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Klaus Schwertner, Selin Sahinci, Thomas Baumgartner, Philippe Narval mit Transparent "Dieses Budget ist nicht barrierfrei!"
Klaus Schwertner, Selin Sahinci, Thomas Baumgartner, Philippe Narval mit Transparent "Dieses Budget ist nicht barrierfrei!"
13.04.2026

Ich möchte, dass mir wer eine Chance gibt…

Selbstvertreter:innen von Menschen mit Behinderung wollen gleichberechtigte Teilhabe; Budgets drohen, nicht barrierefrei zu werden; Sparen mit teuren Folgekosten, aber auch tatsächliches Sparpotenzial.

„Teurer kann man nicht sparen!“, brachte Klaus Schwertner, Wiener Caritas-Direktor, einige Kürzungen im Bereich von Menschen mit Behinderungen drastisch auf den Punkt. Seine Organisation sowie die Lebenshilfe hatten Montagvormittag zu einem Mediengespräch angesichts drohender Einsparungen in Sachen Inklusion beim kommenden Doppelbudget eingeladen; Motto auf einem Transparenz festgehalten: Dieses Budget ist nicht barrierefrei“. Zwischen ihm und Lebenshilfe-Generalsekretär Philippe Narval berichteten zwei Selbstvertretrer:innen aus der Praxis: Selin Sahinci aus Niederösterreich und Thomas Baumgartner aus Osttirol.

Selin Sahinci am Wort
Selin Sahinci am Wort

Abstempel Sonderschule

Von Selin Sahinci stammt das Zitat in der Überschrift dieses Beitrages. Die 21-Jährige will unbedingt eigen- und selbstständig für ihr Leben sorgen und sucht dringend nach einem Praktikumsplatz, um berufliche Arbeitserfahrung zu sammeln. Ihr „Manko“, als Absolventin einer Sonderschule, ist sie oft „abgestempelt“, bevor überhaupt ihre  Bewerbungen wirklich geprüft werden. „Laut Untersuchungen des Instituts für Höhere Studien (IHS) gelingt nur sechs Prozent der Jugendlichen, die eine Sonderschule absolviert haben, der direkte Einstieg in den Arbeitsmarkt. Die Antwort darauf kann nicht der Bau neuer Sonderschulen sein, wie ihn Oberösterreich plant“, untermauert Philippe Narval diese Erfahrung mit wissenschaftlichen Erkenntnissen.

Gewählt

„Trotz meiner Behinderung kann ich reden und bin freundlich“, schildert Sahinci, die von ihren Caritas-Mitklient:innen in Rannersdorf (bei Schwechat) zur Interessenvertreterin gewählt wurde, „weil ich Anregungen, Beschwerden und Wünsche von uns gut vorbringen und auch gut diskutieren kann“, wie sie Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… berichtet.

„Eine Firma, die Menschen wie mich beschäftigt, kann auch Geld durch Förderungen bekommen und an Ansehen gewinnen!“, ergänzt sie ihre Anliegen auf dem Podium des Mediengesprächs. Derzeit zittere sie, weil ihr in der Vorwoche von einem Möbelhaus versprochen wurde, sie wegen ihrer Bewerbung im Laufe dieser Woche anzurufen.

Thomas Baumgartner
Thomas Baumgartner

Maler

Thomas Baumgartner (59) malt – „seit 20 oder 30 Jahren. Zuerst hab ich in Werkstätten gearbeitet, dann durften wir das tun, was jeder gerne möchte, die einen tischlern, die anderen malen. Jetzt hab ich schon lange ein eigenes Atelier in Lienz (Kunstwerkstatt der Lebenshilfe) und male jeden Tag. Oft suche in nach Vorlagen im Internet. Ich hab auch schon viele Ausstellungen gehabt, die größte war bei der Documenta in Kassel (1997), aber auch in Wien und Amsterdam“, vertrauter KiJuKU.at an.

„Ich brauche schon auch Assistenz – vor allem beim Kontakt zu anderen Künstlern und beim Verkauf von Bildern“, meint er auf dem Podium. „Aber andere brauchen auch viel mehr Assistenz bei der Pflege. Wir Menschen mit Behinderung haben genauso Bedürfnisse zu wohnen und zu arbeiten wie andere auch!“, verweist er auf das Natürlichste der Welt. Das übrigens schon lange auch kein Gnadenakt mehr ist, sondern aufgrund der Behindertenkonvention (von der UNO vor 20 Jahren beschlossen, 2008 auch in Österreich in Kraft getreten) ein Recht.

Klaus Schwertner, Selin Sahinci, Thomas Baumgartner, Philippe Narval
Klaus Schwertner, Selin Sahinci, Thomas Baumgartner, Philippe Narval

Teures „Sparen“

Zurückkommend auf das Zitat vom Beginn des Beitrages „teurer kann man nicht sparen“: Das bezieht sich auf den Ausgleichstaxfonds (ATF) – das zentrale Finanzierungsinstrument zur beruflichen Inklusion.

Klaus Schwertner: „Die gute Nachricht lautet: Der ATF hat sich als sehr wirksames Instrument zur beruflichen Inklusion bewährt. Er finanziert u.a. 210 Projekte in ganz Österreich, in denen jährlich 110.000 Menschen erfolgreich auf ihrem Weg in Ausbildung und Arbeit unterstützt werden.

Die schlechte Nachricht: Die Bundesregierung hat für ihre Budgetzuschüsse zum ATF zwar zusätzliche Mittel in Aussicht gestellt. Diese sollen aber laut aktuellem Budgetpfad drastisch abnehmen. Die Folgen sind sozial und auch ökonomisch fatal – weil die Arbeitslosigkeit von Menschen mit Behinderungen ebenso steigen wird wie die damit verbundenen Folgekosten.“ Konkret drohen Kürzungen von 65 Millionen Euro in diesem Jahr auf nur mehr 15 Millionen im Jahr 2029, also auf weniger als ein Viertel.

„Gleichzeitig steigt der Bedarf. Die Bundesregierung sollte diese Kürzungen dringend zurücknehmen!“, so der Wiener Caritas-Direktor. „Die Arbeitsmarktsituation hat sich für Menschen mit Behinderung deutlich verschärft. Im Jänner 2026 ist deren Arbeitslosigkeit um 13,9 Prozent gestiegen. Die Armutsgefährdung liegt laut Statistik Austria bei 21,5 Prozent und damit deutlich höher als im Durchschnitt.“

Gleichzeitig Verschwendung

Für die Budgetnöte und damit Sparzwänge zeigen die Vertreter beider Organisationen durchaus Verständnis und weisen auch gar nicht auf andere Bereiche hin, wo gekürzt werden solle. Sie sehen gerade auch im Sektor Ausgaben rund um Behinderung großes Einsparpotenzial. „Wir leisten uns neun unterschiedliche Gesetze für Menschen mit Behinderungen – da könnten Millionen in der Bürokratie gespart werden. Die Weiterführung oder gar der Bau neuer Sonderschulen wie in Oberösterreich ist ein teures Parallelsystem“, so Philippe Narval von der Lebenshilfe. „Und der wirkt sich noch dazu nachträglich auf die schulische Inklusion aus“, ergänzt Schwertner von der Caritas.

Eingespart könnten, ja sollten, übrigens auch „Tausende Amtsarztstunden werden, wo bei lebenslangen Diagnosen immer wieder überprüft werden soll, ob der betreffende Mensch auch wirklich noch behindert ist“, so Narval.

Transparenz
Transparenz „Dieses Budget ist nciht barrierefrei!“

Folgekosten!

Er habe den Eindruck, Politikerinnen und Politiker seine im Panikmodus, rasch Sparmaßnahmen zu setzen – „ohne langfristige Konzepte und ohne die Folgekosten solcher Kürzungen zu berücksichtigen“, schloss Schwertner noch den Bogen zum „teuren sparen“.

Caritas und Lebenshilfe meinen außerdem: „Die anstehende Reform der Sozialhilfe bietet die Chance, diese Fehler in Zeiten steigender Preise und hoher Inflation zu korrigieren und eine bundesweit einheitliche und armutsfeste Sozialhilfe auf den Weg zu bringen.“

Klaus Schwertner, Selin Sahinci, Thomas Baumgartner, Philippe Narval
Klaus Schwertner, Selin Sahinci, Thomas Baumgartner, Philippe Narval

Lohn statt Taschengeld

Knapp 30.000 Menschen mit Behinderungen in Österreich arbeiten in Werkstätten für nur ein Taschengeld. „Wir brauchen endlich den politischen Willen, Menschen mit Behinderungen den Weg in echte, sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zu öffnen“, forderte Philippe Narval. „Dafür braucht es mehr Durchlässigkeit zwischen den Werkstätten und dem ersten Arbeitsmarkt sowie individuelle Begleitangebote – gerade für Menschen mit höherem Assistenzbedarf. Besonders dringend: Jugendliche mit Behinderungen brauchen maßgeschneiderte, personenzentrierte Qualifizierungen, die ihnen ermöglichen, selbstbestimmt zu leben und für einen fairen Lohn zu arbeiten“, so der lebenshilfe-Generalsekretär.

kijuku_heinz

Einer der drei Hauptpreisträger: Kurt Engleder
21.03.2026

Seelenritter