Autor:innen zur Dramatiker:innenbörse ein. Bis 31. März 2024 können Autor:innen sowohl fertige Stücke, als auch Szenen in Rohfassung einreichen und sich damit um eines von zehn Stipendien (Festival-Aufenthalt plus Taggeld) bewerben.

Wer ausgewählt wird, stellt dann beim 36. Festival im Juni (18. bis 22.) in Nenzig Text-Auszüge in szenischer Lesung vor – mit Diskussion und Feedback der anwesenden Theatermacher:innen.

Die Dramatiker:innen-Börse geht auf Diskussionen bei einem der ersten „Luaga & Losna“-Festivals (1988 gegründet) zurück, wo Theaterleute klagten, es gäbe zu wenig neue Stücke und Autor:innen, sie würden schreiben, und keine/r wolle die Texte spielen. Was Erstere konterten, viele der Texte seien nicht spielbar. Und so entstand diese Begegnung mit Austausch…

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luagalosna -> dramatiker-innenboerse

Szenenfoto aus "Titanic oder wie tief kann man sinken"

Hin- und herspringend über Untergänge und Höhenflüge

Ein helles schräges aufgemaltes Viereck sticht aus den schwarzen Wänden hervor. Das Licht geht aus, noch aber sind schwätzende Menschen im Publikum zu hören. Die Schauspielerin lugt vorsichtig ums Eck. Als es endlich ruhig ist – tatatata – entert Alicia Peckelsen die Bühne. Freut sich riesig, da zu sein. Zwischendurch stellt sie sich ebenso schräg hin wie das Viereck. „Titanic oder wie tief kann man sinken“ steht nun auf dem Programm. Es ist das siegreiche Projekt des vorjährigen (15.) Nachwuchsbewerbs. Aus den vier 20-Minuten-Performances wählte die Jury – und in diesem Fall auch das Publikum – die Story um das gesunkene „unsinkbare“ Schiff aus. Im Zentrum stand – bzw. steht irgendwie auch noch immer – die Inspiration durch die James-Cameron-Verfilmung 1997 mit dem Liebespaar Rose und Jack.

In meist sehr schrägen – auch in gerader aufrechter Position (!) – Szenen schlüpft die Solistin, eine wahre Rampensau im besten Sinn des Wortes, in teils skurrilen Dialogen in die Rolle der einen und des anderen. Lässt die aufkommende Liebesgeschichte am untergehenden Schiff fast satirisch erscheinen, erobert damit nicht nur die Bühne, sondern die hinter den Publikumsreihen etablierte Bar samt Gläsern mit geknickten Stielen und das an der Wand stehende Piano.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Titanic oder wie tief kann man sinken“

So und so viele Minuten nach Eisberg

Über rein verbale Schilderungen lässt sie vor den geistigen Augen der Zuschauer:innen das dunkle, kalte Meer auftauchen. Zur „Untermalung“, sorgt sie für Geräusche der Schaumkronen der Wellen via Sekt-prickeln direkt vor dem Mikrophon. Ein bisschen Kälte-Feeling verursacht sie durch Öffnen der Tür neben der Bühne, so dass die Winterluft in den Publikumsraum einziehen kann.

Die Tragödie selbst manifestiert sich in Schrifteinblendungen via Diaprojektor: Beginnend von 21 Minuten nach Eisberg bis am Ende mehr als 60 Minuten nach dem Zusammenprall. Alle paar Minuten springt sie in die Liebes-Dialogszenen. Oder ganz, ganz andere.

Szenenfoto aus
Meist voll im Action-Modus

Tauchboot zum Titanic-Wrack

So baut Peckelsen (Regie: Lea Marlen Balzer, Dramaturgie: Sarah Heinzel, Bühne: Henry Boebst) die antike griechische Sage von Daedalus und Ikarus ebenso ein wie die reale Geschichte vom Tauchboot Titan, mit dem im Juni des Vorjahres neben einem Tiefseeforscher vier Superreiche hinunter zum Wrack der Titanic tauchen wollten. Der 19-jährige Suleman Dawood, der mit seinem Vater, einem pakistanisch-britischen Geschäftsmann im U-Boot saß, das letztlich implodierte, wird mittels fiktiver Telefonate vor dem Tauchgang zum Protagonisten für dieses Unglück in der Nähe des untergegangenen als unsinkbar gegoltenen Schiffs vor 112 Jahren.

Szenenfoto aus
Alicia Peckelsen spielt „das einzige Lied, das ich kann“, die Titelmelodie der Serie „Sherlock“

Mögliche angestoßene Fragen

Womit sich der Kreis der „alles machbar“-Tragödien schließt. Und sich – vielleicht – manche danach auch noch Fragen stellen, die im Stück gar nicht angesprochen werden: Wieso sind es immer die Unfälle der eher Reichen, die weltweit bewegen? Ob Titanic – wo die Schicksale der ärmeren Passagiere in den unteren Decks kaum Thema waren? Oder beim Tauchboot im Vorjahr wo es große, aufwändige Suchaktionen gab, während im Mittelmeer sogar Rettungsversuche für Menschen, die aus klapprigen Booten über Bord gehen, kriminalisiert werden?

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Bildmontage aus Szenenfotos der vier Kurz-Stücke im Finale des Nachwuchsbewerbs des Theaters Drachengasse (Wien)

Düstere und skurrile Kurzstücke zu „gestohlener Zukunft“

Zwischen einer Art verschmierter Scheiben, auf die sich später schön Zitate kritzeln lassen unterhalten sich auf abgehoben-philosophisch wirkende Art drei Protagonist:innen, die ihre Diversität schon im angehängten x an ihre Figurennamen zum Ausdruck bringen: Dantx, Beatrix und Virgilix. Erst- und Letztgenannte* unschwer erkennbar, angelehnt an Vorbilder. Der live an zwei der Scheiben geschriebene Spruch „Durch mich geht man zur Stadt der Schmerzen ein“, Beginn des Verses, der mit „durch mich geht man hinein zur ewgen Qual;

durch mich geht man zu den Verlorenen“ fortgesetzt wäre, stammt aus Dante Alighieris „Göttliche Komödie“. Und ist jetzt aktuell Teil von „Warum wurden wir in dieser lächerlich schönen Welt geboren und nicht in einer anderen?“, einer der vier Kurzfassungen von Stücken, die für den Nachwuchsbewerb im Theater Drachengasse (Wien) ausgewählt worden sind.

Die nunmehrige 15. Runde dieses Bewerbs stand/steht unter dem Motto „Die gestohlene Zukunft“. 53 Projekte mit insgesamt 192 Beteiligten (fast zwei Drittel Frauen, 2 % Divers) hatten sich mitunterschiedlichste Konzepten zu dieser Frage beworben. Jedes Jahr dürfen aus der Schar der Bewerber:innen vier Projekte 20-minütige Fassungen vor Publikum spielen – das übrigens einen mit 1000 € dotierten Preis vergibt. Die professionelle Jury kürt ebenfalls ein Stück, das den zehnfachen Betrag bekommt, um eine abendfüllende Version zu erarbeiten, die in der Folge-Saison aufgeführt wird.

Ausstellung überschwemmt

Zurück zur oben beschriebenen Produktion eines Kollektivs von dem wie bei den meisten anderen Projekten nicht leicht zu durchschauen ist, wer auf der Bühne und wer im Hintergrund aktiv ist. Im ersten der vier kurzen Stücke mit dem oben genannten langen Titel haben Paula Kläy, Max Lamperti, Emma Meyer, Max Oravin, Alma Luise Rothacker, Ruben Sabel, Laura Schroeder, Guido Wertheimer und Basil Zecchinel ein düsteres Szenario eines eher philosophischen Diskurses geschaffen, in den die reale Umweltkrise über die Erzählung einer weggeschwemmten Ausstellung in ihr Leben bricht.

Titanic

Viel zu viel Wasser im Schiff, das auseinanderbricht – aber nicht aus Umweltgründen – bringt „Titanic oder wie tief kann man sinken“ Ausgehend von der filmischen Umsetzung des Dramas vor 111 Jahren zeigt Alicia Peckelsen mit wenigen Mitteln auf der Bühne – vor allem kurzen (Halb-)Sätzen, die via Overheadprojektor an die Leinwand projiziert werden -, vermeintliche Gedanken der zentralen Crew 21, 22, und so weiter Minuten nach dem Zusammenprall des „unsinkbaren“ Schiffes mit dem Eisberg. Eine Arbeit der Schauspielerin gemeinsam mit Lea Marlen Balzer und Sarah Heinzel (Regie und Dramaturgie). Die filmische zentrale Liebesgeschichte wird hier humorvoll persifliert.

Newton fällt der Apfel nicht auf den Kopf…

Das skurrilste Stück des Abends mit sehr vielen Lach-momenten liefert das Projekt „anti.aging.apfel“ von Juli Mahid Carly, Julian Moritz, Sar Adina Scheer, Dominik Tippelt. Ein Kosmetikkonzern – irgendwie in der Zukunft angesiedelt und doch wieder gar nicht so futuristisch forscht an „ewiger Verjüngung“ – oder will diese vielmehr verkaufen. Im Drag-Milieu angesiedelt mit Figurennamen, die an bekannte heutige Makren- und Produktbezeichnungen erinnern (Masc for Mascara) erfinden sie die „Wundermaschine“ – schaut aus wie ein heutiger Mikrowellenherd – und irgendwas läuft schief. Das Ding entpuppt sich als Zeitmaschine in die Vergangenheit. Die beeinflussen sie und Newton fällt der berühmte Apfel nicht auf den Kopf, weshalb er die Schwerkraft nicht entdecken kann…

Sehende Kassandras

Als Art – sehende – Kassandras agieren drei Frauen im vierten Kurz-Stück des Nachwuchsbewerbes. Sie hätten es schon immer gewarnt – vor der Umweltkatastrophe – sagen die drei in „Zu Küsten oder: Wir standen uns die Beine in den Arsch“ (von Carolina Braun, Marie Eick-Kerssenbrock, Anna Suzuki, Laetitia Toursarkissian, Leni von der Waydbrink). Vermeintlich aus Nordmexico, Usbekistan und aus der Sahara machen sie auf Wasserknappheit oder Waldbrände aufmerksam. Und irgendwie scheint ihnen niemand wirklich zuzuhören – oder ernst zu nehmen, was sie wissen – wobei allerdings Usbekistan, das als Binnenland obendrein nur von Binnenländern umgeben ist, weit weg von einer Küste liegt – aber vielleicht ist auch die jenes Teils des Aralsees gemeint, der in diesem Land liegt. Und der Aralsee ist ein Sinnbild menschengemachten Klimawandels, der zur Austrocknung weiter Teile dieses bis vor rund 50 Jahren viertgrößten Binnensees der Erde geführt hat, der längst nicht einmal mehr ein zusammenhängender See ist.

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Ergänzung am 8. Juni 2023: And the Winner is…

In diesem Jahr waren sich Publikum und Jury einig: „Titanic oder wie tief kann man sinken“ gewannen beide Preise. Die Begründung der Jury: „So schwer uns die Auswahl für ein Gewinner*innen-Projekt fiel, freuen wir uns Lea Marlen Balzer, Sarah Heinzel und Alicia Peckelsen und ihrem Projekt Titanic oder wie tief kann man sinken den diesjährigen Jurypreis übermitteln zu dürfen.
Die mit feinem Humor inszenierte Arbeit überzeugt durch eine vielschichtige Erzählung, die es schafft, durch kleine Gesten, Gedanken und Referenzen auf große Zusammenhänge blicken zu lassen. Die in diesem Aufriss skizzierte gestohlene Zukunft stellt das private Schicksal zweier Kunstfiguren in den Mittelpunkt und verweist dabei pointenreich und klug auf eine Menschheit, die ihr gemeinsames Prestigeprojekt mit Höchstgeschwindigkeit voraus gegen den Eisberg fährt. Die bemerkenswerte schauspielerische Darstellung verzichtet auf große Gesten und ist sich dennoch der Größe der thematischen Spann- und Tragweite bewusst. Die vielen aufgeworfenen Momente dieses Entwurfs machen Lust auf ein abendfüllendes Solo mit Kate und Jack und einem Wunderwerk menschlichen Schaffens, dessen Untergang kaum vorstellbar und dennoch vorgezeichnet ist.“

Plakat-Sujet für den diesjährigen Drachengassen-Bewerb
Plakat-Sujet für den diesjährigen Drachengassen-Bewerb unter dem Motto „Die gestohlene Zukunft“