Impressionen vom 13. Integrationsfestival „Von Kabul bis Wien“ in Wien-Brigittenau – noch bis Sonntagabend; rund 150 Fotos, zwei Videos.
+Auf mehreren Feldern kicken Fußballer um den Turniersieg, in der Halle laufen gleichzeitig nebeneinander Volleyball-Matches ab. Gegen Abend räumen die Sportler:innen drinnen die Plätze für Musiker:innen. Fußball gespielt wird aber nicht nur wettkampfmäßig. Viel Spaß haben vor allem junge und jüngste Kinder in einem Feld, das von einem riesigen Aufblas-Schlauch umgrenzt ist.
Ansonsten sind Grenzen das Gegenteil des – mittlerweile – 13. Integrationsfestivals „Von Kabul bis Wien“, organisiert vom Verein „Neuer Start“, seit einigen Jahren auf dem großen ASKÖ-Sportareal in der Brigittenauer Hopsagasse (Wien, 20. Bezirk). Manche der Fußballvereine tragen ihre Botschaft sogar im Team-Namen, so spielen unter anderem „Kicker ohne Grenzen“. Sind Trikots zu wenig unterscheidbar, so zieht ein Team orangefarbene Über-Leibern an auf denen „United for Inclusion“ steht.
Gleich nach dem Eingang können Kinder, so manche zum allerersten Mal, auf ein Skateboard steigen – nur mit Helm, Knie- und Ellbogenschützer. Lina, die das schon ein anderes Mal hier ausprobiert hat, stellt sich besonders geschickt an.
Unter einem großen Holzdach reihen sich Infotische aneinander – vom Verein „neuer Start“, der zum bereits 13. Mal dieses Integrationsfestival der afghanischen Community „Von Kabul bis Wien“ organisiert über Wiens Frauenhäuser, einen Textildrucker aus Baden mit teils witzigen Sprüchen, das lokale Jugendzentrum Base 20 bis zur Österreich-Abteilung des Weltverbandes der Hazara, einer in Afghanistan seit „ewig“ verfolgten Volksgruppe. Auf einem Tisch liegen viele unterschiedliche Bücher in Dari, darunter auch gut erkennbar Disney-Geschichten – „die Muttersprache ist die kommunikative Sprache zwischen zwei Generationen“ steht dazu auf einem Banner dahinter.
An einem der Info-Tische sitzt der Schauspieler Bagher Ahmadi, der schon als kleines Kind in Afghanistan Schauspieler werden wollte und seinen Traum – nach teils lebensbedrohlichen Hürden – in Wien an der MuK (Musik- und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien) verwirklichen konnte. In zahlreichen Theater- und Filmproduktionen hat er mittlerweile bereits gespielt. Und seine Lebensgeschichte – auf Deutsch und Englisch – als (Hör-)Bücher herausgebracht – KiJuKu berichtete; Links dazu unten am Ende des Beitrages.
Auf Tischen davor können Kinder Schmuck basteln, malen, Schach spielen oder sich schminken lassen, einige haben sich für besonders schöne Schmetterlinge (Parvane auf Dari, und wie KiJuKu von einer arabischsprachigen Familie am ersten Tag des Festivals heuer lernte: Farasha) in ihren Gesichtern entschieden – siehe Fotos.
Natürlich dürfen auch traditionelle Speisen wie Bolani (gefüllte Teigtaschen) und Getränke wie Ayran oder Tee nicht fehlen – die Begegnungen, Gespräche und Austausch nicht nur innerhalb der afghanischen Community, sondern eben darüber hinaus auch kulinarisch fördern.
Das Sport- und Kulturfest ist aber „nur“ sichtbarer Höhepunkt einer ganzjährigen sozialarbeiterischen, sportpädagogischen und gemeinwesen-orientierten Arbeit des Vereins „Neuer Start“, wie dessen Geschäftsführer, Shokat Walizadeh, immer wieder sagt und schreibt. „Als Refugee Community Organisation engagiert sich der Verein seit 2010 für nachhaltige Integration, soziale Teilhabe und Chancengleichheit.“
Das ganze Jahr über organisiert der Verein Bildungs-, Beratungs-, Sport- und Begegnungsangebote für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Allein im Jahr 2025 konnten durch das Engagement eines Teams, das zu rund 87 Prozent ehrenamtlich arbeitet, insgesamt
• mehr als 10.000 Kontakte durch Projekte, Veranstaltungen und Beratungsangebote erreicht werden,
• mehr als 150 Personen regelmäßig an den Vereinsangeboten teilnehmen, sowie wöchtenlich
• durchschnittlich 27 Jugendliche das Jugend*Cafe besuchen,
• durchschnittlich 17 Männer am Männer*Cafe teilnehmen,
• durchschnittlich 12 Mädchen das Mädchen*Cafe besuchen,
• mehr als 45 Personen regelmäßig Sportangebote nutzen,
• mehr als 60 Kinder den Muttersprachenunterricht besuchen,
• zahlreiche Familien-, Jugend- und Elternberatungen durchgeführt werden; außerdem wurden
• internationale Erasmus+-Projekte erfolgreich umgesetzt.
„Diese – vor allem ehrenamtliche – Arbeit schafft aber weit mehr als Freizeitangebote: Sie stärkt soziale Teilhabe, fördert Integration, verhindert Ausgrenzung und wirkt präventiv gegen gesellschaftliche Konflikte“, sagt der schon genannte Geschäftsführer – und Projektleiter. Shokat Walizadeh weiter: „Unsere präventive sozialarbeiterische Arbeit stärkt den gesellschaftlichen Zusammenhalt und trägt dazu bei, kostenintensive Maßnahmen im Zwangskontext zu vermeiden. Investitionen in Prävention, Integration und Partizipation entlasten langfristig soziale Einrichtungen, Behörden und die Justiz.“
… sieht Refugee Community Organisationen als unverzichtbare Partner einer zukunftsorientierten Integrationspolitik. „Menschen mit eigener Flucht- und Migrationserfahrung, die heute als Sozialarbeiter, Sozialpädagog:innen, Trainer:innen oder Berater:innen tätig sind, verfügen über einennbesonderen Zugang zu den Zielgruppen und genießen großes Vertrauen in den Communities. Dieses fachliche Know-how sollte stärker in die Entwicklung und Umsetzung integrations- und sozialpolitischer Maßnahmen einbezogen werden. Eine langfristige Zusammenarbeit zwischen Politik, Verwaltung und Community-Organisationen würde nicht nur die Qualität präventiver Sozialarbeit verbessern, sondern auch öffentliche Ressourcen effizienter einsetzen“, so Walizadeh. „Neuer Start“ versteht sich aber „nicht als Ersatz staatlicher Strukturen, sondern als kompetente Partnerorganisation der öffentlichen Hand. Gemeinsam können Menschen früher erreicht, Vertrauen aufgebaut und nachhaltige Präventionsarbeit geleistet werden“, so das Herz und der Motor dieses Integrationsfestivals. Der übrigens seit einigen Jahren ein T-Shirt trägt, auf dessen Rücken in Rot „Baraabari“, das Dari-Wort für Gleichheit und in schwarzer Schrift schwarz dazu steht: „Gleichberechtigung – Das Patriarchat schafft sich nicht von selbst ab!“
13. Integrationsfestival des Sport- und Kulturvereins „Neuer Start“ unter dem Motto: „Demokratie, Teilhabe und Gleichberechtigung“
Fußball- und Volleyball-Turnier, Musik, Tanz, Kindeschminken, malen, Schach, Skateboard-Ausprobieren, viele Infostände, Essen und Trinken
Noch Sonntag, 5. Juli 2026
Bis 19 Uhr
ASKÖ-Sportanlage & Sporthalle Brigittenau
1200, Hopsagasse 5 und 7
Neuer Start –> 13. Integrationsfestival
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