Faszinierende, magische Bilder erschafft der Zirkuskünstler, Puppenspieler und irgendwie auch Clown – ohne roter Nase – Jesús Velasco Otero von der Gruppe Xampatito Pato mit seinen kleinen und großen Figuren bzw. einzelnen Körperteilen solcher, vor allem Köpfe und Hände.
Ob lebensgroße Puppen aus Stoff, hölzerne Gliederpuppen, die er auf Drehtellern tanzen oder an Seilen klettern lässt. Oder Köpfe, die Jonglierbälle ausspucken, sechs Hände, die er per Füße-Pedale bedient, um mit seinen eigenen Händen und diesen künstlichen Armen hin und her zu jonglieren …
Ob meisterhaft perfekt oder kunstvoll und exakt vorgeblich zu scheitern wie bei einer der beiden lebensgroßen Stoff-Puppen, die er ab einem gewissen Zeitpunkt in sich zusammensinken lässt – um ihre „Bewegungen“ nachzuahmen… das Gastspiel aus Spanien beim internationalen Theaterfestival für junges Publikum spleen*graz begeisterte durch sein handwerkliches Geschick, das staunen lässt. Dazu würzt der Künstler immer wieder auch mit humorvollen Elementen, vor allem Blicken und Gesten oder überraschenden Einlagen – etwa an einer Bilderwand, durch die er seinen Kopf steckt und im Rhythmus der Musik die Münder von Figuren bewegt.
Und dennoch hat sein wortloses Stück „Compaña“ noch eine traurige Komponente: Da werkt einer in höchster Perfektion, um sich so etwas wie Gefährt:innen, Begleiter:innen zu erschaffen, um seine Einsamkeit zu überwinden. Aber gleichzeitig vermittelt er damit wiederum die Faszination, mit Kreativität und viel Übung, andere hochwertig zu unterhalten.
Compliance-Hinweis: Das Festival spleen*graz hat Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr … für drei Tage zur Berichterstattung nach Graz eingeladen.
Die ersten ausgelassenen Lacher erntet die jüngste Premiere für Kinder des Linzer Landestheaters in den Kammerspielen noch beim geschlossenen, edlen, samt wirkenden roten Vorhang. Aus dem Off ertönen Werbesprüche die eindeutig schon zum Stück gehören: „Dieses Ereignis wird Ihnen präsentiert von Matschis süßem Kribbel-Schleim… Kommt oben in die Öffnung rein!… Kann bei „übermäßigem Konsum“ zu unangenehmem Völlegefühl, Übelkeit und Magendruck ohne erlösendes Erbrechen führen… Weiterhin wird Ihnen dieses Ereignis präsentiert von Köttelspeiers Rülpskompott… Kaum gerochen, schon erbrochen!…“
Rülpsen und Furzen zieht allemal. Doch die Sprüche – wie der Großteil des gesamten einstündigen Stücks in Reimen – ertönen selbstironisch und spielen damit schon mit Schein und Sein. „Der fabelhafte Die“, verfasst vom deutschen Schauspieler, Regisseur und Erfolgsautor junger Stücke Sergej Gößner ist in einem zirkus-artigen Setting angesiedelt und jongliert mit Rollen, Identitäten und vielen Wechseln und Wandlungen. Ein, nein DAS Ur-Ding des Theaters an sich: In (andere) Rollen und Geschichten schlüpfen!
Zwei bunt gekleidete und geschminkte clowneske Figuren stürmen links und rechts neben den Sitzreihen die Tribüne hinunter zur Bühne, die dritte Figur schwebt in einem großen leuchtenden Ring aus dem Zirkushimmel hernieder (Bühne und Kostüme: Anne Horny). Die drei Figuren vom Stück und im Programmheft – auf der Bühne jedoch so nie aus- oder angesprochen – tragen jeweils nur einen Buchstaben als Rollennamen: W (Levi R. Kuhr), I (Jakob Schmölzer) und R (Alexandra Diana Nedel) – unschwer als ein Gemeinsames zu erkennen. Alle drei spielen jeweils mehrere Figuren:
W: DIE / eine der klassischen Zirkusfiguren als der stärkste Mann der Welt / einen Jungen namens Ben sowie Fisch Kim namens Barsch;
I: Ente Klaus, den alle nicht zuletzt aufgrund seines Kostüms für einen Schwan halten und Frau Zahn sowie Verein fürs Richtgsein
R: F. Meyer-Schmitt / das aufgeweckte Mädchen Ayla, ein Vetterlein und ebenfalls vom Verein fürs Richtgsein.
So verwirrend das aufs Erste klingen mag, so lustvoll und spielfreudig wechseln die Figuren ihre Rollen, spielen Szenen, die immer wieder zum Lachen anregen. Aber auch zu mehr. Denn das Stück selbst (Regie in Linz: Swaantje Lena Kleff) bricht auch noch in sich mit vermeintlichen Rollenzuschreibungen: „Hinter all den Muskeln, tief in der behaarten Brust / schlug ein musisch talentiertes Herz“ beim stärksten Mann der Welt.
Seine Hobbies: Socken stopfen, Fashion und blonde Locken. Doch das muss er lange verbergen, tanzen doch die beiden anderen mit großen Maßbändern und Linealen an als Leute vom „Verein fürs Richtigsein“, um Normen zu vermessen.
Während Mädchen spätestens seit Pippi Langstrumpf stark sein dürfen, ist es für Buben und Männer noch immer – und in jüngster Zeit erst recht wieder erneut – schwierig, sich offen sanft und fürsorglich zu zeigen. Da hilft zunächst nicht einmal die Ermutigung, dass dem stärksten Mann der Welt doch egal sein könne, was die anderen sagen. Aber natürlich gibt’s in diesem Erzählstrang ein mutiges Outing und nichts da mit den einschränkenden Vorschriften. Und wird dennoch auch wieder relativiert: Alles inszeniert und einstudiert 😉
Der Stücktitel kommt gegen Ende direkt ins Spiel. Was ist mit Herrn F Punkt Meyer-Schmitt? „Vielleicht arbeiten die zwei inzwischen zu dritt… oder er als Schaufensterpuppe … und ganz vielleicht, man weiß ja nie, nennt er sich inzwischen Die. Und fabelhaft obendrein…“
Um gleich danach in weiteren Reimen wieder gebrochen zu werden: „Das kann nur erfunden sein. Bei aller Liebe zur Fantasie. Das ist Quatsch. Das macht er nie…“ Und gleich nochmals eine Wendung… – aber die wird jetzt hier nicht gespoilert.
Jedenfalls ein kurz(weilig)es Fest fantasievoller Wort-, Bilder- und Rollenspiele das dank des mitreißenden Schauspiels und der teils ohrwurmtauglichen Reime – samt Musikalität (Musik und Sounddesign: Ludwig Peter Müller) vielleicht noch zum „weiterspinnen“ animiert. Apropos Spinnen – die kommen – textlich – auch recht witzig vor: „I bzw. Ente Klaus: „Was mich an Spinnen stört / Ist, dass man sie schlichtweg nicht hört“ 😉
Ein mit weißen Klebebändern klar abgegrenztes eher kleines rechteckiges „Spielfeld“ auf der großen Bühne, ein kleiner Tisch mit einem Glas und einer Schüssel nahe einer der hinteren Ecken, außerhalb zwei kleine Vierecke links und rechts neben dem größeren. Niemand da, Musik tönt aus einem Radio. Schön langsam beginnt das Publikum unruhig zu werden. Da klopft es an der Tür. Wird zunächst ignoriert, dann öffnet doch eine Theatermitarbeiterin.
Der Performer, ein wenig schüchtern und verkrampft wirkend, geht auf das Spielfeld zu, erst ins kleine Viereck – wie in einen Vorraum – bevor er das Wohnzimmer betritt. Erste Aktion: Etienne Manceau – so der Name des Performers der Gruppe Sacékripa aus Frankreich rückt das Glas ein ganz kleines bisschen zur Seite. Dann verlässt er das „Zimmer“ über das zweite kleine Vierecke, auf dem er die Schuhe abputzt.
Erster Eindruck: ein ungeheurer Zwangler.
Und das verfestigt der wortlose Akteur der „Vu“ (gesehen) auch konzipiert hat. Aber was er daraus macht! Präzise kleine Kettenreaktionen. Das Glas musste er verschieben, damit ein Stück Würfelzucker, das er auf einen herbeigeholten Wasserkocherdeckelt legt, sobald der sich ein wenig hebt, mit Schwung genau ins Glas hüpft. Ein Löffelchen, das er später auf das Glas quer drüber legt, fällt nur durch kräftiges auf den Tisch hauen rein.
Diese, ähnliche sowie ganz andere Kunststücke vollführt der Künstler seit rund 13 Jahren weltweit. Nun gastiert di Gruppe erstmals in Wien, im Rahmen des On The Edge-Festivals für experimentelle Zirkuskunst. Beim nunmehrigen sechsten Festival brachten die Organisator:innen erstmals auch ein Stück für Kinder nach Wien, das noch am Samstag, 15. November – siehe Info-Box – im Dschungel Wien zu erleben ist.
Etienne Manceau (dramaturgische Beratung: Sylvain Cousin; Bühnendesign: Guillaume Roudot; Produktion: Manon Durieux) agiert praktisch immer auf engstem Raum, meist nur auf dem kleinen Tisch, hinter dem er auf einer Art Zwergerl-Klappsessel sitzt, den er natürlich auch erst fast umständlich kunstfertig aufklappt.
Würfelzucker zersägen, ein Streichholz über Blasrohr entzünden – was auch immer, alles erledigt der Performer auf komplizierteste und extrem staunenswerte Art, das meist noch dazu in Slow Motion oder gar Superzeitlupe. Rund eine Stunde – doch um einige Minuten zu lang, Kinder beginne bei der Premiere unruhig zu werden – dauert der Miniatur-Zirkusauftritt, immer wieder auch überraschend. Viel darf nicht hergezeigt werden, die wenigen Fotos sind die einzigen, die veröffentlicht werden dürfen, wenngleich auf der Homepage der Gruppe selber doch ein bisschen mehr zu sehen ist.
Eine Wand aus 25 Übersiedlungskartons in den Farben zwischen grau bis grünlich steht am Beginn einsam im Hintergrund der Bühne auf dem weißen Tanzboden. Die Performerin mit Headset neben dem Techno-Musik-Pult. Es steht die Eröffnung des sechstens Festivals für experimentelle Zirkuskunst On The Edge (Am Rande) an. „Zirkus? Ja. Aber nicht so wie du denkst“, lautet das Motto des Festivals.
Und das bestätigt sich gleich einmal. Die Performerin ist nicht im knappen Glitzerkleidchen und es folgen keine hals- und beinbrecherischen Sprünge. Am Beginn steht noch nicht einmal die Geschichte selber, die in dieser ¾ Stunde mit Worten, Bewegungen und eingeblendeten Fotos bzw. Video-Ausschnitten erzählt wird. Verena Schneider startet mit der Erzählung des Making of von „Go fishing“, mit der das diesjährige, bereits sechste Festival eröffnet wurde.
Das Festival und sein künstlerischer Leiter Arne Mannott wollten eine Eigenproduktion und das mit einem gesellschaftspolitischen Hintergrund. Die Zirkuskünstlerin Irene Bento aus der einst berühmten Dynastie des Lorch-Zirkusses, ihr Leben, ihr Überleben offen versteckt im Zirkus Althoff sollten Inhalt der Performance sein.
Schon vor 30 Jahren wurde der Fernsehfilm des WDR (Westdeutscher Rundfunk) „Zuflucht im Zirkus – Die Artistin und ihr Retter“ (Drehbuch: Ingeborg Prior, Regie: Micha Terjung, Kamera: Gerald Schlaffke ausgestrahlt, Prior veröffentliche zwei Jahre danach ds gedruckte Buch „Der Clown und die Zirkusreiterin“ über Irene Bento aus der Dynastie des eins weltberühmten Zirkus Lorch. Und dennoch scheint die Geschichte (wieder) in Vergessenheit geraten zu sein, nicht einmal im Wiener Circus- und Clownmuseum findet sich dazu etwas.
Schon 1930 musste der aufgrund des zunehmenden Antisemitismus in Deutschland als Unternehmen aufgeben, die Artist:innen wurden von anderen Zirkussen engagiert. In ihrem Heimatort Eschollbrücken, einem kleinen Ort nahe von Pfungstadt, wo der Zirkus Lorch sein Winterquartier hatte, erlebte Irene als Schulmädchen am eignen Leib die stärker werdenden Anfeindungen als Jüdin. Nach und nach wollte niemand mehr aus ihrer Klasse etwas mit ihr zu tun haben.
Und es wurde ärger, die Faschisten verhafteten am 7. März 1943 einen Teil der Familie, darunter Irenes geliebte Großmutter Sessi, verfrachteten sie ins Konzentrationslager Auschwitz wo die Oma, die Onkeln Arthur, Eugen und Rudolph ermordet wurden.
Irene selbst hatte das Glück im Zirkus Althoff aufgenommen zu werden, mit ihr auch ihre Schwester Gerda und noch zwei Verwandte. Die Althoffs entschieden sich bewusst, die Zirkuskünstler:innen, die ihnen auch viel für die Programme ihrer Shows brachte, aufzunehmen und damit ihnen das Leben zu retten. Da die Nazis ständig in jedem der Orte der Zirkustouren nach Jüd:innen suchten, mussten die Bentos – aber auch die Althoffs als deren Beschützer:innen – immer zittern. Drohte Gefahr, so klopfte der Zirkusboss meist himself am Zirkuswagen der Bentos an mit den Worten: „Ihr müsst wieder mal fischen gehen“, erinnert sich Irene Bento in der erwähnten TV-Dokumentation.
Und daraus formten Arne Mannott vom Festival und als Ideengeber und dramaturgischer Begleiter des neuen Zirkusstücks, Dorothea Zeyringer als künstlerische Leiteirn des projekts und Regisseurin den Titel „Go fishing“, offenbar nachdem schon das Festival einen englischen Titel hat – und auch international gedacht und angelegt ist, heuer sogar mit einem Symposium und Vernetzungstreffen unter dem Titel „I wanna circus with you“.
Zeyringer fuhr nach Eschollbrücken, wo sie vor allem von Renate Dreesen, die mit dem Arbeitskreis ehemalige Synagoge Pfungstadt 2002 die erste Ausstellung über diese Geschichte in der einstigen und nunmehrigen wieder Heimatstadt der Bentos organisiert hatte, aus der in der Folge auch eine Dauer-Schau im örtlichen Museum wurde. Wobei Irene, wie sie in dem Film sagt, kaum mehr in die Stadt gegangen ist, weil sie Angst hatte, vielen Menschen ins Gesicht zu sagen, was und wie sie ihr als Kind mit der Ausgrenzung und dem Hass weh getan haben. Einen besonders krassen Fall musste sie einige Jahre später bei der Geburt ihres ersten Kindes – noch in der Nazizeit – erleben. Als der Arzt erfuhr, dass sie Jüdin ist, behandelte er sie medizinisch dermaßen arg, dass sie später nie wieder als Artistin auftreten konnte.
Wie das Team zu den Informationen gekommen ist, wie die beiden schon Genannten gemeinsam mit der Performerin Verena Schneider und Gammon, dem Musiker und Gestalter der Videos gemeinsam den Abend entwickelten ist im ersten Teil vor und mit den Karton-Boxen zu hören, sehen und erleben. Die „Mauer“ wird unter anderem zur rettenden Trennwand im Zirkuswagen, hinter der sie sich versteckten, wenn’s ganz eng wurde, die einzelnen Elemente zu Archiv-Boxen, aus denen die Performerin symbolisch ganz wenige Teile hervorholt. Ihre Gänge dazwischen vollführt sie oft im Handstand auf und rund um die Kartons, mitunter mit Überschlägen und anderen akrobatischen Nummern. Zu guter Letzt formt sie aus allen 25 Kartons das Manegenrund. Das noch dazu als gemeinsamer Kreis auch für den Zusammenhalt stehen könnte.
„Go fishing“ erzählte aber nicht nur mit kleinen, wichtigen Mosaiksteinchen die Geschichte, sondern spricht dezidiert, aber nicht platt und aufgesetzt das Thema Solidarität – auch in der Gegenwart an. Und gegen Ende tanzt Verena Schneider durch die neue Manege in einem gemeinsamen artistischen Duett mit der gedachten Irene Bento, die neben Kunststücken auf Pferden auch Seiltänzerin, Akrobatin in Menschenpyramiden, einfach vielseitige Artistin war. Die Musik schwebt wie eine weitere unsichtbare Artistin – nicht nur über der beschriebenen Szene, sondern als fast ständiges Moment, das die Atmosphäre des gerade erzählten untermalt, verstärkt, weitere Assoziationen dazu eröffnet.
Zum Nachgespräch am Eröffnungsabend war unter anderem die schon genannte Renate Dreesen nach Wien angereist, die ihre Arbeit vor allem als Beitrag gegen Antisemitismus und Rassismus versteht. Ebenfalls zur Gesprächsrunde mit Regisseurin und Performerin angereist war einer der Enkel Irene Bentos, Davids Storms, der viele Erinnerungen an seine Oma einbringen konnte.
Mobile kennt fast jedes Kind – und damit nahezu alle. Mehrere Gegenstände, die an Schnüren, mitunter auch an hölzernen kleinen Balken hängen und sich nur durch den Luftzug bewegen. Schauen, staunen, irgendwie zur Ruhe kommen.
„Mobile“ nennt Jörg Möller eines seiner Zirkusprogramme, sein ältestes mit dem er noch immer tourt. Vor nunmehr 31 Jahren hat er damit sein Zirkuskunst-Studium am Centre National des Arts du Cirque im französischen Châlons-en-Champagne abgeschlossen.
Wenn das – im Kreis sitzende – Publikum beim sechsten On The Edge-Festival für experimentellen Zirkus in den Raum im Theater am Werk / Kabelwerk kommt, sieht es fünf glänzende Metallstangen, die an Drahtseilen von der Decke hängen.
Irgendwann betritt auch der Artist den Raum, nähert sich den – noch zusammengebundenen – Stangen an, klemmt seinen Kopf zwischen einige der Drahtseile und beginnt sie auseinander zu schubsen. Langsam, sanft setzt er sie in Bewegungen, gibt der einen oder anderen oder allen immer wieder neue Richtungen.
Die Stangen scheinen zu schweben, dann wieder wild zu fliegen, mal rundum, dann hin und her. Dann tanzt der Zirkuskünstler zwischen den hängenden, sich bewegenden Hindernissen hindurch. Spielt mit ihnen Fangen. Irgendwie ist es wie Jonglieren in der Waagrechten.
Irgendwann, ungefähr im letzten Viertel der kurzen nicht einmal halbstündigen fesselnden Show verwandelt er die Stangen, die er ständig in Bewegung hält, auch in Klanginstrumente. Vor allem mittels der beiden Zeigefinger, die er zu Beginn mit Bändern stark verlängert hat. Von leichten Berührungen bis kräftiges Klopfen reicht sein Instrumentarium.
Selbst 31 Jahre nach der Erfindung seiner Performance schafft Müller mit dieser verspielten, durchchoreografierten, exakt getimten und doch so fluffig leicht wirkenden Show das Publikum so zu faszinieren, wie die Windspiele es bei den meisten Kindern tun.
Allzu viel darf und soll natürlich nicht verraten werden, lebt das abendliche Halloween-Special doch auch von Überraschungen, natürlich mit Gruselfaktor. Zwei Tagen nach der Premiere von „Circus Archetypus“, einer durchaus auch mit Ängsten – aus dem Unbewussten – spielenden Figuren-Theater-Performance mit Live-Musik im Schubert Theater (Wien-Alsergrund, 9. Bezirk), Stückbesprechung unten am Ende des Beitrages verlinkt, lädt das Circus- und Clownmuseum in der Leopoldstadt (2. Bezirk) beim Praterstern zur lust- und humorvollen Bearbeitung von „Coulrophobia“ ein. So heißt nicht nur das an drei Abenden laufende Programm zu Halloween (Details in der Info-Box am Ende). Das ist auch der Fachbegriff für die Angst vor Clowns, dazu etwas später.
Clownerie und Zauberkunst packen die Brüder Swatosch und ihre Söhne in Nummern, die einen mitunter ordentlich reißen, wie Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… bei einem Probenbesuch am Vorabend der diesjährigen Premiere erleben durfte. Kopf in Kiste, Messer von links und rechts und noch dazu von oben durch … Natürlich, so viel darf wohl gespoilert werden, ohne Schrammen. „Aber angenehm ist’s nicht“, so Liam Fool, alias Andreas Swatosch zum Probenbesucher.
Wieder mit im Programm sehr aktiv der Jüngste der Fools Brothers, Ju Fool oder vielmehr Julian Swatosch. Der Elfjährige hat im Sommer Jonglieren gelernt, auch schon mit Keulen, was er immer wieder so zwischendurch und nebenbei übend vorzeigt. Er verleiht der tiefen, englischsprachigen Ansage mit der Warnung vor dem Grusel aus dem Off Mimik, Gestik und Körperhaltung im Scheinwerferlicht. Die aufgenommene Stimme gehört übrigens dem als „Anarcho-Clown“ international bekannt gewordenen Jango Edwards, der vor zwei Jahren verstorben ist und im Jahr davor hier im Circus- und Clownmuseum seinen letzten öffentlichen Auftritt hatte. Bei diesem Hatte Julian, damals acht Jahre, die ganz junge Version Jangos verkörpert. „Ju Fool“, der auch schon ein eigenes Programm hat, zeichnet sich aber auch bei der probe durch ständiges Mitdenken mit Tipps aus. Und meldet sich sofort, als die Frage auftaucht, wer bringt bei der Kerzennummer den Tisch auf die Bühne, „dann spiel ich auch den Assistenten“.
Im zweiten Teil des Abends nach der Pause wird unter anderem zu einer „Therapie“ gegen die Titel-gebende Angst vor Clownerie geladen. Coulrophobia wird meist darauf zurückgeführt, dass durch die starke Schminke die wahren Gesichtszüge nicht erkennbar sind, und damit nicht gedeutet werden kann, was die Clownin / der Clown im Schilde führt. Und, das muss wohl auch zugegeben werden, es gibt natürlich wie in jedem Beruf so auch in diesem solche, die ihre Kunst nicht besonders gut können und dies dann oft mit übertriebener Lautstärke und billigen Tricks zu überspielen versuchen. Was wirklich Angst erzeugen kann.
Die „Therapie“ im Circus- und Clownmuseum erhebt natürlich keinen wirklich therapeutischen Anspruch, sondern arbeitet eben mit clownesken Mitteln, die zum Lachen bringen.
Ein Kind, das – seinen Eltern zufolge – zu viele quasselt, steht am Beginn einer der Dutzenden Erfolgsstücke von Alan Ayckbourn, „Das Geheimnis der verzauberten Stimme“. Dann verliert das Mädchen – in der ursprünglichen Übersetzung Mariakron Perking, nun im großen Haus des Theaters der Jugend Tia Maria Perkins – tagelang ihre Stimme. Nach vielen Tabletten und Säften wacht sie mehr als eine Woche später eines Morgens mit einer voll tiefen Männerstimme auf. Beim Versuch, diese loszuwerden, kommt aus ihrem Mund Töne einer eher piepsigen Bauchredepuppe. Und natürlich endet alles gut.
Die Hauptfigur steht vor der großen Herausforderung, außer in den Anfangs- und Schluss-Szenen ganz ohne Stimme spielen zu müssen – das erfordert von ihr -und dem Sound-Team exaktes Timing, aufeinander in Sekundenbruchteilen zu achten. Die Schauspielerin, die nicht ganz 30-jährige Charlotte Zorell, verkörpert das Mädchen mit den „Stimmproblemen“ überragend, verleiht den unterschiedlichen Phasen das entsprechende Gehabe zwischen damit „reden“ und es weitgehend vermeiden wollen bzw. jeweils zu Beginn das überraschte Entsetzen. Hier sei auch das ganze Ton-Team genannt: Matthias Kaczmarczyk, Michael Hammerstiel, Roland Maurer, Gregor Morawek, Melanie Rácz und Maurice Wiederin.
„Charly“, wie die Schauspielerin von der Szene genannt wird, bringt – neben ihrer Ausbildung im DiverCITYLAB – und schauspielerischen Erfahrung mit familiärer Prägung, eine kräftige clowneske Note ins Spiel. Mit dieser „kommentiert“ sie so manche sie nervenden Situationen und setzt Komik als Widerstandselement ein.
Letztere durchziehen auch viele andere Szenen und Figuren, besonders zu nennen sind dabei jene auf der Polizei-Station – Uwe Achilles als Inspektor, Jonas Graber und Stefan Rosenthal als untergebene Wachmänner. Selbstironische „Amtshandlungen“, oft vor allem in Filmen gesehen, und doch hier nicht zum Überdruss gespielt. Der zuletzt Geannnte gibt übrigens auch eine sehr gekonnte Bauchrede-Puppe. Etliche Augenblicke ist gar nicht klar, ob bei diesem Ronny nicht Kostüm und Maske (Kostümbildnerin Almasa Jerlagić) „nur“ eine besonders täuschend echte Puppe gelungen ist.
Wobei noch unbedingt zu erwähnen ist, dass alle außer Charlotte Zorell in mehrere Rollen schlüpfen, allen voran Benita Martins, die sich in mehr als einem halben Dutzend Charakteren als besonders wandlungsfähig erweist, besonders witzig als Frau Banister mit Hund Dodo, wo sie fast mit ihrem kuscheligen Stofftier zu einem Wesen verschmilzt.
Die Erzählrolle mit Zwischentexten über den Fortgang der Geschichte übernehmen übrigens zu Beginn alle neun Schauspieler:innen im Chor und in der Folge immer wieder andere, die kurzfristig aus ihrem Charakter aussteigen. Sophie Aujesky als Tia Marias Mutter sowie eine Passantin, Frank Engelhardt als ihr Ehemann und Vater der unfreiwilligen Stimmwandlerin, vor allem aber als Mafiaboss für Arme im windigen Stimmentauschladen, Christian Graf und Rafael Schuchter beide jeweils in einem halben Dutzend Rollen sorgen für vielseitige Facetten des kurzweiligen zweistündigen Theater-Nachmittags.
Besonders wandlungsfähig ist auch die Drehbühne (Karl Fehringer und Judith Leikauf), wozu nicht zuletzt die verblüffend aus 2D-Auto-Vorder- und Rückteil „gezauberte“ Stretch-Limousine zählt.
Übrigens, der schon erwähnte Uwe Achilles, der neben dem leitenden Polizei-Inspektor als mehrfacher Streitschlichter auch noch den Chauffeur des sich selbst als größten Opernsänger fühlenden großzügigen Enzo Grandioso (Schuchter) und weitere kleinere Figuren spielt, war schon vor fast zwei Jahrzehnten in der damaligen Version von „Das Geheimnis der verzauberten Stimme“ auf der Theater-der-Jugend-Bühne, als Mr. Perkins, Tia Marias Vater.
Wiedergeburt ist die aus dem Französischen kommende Bedeutung von Renaissance. So heißt auch das Theater in der Wiener Neubaugasse. Wieder gespielt werden so im Abstand von rund eineinhalb Jahrzehnte so manche Erfolgsstücke – in neuen Inszenierungen – diesfalls Nicole Claudia Weber – mit weitestgehend neuen Schauspieler:innen.
Die Botschaft des Autors und auch jeder Inszenierung liegt klarerweise auf der Hand: Kindern eine Stimme geben – auch wenn meist verabsäumt wird, dass auf Kinder achten nicht unbedingt nur hören meinen muss; auch Gehörlose (Kinder) können mit Gebärden ihre Gedanken und Anliegen zum Ausdruck bringen! Aber wie „Charly“ als Tia Maria Perkins am Schluss – der hier sicher nicht gespoilert wird – gemeinsam ausschließlich mit den Kindern im Publikum in einem kürzesten Satz Kinderrechte zum Ausdruck bringt, berührt Herzen und Sinne.
Musiktheater, Artistik und Clownerie verschmelzen im Zirkuszelt, das auf dem Gelände des Wiener Eislaufvereins am Heumarkt aufgebaut ist, zu einer spannenden, teils atemberaubenden, mit Poesie gewürzten Show: „Cagliostro – Johann Strauss im Zirkuszelt“, eine der vielen durchaus ungewöhnlichen Produktionen im Jubiläumsjahr, das dem Komponisten gewidmet ist, der vor 200 Jahren geboren wurde (lebte bis 1899).
Von ihm stammt auch eine Operette, die sich um den Titelhelden, der Giuseppe Balsamo hieß, aus Palermo stammte und sich Alessandro Graf Cagliostro nannte. Während er in Strauss‘ Werk (Libretto: Camillo Walzel und Richard Genée), in Wien in geheimer Mission durch Intrigen eine Adelshochzeit verhindern soll, ist die aktuelle Show direkt mit dem Ort der Aufführung verknüpft.
Thomas Brezina hat sich die Geschichte einfallen lassen und auch die Liedtexte verfasst. Dieser Cagliostro (Thomas Borchert) will den Zirkus von Madame Sophie (Eva Maria Marold) ist hier Zauberer und – wie auch sein echtes Vorbild – Trickser. Er wickelt alle um seine magischen Finger, verspricht der Direktorin eine Verjüngungskur. Während ihr Sohn Severin (Josef Ellers) gern den Zirkus erneuern und übernehmen möchte, macht sie ihn einfach nur runter. Er könne gar nix…
Der Gast, dem (fast) alle zujubeln, selbst Severins Freundin von Kindertagen an, Emilia (Sophia Gorgi) fällt auf ihn rein, gibt vor, den nicht mehr so toll frequentierten Zirkus kaufen zu wollen. Die einzigen, die das falsche Spiel des Stars durchschauen sind die Clowns (Clemens Matzka, Reinhold G. Moritz, OriolO)…
Zwischen Schauspiel, Gesang – untermalt von einer toll aufspielenden Band (Leitung: Gabor Rivo), die Strauss-Nummern, neu komponiert und arrangiert von Johnny Bertl, mitunter im Pop-Format, mitunter im Pop-Format – und humorvollen Auftritten der Clowns, zeigen Artistinnen und Artisten des Circus Roncalli Trapez- und andere akrobatische Kunststücke, die sie sehr oft leicht bis schwebend erscheinen lassen. Zu den Highlights gehören unter anderem Lea Toran Jenner & Francis Perreault als Duo Unity in, auf und mit dem Cyr Wheel (sozusagen ein halbes Rhönrad) in und mit dem sie herzhaft tanzen. Svetlana Wottschel turnt in luftiger Höhe mit zwei Hälften einer Kugel und vollführt Akrobatik, die nur staunen lässt. Jose Alejandro Vanegas & Michael Ricardo Daza Vanegas laufen und springen außen und innen auf den beiden breiten Metallreifen, dem Todesrad – und das ganz ohne Sicherung.
Zirkus im Doppelpack. Als Clown mit buntem Hemd und orangefarbenen Crocs stets auf der Jagd nach Beifall aus dem Publikum, das er dazu immer wieder, teils massiv, animiert zeigt Philippe Ducasse in „Ah Bah Bravo!“ Kunststücke wie Jonglieren mit bis zu fünf Bällen, balanciert einen langen dünnen Stock, den einige Kinder im Publikum zunächst für einen Riesen-Zauberstab halten, sogar im Handstand mit seinen Füßen und einen Hulla Hoop-Reifen rund um seinen weit nach hinten gestreckten Po.
Was bei der Kultursommer-Wien-Bühne am Nordwestbahnhof (warum vom Mortarapark in den beiden vergangenen Jahren, den die lokale Bevölkerung ohnehin gut besuchte, abgegangen wurde, war nicht wirklich in Erfahrung zu bringen) nicht beim ersten, und nicht einmal beim zweiten Versuch, sondern erst im dritten Anlauf klappte.
Aber so ist live nun einmal – oder war’s sogar geplant. In so manche Zirkusarena dieser Welt gehen hin und wieder Tricks zunächst bewusst schief, um die Schwierigkeit erst recht zu unterstreichen.
Im Hintergrund auf der Bühne selbst hängt schon ein – ganz unüblich – schwarzer Vorhang und die – noch nicht leuchtende – Schrift „Pupa Circi“ (Zirkuspuppe oder Puppen-Zirkus). Ein solcher löst den eben beschriebenen akrobatischen Clown-Auftritt – oder clownesken Akrobatik-Act ab.
Michael Pöllmann, Leiter des Marionetten Theaters Schwandorf (Deutschland) führt den frech dreinschauenden Igel Riccio Ricci an Fäden an einem Holzkreuz in die „Manege auf der Bühne“. Der – nicht der Puppenspieler, sondern der Igel – bleibt nicht der einzige, wenngleich alle kommenden Figuren auch ihre Solo-Auftritte haben. Riesen-Stoffschlang Agatha Magnolia erobert praktisch die gesamte Bühne, Stinkwanze Stepolino wandert an den Fäden gar durch die Publikumsreihen, während Adelheid, die rosa spinnenbeinige Königin der Lüfte geschickt als Seiltänzerin balanciert.
Die ungewöhnlichste der Figuren – alle erdacht, entworfen und geschickt und bespielbar gebaut von Scarlett Köfner – ist eine Geige namens Ann-Sophie. Die Musik dazu spielt allerdings eine solche aus Fleisch und Blut: Johanna Kugler live in einer Ecke der Bühne sitzend – und nicht nur während des Auftritts der Marionetten-Geige, die übrigens noch eine kleine Baby-Geige aus ihrem Umhang hervor„zaubert“.
Die Live-Musik erfolgt im Duo – neben der Geigerin sitzt Bläser Daniel Moser, der abwechselnd Saxofon, Bass-Klarinette und Holz-Querflöte spielt.
Gut ein Dutzend unterschiedlicher Körbe sind das zentrale verwandelbare Material (Bühne & Kostüme: Salha Fraidl) dieses gespielten und musizierten fantasievollen kindlichen Spiels. So wie Kinder aus Sesseln, Schüsseln, Pölstern, Sesseln, Decken oder was immer sie zur Hand haben ihre eigenen Welten bauen, so entführen Katharina Schwärzer und Amedeo Miori das (sehr junge) Publikum in einen Zauberwald. In „Wenn Schnecken hausen“ verwandeln die beiden die Körbe verschiedener Größen, Formen, Farben werden nach und nach zu einem Baum, manche zu Ameisen- oder Käfer-Köpfen, und einige von ihnen auch zu einem Schneckenhaus.
Die beiden Bühnenkünstler:innen arbeiten neben Schauspiel viel mit fast tänzerischen Bewegungen, Musik – Katharina Schwärzer spielt Ukulele, Gitarre, Geige, ihr Kollege am Ende gar mit einer ziemlich großen Marimba, einer Verwandten des Xylophons. Und mit zwei Sprachen – Deutsch und Italienisch. Und das funktioniert wunderbar, vor allem bei den Kindern, weil ohnehin durch das Spiel immer ziemlich klar ausgedrückt wird, was auch sprachlich gemeint ist. Amedeo Miori, der vom Zirkus kommt (Circo Paniko) bringt auch ein paar Jonglage- und Balance-Kunststückerln mit ins Spiel – und ein Eichhörnchen als Handpuppe. Die beiden haben das Stück gemeinsam mit Laura Nöbauer und Uschi Oberleiter, Co-Direktorinnen des Jungen Tiroler Landestheaters entwickelt. Die beiden zuletzt Genannten sind für Regie und Dramaturgie von „Wenn Schnecken hausen“ zuständig.
Wie in einer Art lebendig gewordenem Wimmelbuch gibt es eine Stunde lang – für manche der jüngeren Kinder doch ein bisschen zu lang – viele zu schauen, zu hören, zu entdecken. Welches Tier könnte das nun sein, das da mit einer Art Irokesenfrisur, Reifrock und Art Federboa aufkreuzt? „Und Käfer, welche Arten kennt ihr denn?“, werden etwa die Kinder gefragt. Neugier wird nicht zuletzt durch einen irgendwo zwischen dem Publikum auftauchenden kleinen alten Köfferchen geweckt, das ein großes Geheimnis umweht.
Das mobile Stück für schon sehr junges Publikum tourt vor allem durch Kindergärten des besagten Bundeslandes, aber auch im benachbarten Südtirol (Italien, womit die Zweisprachigkeit auf der Bühne noch einmal eine andere Bedeutung bekommt). Da es von der Jury des Stella, Theaterpreis für junges Publikum, als eine der herausragenden Produktionen für Kinder nominiert wurde, war es nun beim Festival in Kärnten, in diesem Fall im Bambergsaal in Villach zwei Mal zu sehen.
Compliance-Hinweis: Zur Berichterstattung vom Stella-Festival wurde KiJuKU.at von der ASSITEJ-Austria eingeladen.
Eine „Manege“ aus Lichtbändern, die ein Vieleck, fast einen Kreis ergeben. In diesem tanzt, springt, turnt Quim Girón vom zeitgenössischen Zirkus „Animal Religion“. Apropos Animal – nicht selten bewegt er sich auch tierisch fort, hüpft wie ein Hase oder Frosch, rutscht auf dem Bauch wie Robben, wenn sie aus dem Wasser aufs Eis springen…
Und er – sowie seien beiden Kollegen Jou Serra und Joan Cot Ros an den digitalen Musik- und Lichtpulten – versuchen in „… und die Ideen sprudeln“ sanft und unaufdringlich die rundum sitzenden Kinder ins Geschehen einzubeziehen. Zuerst mit Hilfe eines Mikrophons an einer langen Ton-Angel. Der Performer richtet damit das Mikro vor den Mund des einen oder anderen Kindes. Erst zaghaft und dann immer kräftiger kommen nach dem ersten viele „Hallo“s. Die vermixt Joan Cot Ros im Computer mit bei früheren ihrer bisherigen 139 Shows aufgenommenen „¡Hola!“, „Bon Jour“ und anderen Grüßen.
Quim Girón verwandelt die Ton-Angel danach in ein Zirkus-Gerät, jongliert sie auf Schultern, auf dem Kopf, lässt sie wirbeln und tanzen wie er es auch selber tut. Später „wachsen“ aus dieser Teleskopstange – nun ohne Mikro – glitzernde Lichtfäden. Mal leuchtet’s nur aus dem Loch, dann wuseln sie hervor, wandern und springen von Kopf zu Kopf im Publikum, werden zur Lockenpracht oder schweben als ein Mix aus Quallen und Oktopussen durch den Raum…
Zwischendurch wechselt Jou Serra bei jedem Publikumskontakt des Performers die Lichtfarbe.
Gegen Ende der halbstündigen Show holt der Performer eines der Kinder in die Manege. Jeder Schritt, jeder Hüpfer ein anderer Ton. Dann ein weiteres Kind und noch eines, bevor die beiden Kollegen an den Computern von denen aus sie Licht und Ton steuern, den Lichterkreis am Boden öffnen – als Einladung für alle. Wovon – bei der Vorstellung, die Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… besuchte – fast alle auch Gebrauch machten. Die einen zögerlich, die anderen gleich wilder. Kreuz und quer, im Kreis herum tanzten Kinder und ließen sich auf dieses Spiel von Bewegung, Licht und Ton ein.
Diese zuletzt genannte Drei-heit ist die Philosophie des Trios aus dem katalanischen Barcelona (Spanien), verraten sie im anschließenden Gespräch mit dem Journalisten. Seit gut zehn Jahren machen sie zeitgenössischen Zirkus. „Das ist aber unser erstes Programm für Kinder. Wir haben es 2019 entwickelt. Wir wurden zu einem Festival eingeladen, wo vor allem Künstler:innen, die bis dahin für Erwachsene Programm gemacht hatten, etwas für Kinder machen sollten.“
KiJuKU: Und wie sind Sie dann auf dieses Stück gekommen, was war der Ausgangspunkt?
Animal Religion: Zuerst einmal sind wir in viele Schulen und Kindergärten gegangen und haben mit den Kindern geredet und gespielt. Klar war für uns jedenfalls, wir wollen – wie immer – Licht, Ton/Klang/Musik und Körperbewegung miteinander verbinden. Aus den Workshops mit den Kindern hat sich diese Show entwickelt.
KiJuKU: Macht ihr neue Stücke für Kinder?
Animal Religion: ja, im März bringen wir ein neues Programm „to copy“ (kopieren) heraus, das ist aber für ältere Kinder, so acht bis 10 Jahre. Da geht’s um Tanz und es können die Kinder von Anfang an alle auf die Bühne kommen. Auch dafür waren wir schon und werden noch weiter in Schulen sein.
Zwischen dicht an dicht gedrängten Tischen, Kleiderständern, Schachteln und Kisten voller Spielzeug, Gewand, Schuhe und anderer Dinge auf dem fallweise hier in Neu St. Marx stattfindenden Flohmarkt den Weg zum großen Zelt von Circus Louis Knie gebahnt, kamen am ersten Oktobersonntag so ungefähr eine Stunde vor Vorstellungsbeginn Hunderte Kinder, vor allem mit ihren Müttern. 250 von ihnen brauchten keinen Eintritt zu bezahlen, sie waren vom Zirkus eingeladen.
Der zehnjährige Ivan übt sich als Nachwuchsclown und bringt mit seinen Grimassen die Umstehenden in der Warteschlange schon viel weiter vorne im eleganten in Rot gehaltenen Eingangszelt vor der Kordel ins große Manegen-Zelt um Lachen. Deutsch ist seine vierte Sprache, die er nun seit etwas mehr als einem Jahr lernt, aufgewachsen mit Ukrainisch und Russisch sowie Englisch, das er schon in Kyiw in der Schule lernte. „Ich kann sogar fünf Sprachen“, meldet sich die neben ihm Wartende Zoriana (6). Neben den eben genannten, „kann ich auch die Sprache meiner Katze Afina. Früher hat sie nur Miau gemacht, aber als ich mit ihr zu sprechen begonnen habe, hat sie auch viele andere Laute von sich gegeben und redet jetzt mit mir sehr viel. Wir verstehen uns gut.“
Sofia und Sascha, beide 11, sind aus einer Flüchtlingsunterkunft in Grünbach am Schneeberg zum Zirkusvormittag nach Wien angereist. Sie haben sich erst dort kennengelernt, denn Erstere ist aus Kyiw, Zweitere aus Dnipro. Sofia, ihre vierjährige Schwester Polina und Mutter Alona „freuen uns am meisten auf Clowns und Tiere. In der Ukraine waren wir schon oft im Zirkus.“
Die Besucher:innen, die in Österreich vor dem Krieg in der Ukraine Zuflucht gefunden hatten, meldeten sich an diesem Vormittag bei einem Tisch beim Eingang von Circus Louis Knie bei einer eleganten Frau mit herzhaftem Lachen, die ihre Namen auf einer Liste suchte. Irina Guda, Business-Lady und Austro-Ukrainierin seit 30 Jahren, hatte in der Community die Kunde von der Einladung verbreitet und den Vormittag organisiert. Den Anstoß gegeben hatte Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr…. Als beim Medientermin für das neue Gastspiel in Wien erwähnt wurde, dass etliche der Artist:innen aus der Ukraine stammen, bat KiJuKU, Interviews mit einigen der Künstler:innen führen zu dürfen, die mit ihrem Engagement immerhin dem Krieg entkommen können – Links dazu weiter unten. Und fragte den Manager Alfred Toth, ob es möglich wäre, geflüchtete Kinder und Jugendliche einzuladen, immerhin gibt es – die schon oben genannte Aktivistin, die im Vorjahr eine Donau-Schifffahrt für rund 500 Kinder und Familien organisiert hatte.
Im Zirkus selbst hatte übrigens auch die Organisatorin einen Überraschungs-Auftritt: Auf einem der Pferde drehte sie – mit wehender blau-gelber ukraine-Fahne – zwei Runden in der Manege.
In Neu Marx, einige Gehminuten vom Media-Quarter, auf dem noch das große Logo der zu Tode gebrachten Wiener Zeitung prangt, stehen das große und einige kleinere Zelte von Circus Louis Knie, dahinter Wohnwägen, es riecht nach Pferden. Künstler:innen in Glitzerkostümen unterstreichen traditionelle Zirkus-Atmosphäre; bzw. unterstreichen sie. Clown Jimmy Folco sorgt für Späße, Moderation und sammelt einige der Artist:innen für die Fotos und Videos der Journalist:innen, die am Vortag der Premiere des Programms „It’s Showtime“ (1. September bis – vorläufig – 5. November 2023, Details siehe Info-Box am Ende des Beitrages) eingeladen worden sind.
Im Programm, das am 1. September 2023 Premiere hat, wird Jimmy aus italien – so die Ankündigung – neben Clownerie auch Jonglage, Zauberei und Akrobatik zeigen. Bis zu sieben glänzende große Hula-Hoop-Reifen lässt die aus Prag kommende Nicole Berousek an Armen, Beinen und Hals kreisen lassen. Außerdem wird sie mit Hunden auftreten.
Noch immer kommen viele Zirkusartist:innen aus Familien für die seit Generationen Manegen ihre Arbeitsplätze sind. Der Zirkusdirektor himself blickt auf 200 Jahre Circus Knie zurück. Ludmilla Valla-Bertini ist die Akrobatin in achter Generation. Sie liegt auf dem Rücken und lässt Tücher auf Füßen und Händen kreisend schweben.
Vioris Zoppis (22 Jahre) vollführt Spagat und noch krassere Kunststücke in luftiger Höhe. Er hat schon einen „Golden Clown“ beim internationalen Zirkusfestival von Monte Carlo gewonnen. Es wird nicht seine letzte Auszeichnung sein.
Neben traditionellen Nummern, zu denen auch Louis Knies klassischer Auftritt mit Pferden gehört, sorgen auch jungen BMX-Fahrer aus der Ukraine für atemberaubende Auftritte. Petro und Dima zeigten nicht nur rasante Schanzenfahrten, Sprünge auf dem Hinterrad auf selbst eine kleinste Plattform. Hin, her, kreuz und quer springt einer der Rad-Artisten über den auf dem Boden liegenden Kollegen. Und das unzählige Male.
Zirkus wird (fast) immer mit Unterhaltung, Spaß und Witz verbunden. Doch es eine Reihe von (Bilderbuch-)Geschichten, in denen die eine oder der andere ganz dringend raus will aus der Manege und dem ganzen Rummel. Oder einfach „Nein“ sagt.
In diesem Fall ist es ein superkleines Pferdchen namens Otis, das Vorstellung für Vorstellung aus einer Kanone durch die Luft geschossen wird. Das reicht dem PE-O-En-Üpsilon. Eines Tages beschließt es, eine andere, weitere Flugbahn zu nehmen, um aus dem Zelt hinaus und jenseits des Zauns zu landen. Und dann Freiheit – UND Apfel.
Diesen Traum verwirklicht sich Otis tatsächlich. Nur, wie’s weitergeht nach der Landung, das war nicht eingeplant. Und natürlich folgen Überraschungen. Mit Rückschlägen. Auch frei und selbstständig durchs Leben zu gehen, traben, galoppieren ist nicht nur einfach.
Außerdem braucht’s noch mehr zu einer dann doch rund 90 Seiten starken Geschichte, auch wenn die nicht nur von der Story, sondern mindestens genauso von den kunterbunten Zeichnungen, von denen viele wie Wimmelbilder wirken, lebt. Und natürlich muss es ja noch eine Otilie geben, heißt das comicartige Bilderbuch doch „Otis und Otilie. Ein Pony zum Frühstück“.
Alsdann, diese Otilie ist eine ältere, farbenfrohe Frau, die Tiere allerdings nur in der Pfanne oder möglichst weit weg mag. Und genau dort landet Otis. Wird von ihr – zum Glück nicht verzehrt, aber mehrfach vor die Tür gesetzt.
Was aber – siehe Titel und wie damit zu erwarten war – nicht so bleibt. Schließlich findet Otilie, zu zweit frühstücken ist weniger allein…
Bunt, fröhlich, witzig sind nicht nur die Bilder von Nina Dulleck, sondern auch so manche ihrer Formulierungen, nicht zuletzt die ausgeschriebene Schreibweise für das kleine Pferd – wie sie hier schon im zweiten Absatz verwendet worden ist.
Tiere – früher eine der Attraktionen in Zirkussen -, treten heute ganz selten in Erscheinung. Eingezwängt in enge Käfige die meiste Zeit des Tages, kaum wirklich Auslauf. Und die Dressur-Nummern hatten in der Regel genauso wenig mit artgerechtem Leben von Elefanten, Raubkatzen und anderen Tieren zu tun.
In diesem Bilderbuch ist alles aber ganz anders. Denn hier wird der Zirkus ausschließlich von Tieren bevölkert – in der Manege, hinter den Kulissen und im Publikum sind nur Tiere – gezeichnet von Verena Lichtsinn – zu erleben.
Die such(t)en sich ihre Kunststücke – ob Jonglage, Akrobatik in luftiger Höhe, Gewichtheben oder Gedankenlesen – auch selbst aus. Die Ansagerin ist beispielsweise die bunt bebilderte Katze Dora Doro, übrigens Cousine der drei Doros – Michaela, Frank und Bernd. Alle drei – unterschiedliche Tiere – aus dem Heim, bauen eine tierische Pyramide (siehe Bild ganz oben).
Vielfältig sind nicht nur die vertretenen Tierarten – auf der ersten Innenseite (fast) vollständig aufgelistet, aber du kannst noch das eine oder andere nicht dort aufgezählte Tier in den bunten Bildern finden. So ganz nebenbei treten auch ein (fast) blinder Rehbock (Tarek) auf dem schwingenden Reifen und eine gehörlose Katze (Emma – gemeinsam mit Laya) auf.
Durch das Buch führt Puk, ein Hund, der unter anderem Scheinwerfer bedient und eben viel zu erzählen hat, das ihn Autor Dieter Böge schildern lässt.
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