Das geniale Stück „Streik der Diebe“ nach einem Film-Exposé von Jura Soyfer als humorvolles, tiefsinniges Musical im Theater Forum Schwechat.
„Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“ Bert Brechts provokant-sarkastische rhetorische Frage aus der Dreigroschenoper (mit Musik von Kurt Weill) aus dem Jahr 1928 schwebt – unausgesprochen – über dem rund 2½-stündigen (eine Pause) humorvollen, tiefsinnigen, kurzweiligen Musical „Streik der Diebe“. Seit Kurzem – und bis 22. Mai 2026 – ist dies im Theater Forum Schwechat (wenige Gehminuten von der S-Bahn-Station entfernt) zu erleben.
Kürzest gefasst die Grundstory: Einbrecher knacken den Bank-Tresor – er ist leer. Ebenso der Safe im Haus des Bankdirektors. Doch in der Zeitung müssen sie danach lesen, dass die Versicherung eine Milliarde für das gestohlene Geld bezahlt habe. Selbst bei Taschendiebstählen: Reihenweise leere Geldbörsen.
Die Diebe, gut gewerkschaftlich organisiert, beschließen: Wir streiken:
Folge: Das gesamte Wirtschaftssystem bricht zusammen – Polizei hat nichts mehr zu tun, keine Aufträge für die Sicherheitsindustrie, die Zeitung hat nichts mehr an Chronikalem zu berichten…
Jury Soyfer, der scharfsinnige und so ironisch-witzige Autor, geboren in Charkiw, aufgewachsen in Wien und so jung im Nazi-KZ Buchenwald an lagerbedingter Krankheit gestorben (1912 – 1939), hatte (1936 / 37) ein knapp zehnseitiges Film-Exposé dieses Titels verfasst. Vor einem halben Jahrzehnt schrieb Georg Mittendrein, der 1983 in Wien das Jura Soyfer Theater gegründet hatte, Regisseur und Intendant an verschiedenen Häusern in Österreich und Deutschland war, eine komplette rund 150-seitige Posse für die Georg Herrnstadt (nicht zuletzt bekannt von der Polit-Rockband „Die Schmetterlinge“) rund ein Dutzend Songs komponierte. Die beiden waren übrigens bei der Premiere.
Und nun hat das genannte Theater es als flottes Musical im Sinne der Erfinder inszeniert (erstmals in einer Doppelregie – Amy Parteli und Manuela Seidl; letztere künstlerische Leiterin des Forums Schwechat). Einige der Figuren – Mittendrein hatte es für 28 Schauspieler:innen geschrieben – fielen natürlich weg. Aber einige der acht Darsteller:innen übernehmen dennoch mehrere Rollen. So verwandelt sich etwa Nina Dafert vom Einbrecher-Lehrling Toni kurzfristig bei einem Sekt-Empfang mit Bankdirektor Kessler (Johannes Kemetter) zu Innenminister Faustl, gibt des Weiteren Redaktionssekretärin Elli sowie die Wirtin des Gasthauses „Grüner Heinrich“, wo sich der DDDDD – Dachverband der Diebe und deren Damen – trifft.
Die Musik wird übrigens live gespielt – Gabor Rivo, der für dieses Theater schon oft die musikalische Leitung übernommen hat, arrangierte auch für den Streik der Diebe die Nummern des Komponisten, haute selber mit vollem (Körper-)Einsatz auf die Tasten des Klaviers; Tibor Kövesdi spielte neben ihm den Kontrabass. Die Lieder werden nicht nur gesungen, sondern sehr oft auch musical-like getanzt (Choreografie von den beiden Regisseurinnen, die auch das Bühnenkonzept ausgedacht haben).
Wobei besonders auffällig die Nummer des Diebes-Kopfes, Hans Hupka (Leon Lembert) über Flieder, ist. Mit solchem wartet er auf die Dame seines Herzens, Lilian Kessler, Tochter des Bankdirektors. Wobei weder sie noch er wissen, wer sie wirklich sind. Bei einer Autopanne Hupkas erweisen sich zwei Frauen als kompetent hilfreich. Kessler (Christiane Burghofer) stellt sich als Lisbeth Rögner vor. Er als Hans West, selbstständiger Gewerbetreibender. Gesellschaftsreporterin Elsa Eilig (Gudrun Liemberger), die beste Freundin von Lilian alias Lisbeth, wird als Melanie präsentiert.
Ja, Liebesgeschichten, und zwar ziemlich verzwickte, die geheim bleiben müssen, spielen in dem „Gauner-Musical“ eine große Rolle.
Während Hupka den Flieder – in dem Fall die Blumen – besingt, tanzen zunächst „nur“ die Arme der anderen Darsteller:innen von der Seite hinter Vorhängen mit solchen Sträußen ins Geschehen.
Eine zweite Choreo fällt besonders auf: Zum Geklapper des Tippens von Chefredakteur Lallmeier (David Kieber) auf einer uralten – das Stück ist in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts angesiedelt – Schreibmaschine, steppen Reporterin und Sekretärin im entsprechenden Takt – oder umgekehrt. Die Streichung des Redaktionslehrlings aus den Figuren führt allerdings zum schrägen Moment, dass – zwecks des Reims – die drei von „vier im Abend-Courier“ singen.
Allzu viel aus der Story samt ihren Verwicklungen sei natürlich nicht verraten, soll doch die Spannung für jene, die sie nicht kennen, bis zu einem lohnenswerten Theaterbesuch aufrecht erhalten bleiben. Aber selbst jene, die den Text kennen sollten, erleben einen vergnüglichen Abend.
Nur so viel, die Diebe treten eben in den Streik, sorgen auch für dessen lückenloses Einhalten, stellen Forderungen – in einem Brief dessen Veröffentlichung sie von der Zeitung verlangen. In dem heißt es am Ende unter anderem: „PS: Andere notleidende Berufe werden amtlicherseits unterstützt. Für uns geschieht nichts. Daher fordern wir außer den genannten Punkten die Subventionierung des Ausbildungssystems für unseren Nachwuchs, um unserer gesellschaftsstabilisierenden Funktion auch weiterhin in vollem Umfange nachkommen zu können.“
Und das System bricht wirklich zusammen, auch die Zeitung wird dünner und dünner, kleiner und kleiner, aber wie’s ausgeht … – selber schauen und hören!
Jura Soyfers genialer Dreh, Wirtschaftskrise aus der Sicht der Diebe auf- und anzugreifen, setzt mit Perspektivenwechsel auf Mechanismen, die manche Blicke schärfen. Ein Element, das beispielsweise Stereotypen wunderbar demaskiert wie etwa Irmtraut Morgeners „Kaffee verkehrt“ im „Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz…“, wo sie unter anderem schrieb: „„Als neulich unsere Frauenbrigade im Espresso am Alex Kapuziner trank, betrat ein Mann das Etablissement, der meinen Augen wohltat. Ich pfiff also eine Tonleiter rauf und runter und sah mir den Herrn an, auch rauf und runter. Als er an unserem Tisch vorbeiging, sagte ich „Donnerwetter“…“
Vielleicht auch als Gegenstück zu dem doch rechte macho-haften Gehabe der Männer im „Streik der Diebe“ gegenüber Frauen. Noch dazu, wo gerade sie Autopanne, die Frauen schon als di Auskennerinnen agieren. Und die „leichte“ Dame Rosi (Sandra Högl) von zahlungsunwilligen Kunden erzählen muss.
Übrigens: Mercurius, auf Deutsch Merkur – römisches Gegenstück zu Hermes in der griechischen Mythologie – gilt als Gott der Händler und Diebe! Und wurde in den romanischen Sprachen Namensgeber für Mittwoch (mercoledì /Italienisch, mercredi /Französisch, miércoles /Spanisch, miercuri /Rumänsich), der Tag an dem in Schwechat die Premiere stattgefunden hat;)
Autor: Georg Mittendrein nach einem Film-Exposé von Jura Soyfer
Musik: Georg Herrnstadt
Regie, Bühne, Choreographie: Amy Parteli und Manuela Seidl
Darsteller:innen
Meisterdieb Hans Hupka: Leon Lembert
Lilian Kessler, Tochter des Bankdirektors: Christiane Burghofer
Tresorknacker Pepi Alibi / Besitzki, Belegschaftsvertreter in der Bank: David Nagl
Chefredakteur Lallmeier / Versicherungs-Chef Meininger: David Kieber
„Dame“ Rosa: Sandra Högl
Gesellschaftsreporterin Elsa Eilig: Gudrun Liemberger
Einbrecher-Lehrling Toni / Wirtin / Minister Faustl / Redaktionssekretärin Elli: Nina Dafert
Bankdirektor Kessler: Johannes Kemetter
Musikalische Leitung und Arrangements: Gabor Rivo
Kontrabass: Tibor Kövesdi (in zwei Vorstellungen: Andy Mayerl)
Kostüme: Katharina Kappert
Technische Leitung: Werner Ramschak, Matthias Rott
Bühnenbau: Yara Legat, Julia Veres, Werner Ramschak, Daniel Truttmann
Regie-Assistenz: Natasha Orrell
Bis 23. Mai 2026
Theater Forum Schwechat
2320, Ehrenbrunngasse 24
(keine ¼ Stunde Gehweg von der S-Bahn-Station Schwechat; Achtung bei der Rückfahrt; derzeit – bis Ende Mai – letzter Zug: 22.56 Uhr
Telefon: 01 707 82 72
karten@forumschwechat.com
Theater Forum Schwechat –> Streik der Diebe
Streik der Diebe
Ein Filmexposé von Jura Soyfer sowie eine Posse von Georg Mittendrein mit Liedern von Georg Herrnstadt
Ca. 150 Seiten
24 €
marsyas.at –> streik-der-diebe
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