Zwei weniger bekannte sehr junge Figuren aus der antiken Ilias treffen als Gegner:innen im Bauch des trojanischen Pferdes aufeinander und … stellen das Konzept von Feindschaft in Frage.
Was aufs Erste vielleicht aussehen mag wie der Blick in ein riesiges Fass ist natürlich – der Stücktitel „Troja! Blinde Passagiere im trojanischen Pferd“ auf der Studiobühne des Linzer Landestheaters ist den Besucher:innen ja bekannt – das Innere des berühmten hölzernen trojanischen Pferdes. Die weltbekannte List der griechischen Angreifer auf die Stadt Troja. Zehn Jahre Kampf auf den Schlachtfeldern vor den Mauern der Stadt, dann unvermittelt erscheinender Abfahrt der 1186 Schiffe mit schwarzen Flaggen und als „Gast“-Geschenk für Gott Apollo und die Trojaner:innen das große Pferd. In dem sich griechische bewaffnete Krieger versteckt haben und heimlich nachts in der Stadt, wohin es gezogen wird, rausklettern, dort zu metzeln beginnen, Feuer legen, was die Schiffsbesatzungen sehen und zurückkehren…
Hundert-, ja wahrscheinlich weltweit Tausende Male wurde diese listige Heldentat, die angeblich Odysseus sich ausgedacht hatte, erzählt, besungen, auf Theaterbühnen und in Filmen gespielt. Das Linzer Landestheater spielt für junges Publikum eine doch ganz andere Geschichte: Im Inneren des Pferdes hat sich ein Mädchen versteckt – die Krieger dürfen es nicht sehen. Sie träumt davon, Heldin zu werden wie ihr Vorbild Achill. Sie nennt sich Briseis – nach dessen Sklavin, die darauf hofft, seine Ehefrau zu werden; andere Versionen berichten von der Liebe der beiden zueinander.
In der Stadt selber – von gegenüber der Bühne hinter den Zuschauer:innen beginnend – erspäht Spourgitis das Pferd, aber eigentlich will er aus der Stadtmauer raus an den Strand, endlich das Meer sehen. Was bisher aufgrund der Schlachten und der feindlichen Schiffe nicht möglich war. Da erblickt er, wie die Krieger sich aus einer geöffneten Klapper aus dem Bauch des Pferdes abseilen, versteckt sich und … versucht, als keiner mehr rauskommt, an ebendiesem Seil ins Innere des hölzernen Vierbeiners zu klettern.
Da trifft er natürlich auf Briseis. Die will mit ihrem Schwert sogleich endlich den ersten Feind erledigen. Der versteht nicht, wieso er ihr Feind sein soll, kennt er sie doch gar nicht. Außerdem unfair, er ist unbewaffnet. Einerseits will sie Heldin werden, andererseits findet sie das auch nicht ganz ok, meint aber, er könne sowieso nicht mit so einer Waffe umgehen.
Klick. Stopp. Ein Dritter taucht auf. Hermes, Gott für alles möglich vom Handel über Diebe bis zu Gymnastik und Bote, der Tote ins Jenseits befördert. Also, er hätt schon gern, dass mindesten einer der beiden Menschen stirbt, um seine Aufgabe erfüllen zu können.
Soweit die Ausgangs-Lage nach ein paar Minuten. Und nun entspinnt sich ein spannendes (Schau-)Spiel zwischen den beiden – Alexandra Diana Nedel als Briseis und
Vinzent Gebesmair als Spourgitis – im Pferd-Inneren sowie dem immer wieder auftauchenden „göttlichen“ Levi R. Kuhr. Natürlich – das ist zu erwarten und wurde schon eingangs hier verraten – zerbröselt die sinnlose Feindschaft zweier Menschen, die einander gerade erst zum ersten Mal begegnet sind. Aber nicht so leicht und vor allem nicht gleich. Da sind viele Szenen mit Spiel- und Sprachwitz, die auch die Entwicklung weg vom Feindbild gefühlsmäßig nachvollziehen lassen.
Obendrein gibt’s noch eine zweite Ebene. Das Trio erklären auch den Ausgangspunkt für den trojanischen Krieg – Paris und Helena – in dem sie in deren Rollen sowie die von Menalaos, Helenas Ehemann, schlüpfen. Aber die Story in zwei Versionen spielen – einmal wie sie in Griechenland, das andere Mal wie sie in Troja erzählt wird. Einmal als Raub, einmal als Love-Story.
Diese unterschiedlichen Sichtweisen und damit oft gegensätzlich gelesenen Wahrheiten kommen mehrfach in dem Stück vor, das Henner Kallmeyer geschrieben hat. Es wurde schon auf verschiedenen Bühnen vor allem Deutschlands (Uraufführung März 2023, Theater Kohlenpott) aber auch Italiens (Südtirol) und sogar in Klassenzimmern gespielt. In Linz hat Nele Neitzke, Leiterin der Sparte Junges Theater, Regie geführt. Die spielfreudige und rhythmische Inszenierung wird immer wieder von Musik untermalt / unterstrichen / begleitet (Musik und Dramaturgie: David Baldessari). Für das großartige Bühnenbild sowie die Kostüme sorgte Mona Hapke.
Gut, jetzt bringt sie ihn nicht um und er auch nicht sie – Hermes hat auch ihm ein Schwert verschafft – aber wie entkommen sie den sich bekriegenden Kämpfern in und vor der Stadt? Nun, alles wird nicht gespoilert. Ach ja, Held:innen sind sie jetzt beide, haben sie doch den Mut, die gewünschte, verordnete Feindschaft ihrer beiden Völker nicht weiterzuführen, sich gegen die Mehrheitsmeinung zu stellen. Oder wie der Autor Omar Khir Alanam sein jüngstes Buch nannte „Frieden ist unsere Superkraft“ – Buchbesprechung und Interview siehe Links unten.
von Henner Kallmeyer
ab 10 Jahren; eine Stunde
Inszenierung: Nele Neitzke
Briseis: Alexandra Diana Nedel
Spourgitis: Vinzent Gebesmair
Hermes: Levi R. Kuhr
Bühne und Kostüme: Mona Hapke
Musik und Dramaturgie: David Baldessari
Bis 21. Oktober 2026
Studiobühne des Linzer Landestheaters
danach bis 26. Mai 2027
Kammerspiele des Linzer Landestheaters
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