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Autor Omar Khir Alanam mit dem offenen Buch "Frieden ist unsere Superkraft"
Autor Omar Khir Alanam mit dem offenen Buch "Frieden ist unsere Superkraft"
23.09.2026

Will Leser:innen spüren lassen statt zu erklären

Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… traf den Autor des Kindersachbuchs „Frieden ist unsere Superkraft“ zum Gespräch.

Vor rund einem Monat ist „Frieden ist unsere Superkraft“ von Omar Khir Alanam erschienen (sein erstes Kinderbuch) – Buchbesprechung schon länger online, Link dazu am Ende des Beitrages. Kürzlich traf KiJuKU.at den Grazer Autor bei einem seiner Wien-Aufenthalte. Und der wechselte vom anfänglichen Sie sofort zum du – weshalb die vorbereiteten Fragen angepasst wurden. Und im Gespräch ergaben sich -natürlich – neue.

KiJuKU: Erstens, Shukran gazilan, danke vielmals für die Zeit für ein Interview, obwohl du so viel um die Ohren hast. Die erste Frage: Hab ich das richtig gesehen, dass du unlängst Vater geworden bist? War die Vorbereitung auf die Elternschaft der Grund, erstmals ein Buch für junge Leserinnen und Leser zu schreiben?
Omar Khir Alanam: Ich bin jetzt schon zum zweiten Mal Vater geworden, mein älterer Sohn hat jetzt gerade mit der Schule begonnen. Das haben wir groß gefeiert.
Zur Frage: Zum Buch inspiriert haben mich Kinder in den Workshops die ich seit sechs, sieben Jahren sehr oft in Schulen und für Organisationen mache.
Ich wurde ja schon früh eingeladen, vor verschiedenen Altersgruppen in großen Städten aber auch am Land bei sehr kleinen Veranstaltungen über meine Geschichte zu sprechen. Und bald schon ist mir aufgefallen, dass es mir gelingt, die passende Sprache, die richtigen lebensnahen Beispiele zu finden, mit denen ich Kinder und Jugendliche in ihren Entwicklungsstufen abholen kann. Wo sie immer wieder neue Perspektiven finden, auf sich selber blicken zu können, weil gerade die aus meinem Leben erzählten Beispiele sie auf einer Gefühlsebene erwischen.
Viele dieser Beispiele gelten trotz unterschiedlichster Schulrealitäten ja für die meisten Kinder und Jugendlichen, egal ob in Österreich, Deutschland, Frankreich, Syrien oder wo auch immer: Gehört, angenommen, nicht ausgeschlossen werden, sondern dazugehören zu wollen, in Frieden leben zu dürfen und keinen Krieg und auch keine Ungerechtigkeiten erleiden zu müssen…
Seit drei Jahren war ich über dieses Buch in Gespräch, dann ist die Zeit reif geworden und der Verlag Leykam hat es veröffentlicht. Und er bedauert wie viele, dass der Verlag sein Kinder- und Jugendprogramm eingestellt hat.

Alles eigene Erelebnisse?

KiJuKU: Sind die Episoden / Personen / Geschichten im Buch – die fast immer lustige Tante, der Onkel mit den einzelnen Ästen und den dann zu einem Bündel zusammengeschnürten, deine Prügelei für die Verteidigung der Ehre der Mutter, die darüber alles andere als glücklich war … – alle selbst erlebt oder teils auch aus Erzählungen anderer?
Omar Khir Alanam: Vieles sind meine Geschichten, manche sich von anderen, aber ich habe sie zu meinen gemacht, weil ich weiß, wie sich diese geschilderten Situationen anfühlen. Wenn ich das beschreibe oder in Workshops erzähle, kann ich das beim Reden und im Buch Kinder das spüren lassen. Statt darüber zu reden oder schreiben, es erklären zu wollen, können sie das Gefühl nach- oder mitempfinden.

In einem der Bücher für Erwachsene hab ich einmal geschrieben: „Wenn du nach mir suchst, wirst du mich nicht finden und wenn du mich findest, das bin ich nicht…“ Mir geht es eben nicht um das Erklären von Gefühlen, sondern das spüren lassen.
Bei Lesungen entscheide ich oft vor Ort spontan, was ich lese. Ich will die Leute spüren lassen, sie auch zum Lachen bringen, sie mit den Beispielen berühren. Ich mag Ungerechtigkeit nicht erklären. Dann kann man sie nur verstehen. Ich möchte, dass die Leute das spüren, weil sie vielleicht Ähnliches erlebt haben oder es sie an eigene erlebte Situationen erinnert.

Bildung ist für mich genau diese Fähigkeit, vieles spüren zu lernen, sich von Geschichten inspirieren zu lassen. Mein Großvater hat mir beigebracht, ein Wort kann töten, kann aber auch lebendig machen.

Kinderträume

KiJuKU: Asif, sry, Entschuldigung, dass ich deine anderen Bücher zwar in meiner Buchbesprechung kurz zitiert, aber (noch?) nicht gelesen habe; vielleicht wüsste ich dann schon die Antwort(en) auf diese meine nächste Frage: Was wolltest du als Kind werden? Schon damals Schriftsteller oder einen Beruf wie jetzt mit Workshops, Begegnungs-Coach – siehe deine Küchengeschichten …?
Omar Khir Alanam: Wie jedes Kind natürlich vieles und oft was anderes. Aber ich erinnere mich stark an zwei Berufswünsche: Lange wollte ich Astronaut werden, auf dem Mond landen und von weit oben auf die ganze Welt blicken.
Und ich wollte auch Taucher im Meer werden, um viele schöne, bunte Unterwasserwelten zu entdecken.
Später als Jugendlicher wollte ich Fußballer werden. Aber ich durfte das so wie vieles andere nicht. Es gab sehr viele Grenzen – religiöse, politische, gesellschaftliche. Ich sollte was Sinnvolles lernen, beten und im Sommer arbeiten.

KiJuKU: Ab wann und was hast du gearbeitet?
Omar Khir Alanam: Ab zehn, elf Jahren, alles Mögliche: Lackieren bei meinem Onkel, der war Autoelektriker, beim Vater, einem Installateur, hab ich geholfen, verkaufen… das meiste Geld, das ich verdient hab, hab ich dann meiner Mutter gegeben. Ich wollte, dass die Familie mehr Geld hat, um glücklicher zu werden.

Ein anderer Lehrer

KiJuKU: Wann und wie wurde dir die Lage in deinem Land bewusst?
Omar Khir Alanam: So ungefähr mit 16 Jahren. Nicht nur das Land war eine Diktatur, auch die Schule war voller Gewalt mit Schlägen. Aber wir hatten einen Lehrer, der keine Angst verbreitet hat. Er hat Geschichten erzählt, mit uns geredet. Und der hat uns von einer Lesung in unserem Stadtviertel in Damaskus erzählt. Nur wenige sind dort hin gegangen. Ich geb zu, eigentlich wollt ich nur mit, weil ich mir dann bessere Noten bei dem Lehrer erhofft habe.

Es war ein kleiner Raum, vielleicht 30 Leute, der Mann war nicht besonders groß, aber unglaublich stark. Ich konnte ihn spüren. Und dieses Gefühl von damals verspüre ich noch heute, wenn ich davon erzähle und mich daran erinnere. Das war auch meine erste Inspiration, zu schreiben.
Am nächsten Tag hab ich ein Gedicht geschrieben und es dem Lehrer gezeigt. Naja, für gut hat er es nicht gerade befunden.
Aber ab da hab ich begonnen, viel zu lesen, immer wieder auch für mich zu schreiben, Dinge zu reflektieren aber auch Gedichte zu verfassen, wie ich mir die Welt und vor allem Frieden wünsche.

Ich hab dann – damit ich was für meine Eltern Sinnvolles mache – BWL (Betriebswirtschaftslehre) studiert, daneben Solaranlagen verkauft und nebenher geschrieben.

KiJuKU: Und dann Bürgerkrieg und Flucht. War Österreich ein bewusstes Ziel oder Zufall?
Omar Khir Alanam: Genau, Revolution, Aufstand gegen den Diktator, gewaltsame Niederschlagung, Entscheidung, wenn du bleibst, musst du – auf einer der Seiten kämpfen – und töten. Daher Flucht. Ziel war Europa, vielleicht Deutschland. Zufällig in Graz gelandet.

Endlich in Frieden und Freiheit, schnell Deutsch gelernt. Und nach einer Existenz gesucht. Einerseits hab ich eine Ausbildung als Sozialbetreuer mit Schwerpunkt Kulturvermittlung gemacht, berufsbegleiten. Für eine Fliesenfirma hab ich die Fliesen vom Geschäft zu den Baustellen gebracht.

Und ich hatte was zu erzählen – konnte das bald auf Bühnen tun und hab zu schreiben begonnen, 2018 ist mein erstes Buch erschienen.

Gleich auf Deutsch geschrieben

KiJuKU: Hat du gleich auf Deutsch geschrieben, oder zuerst auf Arabisch und dann übersetzt?
Omar Khir Alanam: Gleich auf Deutsch – natürlich mit Verbesserungen durch Verlags-Lektor:innen.

KiJuKU: Was ja für jede Autorin, jeden Autor gilt. Konkret jetzt zu diesem Kindersachbuch. Frieden ist ja soooo ein riesiges Thema. Wie hast du dies in so brauchbare, übersichtliche Happen konzipiert? Was war von vornherein klar, dass es rein musste, und was waren vielleicht Elemente für die dann doch kein Platz war?
Omar Khir Alanam: Das war eine der schwierigsten Fragen. Du hast dazu soooo viel im Kopf. Es ist in der Tat ein unglaublich großes Thema. Ich hab geschaut auf Realitäten, die ich in Schulen erlebe und versucht das Wort Frieden greifbar zu machen – in der Welt, im Internet, im Klassenzimmer, in mir… und immer wieder anzusprechen, was ist mein und dein Part (wieder) Frieden in die Welt zu bringen…

Und von Anfang an war für mich klar, ich will es sehr erzählerisch aufbauen. Für mich sind die Geschichten das Besondere. Es war noch viel erzählerischer aufgebaut, hatte viel mehr Details. Das Schwierige war dann, alles noch kompakter einzupacken. Das war keine leichte Aufgabe. Trotzdem ist es jetzt noch immer meine Geschichte, und ich kann mit den Beispielen Gefühle erzeugen.

Das viele Kürzen war schon schmerzhaft. Aber ich hab damit meinen Frieden geschlossen, weil es nun doch auch zu einer leicht verständlichen Sprache geworden ist.
Ich hab aber noch die Vision eines weiteren Buchs zu diesem Thema für ältere, so 16-, 17-Jährige.

KiJuKU: Du lebst in Graz und bist sicher auch dort in vielen Schulen. Wie massiv geprägt waren da Diskussionen oder Workshops durch das School-Shooting, den Amoklauf im Juni 2025?
Omar Khir Alanam: In den Workshops weniger, für mich sehr. Eine starke Motivation, noch viel mehr an die Wichtigkeit dieser Friedensarbeit zu glauben. Noch mehr tun zu müssen.

KiJuKU: Wie optimistisch / pessimistisch bist du generell in Sachen Frieden angesichts der aktuellen Weltlage?
Omar Khir Alanam: Die Idee des Buches ist es, genau dafür Bewusstsein zu schaffen: So klein du auch immer, verglichen mit der Welt, bist, auch wenn die Welt morgen untergeht, kannst du heute etwas Gutes tun. Du, ich, wir haben nicht die Macht, zu beeinflussen, was auf der Welt passiert, was machtgeile verrückte Männer aufführen, die über Kriege entscheiden, Menschen in solche schicken… ABER, ich habe Macht darüber, wie ich in dem Moment mit dir umgehe, wie ich mich zu Nachbar:innen, Mitschüler:innen usw. verhalte. Und wie ich reagiere, wenn andere gemobbt, ungerecht behandelt werden, sich ausgeschlossen fühlen… – da kann ich was tun – und so zur Heldin oder zum Helden werden.

Das kannst du, das kann ich. „Morgen ist schöner – dafür kann ich heute Schritte setzen.“

Wichtigster Wiederaufbau ist unsichtbar

KiJuKU: Welche Hoffnung / realistische Einschätzung hast du in Bezug auf die Entwicklung in deinem ersten / früheren Heimatland Syrien?
Omar Khir Alanam: Ich war gleich nach dem Sturz des Diktators in Syrien. Wichtig ist, zu erkennen es war nicht nur dieser, sondern sich bewusst zu machen: Das war ein ganzes System von Gewalt, Einschüchterung, Auslöschung von Individualität. Ein diktatorisches System von oben nach unten, nicht nur auf politischer Ebene, sondern auch gesellschaftlich, religiös, schulisch… Vieles davon ist ererbter Hass, der schon viel länger besteht als diese Diktatur gedauert hat.

Wiederaufbau kann nicht nur heißen, Infrastruktur zu errichten, das Allerwichtigste wäre und ist der Wiederaufbau von Menschlichkeit. Diese Generation von Kindern und Jugendlichen hat diese nicht erlebt, muss sie neu lernen dürfen. Mein Traum wäre und ist, dass dieses Buch auf Arabisch erscheint und damit auch Schüler:innen in Syrien erreicht.

kijuku_heinz