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Jaschka Lämmert lässt den Text "Zöglinge" lebendig werden
Jaschka Lämmert lässt den Text "Zöglinge" lebendig werden
28.10.2026

Katzen, Ratten, Kakerlaken, eine Krähe – und Menschen – hinter Gittern

Russische Theater-Regisseurin verfasste Fabel über Lagerhaft. Der Text konnte rausgeschmuggelt und übersetzt werden. Neue szenische Lesungen.

Aus der Sicht der Tiere in einem Gefängnis schildert Jewgenija Borissowna, genannt Schenja, Berkowitsch in „Zöglinge“ so „nebenbei“ das beengte, beengende, teils absurde Leben hinter Gittern. Hauptpersonen sind Katzen. Und eine Krähe. Aber auch eine Ratte – und viele Kakerlaken – spielen große Rollen. Menschen kommen gleich zu Beginn auf wenige Sätze verdichtet vor, wie ihnen als Gefangene schnell die Individualität geraubt wird:

„Menschen haben Namen. Doch hier gibt es zu wenig davon. Zuwenig Namen, nicht Menschen. Menschen gibt es tatsächlich mehr als man wünschen würde. Mehr als wer wünschen würde? Eigentlich jeder. Sowohl diejenigen, die in den Zellen leben, den großen und kleinen, den Vier- und den Vierzig-Personen-Zellen. Als auch die, die sie bewachen, ihnen zu essen geben, sie zum Spazierengehen rausführen, sie durchsuchen und sogar, scheuen wir nicht das Wort, filzen.“

Jaschka Lämmert lässt den Text "Zöglinge" lebendig werden
Jashka Lämmert im Bezirksmuseum Landstraße

Domestiziert vs. frei

Ansonsten setzt die Autorin Menschen praktisch nur im Verhältnis zu den Tieren in Szene. Etwa das Frauchen eines sehr stark domestizierten vormals (noch in Freiheit) Luxuskätzchens, dem sogar die Krallen gestutzt worden sind. Im Gegensatz dazu ist einer der „Ureinwohner des Gefängnisses“: Der unabhängige Kater(pater), der sich als Inbegriff freier Katzen fühlt. Und das an diesem Ort! Der Oberkater, der sich aufregt als eine Insaßin ihm Kosenamen verpassen will, bleibt im Gegensatz zu den meisten der anderen Tiere durchgängig namenlos.

Jewgenija Borissowna, genannt Schenja, Berkowitsch, fotografiert im April 2019
Jewgenija Borissowna, genannt Schenja, Berkowitsch, fotografiert im April 2019

„Bau-Miau“

Für die Tiere ist das Gefängnis, das sie liebevoll „Bau-Miau“ nennen, so zur „Heimat“ geworden, dass es nicht einmal so einfach ist, wie ihre Versammlung ergibt, gemeinsam abzuhauen als sie Wind davon bekommen, dass die Gefängnisleitung sie alle vergiften will. Die Oberratte wird in einer anderen Szene zum Märtyrer in einem Gerichtsverfahren einer der Gefangenen, Krähe kämpft ums Überleben und mit zwei hochrangigen Gefängnis-Typen. Wie eine Gefangene von solchen manipuliert werden soll, gegen ihren Ehemann, der in einem anderen Gefängnis sitzt, auszusagen und vieles andere verpackt die Autorin in den Text, der aus einem echten Gefängnis geschmuggelt werden konnte.

Die Künstlerin justiert die Leselampe
Jashka Lämmert justiert die Leselampe

Aus dem Gefängnis

Denn Schenja Berkowitsch wurde – gemeinsam mit der Autorin des Stücks „Finist, heller Falke“ Swetlana Petrijtschuk, das sie inszeniert hatte und das noch 2021 zwei Theaterpreise bekommen hat – genau wegen dieses Stücks 2024 zu sechs Jahren Lagerhaft verurteilt. Anhand einer jungen Russin, die nach Syrien in den IS zog, wurde diese islamistische Terrorherrschaft kritisch beleuchtet. Ein Vorwand, denn die Petersburger Theater-Regisseurin war zunächst schon wegen ihres Protests gegen die Voll-Invasion der Ukraine durch die russische Armee verhaftet worden.

Jaschka Lämmert lässt den Text "Zöglinge" lebendig werden
Der Text wird lebendig

Szenische Lesungen

Kerstin Holm hat den Text von Berkowitsch ins Deutsche übersetzt, Angelika Messner hat aus den rund 100 Seiten – geschrieben übrigens für die Töchter Anja und Kira sowie die Großmutter – eine rund 30-seitige Lesefassung für den Carinthischen Sommer erstellt, die im Vorjahr von Birgit Minichmayr in Kärnten, später aber auch in der Burgtheater-Spielstätte Kasino gelesen wurde.

Jaschka Lämmert lässt den Text "Zöglinge" lebendig werden
Jaschka Lämmert lässt den Text „Zöglinge“ lebendig werden

Wien-Landstraße

Nun hat der „Verein für darstellende Kunst Beseder“ (Beseder = Hebräisch und bedeutet „alles gut“, ok“) am Abend nach dem Nationalfeiertag diese Lesefassung im Bezirksmuseum Wien-Landstraße zu Gehör gebracht. Jaschka Lämmert erweckt Katzen, Krähen usw. lediglich an einem kleinen Tischchen sitzend mit Leselampe neben einem weißen Klavier und vor vielen Bildern an den Wänden des Erdberger Malers Josef Engelhart (1864 – 1941, Mitbegründer der Wiener Secession) zum Leben. Miauen, fauchen, schnurren. Sie verleiht aber auch in den wenigen Szenen, in denen Menschen vorkommen, diesen unterschiedlich gefärbte Stimmen. Und allein schon dieser Perspektivenwechsel – den Häfen aus der Sicht von Tieren schildern zu lassen – führt immer wieder auch zu humorvollen Szenen, Wort- und Gedankenspielen. Womit die 2 ¼ Stunden (eine Pause) dann doch nicht zu lange werden. Im Februar wird der Abend – im Studio Löwengasse – wiederholt – siehe Infobox am Ende des Beitrages.

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Jaschka Lämmert lässt den Text "Zöglinge" lebendig werden
Jaschka Lämmert lässt den Text „Zöglinge“ lebendig werden
INFOS: WAS? WER? WANN? WO?

Zöglinge

Szenische Lesung

Text: Jewgenija Borissowna, genannt Schenja, Berkowitsch
Übersetzung aus dem Russischen ins Deutsche: Kerstin Holm
Lesefassung für den Carinthischen Sommer: Angelika Messner
Szenische Lesung: Jaschka Lämmert
Einrichtung: Susanne Höhne

Wann & wo?

19. Februar 2027
19 Uhr; 2¼ Stunden (ca. 20 Minuten Pause)
Studio Löwengasse
1030, Löwengasse 29
hello@beseder-theater.com

wikipedia.org –> Jewgenija_Borissowna_Berkowitsch