Junge Leser:innen wählten Preisbücher und begründeten ihre Wahlen; Teil 2 – Jugendbuchpreis.
„Wir saßen seit der fünften Klasse nebeneinander, Kati und ich. Ich hatte sie immer bewundert, dafür, dass sie zu jedem und zu allem etwas zu sagen hatte. Aber Kati sagte an diesem Tag nicht „voll, voll“ wie sonst. Stattdessen sagte sie: „Du darfst das alles nicht so ernst nehmen.“
„Aber plötzlich lachen alle über mich“, sagte ich, „und ich verstehe nicht, warum.“
Es hatte im Laufe des Schuljahres angefangen. Dabei hatte ich nichts anders gemacht als in den drei Jahren davor.
„Du machst dir zu viele Gedanken.“
…
„Ich frage mich schon manchmal, wer ich bin und das alles“, sagte ich. Der Satz rutsche mir einfach so raus.
„Okay“, sagte Kati. Dann lachte sie. Es war ihr typisches trockenes Kati-Lachen, laut und rau. „Manchmal bist du schon echt komisch.“
Ich schluckte. Und lachte auch.
***
„Abends legte ich mich manchmal für eine Weile auf den Balkon und starrte in den Himmel. Da draußen ist irgendwo das Leben, dachte ich dann und fragte mich wohl zum hundertsten Mal, wer ich eigentlich war und das alles. Vielleicht jemand, an dem das Leben vorbeizieht. Und so wiederholten sich die Tage wie meine bescheuerten Gedanken, wiederholten sich wie die Farben und die Wolken am Himmel, und ich fühlte wenig, außer der leisen Gewissheit, dass ich meine Zeit verschwendete.“
Die ersten dieser Sätze aus dem Dialog der Hauptfigur Charlie (von Charlotte) und ihrer bisher besten, eher einzigen Freundin Kati, stammen ungefähr aus der Mitte des ersten Kapitels in „Himmel ohne Ende“ von Julia Engelmann. Das zweite Zitat aus dem achten Kapitel. Die knapp über 30-jährige Autorin ist ein Tausendsassa – Poetry-Slammerin, Dichterin, Autorin, Sängerin und Schauspielerin. Dieses, ihr jüngsten Buch – wie alle aus der Leseliste der Jury der jungen Leser:innen aus dem Vorjahr (2025) wurde von den Jugendlichen (13 – 17 Jahre) Amelie, Emma, Mara, Mia, Sara und Talitha zu ihrem Favoriten gekürt.
Wie ihre jüngeren Kolleg:innen aus den beiden Gruppen der Kinderbuch-Jury – siehe Link zu einem eigenen Beitrag unten am Ende – lasen die jungen Buchkritikerinnen ausgewählte Passagen aus dem Buch und begründeten ihre Wahl.
„Die Autorin schafft es, mit eindrucksvollen Vergleichen und poetischen Beschreibungen, Bilder im Kopf entstehen zu lassen, und Gefühle auf außergewöhnlich nachvollziehbare Weise auszudrücken. Die sprachliche Kreativität verleiht dem Roman Tiefe und macht das Lesen zu einem ganz besonderen Erlebnis. Gerade die zahlreichen Vergleiche in Gesprächen machen die Emotionen greifbar und schaffen eine besondere Nähe zu den Figuren. So verbindet das Buch eine berührende Handlung mit einer außergewöhnlichen sprachlichen Qualität. Deshalb haben wir dieses Buch als Preisbuch gewählt. …
… Es ist eine Geschichte, die nicht nur unterhält, sondern auch bewegt und lange nachwirkt. „Himmel ohne Ende“ zeigt uns, wie wichtig, Hoffnung, Zusammenhalt und Vertrauen sind – besonders in Zeiten, die uns herausfordern. Die Geschichte berührt, weil sie von Verlust, Sehnsucht und Mut erzählt. Doch vor allem erzählt sie, dass selbst nach den dunkelsten Momenten wieder Licht sichtbar werden kann. Sie erinnert uns daran, dass das Leben nicht leicht ist, aber dass wir Herausforderungen nicht alleine bewältigen müssen.“
Die LiteraturBagage – Greta Egle, Anna Pech, Katharina Pech und Sara Schausberger (auf der Homepage gibt es übrigens Fotos, wo sie als Kinder selber Teil der (von Mirjam Morad gegründeten) Jury der jungen LeserInnen waren – lädt jedes Jahr zur Preisverleihung auch eine mit Literatur verbundene Persönlichkeit ein, eine Rede zu halten. In diesem Jahr, in dem sie zum fünften Mal die Preisverleihung – nun wieder im Literaturhaus Wien – organisierten, luden sie Arwa (Elabd), Gründerin der „BiblioBox“, für die „Keynote“, wie das oft „neudeutsch“ genannt wird, ein. Als ihr als 14-jähriger Schülerin das Buch „Does My Head Look Big in This?“ (Sieht mein Kopf darin groß aus?) der australischen Autorin gelesen hatte, fand sich die Wiener Schülerin erstmals in einem Buch wieder – nicht-weiße und muslimische Protagonistin, das hatte sie zuvor noch in keiner Lektüre gefunden.
Als Arwa dieses Buch als Klassenlektüre vorschlug und vom Lehrer abgewimmelt wurde, begann das zu keimen, was sie seither mit „BiblioBox“ macht – Bücher zu verbreiten, in denen sich die unterschiedlichsten Menschen, ihr vor allem wichtig Kinder und Jugendliche wahrgenommen fühlen können mit verschiedensten kulturellen Hintergründen, abseits des „weißen“ Mainstreams. Denn Literatur ist sowohl Fenster als auch Spiegel zitierte sie Rudine Sims Bishop, emeritierte US-Uni-professorin, vormalige Grundschul-, spätere College- und dann eben Uni-Lehrende, oft auch als „Mutter der multikulturellen Kinderliteratur“ bezeichnet.
Dass die Jury der jungen Leser:innen nun – wieder ihr Quartier im Literaturhaus Wien aufgeschlagen und zum zweiten Mal hintereinander die Preisverleihung hier abgehalten hat, freute den Leiter der Institution, Robert (Huez), in seiner Begrüßungsrede besonders.
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