Manches Mal können auch ganz kleine Schritte einen Riiiiiesensprung bedeuten. Sie sind mit Angst besetzt. Beispielsweise, wenn wer zum ersten Mal von einem Brett ins Wasser springt. Noch viel früher, wenn Kinder zum ersten Mal vom Krabbeln ins aufrechte Gehen kommen. Auch wenn sie da diese Ängste noch nicht als solche äußern. Da eher Neugier, wackeliges Ausprobieren im Vordergrund stehen.
Von einem „großen Sprung“ ausgehend – dem Übergang vom Kindergarten in die Schule – hat das kollektiv kunststoff sein jüngstes Stück „Kleiner Schritt, großer Sprung“ entwickelt und es in ein Weltraum-Trainingszentrum verlagert (Konzept und Choreografie: Stefanie Sternig). Auch wenn der Hintergedanke eher „nur“ mitzukriegen ist, wenn die Info zur Performance gelesen wird. Und weiters damit zusammenhängt, dass im heimischen Bildungssystem dieser und andere Übergänge bruchhaft erfolgen.
Zu erleben sind die angehenden Astronautinnen und ihr Bodenpersonal derzeit im Dschungel Wien – in einer ersten Spielserie bis 15. Juni 2026, Details, siehe Info-Box am Ende des Beitrages.
Bei den zu übenden Bewegungen, einzulernenden genauen Beobachtungen, exaktem Achten auf Geräusche, dem schnellen Reagieren braucht die künftige Astronautin Su Huber immer wieder die Energie des Publikums, das zu Beginn vor dem Theatersaal über Farben und Symbole in mehrere Gruppen eingeteilt wird. Und am Rande der den ganzen Raum füllenden Installation Platz nimmt. Ihre Trainingspartnerin für den All-Flug, Khadijah Pamelia Stickney, erzeugt als Meisterin an einem großen Theremin (elektronisches, berührungslos zu spielendes Instrument, erfunden 1920), sphärische Klänge.
Zu der von ihr gespielten Musik gesellen sich eine „Weltraumharfe“, ein klangvoller Helm und weitere klingende und tönende Installationen, die über Abstands- oder Lichtsensoren in Schwingungen gebracht werden und die sich Peter Plos ausgedacht und gebaut hat. Das und ein riesiger Bogen, auf dem immer wieder unterschiedlich bunte Lichtabschnitte tanzen, runden das Weltraum-Feeling ab (Kostüme, Rauminstallation, Ausstattung: Sophie Baumgartner, Jo Plos).
Und so gern Su das Abenteuer in Angriff nehmen will und dafür – mit ihrer Kollegin, unterstützt vom „Bodenpersonal“ (Christina Aksoy und Stefanie Sternig) – trainiert, sich ins Zeug legt, so geht ihr knapp bevor’s losgehen soll der Reis. Nein. Angst. Ich mach das nicht. Ich will das nicht. Und Abgang durch die Tür, die schon für die Besucher:innen zur Schleuse ins Trainingszentrum geworden ist.
Klar, so kann’s nicht bleiben. Aber akzeptiert werden sollte das schon einmal. Erst das ermöglicht Su, dass sie dann … – gut, Szenenfotos verraten ohnehin, dass sie letztlich doch – angegurtet – tänzelnd schwebt – dank des Zusammenspiels der Kolleg:innen auf und rund um die Bühne und natürlich nicht zuletzt der Unterstützung durch das Publikum …
Echte Weltraumflüge und Aufenthalte funktionieren – wie viele auch auf der Erde – nur durch Zusammenspiel und Miteinander. Die internationale Raumstation wird seit jahrzehnen von Astronaut:innen und Kosmonaut:innen aus verfeindeten Ländern bevölkert und die wissenschaftlichen Forschungen betrieben.
Der Stücktitel ist eindeutig inspiriert von jenem weltberühmt gewordenen Spruch: „Dies ist ein kleiner Schritt für [einen] Menschen, aber ein Riesenschritt für die Menschheit!“ Vor fast 60 Jahren – genau am 21. Juli 1969 um 02:56:20 Uhr UTC (Weltzeit, 03:56:20 Uhr Mitteleuropäischer Zeit; in den USA war es noch der 20. Juli), nach der Landung der
Mondfähre „Eagle“ (Adler) der Apollo 11 auf dem Mond, hat Neil Armstrong, diesen gewichtigen Satz gesagt. Der ging um die Welt, war er doch der erste Mensch, der seine Füße auf einen Boden außerhalb der Erde gesetzt hat. Wenngleich sich um diesen Satz Legenden ranken, ob er wirklich nur auf dem Mist Armstrongs gewachsen ist oder nicht doch auch literarische Vorbilder hatte.
So heißt es in Tolkiens Buch „Der Hobbit“ über Bilbo Beutlins Sprung über Gollum „kein großer Sprung für einen Menschen, aber ein Sprung ins Ungewisse“. Und Neil Armstrong nannte immerhin seine Farm nach der Astronautenzeit „Rivendell“ (nach einem Tal in Tolkiens Werken). Und NASA-Administrator Willis Shapley bezeichnete drei Monate vor der Mondlandung die bevorstehende Mondlandung als „historischen Schritt für die gesamte Menschheit“.
Alle mussten sich beeilen in das Aufblaszelt im Festsaal der Schule neben dem taO!, dem Theater am Ortweinplatz (Graz) reinzugehen. Denn je länger die Tür offen ist, desto mehr Luft entweicht und dann fällt sozusagen der Himmel auf den Kopf 😉
Geschafft. Nun eröffnen sich den jeweils rund zwei Dutzende Besucher:innen faszinierende Blick-Welten – Fotos und vor allem Animationen. Am Beginn steht der Echtzeit-Blick auf den Himmel über Graz, aber auch eine Zeitreise ein paar Stunden weiter auf den Nachthimmel. Und da sind hier im Pop-Up-Planetarium (25 Quadratmeter Fläche reichen aus, 3 Meter in der Höhe) viel mehr Sterne zu sehen als später draußen auf der Straße. Denn hier drinnen stört als einzige Lichtquelle der Projektor. Dass schon viel weniger Sterne zu sehen sind, wenn alle oder wenigstens einige ihre Handy-Displays einschalten, ist ein kleines Experiment zu dem Doro (Dorothea Kuchinka), die mit diesem Zelt, das zusammengelegt in eine Reisetasche passt, einlädt.
Die Explainerin, studierte Astronomin, nimmt ihre Besucher:innen mit auf die Reise in die unendlichen Weiten… zoomt nah an die Sonnenoberfläche, den Mond der Erde, wir fliegen durch unsere Milchstraße, aber auch in die benachbarte Galaxie Andromeda. Und noch weiter in eine Sternen-Geburtsstation samt „Krabbelstube und Kindergarten“ für Himmelskörper, aber auch eine Senioren-Residenz von Sternen am Ende ihrer Milliarden-Jahre-Existenz…
Da dieses Zelt, aber auch das Aufblasgerät und das technische Equipment relativ leicht zu transportieren sind, kann „Public Space“ schnell und bald wo aufgebaut werden – in Schulen oder wo auch immer – Infos samt Preisen auf der ganz unten verlinkten „public space“-Homepage.
Compliance-Hinweis: Das Festival spleen*graz hat Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr … für drei Tage zur Berichterstattung nach Graz eingeladen.
Alia setzt sich auf den Boden ihres Zimmers, zieht sich die Stiefel an, setzt den weißen Helm mit ihrem Namen auf, und besteigt ihr Raumschiff. Scheint aus einem großen Karton selbst gebaut. Damit wandert sie durch die Stadt, weicht Asteroiden auf der Straße aus und landet wieder zu Hause. Mission Pluto notiert sie handschriftlich in ihr „Logbuch. Der soll wieder in den Kreis der Planeten aufgenommen werden. Außerdem will sie das Weltall von herumfliegendem Mist befreien…
Und dann: Einerseits lässt Autorin Mahak Jain (Übersetzung aus dem Englischen Birte Spreng) die Titelheldin des Bilderbuchs „Alia Astronautin“ es ziemlich cool finden, die einzige ihrer Art zu sein. Andererseits, alles alleine machen zu müssen…? Also sucht sie auf den nächsten Doppelseiten nach Unterstützung. Der Hund als Assistent erweist sich nicht als hilfreich, auch der kleine Bruder – da gibt’s Windel-Alarm…
Alia, gezeichnet von Andrea Stegmaier in einer Art, die an Collagen erinnert – und vor allem in jedem Bild durch die einfachen und doch aussagekräftigten Blicke der handelnden Kinder beeindruckend, gibt niemals auf und … – ach, nein, das wird nicht verraten. Wobei, der Untertitel „Mission Freundschaft“ deutet doch schon einiges an. Vielleicht hilft keine Assistenz, sondern ein gleichberechtigtes Spiel auf Augenhöhe?
Plötzlich sieht Junus aus seiner intensiven Computerspielewelt, in der sich der Avatar seines Freundes Toni in einen Alien verwandelt einem leibhaftigen solchen gegenüber. Der noch dazu anfangs so aussieht wie er selbst, sozusagen ein Zwilling. Dabei hat er doch schon eine Zwillingsschwester namens (Am)Ela. Die beiden sind einander spinnefeind.
Soweit die Story auf den ersten Seiten von „Wer ist hier der Alien?“ Solo, wie Junus Arnautović den Außerirdischen nennt, der ihn bittet, ihn zu verstecken, hat zwar seine Erinnerungen verloren, aber er kann sich wunderbar anpassen – aussehens- und auch sprachmäßig.
Und so lässt Autorin Nina Bašović Brown, hin und wieder aufgelockert durch Schwarz-Weiß-Zeichnungen Julia Weinmanns, Junus plötzlich praktische Alltagslebenserfahrung sammeln, indem er sich intensiv darum kümmert, dass Solo überleben kann, wobei Cola ihm helfen, noch mehr aber pflanzliche Säfte. Die vor allem von Ela kommen, die bewusst keine toten Tiere ist, sich für Umweltschutz und gegen den Klimawandel engagiert. Was ihrem Bruder lange lächerlich vorkommt.
Umzudenken beginnt Junus erst, als sein Schützling, dem nach und nach seine Erinnerungen wieder kommen und der nun weiß, dass er Rux heißt, sich als technisch überlegen erweist und nicht verstehen kann, weshalb die Menschen dabei sind, ihren Heimatplaneten zu vernichten.
So nebenbei streut die Autorin auch noch ein, dass die Tonis Mutter ihrem Sohn die Freundschaft zu Junus verbieten will, weil der – mit bosnischen Vorfahren – gar kein richtiger Deutscher sei… Vor allem aber hat sie ein sehr flott zu lesendes 120-Seiten-Buch für Leser:innen – ab zehn Jahren angegeben, aber sicher auch schon Jüngere geeignet – verfasst. Und ihre kritischen Gedanken wunderbar eingebaut und nicht krampfhaft aufgesetzt.
Und natürlich findet Rux, der nun seinem Namen auch den das „Solo“ hinzufügt, sein Rückreisegerät wieder und genauso klar ist, dass Ela nun nicht mehr allein für die Rettung der Erde kämpft…
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