Zwei ganz unterschiedliche Ausstellungen über Aneignung von Räumen – künstlerisch gestalten – im MuMoK; und kreativ besetzen wie in der Arena – im Wien Museum.
Ein wenig wie Ecken einer überdimensionalen Schachtelstadt schaut ein Teil der neuen Ausstellung von Tolia Astakhishvili im MuMoK, dem Museum Moderner Kunst, im Wiener MuseumsQuartier aus (Details in de Info-Box am Ende). Nur weniger windschief wie die Häuser, die Kinder zum Beispiel viele Jahre in ihrer einwöchigen Kinderstadt „Rein ins Rathaus“ gebaut haben. Sondern glatt, scharfkantig, auch die Öffnungen für Türen und Fenster. Obwohl an einer Stelle ist eine solche Öffnung gar nicht so glatt. Und obwohl von der Dimension eher auf Kindergröße, ist jedenfalls gar nix bunt.
Aber Kind(er) ist schon einer, ja der zentrale Ansatzpunkt für „Figure of the Child“ (Gestalt des Kindes) der Ausstellung der georgischen Künstlerin, die sowohl in Tbilissi als auch in Berlin (Hauptstädte Georgiens bzw. Deutschlands) lebt und arbeitet. Wobei das trifft’s gar nicht. Auch Installation ist zu kurz gegriffen. Auf Einladung der MuMoK-Direktorin Fatima Hellberg verbrachte Tolia Astakhishvili die beiden vergangenen Monate viel Zeit in dem Museum, eignete sich die Räume sozusagen an. Ging neugierig auf
Entdeckungsreise und begann davon ausgehend Wände und Objekte zu bauen, viel zu zeichnen, andere Gegenstände und Bilder unterschiedlichster Künstler:innen aus der Sammlung des Museums auszusuchen und in die von ihr in den Räumen gebauten eigenen Räume zu platzieren, miteinander in Beziehung zu setzen. So schaut in einer Art White-Box (Hut / Hütte genannt) im vierten Untergeschoß – die eingangs beschriebene „Schachtelstadt“ steht – neben einem anderen „Rohbau“ im zweiten Untergeschoß – eine Picasso-Kopf-Skulptur (Bronzeguss von Fernande) auf Bilder zweier georgischer Künstlerinnen (Irma Gubeladze / Ohne Titel und Elene Chantladze / Ausgesetztes Neugeborenes).
Einige Wochen in denen Tolia Astakhishvili sich die Räume aneignend diese künstlerisch (um-)gestaltete – auch technische Einrichtungen wie Heizung, Lüftung usw. als Anregung aufgriff -, waren für Besucher:innen geöffnet. Im Format „Tolia Curriculum“ gab es Workshops, Lesungen, gemeinsames Arbeiten an Objekten. Offenbar aus einem der partizipativen Workshops mit Kindern steht – fast versteckt – hinter der überdimensionalen „Schachtelstadt“ eine Art – buntes – Puppenhaus.
Auf den beiden Ebenen – Kuratiert von der Direktorin gemeinsam mit Manuela Ammer und natürlich der Künstlerin selbst – gibt es viiiiiel zu entdecken, fast wie in einem dreidimensionalen Wimmelbild. In die Schau im vierten Untergeschoß geht’s durch einen mit roter Baustellenfolie abgedeckten Baustellen-Tunnel aus Holzträgern. Irgendwo öffnet sich dort dann ein Fenster auf ein gegenüberliegendes vermeintliches Badezimmer – auch im Bau? Oder bei näher kommender Betrachtung eher fast wie ein Abbruch eines solchen. Das steht nicht wenig ziemlich schmutziges Wasser drinnen. Auch wenn die Wände wieder eher fein säuberlich sind. Dafür hängen Rohre fast eher wahllos in diesem Raum im Raum. An anderer Stelle ein kleines Stiegenhaus, auf das geblickt werden, aus dem es aber keinen Ausgang – oder in das hinein es keinen Eingang gibt.
„Nein, es war keineswegs leicht, sich wirklich wie ein Kind in unvoreingenommener Neugier zu nähern“, gesteht Tolia Astakhishvili Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… zu. Als erwachsener Mensch, auch als vielleicht offenerer künstlerischer Mensch hast du schon so viel Bilder im Kopf. „Aber zwei kleine junge Hundwelpen haben mir ein bisschen geholfen, so lebendig, quirlig zu schauen, suchen und immer wieder das eine oder andere zu entdecken.“
Aneignung von Räumen in anderer Art – sogar gegen Widerstände und letztlich ge-räumt – das ist die Geschichte der Arena-Besetzung vor 50 Jahren. Eine – recht kleine – Ausstellung gibt es seit Kurzem im Wien Museum: „Arena Wien – Jedenfalls ist es Liebe!“
Am Ende der letzten der alternativen Vorstellungen im Rahmen der Wiener Festwochen im ehemaligen Auslandsschlachthof St. Marx in Wien-Erdberg, der danach abgerissen werden sollte, wurde dieser besetzt. Mehrere Monate lang fand kreatives, selbstverwaltet organisiert Kulturprogramm ebenso statt wie Workshops, viele Diskussionen und basisdemokratische Entscheidungsprozesse über das jeweilige weitere Vorgehen. Viele auch recht prominente Künstler:innen – auch aus dem Ausland (immer wieder genannt Leonard Cohen) – traten gratis auf.
Trotz großer, breiter Unterstützung ließ die Stadt Wien dennoch nach rund drei Monaten das Gelände räumen – und schleifen. Als – von so manchen „Arenaut:innen“ nicht gerade geschätzter Kompromiss wurde der – viel kleinere – ehemalige Inlandsschlachthof in der Nähe zur Verfügung gestellt. Der bis heute als Kulturzentrum Arena betrieben wird.
In der Folge der Besetzung kam es aber zu einer – verspäteten 68er-Aufburchs-Bewegung zu der unter anderem das ehemalige TGM in der Währinger Straße (Alsergrund; 9.Bezirk) und das Amerlinghaus (Neubau; 7. Bezirk) besetzt wurden und zu demokratischen, selbstverwalteten Kulturzentren, ersteres als WuK, zweitere durch Budgetmittel derzeit akut bedroht.
Erst jüngst, ausgerechnet am Eröffnungstag der Klima Biennale Wien, bei der sich praktisch alles um Nachhaltigkeit dreht, ließ die Wien Holding (Konzern mit ausgegliederten städtischen Unternehmen) den seit vielen Jahren von Initiativen bespielten Freiraum St. Marx, nicht weit entfernt von der bestehenden Arena, räumen. Auf dem Gelände will eines der Holding-Unternehmen eine Event-Halle errichten – lassen, von einem klarerweise auf Gewinn ausgerichteten Privatunternehmen.
mit Arbeiten von Vito Acconci, Zurab Astakhishvili, Aurel, Ştefan Bertalan, Karl Blossfeldt, Kaucyila Brooke, Veronica Brovall, Günter Brus, Elene Chantladze, James Ensor, Nan Goldin, Yaryna Fedoriv, Irma Gubeladze, Ull Hohn, Joe Jones, Paul Joostens, Louise Lawler, Charlotte Moorman & Nam June Paik, Dylan Peirce, Pablo Picasso, Charlotte Posenenske, Alexandra Ranner, James Richards, Irena Rosc, Medardo Rosso, Dieter Roth, Maka Sanadze, Stefan Wewerka, Heimo Zobernig
Kuratiert von Fatima Hellberg und Manuela Ammer
20. Juni bis 1. November 2026
MuMoK – Museum Moderner Kunst
Ebenen -2, -4
„Ausstellung in fünf Akten, in deren Mittelpunkt die gleichnamige Installation der Künstlerin, Aktivistin und Autorin Kate Millett aus dem Jahr 1972 steht. Als erste Neuerwerbung der Sammlung unter der neuen Leitung des mumok rückt sie den Akt des Betrachtens selbst in den Vordergrund – und fragt nicht nur danach, was zu sehen ist, sondern auch, aus welcher Perspektive wir es betrachten und auf welcher Seite des Werks wir uns befinden. Millett, eine der prägenden feministischen Stimmen ihrer Generation, glaubte an die Fähigkeit von Kunst, Momente intensiver, unmittelbarer Erfahrung zu erschaffen. Die Ausstellung stellt die Frage, was diese Vorstellung heute noch bedeutet.“
Kuratiert von Fatima Hellberg und Lukas Flygare
20. Juni 2026 bis 7. Februar 2027
Ebenen 4, 3, 2/2B, 0, -2B
Am Eröffnungstag, 20. Juni
freier Eintritt für beide Ausstellungen
14 bis 20 Uhr
1070, MuseumsQuartierWien
mumok.at –> tolia-astakhishvili
Kuratorin: Constanze C. Czutta
Kuratorische Begleitung: Peter Stuiber
Ausstellungsgestaltung: Cati Krüger
Ausstellungsproduktion: Gunda Achleitner
18. Juni – 27. September 2026
Wien Museum
1040, Karlsplatz 8
Telefon: 01 505 87 47 – 85173
wienmuseum.at –> arena
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