Wiederaufnahme einer Performance für sehr junges Publikum aus dem Johann-Strauss-Jahr; im Wiener WuK.
Ach wie gut, dass im Deutschen „Ball“ doppeldeutig ist – sowohl für Kugeln steht, die meist für unterschiedliche Sport- oder Spielarten verwendet wird, als auch für (gehobene) Tanzveranstaltungen. Auch wenn beide ganz andere wortgeschichtliche Ableitungen haben.
So geht die Verbindung beider im Stück „Ball“ von Theater.Nuu (Regie – und gemeinsam mit den Performerinnen Stückentwicklung: Sarah Gaderer) auf. Die rund ½-stündige Performance entstand im Vorjahr anlässlich des Johann-Strauss-Jahres, tourte durch Wien und einige Bundesländer und läuft nun im Wiener WuK (Werkstätten- und Kulturhaus). Das (ganz) junge Publikum sitzt nah am Geschehen, kann an einer grünen Holzbande auf dem Boden auf Sitzpölstern Platz nehmen.
In diesem Geviert liegt ein glänzender Tanzboden, machte den Raum sozusagen zum Spiegelsaal. Zu Türmen aufgeschichtete Bälle und Kugeln – als Binde- und Stütz-Glieder Ketten wiederum aus lauter Kugeln – sind zu statischen Tänzer:innen aufgebaut.
Eine tanzende Performerin – Laura-Lee Jacobi – begleitet von zwei (Live-)Musikerinnen – Aurora Hackl Timón (Schlagzeug), Emily Stewart (Geige), die später auch auf die Tanzfläche kommen – bewegt sich zwischen und mit diesen Bällen und Kugeln: Grün eingefärbte Tennis-, rot gesprayte Tischtennisbälle. Letztere mit jeweils einem Loch zu „Blüten“ von einem Blumen-Strauss (!) geformt, aus dem einzelne „Blumen“ zu Trommel-Sticks werden (Bühne & Kostüm: Helene Payrhuber).
Die Tanzperformerin „zerstört“ die kunstvollen Gebilde, um die runden Dinger rollen, tanzen zu lassen. Und das eine oder andere Mal zu neuen Gebilden zu formen. Und viele der – kleineren – Kugeln zu „verschlucken“, in einer Art Über-Netz-Leiberl zu fangen.
Nicht nur das Ambiente, sondern natürlich auch das Zusammenspiel zwischen den verspielten tanzenden Bällen und der Musik erzeugen eben die zweite Bedeutung von Ball – als festliches Event. Wien gilt – sogar laut wikipedia – „Als Hauptstadt des Balls“ mit mehr als „400 Bälle mit mehr als 200 Besuchern… insgesamt werden geschätzte 300.000 Besucherinnen und Besucher auf Wiener Bällen das Tanzbein schwingen“.
Kinder, die am Rand des „Ballsaals“ sitzen, hockerln, knien… werden vor Beginn der Vorstellung gebeten, durchaus den einen oder anderen Ball in ihrer Nähe anzuschubsen und ins (Zurück-)Rollen, „nicht werfen“ zu bringen. Ausgedehnter und ohne Musik werden sie zu einem solchen noch intensiveren Zusammenspiel nach der rund 35-minütigen Aufführung eingeladen.
„Ball“ lädt aber auch ein, dem ständig bewegten Spiel mit den rollenden Kugeln fasziniert, fast kontemplativ ruhig zuzuschauen, in dieser praktisch stetigen Bewegung Ruhe zu finden.
Übrigens: Laut wikipdia kommt „Ball“ (das kugelrunde Spiel- und Sportgerät) „nicht vom altgriechischen Verb ballein für werfen, sondern ist vielmehr ein germanisches Erbwort, welches sich von dem Wortfeld für „anschwellen“ ableiten lässt und mit griechisch phallos urverwandt ist“ – wohl, weil es in der Regel Hüllen sind, die mit Luft aufgefüllt erst zu ihrer Kugelform anschwellen.
Und der andere Ball, „hieß im deutschen Sprachraum … zunächst Dantz. Erst im 18. Jahrhundert setzte sich das Wort Ball für eine öffentliche Tanzlustbarkeit durch. Dieses wurde schon im 17. Jahrhundert aus dem Französischen übernommen. Das französische Wort bal ist eine Ableitung vom Verb baller (tanzen), das selbst auf das spätlateinische ballare (tanzen, hüpfen) zurückgeht.“ (wikipedia)
Apropos Ball und Tanz – wie er im oben beschriebenen Stück für sehr junges Publikum besprochen wird; kürzlich feierte eine andere Verbindung von (Fuß-)Bällen und Tanz auf einem Fußballplatz Premiere und wird in dieser Saison mit Junge Theater Wien noch auf weiteren Fußballplätzen zu erleben sein – noch stehen keine Termine und Orte fest.
„Klapping Initiation“ in dem Fall mit dem Zusatz 1210, weil im 21. Bezirk Floridsdorf diese Street Dance-Kombination aus Fußball und Tanz – eben von Tänzer:innen und Fußballer:innen aufgeführt wurde. „Klapping wurde 2018 von Ahilan Ratnamohan und Feras Shaheen entwickelt und ist von urbanen Tanzstilen inspiriert, hat aber seine Wurzeln im Fußball. Der individuelle Torjubel und Tricks bekannter Fußballstars fließen genauso in die Choreografien ein wie Traditionen der Fankultur. Nach Stopps in Brüssel, Hamburg und Newcastle kommt Klapping nach Wien: Gemeinsam mit Kicker*innen vom Fußballverein 1210 Wien formiert sich bereits seit März der harte Kern des KlappSquad“, hieß es in der Ankündigung für den Auftakt der Serie, der sich leider zeitlich mit einem anderen Theaterbesuch überschnitten hatte und daher von KiJuKU (noch) nicht besprochen werden konnte / kann.
Immer wieder ist übrigens, meist auf der Mariahilfer Straße, ein Straßenkünstler zu erleben, der mit seinem Ball tanzt; Link zu einem Video weiter unten.
Übrigens kam es schon vor rund zwei Jahrzehnte im Rahmen des damals für einige Jahre existierenden Szene Bunte Wähne Tanzfestivals für Kinder und Jugendliche zu einer andren Ball-Tanz-Kombination: Footbag-Sportler:innen und Tänzer:innen entwickelten gemeinsame Choreografien in einer Halfpipe in der ehemaligen, heute längst verbauten, ehemaligen Straßenbahnremise Vorgartenstraße (2. Bezirk, Leopoldstadt).
Theater.Nuu
2 bis 6 Jahre; ca. 35 Minuten + 10 Minuten (Nach-)Spielzeit
Regie & Stückentwicklung: Sarah Gaderer
Performance & Stückentwicklung: Laura-Lee Jacobi, Aurora Hackl Timón, Emily Stewart
(Live-)Musik: Aurora Hackl Timón (Schlagzeug), Emily Stewart (Geige)
Bühne & Kostüm: Helene Payrhuber
Produktion: Julia Haas
Kooperation mit JEUNESSE und Johann Strauß 2025 Wien
Bis 27. September 2026
WuK Kinderkultur: 1090, Währinger Straße 59
wuk.at –> Ball
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