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Kids spüren die Bewegungn des großen Steuerrades - mit dem aber schon lange nicht gelenkt wird
Kids spüren die Bewegungn des großen Steuerrades - mit dem aber schon lange nicht gelenkt wird
20.06.2022

Friedensfahrt auf der Donau/ Dunay/ Danube

Mehr als 500 Kinder und Jugendliche aus der Ukraine verbrachten bei einer privat organisierten Schifffahrt einen entspannten, fröhlichen Nachmittag an Bord eines Donauschiffs.

Lange Schlangen zwischen Schifffahrtszentrum bei der Wiener Reichsbrücke und MS Stadt Wien. MS steht für Motorschiff. Aus den ursprünglich geplanten rund 300 Fahrgästen wurden fast 600 – das oberste Limit, das dieses Ausflugsschiff auf der Donau aufnehmen kann. „Friedensfahrt auf der blauen Donau“, nannte die Organisatorin, die Austro-Ukrainerin Irina Guda, die Aktion für ukrainische Kinder und Jugendliche, die fast allesamt in den vergangenen drei Monaten Zuflucht in Österreich vor dem Krieg in ihrer Heimat gefunden haben.

Die allererste Schifffahrt

Für viele, etwa den fünfjährigen Daniil „ist es überhaupt meine allererste Fahrt auf einem Schiff“. „Wundervoll“, so sagt seine Mutter nach der Fahrt am frühen Sonntagabend. Da waren alle schon ziemlich geschlaucht, erschöpft vom bunten, vielfältigen Programm, den Eindrücken der Fahrt am Wasser – bis Klosterneuburg und zurück mit mehrmaligen Schleifen dazwischen – und der Sommerhitze knapp vor dem meteorologischen Beginn dieser Jahreszeit. Aufgrund der Verschiebung vom ursprünglich geplanten 12. Juni (Vatertag – in Österreich) auf den 19. Juni (Vatertag in der Ukraine) und damit auch einen Tag vor dem Weltflüchtlingstag konnte natürlich trotz Spaß- und Spielprogramm von vielen auch der Anlass ihres Aufenthalts in Österreich nicht wirklich ausgeblendet werden. Väter und Ehemänner fehlen, sind im Kriegseinsatz. Jeden Tag zittern, ob sie telefonisch, per SMS oder sonst irgendwie noch erreichbar sind.

Spiel und Spaß

Der Nachmittag an Bord soll und will die Kinder und Jugendlichen und ihre Mütter ein wenig von den Sorgen ablenken. Dafür hat die Organisatorin – unterstützt von einer Schar freiwilliger Helfer:innen ein umfangreiches Freizeitprogramm auf die Beine gestellt. Das reicht vom Zeichnen und Malen in Heften und Ausmalbüchern, bzw. mit Profifarben und Pinseln, bei dem Kinder vor allem blau-gelbe Hintergründe mal mit großen Friedenstauben, dann wieder mit Sonnenblumen, andere, die auf einem Laptop in einem Malprogramm zeichnen, deren Bilder über einen Beamer an eine der Schiffswände projiziert werden übers Knoten langer dünner Luftschlangen zu Tieren, Herzen, Blumen und mehr. Nicht zuletzt versetzt Zauberer Max Schneider – nicht nur die Kinder – in Erstaunen. Seine große Nummer: Er bringt einen Tisch zum Schweben.

Bewegte Unterhaltung

Schnurspringen auf einer freien Fläche am Schiffsheck gehört ebenso dazu wie ein kleiner Tanzkurs. Aus den Lautsprechern schallen die Klänge von „Stefania“, das ist jener Song mit dem Kalusha Orchestra den heurigen Eurovison-Songcontest gewonnen hat. Maria Riabushkina zeigt den tanzwilligen Kindern Moves vor, die gut dazu passen. Die 18-Jährige, die Anfang dieser Woche ihre mündliche Matura samt Präsentation ihrer VWA (vorwissenschaftliche Arbeit) über Musik und Emotion absolviert, lebt seit zehn Jahren in Österreich. Schon in Slawuditsch – in der Nähe von Tschernobyl – hatte sie da schon einige Jahre getanzt. Als Turniertänzerin (lateinamerikanische Tänze) erreichte sie mit Partnern schon Semifinali von Europa- und Weltmeisterschaften. In der Jugend-Weltrangliste haben sie sich in die Top 6 getanzt, erzählt sie in einem Interview Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr … „Jetzt tanz ich aber auch Comtemporary (zeitgenössisch), Afro und Dance Hall. Und ich unterrichte Kinder. Das mag ich gern.“ Was auch an Bord bei ihrer Lektion zu spüren ist.

Sorgen

Zu Sylvester, so berichtet sie weiter, sei sie bei Verwandten in ihrer ersten Heimat gewesen, „da war gar nichts zu merken von einem bevorstehenden Krieg. Außer einer Tante, die wir dann von der Grenze abgeholt haben, die jetzt bei uns wohnt, sind alle anderen Verwandten noch dort.“ Und sie in Angst um diese, „von meinem ersten Tanztrainer in der Ukraine hab ich schon seit zwei Monaten kein Lebenszeichnen vernommen“.

Online-Studium daheim und Schule hier

Eine der freiwilligen Helferin bei diesem Schiffs-Ausflug ist Lisa (18). Ich hab auf Facebook die Ankündigung von Irina gesehen, hab sie angeschrieben und angeboten, mitzuhelfen. Nun sitzt sie bei einer von zwei Stationen mit kleinen kurzen Sprachkursen. Ein paar bunt geschriebene Zettel mit Begrüßungs- und anderen Sätzen – auf Ukrainisch und Deutsch stehen da und laden Kinder ein, sie zu lesen und selber abzuschreiben. Sie selber ist mit ihrem kleinen Bruder da, der versucht, einen der langen dünnen Luftschlangen mit dem Mund aufzublasen. Beide sind im März nach Österreich geflüchtet und leben jetzt in Baden bei Wien. Wo sie auch Schulen besuchen. „Ich habe aber schon in der Ukraine zu studieren begonnen – auf Englisch – online studiere ich dort weiter. Ich muss jetzt dort Prüfungen ablegen und hier in der Schule. Ich lerne sozusagen in zwei Welten, was nicht gerade einfach ist.“ Außerdem lebt ihre ältere Schwester – mit eigener Familie – noch immer in Sjewjerodonezk, jener derzeit fast täglich in den Medien auftauchenden, heftig umkämpften Stadt.

Happy Birthday to …

Eine besondere gemeinsame Überraschung erlebten Aleksander und Artem. Die beiden wurden just am Tag der Bootsfahrt jeweils 13 Jahre. Der Eintritt in die Teen-Ager-Ära brachte sie kurzfristig in den Mittelpunkt mit dem viel kehlig gesungenen „Zum Geburtstag viel Glück…“ und einem Rucksack mit Geschenken.

Mehrsprachige Bücher

Apropos Geschenke – solche gab es am Ende der Schifffahrt für alle – ein Goodie-Bag unter anderem mit drei Büchern. Eines davon ist DER österreichische Kinderbuchklasser „Das kleine ich bin ich“ von Mira Lobe und Susi Weigel – in einer deutsch- und ukrainisch-sprachigen Sonderausgabe: „Malenka Ja – tse ja“, so der Titel in der zweiten Sprach, zur Verfügung gestellt von den Österreichischen Kinderfreunden. Die Edition 5Haus hat gar ihr geplantes broschürtes Heft auf Ukrainisch „Strauß, Schtrauß und Kaschan“ auf Hochdruck in der Produktion vorgezogen. Es ist ein Auszug aus den in diesem Verlag erschienenen Donau-Geschichten. Immerhin verbindet dieser Fluss, der in Österreich ja sogar besungen und betanzt wird, zehn Länder, darunter auch die Ukraine. „Vogel Strauß und Fledermaus“ ist eine der Gesichten aus dem 2. Buch „ASAGAN – Neue Geschichte(n) aus Wien“ und nicht – wie irrtümlich hier zuerst stand aus dem Donau-Buch – obwohl sie auch dorthin passen würde 😉

„Straus, Schtrauß und Kaschan“ zeigen die Kinder Evelina, Vlad und Vadim gemeinsam mit Magda und Wolfgang vom Verlag sowie die Checkerin des groß(artig)en Ausflugs Irina und ihr Ehemann Walter dem Reporter für – mehr als – ein Foto. Die beiden genannten sowie ein weiteres Buch auf Ukrainisch und Russisch halten bei der Goodie-Bag-Verteilung Alexander und Elisabeth in die Kamera.

Operngesang

Walzer, Opernarien und andere Lieder luden einige Erwachsene zum Tanzen ein. Miki Sojanov schmetterte ein herzhaftes „O Sole mio“ in die Runde, die siebensprachige Opernsängerin Anastasia Lapochkina (Ukrainisch, Russisch, Italienisch, Deutsch, Englisch, Spanisch und Kasachisch) stimmte nicht zuletzt die ukrainische Hymne an, die so manche der Erwachsenen kerzengrade stehen und mitsingen ließ und zu Tränen rührte.

Friedliches Meer

An Bord der MS Stadt Wien waren bei dieser Friedensfahrt auch einige Mitarbeiter:innen der großen Initiative „Mirno More – Friedensflotte“. Seit fast 30 Jahren segeln unter diesen Flaggen – mirno more ist ein alter dalmatinischer Seefahrergruß und heißt „friedliches Meer“ – Kinder und Jugendliche, um über sprachliche, nationale, religiöse und alle anderen Grenzen hinweg Zeichen des Miteinander zu setzen. Diesen Herbst will auch der 17-jährige Niki Scharner mitsegeln. Er ist einer der Söhne der schon genannten Organisatorin Irina. Eigentlich hatte der Vielfach-, aber vor allem malerisch Talentierte – Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr … hat öfter berichtet – seine Mutter durch einen eigenen Traum auf die Idee dieser Friedensfahrt auf der Donau gebracht. Mirno More wurde während der Kriege in Ex-Jugoslawien gegründet, um Kinder und Jugendliche zu vermitteln: Ein Segelboot kommt nur voran, wenn alle zusammenhelfen und dabei erleben, dass Vorurteile genau solche sind.

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